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„Adidas“ im Klassenkampf

© Ged Carroll

(causasportnews / red. / 30. März 2019) Manchmal wünschte man, die Neuigkeiten zum „Corona“-Virus wären nur böse Träume. Es existieren aber auch Meldungen, von denen man sagen möchte, sie würden einem Irrtum entspringen. Als eine Information mit dem Inhalt „Adidas setzt Mietzahlungen aus“ die Runde machte, hätte man diese gerne als „Fake News“ abgetan. Dem ist leider nicht so. Der deutsche Sportartikel-Multi macht auf besondere Art und Weise Schlagzeilen und öffnet ein Fass, das zweifellos Nachahmer finden wird. Und gerade „Adidas“! Die Top-Unternehmung aus dem deutschen Herzogenaurach ist eine „Cashcow“ und gehört zu den etablierten Sportartikelkonzernen. Und nun das: Das fränkische Unternehmen hat bestätigt, Mietzinszahlungen für seine Verkaufsläden in aller Welt „aussetzen“ zu wollen. Wegen geschlossener Shops und eingebrochener Verkäufe. Also keine (geschuldeten!) Gelder mehr für Vermieter von Ladenlokalitäten, welche letztlich an der Schliessung der Einzelhandelsgeschäfte wegen „Corona“ sowenig Schuld tragen wie „Adidas“. Der Schritt der Deutschen wird Nachahmer finden. Und früher oder später dürfte ein juristisches, mietrechtliches „Hauen und Stechen“ einsetzen – eine Disziplin, für die „Adidas“ mit unbestrittenem Innovations-Flair wohl auch noch das geeignete Wettkampf-Outfit kreieren wird. Das Verhalten des Sportartikelkonzerns ist, gewollt oder ungewollt, ein Mittel des „Klassenkampfes“, der in der „Corona“-Krise anders als üblich ausgefochten wird. Zum Beispiel eben im Mietrecht (die weitere juristische Stammdisziplin im modernen „Klassenkampf“ bildet bekanntlich das Arbeitsrecht). Weshalb aber gerade „Adidas“ – die Unternehmung, die eher der kapitalistischen denn der proletarischen Seite zuzurechnen ist? Wahrscheinlich haben zwischenzeitlich zu viele Repräsentanten des Salon-Kommunismus in der Konzernspitze im idyllischen Herzogenaurach Einsitz genommen. Oder sind es nur pure Egoisten? Oder die Mietzins-Weigerung basiert auf einem verquerten Rechtsverständnis. Auch die Liegenschaften-Vermieter tragen schliesslich keine Schuld an der Verbreitung des „Virus“. An sich bekämpfen mit dieser Massnahme Unternehmens- die Wohn- und Geschäftsraum-Kapitalisten. Auch diese Krise frisst ihre Kinder. Degoutant ist die Massnahme alleweil. Vermieter haben ebenfalls ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen. Sie sitzen aber wohl, nach Auffassung des auch nicht gerade „armen“ „Adidas“-Konzerns, auf prall gefüllten Kassen und können sich die Ertragsausfälle leisten. Was „Adidas“ nun vorlebt, nennt sich letztlich offenbar gegenseitige Solidarität, die in dieser Krisenzeit rundherum allgemein beschworen wird. Die sportlichen Unternehmer aus Bayern haben aber gleichzeitig bekanntgegeben, dass das Management des Konzerns (teils) auf Gehaltszahlungen verzichtet; den Ideen, um das offensichtlich egoistische Gewissen zu beruhigen, scheinen in dieser Krisenzeit kaum Grenzen gesetzt. „Schaun mer mal“, würde Franz Beckenbauer, seit Jahren ein bekennender „Adidas“-Freund und zwischenzeitlich aus bekannten Gründen abgetaucht, sagen („Adidas“ ist zudem u.a. mit dem FC Bayern München stark verbandelt, getreu dem Solidaritäts-Motto: „Mia san mia“). Das Positive an dieser Geschichte: Zum Glück kann das Publikum auch auf andere Marken im hart umkämpften Sportartikel-Markt ausweichen, wenn die „Corona“-Krise dereinst überstanden sein wird.

Uli Hoeness: Das war es dann doch

(causasportnews / red. / 5. November) Umbruch auf und neben dem Platz. So präsentiert sich die Lage derzeit beim FC Bayern München, einem der erfolgreichsten Fussballklubs der Welt. Die soeben vorgenommene Trainerentlassung ist eine Folge der derzeitigen Baisse, in der die erste Mannschaft steckt. Es gibt eine Fülle von Gründen, weshalb es beim Rekordmeister derzeit nicht „rund“ läuft. Jedenfalls wird sich der Klub sportlich neu aufstellen müssen, um an die Erfolg früherer Jahre anzuknüpfen. Irgendwie herrscht das Gefühl vor, dass dem FC Bayern der Sprung in Zukunft noch nicht gelungen ist. Die Sphäre, in der sich der Verein sieht, hat sich jedenfalls massiv verändert; das Fussballgeschäft in diesen Bereichen ist zumindest globaler geworden und hat sich an den Gepflogenheiten von Hochrisikogeschäften zu orientieren. „Mia san mia“ als Schlagwort ist nur noch ein Relikt vergangener Zeiten und eignet sich höchstens noch für kollektive, mentale Aufbauarbeit am Münchner Oktoberfest. Veränderungen tun not, soll der Klub auch international wieder auf Vordermann gebracht werden – auch in der Chefetage von Bayern München. Wenn Uli Hoeness in zehn Tagen als jahrzehntelanger, unumstösslicher Klub-Patriarch und Ligafürst abtreten wird, geht auch eine Fussball-Ära zu Ende. „Dieser Typ von Funktionär hat sich überholt“, sagte der Fussball-Insider und Journalist Thomas Kistner kürzlich an einem Symposium. Man muss im recht geben. Fussball gehört in der Sphäre, in der die Münchner mittun wollen, zu den grössten Unterhaltungssegementen der Welt. In einem stark gewandelten Markt mischen heute spezielle Investoren und Sponsoren aus dem arabischen und chinesischen Raum mit und machen den Fussball zum hochriskanten Geschäft. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat es gezeigt, als er mit „schrägen“ Investoren einen Vermarktungsdeal abschliessen wollte und wenigstens noch intern gebremst werden konnte. Hier hat „Mia san mia“ nur noch regionale und folkloristische Bedeutung. Der Fussball hat sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren (zu) stark gewandelt. Und auch die konventionellen TV-Vermarktungsmodelle, auf dem der kommerzielle Fussball immer noch massgeblich aufbaut, gehören allmählich in die Geschichtsbücher. Diese Entwicklungen haben auch die Verbände FIFA, UEFA sowie die bedeutenden nationalen Verbände noch nicht verstanden. Wie sollten sie auch; dort herrscht immer noch klassisches Funktionärswesen. So, wie bis jetzt bei Bayern München – noch für einige Tage mit dem Klubfürsten Uli Hoeness an der Spitze. Dieser Typ von Funktionär hat ausgedient. Ein Fussballklub ist kein „Baby“ oder ein „Spielzeug“ von Funktionären oder Funktionärskasten mehr. Nur modern aufgestellte Unternehmen können überleben und wirtschaftlich und sportlich reüssieren. Uli Hoeness hat vor dem Antritt seiner Haftstrafe erklärt, er komme zurück und wörtlich; „Das war es noch nicht“. Loslassen sieht anders aus. Doch das war es in der Tat. In jenem Moment war seine Zeit abgelaufen, als er auch den Widerstand in den eigenen Reihen zu spüren bekam und sich zwischendurch auch vehement mit Fans und Klubmitgliedern anzulegen begann. Uli Hoeness hat Gigantisches für den Fussball geleistet, hat alle Titel gewonnen und als junger Manager nach frühem Karrierenende den FC Bayern aus den roten Zahlen geführt und ihn allmählich zum Liga-Krösus gemacht. Er hätte nach Verbüssung seiner Haftstrafe nicht mehr an die Säbener Strasse in München zurückkehren dürfen; als Funktionär und Sport-Manager hat er selbstverständlich nicht alles falsch gemacht – aber auch nicht alles richtig. Doch das war eben Uli Hoeness, der nach verletzungsbedingtem Abbruch seiner Karriere als Fussballspieler mit Bayern München das Unmögliche möglich machte. Wer einen Flugzeugabsturz überlebt, fühlt sich vielleicht für den Rest des Lebens immer ein wenig unsterblich. Das ist unter Umständen auch die Welt der „Gambler“ und „Zocker“, der sich Uli Hoeness offensichtlich stets verbunden fühlte, auch wenn es um Fussball-Politik ging („Affäre Daum“). Erst allmählich wurde dem heute 68jährigen Top-Manager bewusst, dass seine Zeit abgelaufen war. Die Ära Uli Hoeness wird auch nach seinem Abgang als Klubpräsident und Vorstandsvorsitzender allerdings noch nachwirken. Der ehemalig „Adidas“-Manager und designierte Bayern-Chef Herbert Hainer hat mit Aussagen, wie, „Ich möchte Präsident von allen sein“, bewiesen, dass er von den modernen Entwicklungen im Fussball nicht viel mitbekommen hat; dass „Adidas“ im Fussball im Laufe der Jahrzehnte nicht nur für Glanzlichter sorgte, ist noch ein anderes Kapitel. Bis der moderne FC Bayern München in der Moderne angekommen ist, braucht es vielleicht noch etwas mehr Zeit.

Aufarbeitung der Geschichte des FC Bayern München

(causasportnews / red. / pd. / 27. August 2019) Die Zeitschrift gehört zu den „Bijous“ der Fach-Publizistik und wartet aktuell nach einer dreijährigen Pause mit einer bemerkenswerten Nummer auf: Die Zeitschrift „STADION“, herausgegeben vom „Academia Verlag“, einer Unternehmenseinheit des zur Beck-Verlagsgruppe gehörenden, renommierten Wissenschaftsverlags „Nomos“ in Baden-Baden. In der neuen Ausgabe sticht ein sport-historischer Beitrag des Mit-Herausgebers Dr. Markwart Herzog heraus. Der Wissenschafter befasst sich in seinem Aufsatz „Der FC Bayern München im ‚Dritten Reich‘. Ein Beitrag zur Geschichtspolitik des deutschen Rekordmeisters“ mit der Grundthematik der Stellung des deutschen Rekordmeisters im „Dritten Reich“. Hinterfragt wird dabei die bis anhin herrschende Meinung zum FC Bayern München, der Verein sei ein „Opfer“ des Nationalsozialismus gewesen und habe eine entsprechende „Heldengeschichte“ geschrieben – nicht nur sporthistorisch, sondern auch medien- gesellschaftlich und kulturhistorisch eine „interessante“ Betrachtungsweise. Die bisherige Geschichte des Vereins in der Zeit des Nationalsozialismus habe sich bisher auf Chroniken, Festschriften und Zeitzeugen gestützt; Archivrecherchen seien jedoch bis dato unterblieben, kommt der Autor zum Schluss. Der über Jahrzehnte hinweg festgeschriebene Mythos habe vereinsintern jedenfalls eine starke gemeinschaftsbildende und sinnstiftende Kraft entfaltet. In der Realität sei die Rolle des Vereins als „Opfer“ des Nationalsozialismus zu relativieren. Tatsache ist etwa, dass der damalige Präsident jüdischer Herkunft, Kurt Landauer, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zurückgetreten und schliesslich im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen sei. Von dort floh der Ex-Präsident in die Schweiz. Von 1938 bis 1942 war ein Nationalsozialist Präsident des Klubs: Josef Kellner, eingeschriebenes Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der unter anderem im besetzten Sudetenland als Landrat tätig war. Über die sportliche und politische Rolle dieses Vereins-Präsidenten berichtete kürzlich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (34/2019, 17. August 2019, 122 f.). Der Beitrag basiert auf dem Aufsatz von Markwart Herzog in „STADION“. Das Forschungsresultat aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift trägt dank präsentierter Faktenlage einiges zu einem authentischen, realen Geschichtsverständnis rund um den FC Bayern München bei. Dazu vermeldet der „Spiegel“ in der genannten Nummer unter dem Titel „Penibler Tyrann“ genüsslich: „Der FC Bayern München sieht sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus. Neue Dokumente belegen nun, dass ein früherer Präsident ein einflussreicher Nazi war.“. Im Auftrag des Vereins arbeitet derzeit das Institut für Zeitgeschichte in München die Geschichte des Klubs im Nationalsozialismus auf.