Archiv für den Monat September 2019

Spezielle Geldflüsse im Sport-Verbandswesen

euro-447214_1280(causasportnews / red. / 12. September 2019) Die Enthüllungsplattform „Football Leaks“ ist für den Sport eher ein Fluch (weil durchwegs negativ besetzt), für die Medien tendenziell ein Segen. Letztere können die Geschichten, welche das umfangreiche Recherche-Material hergibt, jedenfalls trefflich in der „Sauregurkenzeit“ ausbreiten. Wie nun etwa die Enthüllung zu Geldflüssen im organisierten Weltfussball, welche das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in der aktuellen Nummer (37/ 7. September 2019) der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringt. Erstaunlich ist die Story alleweil. Sie beginnt am Sitz des Europäischen Fussballverbandes (UEFA) in Nyon und könnte durchaus dereinst vor Gericht enden. So soll die UEFA dem Ukrainischen Fussballverband (FFU) seit ungefähr 15 Jahren Geld, das dem Verband diskussionslos zusteht, an eine Unternehmung auf den Britischen Jungferninseln bezahlt haben. Hinter dieser „Newport Management Ltd.“ im bekannten Steuerparadies soll ein bekannter Oligarch aus der Ukraine, der gleichzeitig als Präsident des Fussballklubs Dynamo Kiew amtet, stehen. Sein Bruder ist offenbar ein einflussreicher Funktionär der UEFA und war auch während vieler Jahre Präsident von Dynamo Kiew. Wie auch immer die personellen Verflechtungen sind: Sonderbar ist, dass Gelder, welche einem Mitgliedsverband der UEFA zustehen, nicht dem berechtigten Verband direkt, sondern einem Dritten in einer Steueroase bezahlt werden; Verbandsverantwortliche, hier der FFU, sind verpflichtet, dass Gelder ausschliesslich dem berechtigten Verband für dessen Aktivitäten im Dienste des Fussballs zufliessen. Das macht ein weiteres, grosses Problem manifest: An sich ist es einem Verein nach Schweizerischem Recht – und als solcher ist die UEFA organisiert – nicht gestattet, ein Vereinsmitglied (hier die FFU) derart grosszügig zu begünstigen; es müssen ideale Zwecke verfolgt werden. Im konkreten Fall ist immerhin von rund 400 Millionen Franken, die auf diese Weise während mehrerer Jahre an die FFU bezahlt worden sind, die Rede. Schleierhaft scheint, dass mit diesem Betrag aus der Sicht der UEFA Dritte ideell gefördert worden sein sollen. Aber vielleicht war es doch so. Es sei niemandem irgendetwas unterstellt und es gilt für alle die Unschuldvermutung, doch grundsätzlich ist vor Augen zu halten, dass eine vereinsrechtlich unzulässige Zweckverfolgung immer dann vorliegt, wenn einem Vereinsmitglied ein konkreter ökonomischer, geldwerter Vorteil verschafft wird. Sollte die zentrale Bestimmung von Art. 60 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) hier „geritzt“ worden sein, könnte dies zumindest vereinsrechtliche Folgen nach sich ziehen. Die Organe eines Verbandes, konkret die UEFA, hat erstens die Pflicht dafür zu sorgen, dass, wenn schon, einem Mitglied, hier der FFU; direkt Gelder zufliessen; zweitens hat sie, zusammen mit der UEFA, zu beachten, dass bei einer solchen Konstellation keine unerlaubte, wirtschaftliche Zweckverfolgung angestrebt werden darf. Dies alles sind lediglich theoretische Überlegungen, die sich aufdrängen, sollten die vom Nachrichtenmagazin verbreiteten Fakten zutreffen. Nicht ganz wohl scheinen sich nun die Verantwortlichen der UEFA zu fühlen, allen voran der langjährige UEFA-Chefjurist Alasdair Bell und weitere Exponenten, durchwegs Weg-Gefährten des amtierenden FIFA-Präsidenten Gianni Infantino. Niemand scheint in diesem Vorgang die Übersicht zu haben. Jedenfalls sind sie alle nicht mehr in Nyon anzutreffen; die Funktionärs-„Karawane“ ist weitergezogen: Alasdair Bell & Co. sind seit rund einem Jahr beim Weltfussballverband FIFA in Zürich tätig und ihrem ehemaligen Chef gefolgt…Für den „Spiegel“ passt das alles zusammen. Der Vorgang dokumentiere „ein Ausmass an Misswirtschaft, das die Uefa auf eine Stufe mit dem Fussballweltverband stellt. Und tiefer als die Fifa kann eine Institution kaum sinken“, schreibt das Hamburger Magazin zur Enthüllung.

Was „Der Spiegel“ im Zusammenhang mit Dynamo Kiew auch noch zu berichten wusste: Der während kurzer Zeit in Kiew aktive Schweizer Nationalspieler Admir Mehmedi erhielt sein Salär nicht etwa vom Klub als Arbeitgeber bezahlt, sondern – von der selben Firma „Newport Management Ltd.“ auf den Britischen Jungferninseln. Der derzeit beim VfL Wolfsburg tätige Kicker kassierte so im ersten Vertragsjahr in Kiew steuergünstig rund eine Million Euro netto.

Vom Stellenwert des Nationalmannschafts- und Klub-Fussballs

(causasportnews / red. / 6. September 2019) Es kommt immer wieder vor, dass ein Fussballspiel im Vorfeld mehr zu reden gibt als dann das Spiel selbst. So war es etwa vor dem gestrigen EM-Qualifikationsspiel Irland – Schweiz, das 1:1 endete. Es war ein freudloses Spiel, „zum vergessen“, würde der Stammtisch zusammen fassen. Nicht aber das, was zuvor geschah. Da hat sich doch ein Mannschaftsträger des Schweizer Teams, Xherdan Shaqiri vom FC Liverpool, aus dem National-Team verabschiedet. Weshalb genau weiss eigentlich niemand. Deshalb belässt der Vorgang Raum für Spekulationen. Die Absage des Spielers an die Adresse der Nationalmannschaft könnte aber durchaus als Fingerzeig gedeutet werden. Dafür, dass das Thema „Nationalmannschaft“ für Fussballspieler an Bedeutung verliert – sowohl weltweit als auch in Europa (Spiele, wie gestern das 0:6 ausgegangene EM-Qualifikationsspiel Gibraltar gegen Dänemark sind letztlich nur noch Folklore und interessieren kaum, höchstens mit Blick auf die Qualifikations-Tabellen). Was durchaus dem Trend der Zeit entspricht. Die Akteure sind mit ihren Klubs arbeitsvertraglich verbunden und sehen dort mehr Chancen, mit ihren Arbeitgebern Titel zu gewinnen oder generell Erfolge zu erzielen. Im konkreten Fall kommt hinzu, dass Xherdan Shaqiri in der erfolgreichen Klopp-Truppe hart um einen Stammplatz kämpfen muss. Dass die Klubs ihre Spieler für Nationalmannsschafts-Einsätze ungern abstellen, ist seit Jahren bekannt. Da meinte doch kürzlich der Fussball- und Gourmet-Experte Reiner Calmund in diesem Zusammenhang: „Mit der Nationalmannschaft habe ich als Spieler nur alle vier Jahre die Chance, Weltmeister zu werden. Die Champions League kann ich jedes Jahr gewinnen.“. Mit andern Worten: Der Klub ist den Spielern näher am Herzen als die Nationalmannschaft. Unter dieser Prämisse könnte mit dem Verhalten des Liverpool-Akteurs vor dem Irland-Spiel der Schweizer durchaus ein signifikanter Trend eingeläutet worden sein. Das würde auch den heutigen, gesellschaftlichen Tendenzen entsprechen, sich vom Länderdenken abzuwenden und global zu denken und zu handeln. Was national (geprägt) ist, wird auch im Sport immer mehr an Bedeutung verlieren. Das gilt für die Weltmeisterschaften der FIFA wohl ebenso wie für die Europameisterschaften der UEFA. Zweifelsfrei auch aufgrund der heutigen Völkermobilität. Deshalb ist es keine graue Theorie (mehr), dass in der nächsten Ausgabe von „Causa Sport“ (Heft 3/2019 erscheint am 30. September 2019: http://www.causasport.org) ein Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union wiedergegeben und von der Sportrechtsspezialistin und Leichtathletin Dr. Caroline Bechtel, Deutsche Sporthochschule Köln, kommentiert wird unter dem vielsagenden Titel: „Kann ein Italiener Deutscher Meister werden?“.

Bundesanwalt Lauber stolpert wohl über den „Fall FIFA“

img_2739(causasportnews / red. / 5. September 2019) Das war kein guter Tag gestern für den amtierenden Bundesanwalt Michael Lauber: Zuerst wurde bekannt, dass der oberste Ermittler des Bundes in den Vorgängen, welche den Weltfussballverband (FIFA) betreffen, nicht mehr amten darf und in den Ausstand treten muss (Urteil des Bundesstrafgerichts in Bellinzona vom 3. September 2019; CA.2019.13 – 16), danach erklärte die Gerichtskommission, dem Schweizerischen Parlament den Bundesanwalt nicht mehr zur Wiederwahl vorschlagen zu wollen. Das bedeutet nach menschlichem Ermessen, dass Bundesanwalt Michael Lauber am 25. September wohl nicht mehr gewählt werden dürfte und somit über den „Fall FIFA“ stolpern wird.

Eigentlich sind die Fakten klar: Der Bundesanwalt hat im Zusammenhang mit Treffen mit FIFA-Präsident Gianni Infantino Bestimmungen der Strafprozessordnung verletzt. Deshalb ist er selbstverständlich nicht mehr tragbar, zumal der höchste Strafverfolger der Schweiz nicht nur an Gedächtnislücken leidet; er erinnert sich nicht mehr, wann und wo und wie oft er mit dem FIFA-Präsidenten gesprochen hat (auf Protokolle kann er sich unglücklicherweise nicht abstützen), sondern auch völlig uneinsichtig ist. Die Wahl des Bundesanwalts durch das Parlament ist ein politischer Prozess. Und wenn Politiker/innen aktiv werden, ist bei umstrittenen Personalentscheiden das Chaos in der Regel vorgezeichnet. Auch in der „Causa Lauber“. Da erklärte der Sprecher der Gerichtskommission, SP-Mann Matthias Aebischer, ein ehemaliger TV-Mitarbeiter, kürzlich, die Kommission könne gar nicht anders, als Michael Lauber zur Wiederwahl zu empfehlen. Allerdings meinte er verunsichert, man sei sich auch nicht ganz im Klaren, ob im konkreten Vorgang juristisch oder politisch entschieden werden müsse. Tatsächlich? Selbstverständlich ist in einem solchen Fall aufgrund der Rechtslage politisch zu urteilen. Auch wenn der Antrag der Kommission nun contra den amtierenden Bundesanwalt vorliegt, ist die Personalie noch nicht ganz durch. Zu wählen haben letztlich die Parlamentarier/innen. Und diese fallen derzeit durch die wildesten Theorien auf. So etwa der Freisinnige Genfer Nationalrat und Anwalt (!) Christian Lüscher, der Michael Lauber wieder wählen will, weil sich einzelne Parlamentarier/innen nur emotional entscheiden würden und sich auf Kosten des Bundesanwalts profilieren wollten. Auch möglich. Nur auf die Idee, in der „Causa Lauber“ zu würfeln oder eine Entscheidung per Los herbeizuführen, ist noch niemand gekommen. Das ist aber auch noch möglich bis zum Wahltag.

Das ist an sich das Schöne an der Politik, dass noch so absurd dahingeredet werden kann – von irgendeiner Seite wird stets applaudiert. Diesmal von der CVP, die den Bundesanwalt (nachvollziehbar) wieder wählen will. Das Gerangel um die Wiederwahl von Bundesanwalt Michael Lauber ist u.a. Wasser auf die Mühle des ehemaligen DFB-Präsidenten und Juristen, Dr. Theo Zwanziger, gegen den die Bundesanwalt Anklage im Vorgang „Sommermärchen“ erhoben hat (vgl. auch causasportnews vom 14. August 2019). Er nannte die Ermittlungen der Schweizer Behörden im FIFA-Komplex eine Absurdität und bezeichnete die Vorgänge im Rahmen der Schweizer Justiz als Trauerspiel und die Schweiz sinngemäss als „Bananenrepublik“. Zumindest ein gewisses Verständnis für derartige Qualifikationen kann man schon haben…

„Fall Tönnies“: Nach den Moralisten die Juristen

(causasportnews / red. / 2. September 2019) Es war sicher kein kluger Einfall, als sich der Präsident des derzeit zehntplatzierten Bundesliga-Vereins FC Schalke 04, Clemens Tönnies, zu Afrika und den Afrikanern äusserte (vgl. auch causasportnews vom 13. August 2019). Zumindest war die Äusserung ungeschickt und geht natürlich gar nicht. Doch gesagt war gesagt. Und so fegte umgehend ein Shitstorm über den Präsidenten des Klubs aus Gelsenkirchen. Die Medien schossen während Tagen auf den 63jährigen Unternehmer in der Lebensmittelbranche. Prominente und weniger Prominente feuerten mit der gesamten Digitalisierungs-Maschinerie auf den nebenamtlichen Sportfunktionär. So verlangte Ex-Fussballprofessional-Spieler Hans Sarpei Abbitte, und Schauspieler („Der Alte“) und Ex-Politiker Charles Muhamed Huber trat unter Protest aus der CDU aus, weil diese die Worte von Clemens Tönnies zu stark relativiert habe. Der Schalke-Präsident kündigte nach einer Sitzung des Ehrenrates des Klubs an, sein Amt für drei Monate ruhen zu lassen. Mehr passierte nicht, weil immerhin ein ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof in einer Analyse zum Schluss kam, die Äusserungen von Clemens Tönnies seien nicht rassistisch. Mit diesem Schritt überstand der Unternehmer und Sportfunktionär zumindest den ethisch motivierten Shitstorm einigermassen unbeschadet. Die „heisse, juristische Kartoffel“ wurde danach der Ethikkommission des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) weitergereicht. Dieses Sanktionsorgan des grössten Sportverbandes der Welt hatte zu entscheiden, ob Clemens Tönnies‘ Äusserungen als rassistisch zu qualifizieren seien. Das waren sie offensichtlich nicht, und die DFB-Sanktionsbehörde konnte und wollte wohl kaum einer Richter-Expertise entgegentreten. So kam es im privatrechtlich motivierten Verfahren so, wie es zu erwarten war: Das DFB-Sanktionsorgan verzichtet auf ein Verfahren gegen den Schalke-Präsidenten. In einer Anhörung habe dieser überzeugend dargetan, dass er kein Rassist sei…Das alles war dann für die Medien kaum mehr als eine dürre Meldung wert. Die Lehre aus der Geschichte: Ethik und Recht bilden zwei verschiedene Ebenen. Und: Die juristische Welt sieht oft anders aus als die moralische. Übrigens: Clemens Tönnies will seine „Auszeit“ als Vereins-Funktionär aufgrund der rechtlichen Sachlage nicht abkürzen.