Archiv für den Monat April 2019

Sonderbares um das Strafverfahren gegen Felix Sturm

(causasportnews / red. / 14. April 2014) Eigenartige Vorkommnisse gibt es immer wieder im Zusammenhang mit dem Boxsport festzustellen. Sonderbares ist nun auch im Zusammenhang mit der Anklage sowie der Verfahrenszulassung gegen den Boxer Felix Sturm zu vermelden. Auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft hin hat das Oberlandesgericht Köln entschieden (Beschluss vom 4. April 2019; Az. 2 Ws 122/19), dass ein hinreichender Tatverdacht gegen den Boxer bestehe, sich der vorsätzlichen Körperverletzung (§ 223 Strafgesetzbuch, StGB) schuldig gemacht zu haben, wobei selbstverständlich die Unschuldsvermutung bestehe; ein Verstoss gegen das Anti-Doping-Gesetz erblickt das Oberlandesgericht nicht. Die zuständige Strafkammer am Landgericht Köln hat im Januar die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt, dies mit der (gemessen am nun bekanntgegebenen Beschluss gegenteiligen) Begründung, es bestehe kein hinreichender Tatverdacht (vgl. causasportnews vom 29. Januar 2019). Das Verfahren gegen Felix Sturm soll nun von einer anderen Strafkammer des Landgerichts eröffnet und geführt werden. Dass sich die Öffentlichkeit bei derartig konträren Meinungen von Gerichtsinstanzen einigermassen verwundert die Augen reibt, ist verständlich. Die nun korrigierte Entscheidung des Landgerichts vom Januar mutet zumindest speziell an.

Der Boxer wurde nach einem Kampf im Jahr 2016 positiv auf die Verwendung des auf der Dopingliste figurierenden Mittels Stanozolol getestet. Es stellt sich nun im bevorstehenden Verfahren am Landgericht Köln die zentrale Frage, ob (als Rechtfertigungsgrund im Boxsport) bei solchen Konstellationen mit der Kampfaufnahme eine Einwilligung des Gegners zu erblicken sei. Ein Boxer willigt mit der Teilnahme am Kampf – zumindest konkludent – darin ein, im Verlaufe des Kampfes unter Umständen nach Schlägen verletzt zu werden. Diese sog. Einwilligung des Verletzten in schädigende Handlungen erstreckt sich nach allgemeiner Rechtsauffassung nur auf solche Verletzungen, die bei regelkonformem Verhalten des Gegners üblich und zu erwarten sind. Mit der Aufnahme des Kampfes willigt ein Gegner zweifelsfrei nicht ein, sich mit einem gedopten Kontrahenten im wahrsten Sinne des Wortes herumschlagen zu müssen. Doping gilt als schwere Missachtung anerkannter Sportregeln und der sportlichen Fairness. Das Gericht wird sich in rechtlicher Hinsicht nun vor allem mit dieser strafrechtlich vordergründigen Einwilligungsproblematik auseinander zu setzen haben (vgl. zur ganzen Thematik um die „Causa Sturm“ auch den Aufsatz von Dr. Niklas Korff, Hamburg, Keine Einwilligung bei Körperverletzungen durch gedopte Kampf-Sportler, in: „Causa Sport“ 1/2019, 45 ff.).

Aufgeschobener „Brexit“-Austritt – (noch) keine Folgen für den organisierten Sport

(causasportnews / red. / 11. April 2019) Vorderhand wird es definitiv nichts mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU), dem sog. „Brexit“, der nun morgen Freitag hätte erfolgen sollen (ursprünglich am 29. März 2019; vgl. auch causasportnews vom 24. Juni 2016 und vom 1. Juli 2016). Vielleicht wird er demnächst vollzogen, vielleicht etwas später – oder eventuell überhaupt nicht. Die 27 verbleibenden EU-Staaten haben den Briten jedenfalls eine erneute „Fristerstreckung“ im Rahmen der „Brexit“-Verhandlungen für einen geordneten Austritt aus der EU eingeräumt. Im Moment ist unklar, wann der Fristablauf erfolgen soll.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn es den pro-europäischen Briten gelingen würde, das an sich klare Volksverdikt für einen EU-Austritt auf der Insel doch noch irgendwie ins Gegenteil zu drehen. Das Parlament exerziert dies seit Wochen vor und verhindert jede „Deal“-Lösung für einen geordneten “Brexit“. Ein Austritt des Königreichs aus der EU ist deshalb im Moment ungewisser denn je. Falls es dennoch zu einem „Brexit“ kommen sollte, hat dieser selbstverständlich weitreichende Folgen, auch bezüglich des organisierten Sportes. Würde die Freizügigkeit dahinfallen, könnte davon etwa der von ausländischen „Legionären“ dominierte Professional-Fussball in England massiv tangiert werden. Die Verpflichtung von ausländischen Spielern durch Clubs der finanzstärksten Liga der Welt („Premier League“) wäre problembehaftet. Dies zeigen in einem Aufsatz in der neusten Ausgabe der Sport-Fachzeitschrift „Causa Sport“ die Sportrechtlerin Rechtsanwältin Annett Rombach sowie die spezialisierten Juristen Dr. André Soldner und Michael Gastell auf (vgl. die aktuelle Ausgabe von „Causa Sport“ 1/2019, 3 ff., Die Auswirkungen des „Brexit“ auf den Spielermarkt der Premier League – http://www.causasport.org).

Amtlich bestätigt: „E-Sport“ ist kein Sport

(causasportnews / red. / 7. April 2019) Zu den Kernfragen des Sportes zählt diejenige nach den Eigenschaften, welche den Sport ausmachen. Oder anders gefragt: Was ist unter den Begriff „Sport“, zu subsumieren? Eine derzeitige sog. Mainstream-Sportart scheint es jedenfalls nicht zu sein, obwohl sie den Terminus „Sport“ in der Bezeichnung trägt: „E-Sport“ – elektronischer Sport genannt, der Wettkampf zwischen Menschen mit Nutzung von Computern. Obwohl dieses Phänomen im Sportbereich derzeit für grosse Aufregung und Betriebsamkeit sorgt (jeder Sportverband möchte in dieser Disziplin mitwirken und den Boom keinesfalls verpassen), hat die Branche soeben einen argen Dämpfer erlitten, bzw. ist es nun sogar amtlich bestätigt: „E-Sport“ ist kein Sport im Sinne der gängigen Sport-Definitionen (vgl. etwa Urs Scherrer/Remus Muresan/Kai Ludwig, Sportrecht – eine Begriffserläuterung, 3. Aufl., 2014, 299 f.), obwohl der Themenkomplex auch in den Sport-Fachmedien abgehandelt wird (vgl. etwa Causa Sport 2/2017, 119 ff. und 2/2018, 153 ff.). So verlautete soeben aus dem Schweizerischen Bundesamt für Sport, „E-Sport“ sei kein Sport, sondern eine Spielkultur. Es gäbe etwa „keine Primärerfahrungen in direktem Kontakt mit Mitmenschen und der Umwelt“, verlautete aus dem Bundesamt, welches im Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) für den Departementsbereich Sport zuständig ist. Bei den „E-Sport“-Aktivitäten spiele sich das Geschehen im virtuellen Raum ab, und der „E-Sport“ trage nicht zu Sport- und Bewegungsaktivitäten der Menschen bei, verlautete aus Magglingen, dem Sitz des Bundesamtes mit relativ grossem Einfluss in der Sportwelt. Mit dieser amtlich besiegelten Einschätzung ist wohl jede staatliche Förderung von „E-Sport“-Aktivitäten im Rahmen des Sportes vom Tisch. Obwohl „E-Sport“ dem Zeitgeist entspricht und Massen bewegt, werden die Sportverbände und –organisationen Mühe bekunden, den „E-Sport“ weiterhin als sportliche Aktivität zu qualifizieren und diese Akteure an sich zu binden.

DFB-Präsidium: Zwei Frauen soll(t)en es richten

(causasportnews / red. / 4. April 2019) Zuletzt ging es ganz schnell und war wohl entsprechend eingetütet: Am letzten Wochenende blies das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zum Halali auf den Präsidenten des grössten deutschen Sportfachverbandes der Welt, des Deutschen Fussball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel. Unter der Überschrift „Präsident Peinlich“ wurde der ungeliebte, ehemalige CDU-Politiker als tapsiger Stolperer mit ethischem Fehlverhalten in wirtschaftlichen und verbandspolitischen Belangen abqualifiziert – ausgerechnet von diesem Magazin, das seit der kürzlich aufgeflogenen Affäre um den Geschichten-Erfinder in den eigenen Reihen (Claas Relotius) eh jeden Glaubwürdigkeits-Kredit verspielt hat. Wie dem auch sei – und Glaubwürdigkeit ist zwischenzeitlich auch bei den Medien nicht mehr das höchste Gut: Der mediale Fangschuss sass, und nach der „Spiegel“-Geschichte stimmte der gesamte Medienchor in den Abgesang auf den Präsidenten auf Schlingerkurs ein. Anfangs dieser Woche hiess es dann fertig lustig mit dem schönen, einträglichen Funktionärs-Leben für den DFB-Vorsitzenden. Er trat unter dem flächendeckenden, medialen Sperrfeuer von seinem lukrativen Amt zurück.

Einen ungeliebten Fussball-Funktionär abzuschiessen ist eine Sache. Die andere ist die, wer nun den gefallenen Top-Funktionär ersetzen soll. Diesbezüglich sind derzeit allerdings auch die Medien, welche den DFB-Oberen zu Fall gebracht haben, ziemlich ratlos. Ihre Auslegeordnung mit Blick auf mögliche Kandidaten für das DFB-Präsidium fällt derzeit jedenfalls relativ kümmerlich aus. Die aktuellen Vizepräsidenten Rainer Koch und Ronny Zimmermann wollen beispielsweise nicht, ein weiterer Star-Funktionär, der weit über 70jährige Jurist Reinhard Rauball, ist für dieses Funktionärsamt schlicht zu alt und hat überdies just in diesen Tagen als Vertreter der Deutschen Fussball Liga GmbH vor dem Deutschen Bundesverwaltungsgericht in der Sache „Kosten bei Hochrisiko-Veranstaltungen“ eine gewaltige, juristische Ohrfeige kassiert. Genannt werden noch etwa der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer, der seit Jahren mit dem in Sachen Integrität einigermassen angeschlagenen Bayern-Präsidenten Uli Hoeness im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG sitzt und auch allgemein keine valable Option sein kann, der eher unauffällige, ehemalige Professional-Spieler Christoph Metzelder und der als deutscher Innenminister bis 2018 eher glücklos agierende Thomas de Maizière. In der Tat keine berauschende Kandidatenliste. Die Situation wird auch nicht entscheidend verbessert durch die in diesem Zusammenhang genannte Grüne mit meistens markant rotem Haar, Claudia Roth. Es scheint allerdings, dass nun ganz klar auf die „Karte Frau“ gesetzt werden soll. Und diesbezüglich scheint es nur eine Lösung zu geben: Ein Co-Präsidium mit Sahra Wagenknecht (auf der linken) und Alice Weidel (auf der rechten Seite); beide Frauen bestechen selbstverständlich lediglich durch ihre Überzeugungskraft, was sowohl im Sport- als auch im politischen Funktionärswesen ein unübertreffliches „Asset“ bildet. Das würde also passen, zumal auch das Sport-Funktionärswesen als dialektischer Prozess gilt. Die Wahrheit würde dann wohl in der konsensfähigen Mitte liegen. Immerhin, so etwa die „Zeit“, ist das DFB-Präsidium fast so wichtig wie die Funktion der (derzeitigen) Bundeskanzlerin.

Nassim Ben Khalifa erzwingt Reintegration in den Trainingsbetrieb

(causasportnews / red. / 3. April) Dem aussortierten Fussballspieler Nassim Ben Khalifa ist es gelungen, die Reintegration in den Abschluss-Trainingsbetrieb des FC St. Gallen gerichtlich zu erwirken: Das Kreisgericht St. Gallen hat ein entsprechendes Begehren des Spielers gutgeheissen und vorsorglich (nach Anhörung beider Parteien) den Verein und die verantwortlichen Organe angewiesen, den Fussballspieler vollumfänglich zu den klubinternen Trainings zuzulassen. Die Begründung des St. Galler Einzelrichters ist stringent und nachvollziehbar – und erinnert an einen Fall aus dem Jahr 2014 (Causa Sport 4/2014, 387 ff.), als der damalige Spieler des Grasshopper Club Zürich, Veroljub Salatic, die Zulassung zum Trainingsbetrieb gerichtlich erzwang (Urteil des Bezirksgerichts Dielsdorf vom 20. Oktober 2014; ET140003-D). Die beiden Vorgänge weisen gewisse faktische und rechtliche Parallelen auf; und sinnigerweise wird Nassim Ben Khalifa vom selben Anwalt vertreten wie damals der in Ungnade gefallene Grasshopper-Spieler, nämlich vom Zürcher Sportrechtsspezialisten Kai Ludwig. In der Begründung setzt sich das Gericht mit dem grundsätzlich gegebenen Beschäftigungsanspruch eines Fussballspielers auseinander, sieht jedoch den Grund für die vorsorglich angeordnete Integration in den Trainingsbetrieb konkret in der Ungleichbehandlung des Gesuchstellers mit den anderen Spielern des FC St. Gallen durch den dauerhaften Ausschluss von den Abschlusstrainings. Hierin erblickt das Gericht eine Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers bzw. der Persönlichkeit des Spielers, was in Anbetracht des bis Mitte 2020 befristeten Arbeitsvertrages von einer gewissen Tragweite sei.

Der Entscheid aus St. Gallen Entscheid vom 1. April 2019 hat vor allem die Welt des organisierten Fussballs in der Schweiz aufgeschreckt. Sog. „Experten“ malten im Nachgang zur richterlichen Anordnung düstere Bilder. Zu Unrecht. An sich ist die Entscheidung in Anbetracht der Fakten, welche der Verein gesetzt hat, durchaus nachvollziehbar, und die nüchterne und sachliche Beurteilung des Vorgangs unter arbeitsrechtlichen Gesichtspunkten lässt die Folgen und die Bedeutung des richterlichen Entscheids einigermassen relativiert erscheinen.

Schuld war nur der 1. April…

(causasportnews / red. / err. / 2. April 2019) Es ist zweifelsfrei nicht mehr ganz einfach, die Mitmenschen in der heutigen Zeit von Desinformationen, Fake News und Oberflächlichkeiten in den 1. April zu schicken. Oder der Scherz muss ausserordentlich (gut) sein. Zumindest letzteres Kriterium scheint „causasportnews“ nicht erfüllt zu haben: Die Meldung, dass Exponenten der Betriebsgesellschaft FC Zürich AG der Führung des Grasshopper Clubs Zürich ein Übernahmeangebot unterbreitet hätten („causasportnews“ vom 1. April 2019), wurde zwar verschiedentlich zur Kenntnis genommen, blieb aber ohne grosse Resonanz. Vielleicht lag die „causasportnews“-Redaktion näher an der Realität, als dass eine solche Meldung als 1. April-Scherz hätte entlarvt werden können. Lediglich ein Leser verlangte telefonisch nähere Informationen zum angekündigten Übernahmevorgang.

Sorry, liebe Leserinnen und Leser, der Scherz hätte es selbstverständlich verdient, Realität zu werden, meint der selbstverständlich befangene Schreibende, ehemaliger Vizepräsident des FC Zürich.

Nach fünf Jahren endlich Olympia-Gold!

(causasportnews / red. / 1. April 2019) Nicht einmal insgesamt vier Minuten war der Schweizer Zweierbob mit Beat Hefti und Alex Baumann anlässlich der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi unterwegs. Lange sah es danach aus, als hätte das Team Hefti/Baumann die olympische Silbermedaille gewonnen. Doch nun, nach etwas mehr als fünf Jahren, ist es definitiv, dass nicht die in ihrem Heimrennen schnellsten von 2014, die Russen Alexander Subkow / Alexej Wojewoda, als Goldmedaillen-Gewinner in die Olympia-Annalen eingehen werden, sondern eben die beiden Schweizer. Nach langem Hin und Her und einer üblen Dopinggeschichte ist klar, wer sich als Bob-Olympiasieger feiern lassen darf (vgl. auch causasportnews vom 7. Januar 2019): Die Schweizer, die sich nun endlich offiziell Zweierbob-Olympiasieger nennen dürfen, wie das Internationale Olympische Komitee (IOK) soeben verlauten liess. Zweifelsfrei wird den beiden Athleten auch je eine Goldmedaille ausgehändigt; ob es diejenigen sein werden, deren Rückgabe von den Russen lange verweigert wurde, ist allerdings zur Zeit unklar.

Wie dem auch sei: Die Gerechtigkeit hat gesiegt, und der olympische Sport verfügt über ein Unikum mehr. Es kann durchaus Jahre dauern, bis die Sieger einer nicht einmal vierminütigen Fahrt im Bobrun definitiv feststehen. Im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele von Sotschi hat die Korrektur an der Spitze des Bob-Klassements keine Auswirkungen: Auch nach dem Gewinn einer zusätzlichen Goldmedaille im Zweiter-Bob bleibt die Schweiz mit sieben Mal Edelmetall auf dem siebten Platz – knapp hinter Deutschland (mit acht Goldmedaillen).