Archiv für den Monat Januar 2019

Legkov bleibt Olympiasieger – neuerliche Niederlage für das IOC

(causasportnews / rbr. / 21. Januar 2019) Das Schweizerische Bundesgericht hat das neueste und wohl letzte Kapitel in der „russischen Doping-Saga“ geschrieben: Es hat die Beschwerde des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegen einen Schiedsspruch des Sportschiedsgerichts CAS (Court of Arbitration for Sport, Lausanne) mit Urteil vom 18. Januar 2019 abgewiesen. Der Schiedsspruch, welcher den russischen LangläuferAlexander Legkovbetraf, behält damit seine Gültigkeit.

Am 1. Februar 2018 hatte der CAS seine Entscheidungen in 39 Fällen russischer Wintersportler bekanntgegeben, u.a. auch zu Alexander Legkov. Er war im November 2017 – wie seine Kollegen – von der Disziplinarkommission des IOC wegen Dopingvergehen im Rahmen der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi disqualifiziert und für alle künftigen Olympischen Spiele gesperrt worden. Ihm wurden auch seine beiden Medaillen (Silber mit der 4×10-Kilometer Staffel und Gold in den 50 Km Einzel) aberkannt. Gegen diese Entscheidung rief der Athlet – wie 41 weitere – den CAS an. Dieses hob die Sanktion der IOC-Disziplinarkommission auf und sprach Alexander Legkov vom Vorwurf der Dopingvergehen frei. Am 23. April 2018 legte der CAS schliesslich die begründete Entscheidung vor (s. die Analyse des CAS-Entscheids in Causa Sport 2/2018, 135 ff.). Dagegen erhob das IOC Beschwerde in Zivilsachen an das Bundesgericht (Art. 72 ff. und Art. 77 des Bundesgerichtsgesetzes).

Das Bundesgericht hat die Beschwerde nun abgewiesen; die Begründung der Entscheidung liegt allerdings nicht vor. Angesichts der traditionell zügigen Entscheidredaktion beim Bundesgericht ist sie wohl in den kommenden Wochen zu erwarten. Im anderen Verfahren, in dem der CAS am 23. April 2018 seine begründete Entscheidung veröffentlicht hatte (Bobpilot Aleksandr Zubkov; s. ebenfalls CaS 2/2018, 135 ff.), hatte das IOC auf eine Beschwerdeerhebung verzichtet. Der Entscheid der IOC-Disziplinarkommission betreffend Zubkov wurde vom CAS zwar (ebenfalls) teilweise aufgehoben; der CAS erkannte jedoch im Ergebnis auf eine Verletzung von Antidopingvorschriften und disqualifizierte bzw. sperrte den Athleten. Damit gab sich das IOC zufrieden.

Die Tragweite des vorliegenden Urteils geht über die Entscheidung eines Einzelfalls hinaus, hat der CAS doch noch in weiteren 38 Fällen entschieden. Die begründeten Urteile in diesen Fällen liegen jedoch noch nicht vor bzw. es ist davon auszugehen, dass der CAS mit deren Veröffentlichung zuwartete, bis der Entscheid des Bundesgerichts über den Pilotfall vorlag. Es ist zu erwarten, dass der CAS die weiteren Urteile nun zeitnah veröffentlichen wird. Das IOC kündigte seinerseits an, gegen die 27 weiteren Fälle, in denen der CAS auf Freispruch entschied, nicht nochmals Beschwerde beim Bundesgericht einzureichen (obwohl diese Möglichkeit selbstverständlich bestünde). Mehr zu diesem Urteil in der nächsten Ausgabe von Causa Sport (1/2019).

«Ringer-Parabel» – Clinch zwischen muslimischen Ringern und Kampfrichterin führt zu mehrmonatigen Sperren

(causasportnews / rbr. / 18. Januar 2019) Religiöse Neutralität und Gleichberechtigung der Geschlechter sind zwei der obersten Gebote im (organisierten) Sport. Entsprechend sehen die Regelwerke des Internationalen Olympischen Komitees (s. die Olympische Charta) und wohl sämtlicher nationalen und internationalen Sportverbände ein Verbot der Diskriminierung aus religiösen Gründen sowie aufgrund des Geschlechts vor.

Vor Diskriminierung geschützt werden sollen dadurch naturgemäss in erster Linie die Sportler. Dass die Athleten diskriminierende Handlungen allerdings nicht nur erleiden, sondern auch selber begehen können, zeigt ein aktueller Fall aus Deutschland: In einem Mannschaftskampf des Ringervereins RWG Hanau/Erlensee (Vorort von Frankfurt a.M., Hessen) gegen den AC Goldbach im Dezember 2018 hatten sich drei Ringer geweigert, sich von einer weiblichen Kampfrichterin berühren zu lassen. Es ging u.a. um einen (reglementarisch vorgeschriebenen) Handschlag mit der Kampfrichterin, eine Fingernagelkontrolle durch diese sowie die Überprüfung der Rücken der Athleten auf Öl. Die Ringer – zwei Russen und ein Bulgare und alle drei muslimischen Glaubens – führten für ihre Weigerung religiöse Gründe an. Sie machten zudem geltend, es bislang noch nie mit einer Frau als Kampfrichterin zu tun gehabt zu haben. Die Kampfrichterin, gleichzeitig Vizepräsidentin des Hessischen Ringerverbands (HRV), disqualifizierte die drei Ringer deswegen.

In der Folge sperrte der Rechtsausschuss des HRV die drei Ringer bis zum 31. Juli 2019. Er begründete dies damit, dass es „keine zwingende theologische Begründung“ für das Verhalten der Athleten (die offenbar schon seit mehreren Jahren in Deutschland leben) gebe. Keine Sanktion sprach der Rechtsausschuss hingegen gegen den Ringerverein aus, weil diesen hinsichtlich des Verhaltens der Ringer kein Verschulden treffe. Diese „Ringer-Parabel“ – die Erinnerungen an die sog. „Handschlagverweigerer“ aus dem basellandschaftlichen Therwil weckt (zwei muslimische Oberstufenschüler hatten sich im Jahr 2016 geweigert, ihrer Lehrerin zum Abschied die Hand zu reichen) – führt einmal mehr das stete Spannungsfeld zwischen Religionsfreiheit und geordnetem (und sicherem) Sportbetrieb vor Augen. Ähnliche Fälle aus der Vergangenheit betrafen bspw. ein Kopftuchverbot im Basketball (Fall Sura al-Shawk gg. Nord-Ostschweizer Basketballverband, s. Causa Sport 2010, 59 ff. und 2013, 317) oder Fussballer, die beim Torjubel mittels der Leibchen unter ihren Matchtrikots religiöse Botschaften verbreiteten (Fall Eduardo/Grasshopper Club Zürich).

Neues i.S. „Sommermärchen“: Bundesgericht erteilt ehemaligem FIFA-Generalsekretär Abfuhr

(causasportnews / rbr. / 15. Januar 2019) Der ehemalige Generalsekretär der Fédération Internationale de Football Association (FIFA), Urs Linsi, hat im Rahmen von Untersuchungen gegen ihn im Nachgang zu den „Sommermärchen“-Aufklärungen (WM-Vergabe 2006 an den Deutschen Fußball-Bund, DFB) einen herben prozessualen Rückschlag erlitten. Wie kürzlich bekannt geworden ist, erlaubt das Schweizerische Bundesgericht (BGer) der Bundesanwaltschaft (BA), bei Urs Linsi sichergestellte Unterlagen auszuwerten (Urteil BGer 1B_196/2018 vom 26. November 2018).

Die BA führt gegen Urs Linsi seit mehr als zwei Jahren eine Strafuntersuchung wegen Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung (Art. 158 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs, StGB), des Betrugs (Art. 146 StGB), der Veruntreuung (Art. 138 StGB) und der Geldwäscherei (Art. 305bisStGB). Die Untersuchung betrifft die ominöse Zahlung von EUR 6,7 Mio., die im Vorfeld der Fussball-Weltmeisterschafts-Endrunde 2006 vom DFB über die FIFA an den zwischenzeitlich verstorbenen Adidas-Eigentümer Robert Louis-Dreyfusgeflossen war. Den gleichen Betrag hatte Robert Louis-Dreyfus zuvor an eine Gesellschaft des damaligen FIFA-VizepräsidentenMohamed Bin Hammamaus Katar überwiesen (vgl. causasportnews vom 4. Mai 2017 und causasportnews vom 7. März 2016). 2015 gab der DFB bei einer Anwaltskanzlei eine interne Untersuchung in Auftrag. In deren Bericht vom 4. März 2016, in welchen die Untersuchung mündete, wird auch der Name Urs Linsis mehrfach erwähnt. Die BA wirft ihm vor, an der Rückzahlung eines vom DFB nicht geschuldeten „Darlehens“ aus DFB-Mitteln und an der Verschleierung der Herkunft deliktisch erlangter Vermögenswerte beteiligt gewesen zu sein.

Im Rahmen der erwähnten Untersuchung führte die BA am 23. November 2016 in den Wohn- und Geschäftsräumlichkeiten Urs Linsis eine Hausdurchsuchung (Art. 244 f. der Schweizerischen Strafprozessordnung, StPO) durch. Dabei stellte sie 39 Asservate sicher. Urs Linsi verlangte daraufhin die Siegelung der betreffenden Gegenstände (Art. 248 Abs. 1 StPO). Am 13. Dezember 2016 stellte die BA deshalb beim Zwangsmassnahmengericht des Kantons Bern (ZMG) ein Entsiegelungsgesuch (Art. 248 Abs. 2 StPO), welches dessen Präsident am 15. März 2018 teilweise guthiess (Entscheid KZM 16 1708). Gegen diesen Entscheid erhob Urs Linsi am 16. April 2018 Beschwerde in Strafsachen an das BGer (Art. 78 ff. des Bundesgerichtsgesetzes, BGG) und beantragte die Aufhebung des angefochtenen Entscheids sowie die Rückgabe aller versiegelten Objekte.

Das BGer erwog, dass es sich beim angefochtenen Teil-Entsiegelungsentscheid nicht um einen End-, sondern um einen strafprozessualen Zwischenentscheid (Art. 93 BGG) handle, der das Strafverfahren nicht abschliesse. Dem Beschwerdeführer müsse daher, damit die Beschwerde zulässig sei, ein nicht wieder gutzumachender Nachteil drohen (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG). Dieser und insbesondere seine Geheimhaltungsinteressen seien vom Inhaber der sichergestellten Aufzeichnungen und Gegenstände ausreichend zu substanziieren und glaubhaft zu machen (vgl. Art. 42 BGG). Das blosse Motiv, strafprozessuale Beweiserhebungen zu unterbinden, sei hingegen nicht ausreichend. Dasselbe gelte für den Umstand, dass ein Beweismittel, dessen Verwertbarkeit der Beschwerdeführer bestreite, in den Akten bleibe bzw. durchsucht werde. Das BGer betrachtete die in der Beschwerdeschrift enthaltenen Ausführungen hierzu als den gesetzlichen Substanziierungsanforderungen nicht genügend. Der Beschwerdeführer habe keine konkreten rechtlich geschützten Geheimnisse (z.B. Zeugnisverweigerungsrecht, Berufs- oder Geschäftsgeheimnis) dargelegt, die einer Entsiegelung entgegenstünden. Solche ergäben sich auch nicht, soweit überhaupt möglich, aus den übrigen Verfahrensakten. Demzufolge trat es auf die Beschwerde Urs Linsis gegen den Entsiegelungsentscheid des ZMG gar nicht ein. Dessen Entscheid ist damit rechtskräftig. Die Beschwerde Urs Linsis ist somit bereits aus formalen Gründen gescheitert. Die BA darf die sichergestellten Beweismittel nun durchsuchen. Die BA steht diesbezüglich zeitlich unter Druck; es droht nämlich die Verjährung, liegen die untersuchten Vorfälle doch schon rund vierzehn Jahre zurück (2005/2006). Die Verjährungsfrist beträgt generell zehn (Vergehen, Art. 10 Abs. 3 StGB) bzw. fünfzehn Jahre (Verbrechen, Art. 10 Abs. 2 StGB; Art. 97 Abs. 1 StGB). In diesem Umstand dürfte auch das Motiv für die Beschwerdeführung liegen. Es dürfte dennoch interessant sein, was das nun zu entsiegelnde Beweismaterial zu Tage fördert. Für Urs Linsi gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung („Causa Sport“ wird in Heft 1/19 auf die Entscheidung zurückkommen).

Sportwetten als ökonomische Forschungsobjekte

(causasportnews / rbr. / 12. Januar 2019) Dass Sport eine Art Lebensschule ist, dürfte heute niemand mehr in Abrede stellen. Erkenntnisse aus der Sportwelt lassen sich aber auch für konkrete ökonomische Zwecke nutzbar machen. Das zeigt eine Studie von zwei britischen Ökonomen, welche die Effizienz des Marktes für Anlagefonds anhand eines Vergleichs mit dem Sportwettenmarkt untersucht haben (vgl. auch „Neue Zürcher Zeitung“ vom 10. Januar 2019).

Sportwetten: Auffallende Ähnlichkeiten zu Anlagefonds

Bei Anlagefonds wird unterschieden zwischen aktiven und passiven Fonds. Der Hauptunterschied liegt in den Anlagezielen. Aktive Fonds(die „klassischen“ Anlagefonds) versuchen, eine höhere Rendite zu erzielen als der ihnen zugrundeliegende Vergleichsindex (z.B. der Swiss Market Index SMI). Zu diesem Zweck werden sie von einem Fondsmanager – wie der Name sagt – aktiv verwaltet: Die einzelnen Positionen werden laufend analysiert, Gewichtungen vorgenommen, Prognosen getätigt, usw. Bei passiven Fondshingegen – auch Exchange Traded Funds (ETF) oder Indexfonds genannt – wird kein solcher Einfluss auf die Zusammensetzung des Portfolios genommen. Vielmehr werden die eingelegten Gelder entsprechend dem Index (Anzahl und Gewichtung) angelegt mit dem Ziel, diesen Index möglichst genau nachzubilden. Die Kursschwankungen des Fonds entsprechen damit denjenigen des Indexes. Folglich beschränkt sich die Fondsverwaltung bei den passiven Fonds im Wesentlichen auf die Wiederanlage und die Ausschüttung von Dividenden sowie die Anpassung des Fonds an Indexveränderungen. Dadurch sind die Verwaltungskosten bei den passiven Fonds wesentlich niedriger als bei den aktiven. Sowohl aktive als auch passive Fonds unterstehen in der Schweiz als sog. kollektive Kapitalanlagendem Bundesgesetz über die kollektiven Kapitalanlagen vom 23. Juni 2006 (KAG).

Im Jahr 2019 werden in den Vereinigten Staaten die passiven Fonds gegenüber den aktiven voraussichtlich erstmals in der Mehrheit und damit neu die grösste Produktekategorie für Aktieninvestments sein. Potenziell ist dieser Umstand eine Gefahr für die Effizienz der Märkte, da effiziente Märkte darauf angewiesen sind, dass die Anleger sich Informationen beschaffen. Gerade das geschieht bei passiven Fonds naturgemäss nicht. Die erwähnte Studie deutet indessen darauf hin, dass eine Ineffizienz der Märkte gleichwohl nicht zu befürchten ist.

Für ihre Erkenntnisse haben sich die Forscher Erfahrungen aus dem Bereich der Sportwetten – konkret auf Tennis und Fussball – zunutze gemacht. Jährlich im Juni wird im Queen’s Club in London ein ATP-Tennisturnier ausgetragen, das als eines der wichtigsten Vorbereitungsturniere für Wimbledon gilt. In geraden Kalenderjahren finden jeweils gleichzeitig Fussball-Welt- oder -Europameisterschaften statt (z.B. 2018 die WM-Endrunde in Russland oder 2016 die EM in Frankreich). Das wiederum führt dazu, dass in diesen Jahren weniger auf das Tennisturnier in Queen‘s gewettet wird, weil sich Gelegenheitswetter eher den Fussballwettbewerben zuwenden. Umgekehrt handelt es sich damit bei den Personen, die auf Queen’s wetten, überwiegend um gut informierte Wetter. Die Forscher fanden nun heraus, dass der Tenniswettmarkt in den ungeraden Jahren – also in den Jahren, in denen kein Fussball-Grossanlass stattfindet, die weniger informierten Wettenden also aktiver im Tennis sind – wesentlich effizienter ist. Oder anders: Der Umstand, dass die informierten Wettenden in der Mehrzahl sind, führt nicht zu effizienteren Märkten; vielmehr scheint gerade das Gegenteil der Fall zu sein.

Was auf den ersten Blick erstaunt, lässt sich – wiederum am Beispiel des Sports – relativ einfach erklären: Informierte Wettende gehen davon aus, gegenüber den schlechter informierten Gelegenheitswettern einen Vorteil zu haben. Sie recherchieren deshalb Informationen über die Spieler, deren Formstand, Verletzungen, die Spielpaarungen, Auslosungen, usw. Das Vorhandensein uninformierter Wettender ist dabei aus ihrer Sicht ein Anreiz: Auf deren Kosten möchten die informierten nämlich einen Gewinn erzielen. In den ungeraden Jahren sind mehr uninformierte Wettende am Spiel beteiligt, wodurch auch der Anreiz für die Informierten steigt, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen und so angeblich einen Vorteil zu erlangen. Gibt es umgekehrt keine oder nur wenige solcher uninformierten Wettender, sinkt für die informierten der Anreiz, Informationen zu sammeln (dieser Effekt hält zeitlich jedoch i.d.R. nicht unbeschränkt an; ist ein Markt effizient, schwindet der Anreiz, sich Informationen zu beschaffen, und die informierten Akteure verlassen den Markt wieder. Dadurch wird Letzterer wieder ineffizient). Angewendet auf Anlagefonds bedeutet dies, dass der Markt dann effizienter ist, wenn mehr „uninformierte“ Anleger – also solche, die den Markt nicht analysieren (lassen), sondern passiv und streng nach Index anlegen – beteiligt sind. Damit kann aber auch der prognostizierte Anstieg des Anteils an passiven Fonds dazu führen, dass die Aktienmärkte letztlich nicht ineffizienter, sondern gar effizienter funktionieren werden. Das hier wiedergegebene Beispiel illustriert ferner, dass sowohl Wetten auf Sportereignisse als auch Anlagen am Kapitalmarkt letztlich ein erhebliches aleatorisches Element innewohnt: Ein ertragsreicher Anlagetipp und eine Wette auf die Siegermannschaft sind sich ähnlicher, als es Fondsmanager (und Wettende) wahrhaben wollen…

Juristische Niederlage für „Downhill Charly“ im Missbrauchs-Skandal

Geht es juristisch «downhill» für «Downhill Charly»…?

(causasportnews / red. / 11. Januar 2019) Es ist, wie es immer ist, wenn es um Missbrauchsvorwürfe und -vorgänge geht. Im Sport und anderswo. In der Regel wissen einzig die Betroffenen, was sich zugetragen hat; eine Kongruenz von Tatsachen und Auffassungen, was allenfalls einvernehmlich geschehen ist, bleibt der Öffentlichkeit meist vorenthalten. Diese wird meistens dann in Kenntnis gesetzt, wenn Betroffene Vorwürfe öffentlich erheben. Oder wenn gewisse Konstellationen öffentlich gemacht werden. So verhält es sich auch im „Missbrauchsskandal“ im Rahmen des österreichischen Skisports (vgl. auch causasportnews vom 28. Dezember 2018). Diesbezüglich sind zwei Skisport-Legenden ins Kreuzfeuer geraten bzw. werden mit schwerwiegenden Anschuldigungen konfrontiert, nämlich der frühere, heute 86jährige Top-Trainer Karl Kahr, und die vor rund zehn Jahren verstorbene Fahrer-Ikone Toni Sailer. Für beide genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Karl Kahr und Toni Sailer sind nicht neu. Die jüngsten Anschuldigungen wurden ausgelöst von einer ehemaligen Rennläuferin, Nicola Spiess, heute Nicola Werdenigg. Bei einem derart brisanten Thema halten sich Anschuldigungen und Gegen-Anschuldigungen meistens die Waage. Im Zusammenhang mit den Öffentlichmachungen durch Nicola Werdenigg ging es gestern am Bezirksgericht Bludenz um Behauptungen, Wahrheiten, Bestreitungen, guten Glauben; juristisch gesprochen um „üble Nachrede“. Involviert in den Themenkomplex war u.a. die frühere Top-Skirennläuferin Annemarie Moser-Pröll, früher die Gegenspielerin der Schweizer Olympiasiegerin in der Abfahrt und im Riesenslalom von Sapporo, Marie-Therese Nadig. Die Österreicherin war als Zeugin vorgesehen, kam aber aus prozessualen Gründen gar nicht (mehr) zu Wort, was sie sichtlich enervierte. Geklagt hatte Karl Kahr gegen ein Ehepaar, das zumindest inkriminierende Anspielungen gegenüber dem ehemaligen Skitrainer getätigt hatte. Dagegen setzte sich „Downhill Charly“, wie er in der Branche genannt wurde, zur Wehr, unterstützt von Annemarie Moser-Pröll. Das beklagte Ehepaar wurde letztlich vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen, weil dem Ehepaar der Gutglaubensbeweis geglückt war; die Erbringung des Wahrheitsbeweises wurde demnach obsolet. Karl Kahr will gegen diesen Freispruch ankämpfen. Affaire à suivre also. In Bludenz wurde gestern nur ein (juristischer) Teilbereich des Missbrauchs-Skandals im Österreichischen Skisport abgearbeitet. Was sich wirklich zutrug, bleibt nach wie vor unklar. Wie meistens in solchen Vorgängen.

Früher war mehr Nationalmannschaft

(causasportnews / red. / 9. Januar 2019) Früher war nicht alles besser, aber vieles anders. Das muss nicht a priori schlecht sein. Aber ab und zu ändern sich Gewohnheiten, die dennoch Fragen aufwerfen. Zum Beispiel Rücktritte aus einer Fussball-Nationalmannschaft. Früher wurden Spieler in ein National-Team berufen oder, aus welchen Gründen auch immer, nicht aufgeboten. Der National-Trainer schaltete und waltete dabei uneingeschränkt; seine Personal-Entscheide wurden zwar zu jeder Zeit ab und zu hinterfragt, aber an seiner Aufgebotskompetenz wurde durchwegs nicht gerüttelt. Im modernen Fussball läuft nun aber alles ein wenig anders ab. Über elektronische Medien kritisieren Fussballspieler Aufgebotsentscheide der Nationaltrainer oder melden sich erbost aus der Nationalmannschaft ab, wenn sie sich bspw. „auf den Schlips getreten“ fühlen. Besonders sensibel reagieren Spieler in denjenigen Fällen, in denen sie vom Nationaltrainer nicht ausführlich und in epischer Breite über (Negativ-)Entscheide jedwelcher Art orientiert worden sind. Auch Nationaltrainer sind selbstverständlich in der modernen Kommunikationswelt angelangt und verwenden, wie die Spieler, u.a. die SMS-Möglichkeiten oder „twittern“ wie Politiker in der Welt herum.

Kürzlich war es nur eine Randnotiz wert, dass der Stamm-Torhüter von Borussia Dortmund und Ersatz-Torwart des Schweizer National-Teams, Roman Bürki, erklärte, sich aus der Nationalmannschaft zurückziehen zu wollen. Er beabsichtige, den Fokus verstärkt auf seinen (erfolgreichen) Klub zu richten und vermehrt auf seine Gesundheit achten zu wollen. Soweit so gut. Dass Spieler selber entscheiden, wie sie das „Thema Nationalmannschaft“ behandeln wollen, entspricht dem Zeitgeist. Im konkreten Fall dürfte allerdings im Vordergrund stehen, dass in der Schweizer Nationalmannschaft die Torhüter-Position mit Yann Sommer (bei Borussia Mönchengladbach auch nicht gerade unterbeschäftigt und mit über 30 Jahren sogar noch älter als Roman Bürki) in absehbarer Zeit kaum Änderungen erwarten lässt. Das bedeutet, dass sich Roman Bürki weiter mit der Funktion als Ersatz-Torhüter der Nationalmannschaft begnügen müsste. Soweit so verständlich. Der Schritt des Borussia-Torhüters zielt allerdings auch in eine andere Richtung: Für Spieler, insbesondere in den europäischen Top-Ligen, stehen die Klub-Aktivitäten im Vordergrund, der Nationalmannschafts-Fussball erfährt eine kontinuierliche Abwertung. Nur alle vier Jahre eine Chance zu bekommen, Weltmeister zu werden, statt jedes Jahr um den Champions League-Sieg spielen zu können, führt zu einer eindeutigen Gewichtung der Interessen. Der Nationalmannschafts-Fussball scheint zum Unikum in einer globalisierten Welt zu werden. Das sind die Fakten. Und so ist auch der angekündigte Schritt von Roman Bürki im Kontext einer modernen, globalisierten Welt irgendwie verständlich. Oder man könnte die Situation frei nach Loriot etwa so zusammenfassen: Früher war mehr Nationalmannschaft… (Mehr dazu anlässlich der Veranstaltung des „Swiss Sport Forum“ vom 28. Februar 2019 im FIFA-Museum in Zürich: www.swisssportforum.ch)

Warten auf die Goldmedaillen – oder die Nachwehen von Sotschi 2014

(causasportnews / red. / 7. Januar 2019) Seit geraumer Zeit ist klar, dass der Medaillenspiegel nach den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi für die Schweiz massiv aufgewertet ist: Zwar belegten damals die Russen Alexander Subkow/Alexej Wojewoda im Zeierbob-Doppel im heimischen Sotschi den ersten Platz und wurden als Olympiasieger gefeiert, doch nach der Aufarbeitung des Dopingskandals um Russische Athletinnen und Athleten verloren die beiden siegreichen Russen ihre Goldmedaillen wieder bzw. wurden ihnen diese rechtsgültig aberkannt (vgl. auch causasportnews vom 27. November 2017). Sowohl das Internationale Olympische Komitee (IOK) als auch der mit der Sache befasste Court of Arbitration for Sport in Lausanne (CAS) haben entschieden, dass die resultatmässig in Russland siegreichen russischen Bobfahrer die Goldmedaillen zurückzugeben hätten. Als „Medaillen-Erbe“ kommen die Schweizer Beat Hefti und Alex Baumann zum Zuge. Bis heute denken die gedopten Bob-Fahrer aus Russland allerdings nicht daran, auf die betrügerisch errungenen Goldmedaillen zu verzichten. Vielmehr hat Alexander Subkow, inzwischen Präsident des Russischen Bobverbandes (!), allerdings im Dezember 2018 vom Internationalen Bob-Verband suspendiert, gerichtliche Schritte in Moskau eingeleitet, um die Goldmedaille behalten zu können; er bestreitet, in Sotschi betrogen zu haben. Der Grund für diesen Schritt ist nachvollziehbar: Als Nicht-Olympiasieger würde er einen in Russland für Olympiasieger/innen üblichen, lebenslangen Renten-Anspruch verlieren; Olympiasieger/innen erhalten vom Staat eine Rente bis zum Lebensende. So warten Hefti/Baumann weiterhin auf das redlich gewonnene Edelmetall. Beim ganzen Vorgang gibt das IOK eine schwache Figur ab. Es wäre wohl keine grosse Hexerei, Subkow/Wojewoda die übergebenen Goldmedaillen abzunehmen. Ebenso einfach wäre es alternativ, den ehrlichen Siegern von Sotschi neue Goldmedaillen auszuhändigen; an den Kosten dürfte es kaum liegen… Obwohl durchaus Chancen bestehen würden, könnten die beiden Schweizer Athleten das IOK auf gerichtlichem Wege zwingen, ihnen die beiden Goldmedaillen auszuhändigen. Brisant bei der ganzen Geschichte ist zudem, dass auch die ursprünglich auf dem fünften Rang platzierte Mannschaft Lettland 1 auf die Bronze-Medaillen wartet. Nachdem den in Sotschi viertplatzierten Russen Alexander Kasjanowund Maxim Belugin der dritte Platz, den sie durch „Nachrücken“ geerbt hatten, weil die ursprünglich viertplatzierten und danach auf den dritten Platz vorgerückten Russen die Bronze-Medaillen wieder verloren hatten, aberkannt worden ist, warten auch die tapferen Letten immer noch auf die Bronze-Medaillen, die von den Russen ohne Druck kaum zurückgegeben werden dürften. Wäre die Sache nicht zu ernst, könnten diese Nachwehen fünf Jahre nach Sotschi durchaus als „IOK-Posse“ bezeichnet werden. Grundsätzlich verwundert es auch, dass sich der Schweizerische Bobverband („Swiss Sliding“) nicht energisch dafür einsetzt, dass den siegreichen Piloten nun umgehend die Gold-Medaillen ausgehändigt werden. Von diesem Verband, der permanent von Geldnöten geplagt wird und sich in einem Dauer-Kampf gegen die Entwertung des Bob-Sportes befindet, kann realistischerweise kein grosser Support in diesem geradezu grotesken Vorgang erwartet werden.