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Vom „Baur au Lac“ in die Untersuchungsmühlen

(causasportnewsd / red. / 10. Januar 2020) Das Luxus-Hotel „Baur au Lac“ zählt zu den nobelsten Adressen der Stadt Zürich. In diesem Hotel pflegten u.a. die Top-Fussballfunktionäre zu wohnen, falls sie in der Limmatstadt i.S. Weltfussball unterwegs waren (der Sitz des Weltfussballverbandes FIFA befindet sich ebenfalls in Zürich). Das war bis 2015 so; dann ereignete sich eine Wende, die alles andere als nobel zu bezeichnen war: Das Hotel an bester Lage am Zürichsee geriet weltweit in die Schlagzeilen, und entsprechende Bilder gingen um die Welt, als die Schweizer Behörden auf Ersuchen der Amerikaner in einer spektakulären, medial orchestrierten Aktion in den frühen Morgenstunden des 27. Mai 2015 sechs Fussball-Funktionäre im „Baur au Lac“ aus den Betten holten und abführten. Bis heute wirkt dieses Ereignis nachhaltig. Für die Schweiz und das Nobel-Hotel bedeutete diese Vorgehensweise allerdings ein bis heute nachwirkender Reputationsschaden. Für die Verhafteten war der Tapetenwechsel vom Hotel „Baur au Lac“ ins Untersuchungsgefängnis ein Schock; die Funktionäre waren sich sehr sicher und hätten nie daran gedacht, dass die internationale Rechtshilfe in Strafsachen in der als „sicher“ geltenden Schweiz derartige Folgen zeitigen könnte.

Gegen zwei der damals verhafteten Funktionäre, Nicolas Leoz (Paraguay) und Eduardo Deluca (Argentinien), sind die im Nachgang zu den Verhaftungen angehobenen Strafverfahren beendet, bzw. abgeschlossen worden. Der 91jährige Paraguyaner verstarb im letzten Jahr, und gegen den 80 Jahre alten Argentinier wurde im Dezember des vergangenen Jahres ein noch nicht rechtskräftiger Strafbefehl erlassen. Der Tatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung wurde als erfüllt angesehen. Beide ehemaligen Fussballfunktionäre hatten nach Auffassung der Schweizer Behörden Gelder des Fussballverbandes von Südamerika abgezweigt. Eduardo Deluca wurde mit einer bedingten Geldstrafe von 36‘000 Franken und einer Busse von 5‘000 belegt. 16,4 Millionen Franken werden an den Verband zurückbezahlt; die Gelder sind von den Behörden auf Konten der beiden Funktionäre bei den Schweizer Banken Credit Suisse und Julius Bär beschlagnahmt worden.

Heben (lassen) und nehmen – mehr als ein Skandal in der Schwerathletik

(causasportnews / red. / 6. Januar 2010). Wenn der deutsche Journalist und Autor Hans-Joachim Seppelt an die Öffentlichkeit tritt, ist zumindest Authentizität garantiert – anders etwa, als wenn die selbsternannten „Qualitätsjournalisten“, wie etwa des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, mit ellenlangen Berichten aufwarten, die sich ab und zu auch als Fake-Reportagen erweisen können (siehe z.B. der „Fall Relotius“). Der 57 Jahre alte Berliner hat natürlich auch die Vorteile der Visualität auf seiner Seite; (ungeschminkte) Bilder „lügen“ jedenfalls eher nicht. Wie am Sonntagabend im deutschen, öffentlich-rechtlichen Sender ARD, als Hans-Joachim Seppelt und Kollegen mit brisanten Neuigkeiten aus der organisierten Sportwelt aufwarteten. „Geheimsache Doping – der Herr der Heber“, wurde die ARD-Doku betitelt. Im Fokus der erschütternden Enthüllungen stand der Präsident des Internationalen Gewichtheber-Verbandes (International Weightlifting Federation, IWF), Tamás Aján, ein Ungare; zufälligerweise hat dieser Weltverband seinen Sitz in Budapest. Nach den ARD-Recherchen könnte man das lapidare Fazit ziehen: Dieser Weltverband ist mehr als nur ein „Sauladen“, in dem Sportbetrügereien gedeckt werden, ein gigantisches, weltumspannendes Doping-Netzwerk (sogar „Kinder-Doping“!) betrieben wird, Verbandsgelder versickern, bestochen und Vetternwirtschaft betrieben wird und der Präsident seine treuen Vasallen um sich schart. Im Fokus steht dabei der über 80jährige Top-Funktionär dieser Kraftsport-Gilde, eben der „Herr der Heber“, der den Weltverband in einer patriarchalischen Form führt und beherrscht, wie man es heute kaum mehr für möglich halten würde (für ihn und andere Verbandsprotagonisten gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung). Offensichtlich ist die Sportart, über deren Sinn durchaus auch eine Debatte geführt werden könnte, prädestiniert für derartiges Tun. Eigenartig mutet allerdings der Umstand an, dass sich bspw. das Internationale Olympische Komitee (IOK) mit dem (Deutschen) Präsidenten Thomas Bach an der Spitze einen Deut um die frivole Welt der Gewichtheber/innn schert. Im Gegenteil: Munter sprudeln die Gelder des Olympischen Sportes, insbesondere aus der Rechteverwertung, in Millionenhöhe auch in die Kassen der Heber – oder sollten es zumindest. Indessen wurden Belege präsentiert, dass Zahlungen etwa auf Konten der Schweizer Grossbank UBS in Zürich, die 2008 mit Staatsgeldern vor dem Kollaps bewahrt werden musste und sich stark im Sport-Sponsoring engagiert, verschoben wurden; diese Konten bildeten aber dann eher keinen Bestanteil der Verbandsbuchhaltung. Eigentlich ein sonderbarer Umstand, dass solche Aktivitäten aus Bankensicht „compliance-konform“ sein sollen – ein eigenartiges Geschäftsgebaren ist dies alleweil. Geradezu erschüttert zeigte sich der Basler Strafrechtsprofessor und Anti-Korruptionsexperte Mark Pieth ob der Vorgänge im Weltverband. Er hat für die ARD einen strafrechtlichen Befund verfasst und sieht in den Aktivitäten des IWF-Präsidenten und seiner Entourage sogar ein dreisteres Vorgehen als etwa (wohl vor einigen Jahren) im Weltfussballverband FIFA. Er macht einen Anfangsverdacht mit Blick auf zahlreiche Delikte aus, wie Falschbeurkundung, ungetreue Geschäftsbesorgung und Veruntreuung. Gemäss seiner Einschätzung müssten zumindest auch die Schweizer Strafverfolgungsbehörden tätig werden (der Schweizer Verband als Mitglied der IWF hat den Sitz in Basel, die IWF gehört zudem dem Olympischen Sport an, der von Lausanne aus organisiert und dirigiert wird, der IWF-Präsident ist überdies Ehrenmitglied der Olympioniken!). Da Offizialdelikte im Raum stehen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Verbandsfunktionärs-erprobten Schweizer Strafverfolgungsbehörden zuschlagen…Affaire à suivre also.