Archiv für den Monat April 2023

Freispruch für den Betreiber der Zermatter «Walliserkanne»

causasportnews, Nr. 1012/04/2023, 30. April 2023

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(causasportnews / red. / 30. April 2023) Es waren regelrechte Wildwest- Szenen, die sich gegen Ende des Jahres 2021 im berühmten Walliser Wintersport-Ort Zermatt ereigneten. «Corona» hielt die Welt in Atmen. Der Widerstand gegen behördlich angeordnete Massnahmen im Zuge der Pandemie-Bekämpfung eskalierte nicht nur im mondänen Zermatt, sondern flächendeckend entlud sich ein regelrechter «Glaubenskrieg» zwischen Befürwortern und Gegnern der «Corona»-Massnahmen. Ein Zankapfel bildeten etwa die Zertifikats- sowie die Maskenpflicht, um die sich die Wirtefamilie der «Walliserkanne», die sich sportlich in der Eiskletter-Szene einen Namen geschaffen hat, foutierte: Weder die Betreiber noch die Gäste des Restaurants an der Zermatter Flaniermeile hielten sich an die verordnete Zertifikatspflicht; auch die Maskentragpflicht wurde weitgehend nicht befolgt. Gegen diese angeordneten Massnahmen wurde vielmehr in geradezu provokativer Art und Weise verstossen (vgl. auch causasportnews vom 2. Januar 2022). Die Polizei räumte schliesslich das Restaurant, setzte die Wirtefamilie in Haft und verbarrikadierte den Eingang zum Restaurant. Die Aktion verlief alles andere als gesittet, weil sich die Wirtefamilie relativ militant zur Wehr setzte und die Welt über digitale Kanäle bezüglich der dargestellten Behördenwillkür ins Bild setzte. Der im Nobel-Wintersportort ausgetragene Kleinkrieg zwischen Bürgern (der «Walliserkanne»-Familie) und den Behörden sowie der Polizeieinsatzkräfte war nach Auffassung der Tourismus-Verantwortlichen nicht gerade image-fördernd, aber auch nicht schädlich. Sich gegen die Behörden aufzulehnen und sich mit ihnen anzulegen kommt im Kanton Wallis nie schlecht an. Soweit als möglich wurde der Ball um die Ereignisse in der «Walliserkanne» so flach als möglich gehalten, und die Geschehnisse wären wohl sogar und irgendwie unter dem berühmten Deckel geblieben, hätten die wackeren Eiskletterer aus Zermatt und ihre Angehörigen nicht über die sozialen Netzwerke Wind und Stimmung gegen die Behörden gemacht. Dass das alles dennoch ein gerichtliches Nachspiel haben musste, leuchtet ein. Dieses ging nun, wie die Walliser Medien melden, für den hauptverantwortlichen Betreiber der «Walliserkanne», der sich wegen Widerhandlungen gegen das «Covid-Gesetz» vor dem Bezirksgericht in Visp verantworten musste, gut aus. Weil die von der Anklagebehörde vorgelegten Beweise, aus verschiedenen Gründen, im Verfahren gegen ihn nicht verwertet werden durften, resultierte ein glatter Freispruch. Die Renitenz des Hauptverantwortlichen der «Walliserkanne», der sich im Zuge der angeordneten «Corona»-Massnahmen insbesondere vehement gegen die damalige Zertifikats- und die Maskenpflicht zur Wehr setzte, hat sich gelohnt. Für die Walliser Strafverfolgungsorgane und die politischen Behörden ist dieser Freispruch des Betreibers der Zermatter «Walliserkanne» jedoch eine herbe Niederlage und eine gewaltige Demütigung. Dass die Behörden nach dem Katz und Maus-Spiel mit dem «Walliserkannen»-Clan den Kürzeren gezogen haben, ist ein Super-GAU für den Kanton Wallis. Im Zuge des Freispruchs hat der Staat auch die Verfahrenskosten zu tragen und dem Wirt des Restaurants eine Entschädigung zu bezahlen. Das letzte Wort in dieser Affäre, die dem Image des weltweit bekannten Nobel-Tourismusort zweifelsfrei kaum geschadet hat, ist allerdings noch nicht gesprochen. Die Staatsanwaltschaft kann noch in die Berufung gehen.

2023 kein erfreuliches Pferdesport-Halbjahr

causasportnews, Nr. 1011/04/2023, 27. April 2023

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(causasportnews / red. / 27. April 2023) Das Frühjahr ist bekanntlich auch die Hochblüte des Pferdesports. Aktuell beherrschen allerdings eher Negativ-Schlagzeilen die Szene. So hat der «Fall Paul Estermann» für Schlagzeilen gesorgt und die Emotionen vor allem der Tierfreunde in Wallung gebracht (zuletzt causasportnews vom 25. April 2023). Dann schockierte das Gemetzel anlässlich des Grand National von Aintree (causasportnews vom 17. April 2023); drei tote Rennpferde waren das Resultat dieser Tier-Schinderei.

Aus Australien erreicht die (Sport-)Welt nun eine weitere, traurige Meldung: Anlässlich eines Galopprennens im Bundesstaat Victoria stürzte der auch international bekannte Rennreiter Dean Holland vom Pferd und erlag noch auf der Rennstrecke den beim Sturz zugezogenen Verletzungen. Gemäss Agenturberichten habe sich der 34jährige auf dem Donald Racecourse nord-westlich von Melbourne in der Endphase des Rennens auf der Zielgeraden befunden, als sich sein Pferd gedreht habe und in die Innenbahn gekracht sei. In den Unfall war auch eine weibliche Jockey verwickelt, welche den Vorfall jedoch unbeschadet überstanden habe. Die Pferde von Dean Holland, der bis zu seinem abrupten Karrierenende über 1000 Siege erzielte, sowie von Alana Kelly, blieben nach dem Vorfall unversehrt. Beim vierfachen Familienvater Dean Holland, dem am Ort des Geschehens Erste Hilfe zuteil wurde, blieben alle Wiederbelebungsversuche erfolglos; er starb auf der Rennbahn, die er so liebte und die ihm über die Grenzen Australiens hinaus Ruhm, Ehre, Geld und Anerkennung sowie den Respekt seiner Gegnerschaft eintrugen.

Die Unschuldsvermutung in der «Causa Paul Estermann» und ihre Folgen

causasportnews, Nr. 1010/04/2023, 25. April 2023

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(causasportnews / red. / 25. April 2023) Niemand wird bestreiten wollen, dass der Fall des Springreiters Paul Estermann mehr als unappetitlich ist. Tierquälerei ist kein Kavaliersdelikt, der bald 60jährige, frühere Top-Reiter gilt seit Ende des letzten Jahres als rechtskräftig verurteilt, und soeben ist der Luzerner von der Sanktionsinstanz des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport (SVPS) für sieben Jahre aus dem Sport verbannt worden (causasportnews, 17. April 2023; diese Sanktion ist noch nicht rechtsgültig). Mit der rechtskräftigen Verurteilung gilt der einst erfolgreiche Pferdesportler strafrechtlich und strafprozessual nicht mehr als «unschuldig». Dieser Umstand verleitet nun vor allem die Boulevardmedien zu geradezu irren Schlussfolgerungen und Darlegungen; so wird etwa der «Blick» seinem Ruf als perpetuiertem Stammtisch in dieser Angelegenheit wieder einmal gerecht. Die Zeitung hat ausgerechnet, dass Paul Estermann seit 2017, als der «Blick» die Affäre um den Springreiter aufgedeckt hat, bis 2022, als die rechtskräftige Verurteilung erfolgte, ein Preisgeld von 734’000 Franken eingeritten hat, alleine von 2017 bis 2019 sollen es mehr als 500’000 Franken gewesen sein. Das geht in den Augen der Boulevard-Journalistinnen und -Journalisten gar nicht. Dabei wird verkannt, dass Paul Estermann eben erst seit Ende 2022 rechtskräftig verurteilt ist. Für die wohl auf dem Niveau des Stammtisches argumentierende Zeitung mit den grossen Buchstaben bedeutet das ein moralisches Unding. So, wie am Stammtisch jedermann und jedefrau drauflosschwatzen und -schimpfen kann, können die Boulevardmedien publizistisch poltern, wenn des Volkes Stimme und Stimmung mitgetragen werden soll; geht es um sportliche oder im Zusammenhang mit dem Sport stehende Themen, wird das heute «Medien-Hooliganismus» genannt. Beiderorts, am Stammtisch und in den Redaktionen der Boulevardmedien, scheint das Bildungsniveau der Akteurinnen und Akteure durchwegs nicht allzu ausgeprägt zu sein. Natürlich bleibt in Anbetracht der kollektiven, medialen Empörung so völlig ausgeblendet, dass es etwa in Art. 10 Abs. 1 der Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO)heisst: «Jede Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.». Die Unschuldsvermutung ist ein tragendes Grundprinzip eines jeden rechtsstaatlichen Strafverfahrens. Diese Maxime gilt natürlich für alle Delinquenten, auch wenn sie sich durch ihre Taten Abscheuliches haben zuschulde kommen lassen. So gesehen geht das Poltern des «Blick» in eine völlig falsche Richtung. Bis Ende 2022 galt Paul Estermann als unschuldig und durfte korrekterweise im Pferderennsport weiter aktiv dabei bleiben. Eine Frage bleibt dennoch, weshalb der SVPS die nun ausgefällte Sanktion (Vereinsstrafe) gegenüber dem verurteilten Springreiter nicht vorher zumindest ernsthaft ins Auge gefasst hat. In Konstellationen wie der hier vorliegenden schieben die Sanktionsbehörden von Verbänden die «heisse Sanktions-Kartoffel» gerne hin und her und lassen oft verlauten, dass über Vereinsstrafen dann befunden würde, wenn ein Strafurteil vorliege. Die Ebenen Strafrecht und Sanktionsrecht bilden dennoch voneinander unabhängige Straf- bzw. Sanktionsebenen.

Von Betrogenen, Fast-Betrogenen, Bevorzugten und Rehabilitierten

causasportnews, Nr. 1009/04/2023, 23. April 2023

CAS Hearing Room, photo cy CAS

(causasportnews / red. / 23. April 2023) Wir leben auf dem Planeten der zu kurz Gekommenen, der Diskriminierten und Benachteiligten. Nicht ganz so krass, jedoch ähnlich, verhält es sich insbesondere im Sport. Wobei in dieser Sparte im extremsten Fall von Bevorzugten die Rede ist, die den Betrogenen Platz machen mussten.

Zumindest temporär betrogen wurde die Schweizer Ski-Crosserin Fanny Smith, die an den Olympischen Spielen 2022 in Peking wegen Behinderung ihrer Deutschen Konkurrentin Daniela Maier disqualifiziert und auf den (undankbaren) 4. Schlussrang versetzt wurde. Die Deutsche Athletin erhielt die Bronzemedaille, die Schweizerin musste mit der sog. «ledernen» Auszeichnung Vorlieb nehmen. Schon vor der Medaillenvergabe in Peking regte sich Widerstand, und es wurde die Diskussion hierüber entfacht, ob Fanny Smith Daniela Maier wirklich behindert hatte oder eben nicht. Hatte sie offenbar nicht, wie nun das Internationale Olympische Komitee (IOK) bekannt gab. Bekannt gab oder entschied? Die Sportfunktionäre haben es zwischenzeitlich geschafft, Sportresultate mediativ-freundschaftlich festzulegen oder festlegen zu lassen. Der Betrug an Fanny Smith bezüglich der wegen (k)einer Behinderung vorenthaltenden Auszeichnung für den dritten Platz bewog vor allem den von verschiedener Seite wegen der «Causa Smith/Maier» unter Druck geratenen Internationalen Skiverband (FIS), die verzwickte Situation irgendwie zu einem guten Ende zu bringen, ohne die Deutsche auf den vierten Platz zu setzen. Doch für was hat denn die Sport-Familie das Sport-Schiedsgericht TAS (Tribunal Arbitral du Sport), das, wie Beispiel zeigt, auch vermittelnd in Erscheinung treten kann. So kam es, dass das TAS eine salomonische Lösung in der delikaten Angelegenheit vorgab: Sowohl Daniela Maier als auch Fanny Smith sind nun offiziell Bronze-Medaillen-Gewinnerinnen von Peking 2022. Dieses Schlichtungsergebnis unter der Ägide des TAS macht Mut: Endlich herrscht Klarheit darüber, dass auch Sportresultate verhandelbar sind, dies dem Unkenruf zum Trotz, dass auf dem Sportplatz erzielte Resultate das Abbild der realen Fakten seien – oder sein sollen. Aus Betrogenen können Fast-Betrogene und letztlich Rehabilitierte werden. Das IOK, welche die Bronze-Medaille-Übergabe an Fanny Smith kürzlich geradezu zelebrierte, wird sagen: Am Resultat von Peking ändert sich nichts, nur die Schlüsse daraus lassen Betrogene zu Rehabilitierten und Bevorzugte zu Mit-Gewinnern machen. Das muss auch so sein, denn nichts ist tragischer für den Sport als der Umstand, wenn das Publikum nach Beendigung eines Wettkampfes (während hier mehr als einem Jahr) nicht weiss, wie sich nun die Rangierung eines Wettkampfs präsentiert. Der «Fall Fanny Smith», bei dem es letztlich um individualisierte Gerechtigkeit nach dem kollektiven Betrug an der Schweizerin ohne Nachteil für die Deutsche ging, wurde denn auch auf kleinem Feuer gekocht. Das Publikum nahm die Medaillen-Zusatz-Vergabe nach mehr als einem Jahr nach Peking 2022 gar nicht mehr war. Das alles hatte auf den Medaillenspiegel der Olympischen Spiele in der Chinesischen Metropole keinen Einfluss. Österreich bleibt in der Gesamtwertung vor der Schweiz. Eine win-win-Situation für alle also.

Der Sport ist bekanntlich eine Plattform für Menschen, die sich irgendwie in Szene zu setzen wissen; nicht immer sind es sportliche Leistungen. Treten sie von der Sportbühne ab, sind Mittel und Wege gefragt, wie man sich wieder in das Scheinwerferlicht dieser Bühne begeben kann. Zum Beispiel der ehemalige Formel 1-Strippenzieher Bernard Charles Ecclestone, der den Rennzirkus über Jahrzehnte erfolgreich und clever, wie ein Dompteur, zu dirigieren wusste. Seit der nun bald 93jährige, ehemalige Gebrauchtwagenhändler von den neuen Eigner der höchsten Motorsport-Klasse, «Liberty Media», vor wenigen Jahren in den Ruhestand versetzt worden ist, hat auch der von der ganzen Welt liebevoll genannte «Bernie» erfahren, dass der Stellenwert eines Menschen in der Gesellschaft massiv sinkt, wenn er in dieser keine Bedeutung mehr hat. In einer solchen Situation muss der gealterte, ins gesellschaftliche Abseits gestellte Mensch sich anderweitig ins Szene setzen. Zum Beispiel mit einem aufgedeckten Betrugs-Skandal. Auf diese Weise ist es Bernie Ecclestone dank Schwatzhaftigkeit nun gelungen, wieder ins mediale Licht einzutauchen, wenn auch nicht wahnsinnig erfolgreich. Der Vorgang, den der mit allen Wassern gewaschene Brite publik gemacht hat, liegt auch schon lange zurück, nämlich beinahe 15 Jahre. Es war der 2. November 2008, als Felipe Massa im Ferrari den WM-Titel in der letzten Runde seines Heim-Grand-Prix an den rundherum bevorzugten Briten Lewis Hamilton verlor. Der WM-Titel des bescheidenen, wenig Glamour versprühenden Felipe Massa wurde diesem offenbar gestohlen, nachdem es in jener Formel 1-Saison zu Absprachen, Tricksereien und Betrügereien gekommen sei, so der ehemalige Dompteur des Motorsport-Zirkus’. Man habe unter den Mächtigen der Disziplin Stillschweigen vereinbart – um den Sport zu schützen. Das alles nützt dem Betrogenen, dem heute 42jährigen Brasilianer, nicht mehr viel. Aber vielleicht hilft das TAS, das, kein Scherz, nun vom Betroffenen (Betrogenen) zwecks Rehabilitierung angerufen werden soll. Weshalb nicht unter der Aufsicht der Sport-Schiedsrichter in Lausanne und mit dem Segen des IOK die Vergabe eines zweiten Formel 1-WM-Titels für 2008? Die Krux an der Geschichte: Formel 1 ist immer noch keine Olympische Disziplin, auch wenn Felipe Massa an sich schon rehabilitiert werden sollte. Aber das müsste doch schon irgendwie hinzubiegen sein.

Fussball-Soziologie à la Münchner Säbener Strasse

causasportnews, Nr. 1008/04/2023, 19. April 2023

© Marco Verch

(causasportnews / red. / 19. April 2023) Wenn’s nicht läuft, läuft’s nicht. So liesse sich derzeit die Situation an der Münchner Säbener Strasse, unmittelbar neben dem Machtzentrum des FC Bayern München, bilanzieren. Das derzeitige Elend der 1. Mannschaft beginnt auf dem Trainerposten. Zwar hat der Fussball-Globetrotter und -Heilsbringer Thomas Tuchel das unglücklich agierende Trainer-Wunderkind Julian Nagelsmann, das man unbedingt haben wollte und schliesslich mit Blick auf den Saisonstart 2021/22 teuer verpflichtete, abgelöst und gleich die beiden aktuellen Chancen auf einen Pokalsieg und den Champions League-Titel in kürzester Zeit versiebt (was Julian Nagelsmann sicher auch geschafft hätte; nun bezahlt man dem Ex-Leipziger ohne Gegenleistung das Salär noch bis zum 30. Juni 2026), und im Kampf um den elften Meistertitel in Serie tun sich die Bayern heuer schwer. War es so, dass die Millionäre in kurzen Hosen von der Säbener Strasse in dieser Saison einfach kein Glück haben und nun auch noch Pech dazugekommen ist? Die Bayern-Krise hat allerdings mehr endogene als exogene Ursachen. Da wurde schon einmal der unersetzbare Torjäger Robert Lewandowski ersetzt, und dann kam Manuel Neuers Fehltritt mit Verletzungsfolgen im Schnee dazu. Dessen unfallbedingter Ausfall machte das sofortige Engagement des Schweizer Nationaltorhüters Yann Sommer, notwendig, der im Moment dafür den Kopf hinhalten muss, dass der Bayern-Sturm nach dem Abgang von Robert Lewandowski so zahnlos wie ein frischgeborenes Kind wirkt. Wie lautet doch eine andere Fussball-Weisheit: Wer die Tore nicht schiesst, bekommt sie halt. Oder anders: Wenn die Bayern-Offensive gegen den TSG 1899 Hoffenheim lediglich ein Tor zustande bringt, sind die Vorwürfe gegenüber Yann Sommer, der einen haltbaren Ball passieren liess, ziemlich ungerecht. Obwohl die Stürmer des Münchner Klubs regelmässig versagen, werden die Rufe zunehmend lauter, den Schweizer Nationaltorhüter, der auch für die Fehler seiner Vorderleute verantwortlich zeichnet, aus dem Münchner Tor zu nehmen. Das fordern bereits ehemalige Fussballer, die heute als TV-Kommentatoren im Einsatz sind (etwa Dietmar Hamann: «Mir ist Wurst, was er sonst an Bällen hält. Er muss einfach sein Tor rein halten.»). Wetten, dass der Schweizer die laufende Saison beim FC Bayern nicht überleben wird, obwohl er an der Misere weder Schuld trägt noch etwas dafür kann, dass die Kollegen im Sturm zwar verschiedentlich auffallen, aber weniger durch genügende Leistungen auf dem Spielfeld? So wird dann das Urgestein des FC Bayern München, Manuel Neuer mit grosser Wahrscheinlichkeit Ende Saison den Torhüter-Job in München von Yann Sommer wieder übernehmen. Lob der Schuldigen, Tadel der Unschuldigen, so lautet derzeit ein weiteres Motto in der Isar-Stadt («mia san mia»). Geradezu krude wird derzeit erklärt, weshalb ein Trainer keine Tore schiessen kann und dennoch ausgewechselt wird – und weshalb Geld keine Tore schiesst. So verhält es sich mit der Fussball-Soziologie an der Münchner Säbener Strasse. Man macht falsch, was man kann, und Gutes, das auch getan wird, wird zumindest schlecht kommuniziert…Das alles wird unter den Begriff des Zusammenwirkens von Menschen im Fussball-München subsumiert. Das zur Fussball-Soziologie, gelebt, gehegt und gepflegt an der Isar.

Kein «ne bis in idem» in der «Causa Paul Estermann»

causasportnews, Nr. 1007/04/2023, 17. April 2023

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(causasportnews / red. / 17. April 2023) Niemand soll wegen der gleichen Tat zweimal bestraft werden, besagt ein altbekannter Rechtsgrundsatz. Wie kommt es nun, dass der bekannte Springreiten Paul Estermann vor wenigen Monaten wegen mehrfacher Tierquälerei rechtskräftig strafrechtlich verurteilt wurde (causasportnews vom 18. Januar 2023) und nun vom Schweizerischen Verband für Pferdesport (SVPS) dennoch für sieben Jahre gesperrt worden ist? Simplifiziert lässt sich die Frage so beantworten: Das Verbot der Doppelbestrafung («ne bis in idem») gilt zwischen den Ebenen Kriminalstrafe (staatliches Strafsanktionsrecht) und Vereinsstrafe (Verbandssanktionsrecht) nicht. Ende 2022 ist der 60jährige Top-Reiter von der zweiten Luzerner Strafinstanz wegen mehrfacher Pferdequälerei verurteilt worden. Das Urteil des Kantonsgerichts hat Paul Estermann nicht mehr an das Bundesgericht weitergezogen und somit den Entscheid des obersten Luzerner Strafinstanz akzeptiert. Erwartet wurde seit Wochen die Beurteilung des SVPS bezüglich der privatrechtlichen Sanktion gegen den Reiter. Die Sperre und damit der Ausschluss des Reiters von allen sportlichen Aktivitäten während der nächsten sieben Jahre fiel nun erwartungsgemäss hart aus. Die Sanktionskommission des Verbandes sah im Verhalten des offenbar uneinsichtigen Reiters eine inakzeptable Verletzung von Verbandsregularien und qualifizierte dessen Verhalten als krasse Missachtung des Pferde-Wohls. Der Reiter habe dem Image des Pferdesportes und dem Ansehen des Verbandes massiv geschadet, fasste die erste Sanktionsinstanz des Verbandes das harte Verdikt zusammen. Paul Estermann kann gegen das Verdikt seines Ausschlusses vom organisierten Pferdesport noch an das SVPS-Verbandsgericht gelangen. Auch wenn er diesen Schritt riskiert, dürfte in Anbetracht seines fortgeschrittenen Alters die lange Pferdesport-Karriere des einstigen Top-Sportlers nun zu Ende sein. Jedenfalls wird er in diesem privatrechtlichen Sanktionsverfahren nicht erfolgreich den Einwand vorbringen können, er sei bereits von der staatlichen Strafjustiz sanktioniert worden und mit der nun erfolgten Bestrafung durch den Verband werde er für die gleiche Tat ungerechtfertigterweise nochmals bestraft.

Tierquälereien sind generell mehr als nur unschön; sie sind skandalös und gehören, nicht nur rechtlich, verurteilt. Verwundert reibt sich der Sportkonsument die Augen, wenn er sich die Bilder der soeben erfolgten, letzten Austragung des berühmt-berüchtigten Pferderennens in Aintree (England) in der Nähe von Liverpool anschaut: Nach Horrorszenen auf der Rennbahn mussten zwei nach Sprüngen über die Hindernisse und Stürzen schwerverletzte Pferde eingeschläfert werden; mehrere Reiter wurden teils schwer verletzt. Diese traditionelle Pferderennen, Randox Grand National genannt, ist eine üble Tierquälerei, an der sich vor allem die sog. noble Gesellschaft des Königreichs regelmässig aufzugeilen pflegt. Nichts entschuldigt das Verhalten von Paul Estermann; aber dass ein Pferdezirkus, wie er etwa regelmässig in Aintree abgehalten wird und der bisher 60 Pferde-Opfer gefordert hat, immer wieder praktisch kritiklos durchgeführt wird, ist ein Skandal für sich.

Die FIFA als Regulierungsbehörde für Spieleragenten

causasportnews, Nr. 1006/04/2023, 13. April 2023

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(causasportnews / red. / 13. April 2023) Das Thema gehört zu den «Klassikern» im kommerziellen Fussball und ähnelt dem auf der ganzen Welt tobenden Klassenkampf, bei dem es um die Verteilung, bzw. Umverteilung von pekuniären Ressourcen geht. Der globale Fussball funktioniert vor allem dann und deshalb, wenn die Player (auch ausserhalb des Spiels) bestrebt sind, den geschlossenen Finanzkreislauf des Systems ungestört aufrechtzuerhalten und Dritte ausserhalb dieses Kreislaufes auszuschalten oder im Griff zu halten bestrebt sind. Unter diesen Prämissen zählen die Spieleragenten (Spielervermittler und -berater) ausserhalb dieses Systems nicht nur zu den schwarzen Schafen des Fussballgeschäfts, sondern sie sind auch Feindbilder der Protagonisten, welche vom geschlossenen Fussballkreislauf (gut) leben und bestrebt sind, diesen so beizubehalten. Es entspricht deshalb nicht nur der Neidkultur im Fussball, dass die Organisatoren und Schirmherren des Fussballspiels, dazu gehört auch der Internationale Fussballverband (FIFA), alles daran setzen, um die Spielervermittler aus dem Transfergeschäft zu verbannen, wenigstens, soweit als möglich. Die Spielervermittler als «Störer» der Fussball-Harmonie sind auch dem Fussball-Weltverband seit jeher ein Dorn im Auge, und seit Jahrzehnten werden immer wieder Versuche unternommen, den Spielervermittler-Markt zu regulieren. Ein neuer Anlauf hat die FIFA anfangs Januar dieses Jahres unternommen, als die Spielervermittler-Regularien (wieder einmal) revidiert und am 9. Januar 2023 in der aktuellen Form erlassen und in Kraft gesetzt wurden. Kernstück des neusten Streichs aus dem Home of FIFA am Zürichberg bildet die Festlegung der Provisions-Obergrenzen. So soll verhindert werden, dass Spielervermittler bei Transfers unanständig viel verdienen und so eben dem geschlossenen Fussball-Wirtschaftskreislauf Ressourcen entziehen. Die Einführung von Vergütungs-Obergrenzen im Spielervermittler-Markt ist allerdings etwa so sinnlos wie ein Verbot von Boni für Irrlichter im Banken-Business. Geradezu grotesk mutet die Kontroll-Normierung an, dass Zahlungsabwicklungen im Agentengewerbe über die FIFA erfolgen müssen («FIFA Clearing House»).

Ob diese revidierte Regelung auch rechtskonform ist, scheint zumindest zweifelshaft zu sein, bzw. es kann mit guten Gründen konstatiert werden: Eine solche Regulierung eines privaten Schweizer (Monopol-)Vereins für einen ganzen, global tätigen Berufszweig geht nicht an. Im Moment ist deswegen eine Anzeige bei der Schweizerischen Wettbewerbskommission pendent. Spielervermittler verlangen von dieser Behörde, dass die FIFA-Spielervermittler-Regularien ausser Kraft gesetzt werden. Ob das der richtige Weg ist, um die Regulierung der Branche durch die FIFA zu kippen, wird sich zeigen. Wahrscheinlich ist diese juristische Aktion eher des Guten zuviel, und die Wettbewerbskommission dürfte etwa so hilflos agieren wie die derzeit in der Diskussion stehende Finanzmarktaufsicht (FINMA); effizienter und zielführender wäre es wohl, wenn die Spielervermittler die FIFA-Regulierung einfach ignorieren und sich gegen allfällige Attacken des Weltverbandes in diesem Bereich schützen würden. Jedoch ist es bei diesen sog. «Spieleragenten», bei denen Neid und Missgunst gegenüber Berufskollegen ebenso an der Tagesordnung sind wie anderswo, eben auch so, dass Solidarität höchstens im Grundsatz spielt, sich die Konkurrenten im Geschäft sonst aber mehrheitlich spinnefeind sind. Faktisch besteht nun, auch wenn die Wettbewerbskommission den Vorgang überhaupt behandeln sollte, ein Zustand, der wohl als rechtswidrig zu qualifizieren ist, jedoch zufolge Uneinigkeit im Handling seitens der Betroffenen dennoch einigermassen hochgehalten wird. Dass die FIFA, ein Schweizer Verein mit Sitz in Zürich, als Regulierungsbehörde für einen global tätigen Fussball-Geschäftszweig aktiv ist, gehört zweifellos in den Bereich juristischer Kuriosa.

Königliches Spiel ohne den König: Magnus Carlsen räumt den Thron

causasportnews, Nr. 1005/04/2023, 10. April 2023

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(causasportnews / red. / 10. April 2023) Das war alles kein Zufall, sondern eiskaltes Kalkül. Kurz, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOK) den internationalen Sportverbänden die Entscheidung überlassen hat, ob russische Sportlerinnen und Sportler als «neutrale» Aktive in den jeweiligen Sportarten zuzulassen seien (causasportnews vom 2. April 2023) hat sich im Schach das ereignet, was so oder so nicht mehr abzuwenden war, nachdem diese «heisse Kartoffel» vom Lausanner Olymp den Verbänden weitergereicht wurde: In der nun bis zum 1. Mai 2023 dauernden Schach-WM wird sich wohl ein Russe die Krone im königlichen Spiel auf den 64 Feldern aufsetzen – und so den Kriegstreibern im Kreml nach über einem Jahr des Mordens und Zerstörens in der Ukraine eine mehr als willkommene Propaganda-Plattform gewähren. Denn es ist voraussehbar, dass der Russe Jan Nepomnjaschtschi den Titel von Magnus Carlsen, der auf die Titelverteidigung verzichtet, erben wird. In Astana (Kasachstan) misst sich der 33jährige Russe mit dem 30jährigen Chinesen Ding Liren, den man in der Boxersprache vielleicht sogar als «Fallobst» bezeichnen würde; in maximal 14 Partien soll der neue Schach-Champion ermittelt werden. Es wären die Folgen (fast) nicht auszumalen, wenn Jan Nepomnjaschtschi dem Chinesen unterliegen würde. Der Russe macht aus seiner Sympathie für das russische Regime kein Geheimnis, und hinter dem Krieg Russlands steht er mit der Mehrheit seiner Landsleute, auch wenn er sich in einem offenen Brief schon einmal gegen den Krieg ausgesprochen hat. Das nennt das IOK sport-politische Neutralität. Der Anwärter auf den WM-Titel bedauert, dass er in Astana gleichsam als «Neutraler» antreten muss; konkret heisst das unter der Flagge des Schach-Weltverbandes. «Leider kann ich nicht unter der russischen Flagge spielen», lässt sich der haushohe Favorit auf den WM-Titel in den Medien zitieren. Das zum Thema «Neutralität» von Aktiven aus Russland. Dass das alles in der Sportart «Schach» geschieht, ist allerdings kein Wunder. Diese Sportart ist in Russland etwa so beliebt wie das Rodeln oder der Biathlonsport in Deutschland, das Schwingen in der Schweiz oder das Skifahren oder der Fussball in Österreich. Von Russland durchsetzt ist auch der Internationale Schachverband (FIDE, mit Sitz in Lausanne), in dem, wen wundert’s, ein Russe sogar als Präsident amtet! Die allgemein wirksame Öffnungsanordnung des IOK für russische Sportlerinnen und Sportler dürfte Russland als Geschenk des Himmels erscheinen. Diese Durchsetzung des internationalen Schach-Sports durch Russland und der Umstand, dass nun ein Russe wohl das bevorstehende WM-Schach-Duell gewinnen wird, bedeutet gleichzeitig die Kapitulation des Weltsports vor den hehren Werten des Sportes im Allgemeinen. Diese Sportart wird nun wohl als Missbrauchsdisziplin für die Kriegstreiber-Nation Russland in die Sport-Geschichte eingehen und erinnern zumindest im Ansatz etwa an die Propaganda-Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und in Berlin. Das alles hat aktuell mit dem Umstand zu tun, dass der beste Schachspieler der Welt, der Norweger Magnus Carlsen, keine Lust mehr verspürt, den Titel erneut zu verteidigen. Wäre es anders, würde Jan Nepomnjaschtschi die Schach-Arena nun in Astana, wie schon vor zwei Jahren in Dubai, mit grosser Wahrscheinlichkeit als Verlierer verlassen (causasportnews vom 14. Dezember 2021). Das königliche Spiel findet demnach ohne den unbestrittenen König in dieser Disziplin statt. Doch was soll’s: Ein Titel ist ein Titel – und die Abwesenden haben immer Unrecht… Alles spielt Russland in die Hände. Sollte dennoch, was eine Weltsensation wäre, der Chinese obenaus schwingen, würde immerhin ein Angehöriger aus China, dem Lande der Russen-Freunde, reüssieren.

Der «Sündenfall» des IOK vor der russischen Aggression ist im Moment aber (noch) nicht vollständig bis zu allen internationalen Sportverbänden durchgedrungen. So hat der Internationale Pferdesportverband (FEI, mit Sitz in Lausanne), trotz der IOK-Empfehlung soeben entschieden, Aktive aus Russland und Weissrussland weiterhin vom internationalen Sport auszuschliessen. Dem Verband ist es nicht möglich, die Neutralität dieser Sportlerinnen und Sportler mit Blick auf die Aggression Russlands begrifflich und thematisch zufriedenstellend zu realisieren. Wie sich Russinnen und Russen sowie Weissrussinnen und Weissrussen, die kraft ihrer Staatsbürgerschaften Staatsangehörige einer kriegsführenden Nation (Russland) neutral auf den Sportarenen dieser Welt sollen bewegen können, bleibt für die FEI schlicht ein Rätsel, wie aus der FEI-Zentrale in Lausanne verlautete. Dem ist an sich nichts beizufügen.

Was nach dem IOK-Opportunismus zu Gunsten Russlands noch alles auf die Sportwelt kommen soll, bildet ein Mysterium dieser Chaos-Zeit, vor der eben der internationale Sport nicht gefeit ist.

In den «Darkräumen» des Weltfussballs

causasportnews, Nr. 1004/04/2023, 8. April 2023

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(causasportnews / red. / 8. April 2023) Obwohl der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter längst (2016) das höchste Amt im Weltfussball verloren hat, seine Würde jedoch keineswegs, hält der Rachefeldzug seines Antipoden aus dem Wallis und Nachfolgers auf dem FIFA-Thron, Gianni Infantino, unvermindert an. Weshalb auch immer – echte Gründe gibt es sichtbarerweise keine –, wird weiter aus dem «Home of FIFA», vom Zürichberg aus allen, auch juristischen Rohren gegen den Ex-Präsidenten und seine frühere Entourage «geschossen». Eine Armada willfähriger Anwälte und PR-Menschen aller Art werden immer wieder in Marsch gesetzt, um Blatter & Co. zu brüskieren und um diesen zu plagen – koste es (den Weltverband!), was es wolle. Apropos Pekuniäres: Es werden von Infantino & Co. weder Kosten noch Aufwendungen gescheut, um das Kesseltreiben gegen den jetzt immerhin 87jährigen Blatter nicht abflauen zu lassen. Mit Fug darf dabei die Frage gestellt werden, ob derartige Angriffe auf die Integrität von unbescholtenen Menschen mit den Idealvorstellungen des von der Funktionärskaste glorifizierten Weltfussballs zu vereinbaren sind; allerdings werden durch diese Agitationen vom Zürichberg aus auch immer wieder die öffentliche Hand und die Steuerzahlenden belastet.

Da fühlt es sich geradezu anachronistisch-zynisch an, wenn von der neusten, juristisch krass fehlgeschlagenen Attacke vom Zürichberg und aus dem Zürcher Enge-Quartier auf Blatter & Co. zu berichten ist. Dabei steht das moderne und luxuriöse Fussball-Museum («FIFA-World») im Zentrum, das Gianni Infantino und seinen Getreuen seit jeher ein Dorn im Auge ist; das war schliesslich auch nicht deren Idee. Nach einem teuren Mieterausbau und immensen Investitionen werden seit dem Abschluss des Mietvertrages zwischen der FIFA und der Eigentümerschaft, Swiss Life AG, bis 2045 jährlich 8,9 Millionen Franken an Mietzinsen an den Versicherungskonzern überwiesen. Das müsse zumindest als ungetreue Geschäftsbesorgung qualifiziert werden, wurde in einer Strafanzeige Ende 2020 der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich vermeldet. Verzeigt wurden von der FIFA und der FIFA Museum AG nebst dem Urheber des Museums-Projekts, Joseph Blatter, der damalige Generalsekretär Jérôme Valcke, der Finanzchef Markus Kattner sowie der damalige FIFA-Hausarchitekt Karl Botta. Von einer ungetreuen Geschäftsbesorgung könne keine Rede sein, fasste die Staatsanwaltschaft des Kanton Zürich nun verfahrensbeendend zusammen, wobei der Mietzins für die Museumsnutzung nicht zu beanstanden sei. Letztlich sei die FIFA mit der Swiss Life AG in seriöse Verkaufsverhandlung getreten, und es sei der Museums-Deal auch nach sorgfältiger Evaluation des Museums-Standortes und des Gebäudes (Mietobjektes) sowie nach der Festlegung der Gesamtkosten durch die FIFA-Finanzkommission und das FIFA-Exekutivkomitee (das Exekutivorgan der FIFA) abgesegnet worden. Mit Datum vom 22. März 2023 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Joseph Blatter und Jérôme Valcke ein, gegen Markus Kattner und Karl Botta wurde es sogar nicht einmal an die Hand genommen. Ärgerlich ist es für die Steuerzahlenden, dass die Verfahrenskosten mangels gesetzlicher Grundlagen auf die Staatskasse genommen werden (müssen) und dem ehemaligen FIFA-Präsidenten eine Entschädigung für seine Anwaltskosten ausgerichtet wird.

Bemerkenswert muten die Ausführungen der Staatsanwaltschaft mit Blick auf das von den Anzeigeerstattern Vorgebrachte an. Die Anwälte von FIFA und FIFA-Museum haben den Untersuchungsbehörden geradezu Skurriles aufgetischt, etwa, zwischen Joseph Blatter und Exponenten der Museums-Vermieterschaft seien in einem «abhörsicheren Raum» im Kloster Einsiedeln konspirative Treffen, auch zum Thema Museums-Mietzinskosten, usw. abgehalten worden. Die FIFA-Anwälte, mit dem sinnigen Namen «Klein», scheuten keine, auch keine grossen Kosten (zu Lasten des Weltfussballs) und reichten im Verfahren zur Untermauerung der Thesen der Absprachen von Beteiligten rund um das Kloster Einsiedeln den Bericht einer sog. «Spezialfirma» ein, die sich mit den Besonderheiten des Klosterwesens befasste; konkret gab das Kloster Einsiedeln demnach die Kulisse für die «Darkräume» des Weltfussballs ab – gleichsam im Namen des Sportes. Für einmal ging es im traditionellen Welttheater im Klosterdorf um die «schrägen» Seiten des Weltfussballs. In diesem Bericht wird auch von mystischen Treffen Joseph Blatters mit (schwarzen) Übersee-Fussballfunktionären berichtet, wobei wahrscheinlich die von der FIFA beauftragten Forensiker die wohl teils dunkelhäutigen Fussball-Funktionäre mit der «schwarzen Madonna» in der Klosterkirche Einsiedeln vermengt haben…Eine geradezu mystische, grossartige «Darkraum»-Saga bildet das Kernstück der Darlegungen der «Klein»-Anwälte im Auftrag des Verbandes. Dass dieser Unsinn nun von den Strafverfolgungsbehörden vom Tisch gefegt wurde, hat aber auch dargelegte, durchaus juristische Gründe, welche der FIFA jedoch von der Staatsanwaltschaft erläutert, werden mussten: Ein Museums-Projekt eines gemäss Art. 60 ff. des Zivilgesetzbuches (ZGB) organisierten Sportverbandes ist grundsätzlich selbstverständlich konform und mit dem Zweck der FIFA (Art. 2 der FIFA-Statuten) zu vereinbaren. Damit hängt auch zusammen, dass eben ein Verband zur Verfolgung des idealen Zweckes wirtschaftliche Mittel einsetzen darf. Ein Verein oder Verband unterliegt schliesslich nicht den Gesetzmässigkeiten und Ausrichtungen von Kapitalgesellschaften.

So endet wohl auch diese juristische Attacke des Weltfussball-Verbandes gegen Blatter & Co. mit einem veritablen, juristischen Debakel, auf Kosten der Allgemeinheit sowie zu Lasten der FIFA-Kasse. Die Verzeigung belegt in jedem Fall, dass der Begriff der ungetreuen Geschäftsbesorgung durchaus auch schillernd-vielseitig interpretierbar ist.

Auch in diesem Fall wäre die FIFA nicht die FIFA, wenn sie gegen die Einstellung, bzw. die Nichtanhandnahme und zur Abwendung dieser neusten Justiz-Pleite nicht noch mit Beschwerde an das Zürcher Obergericht gelangen würde. Was dann heissen würde: Affaire à suivre…

Die Folgen des IOK-Schmusekurses gegenüber Russland auf den Sport

causasportnews, Nr. 1003/04/2023, 2. April 2023

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(causasportnews / red. / 2. April 2023) Nach über einem Jahr Krieg ist es nachvollziehbar, dass das Interesse an den Folgen der russischen Aggression gegenüber der Ukraine erlahmt und sich die Welt – horribile est dictu – sogar an diesen Zustand gewöhnt hat. Die Schlagzeilen zum brutalen, völkerrechtswidrigen Überfall eines Landes auf ein anderes Land sind spärlicher geworden und in den Hintergrund gerückt. Man mag die Schreckensmeldungen aus den umkämpften Regionen der Ukraine schon gar nicht mehr hören, die schrecklichen Bilder des Mordens und Zerstörens nicht mehr sehen! Diese Umstände hat das Internationale Olympische Komitee (IOK) genutzt, um weltweit so etwas wie sportliche Normalisierung einzuläuten; die Empfehlung des Schweizerischen Vereins mit Sitz in Lausanne gegenüber dem internationalen Sport, russische und weissrussische Athletinnen und Athleten am globalen Wettkampfgeschehen wieder teilnehmen zu lassen (soweit diese überhaupt ausgeschlossen waren oder sind), hat die generelle Front gegen den russischen Kriegstreiber-Staat aufgeweicht und die jede konsequente Linie zum Ausschluss Russlands aus dem internationalen Sportgeschehen zunichte gemacht. Das kommt nicht von ungefähr, befindet sich doch etwa der IOK-Präsident, der Deutsche ehemalige Fecht-Olympiasieger und -Weltmeister Thomas Bach, seit seinem Amtsantritt als höchster Sportfunktionär vor bald zehn Jahren, regelmässig auf Schmusekurs mit dem Russischen Präsidenten und seinen Vasallen im Kreml. Die Rolle des höchsten Olympioniken war mit Blick auf die Olympischen Spiele in Sotschi (2014) undurchsichtig; ebenso der milde Umgang des IOK unter Führung des ehemaligen Fechters nach dem Eklat im Zuge des russischen Staatsdopings nach Sotschi. Wahrscheinlich ist in diesen bald zehn Jahren der «Ära Thomas Bach» im IOK soviel (und wohl zuviel) geschehen, als dass der Deutsche nun plötzlich von seiner pro-russischen Linie abweichen würde und könnte (vgl. auch causasportnews vom 30. März 2023). Immer wieder wird kolportiert, dass etwa (auch) die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Thomas Bach und Russland zumindest bestehen sollen. Dieser Grundzustand wird sich wohl bis zum Abgang des amtierenden IOK-Präsidenten in etwas mehr als zwei Jahren nicht ändern. Dass das IOK derzeit alles daran setzt, um den Sport trotz der Kriegstreiberei Russlands zu «normalisieren», hängt insbesondere mit den Olympischen Spielen, die im kommenden Jahr in Paris stattfinden sollen, zusammen. Die Spiele sind die «cash cow» des IOK («cash cow with cash flow»), und es soll natürlich alles vermieden werden, um die Wettkämpfe an der Seine mit den dunklen Flecken des Krieges zu bekleckern. So hat das IOK schon einmal angedacht, die Ukraine zu sanktionieren, falls Sportlerinnen und Sportler aus dem vom Krieg malträtierten Land bei einer Teilnahme von russischen Athletinnen und Athleten in Paris boykottieren würden!

Trotz aller Kritik an der Öffnung des IOK und die eingeläutete internationale Lockerung gegenüber Russland und Weissrussland wird sich der organisierte Welt-Sport immer mehr für Russen und Weissrussen öffnen, ungeachtet des Umstandes, dass die Machthaber in Moskau und in Minsk derzeit intensiver und unverhohlen die Atomkeule schwingen; auch der Umstand, dass die Mehrheit der Russinnen und Russen den Krieg befürwortet, spielt für das IOK keine Rolle, wenn die Aktiven aus diesem Land «neutral» antreten und dem Krieg widersagen. Wenn selbst die sonst sehr eigenständigen Wimbledon-Organisatoren vor der IOK-«Empfehlung» bezüglich Sportlerinnen und Sportlern aus den genannten Ländern kapitulieren, wird der russische Sport allgemein bald wieder flächendeckend salonfähig werden. Löblich, aber wohl ohne Folge, dürfte etwa die Verlautbarung des Schweizerischen Sport-Dachverbandes «Swiss Olympic» sein, der trotz der IOK-Öffnungs-Empfehlung für Aktive aus Russland und aus dem Satellitenstaat Weissrussland an der gegenteiligen Meinung festhält und die IOK-Position nicht unterstützt. Ignoriert hat das IOK auch die Forderung von «Swiss Olympic», dass Funktionärinnen und Funktionäre aus den beiden Ländern nicht in Gremien internationaler Sport-Verbände und -Organisationen (wie dem IOK) sitzen dürfen. Vor allem die über 100 Mitglieder des IOK würde diese Forderung hart treffen, denn Mitglieder des Vereins «IOK» sind einzig natürliche Personen, und auch im IOK sind selbstverständlich Russen vertreten. Bereits einmal hat die Schweizerische Sport-Ministerin Viola Amherd vom IOK in dieser Sache konsequente(re)s Handeln verlangt (causasportnews vom 24. April 2022). Auf einen entsprechenden Brief der Bundesrätin im vergangenen Jahr hat das IOK nicht einmal geantwortet…