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Ein (nicht) ganz gewöhnliches Fussballspiel

Deutschland – Schweiz, Stuttgart, 22. November 1950 © Deutscher Fussball Bund

(causasportnews / red. / 14. Oktober 2020) Es war an sich ein ganz gewöhnliches Fussballspiel – aber doch nicht ganz. In Köln standen sich am gestrigen 13. Oktober die Nationalteams Deutschlands und der Schweiz gegenüber. Allerdings «nur» in einem Freundschaftsspiel, das es in der konventionellen Form nicht mehr gibt. Heute werden auch Freundschaftsspiele «formatiert», d.h., es geht bei diesen Spielen um ein bisschen etwas – mehr also nur um die Ehre oder um Tests, wie das bis vor kurzer Zeit bei Freundschaftsspielen üblich war. Der Wettbewerb, bzw. das «Format», heisst heute «Nations League», und der Zufall will es, dass in der selben Spielgruppe Deutschland und die Schweiz gegeneinander anzutreten haben. Nicht, weil Deutschland selbstverständlich über das stärkere Nationalteam verfügt als die Eisgenossen, ist ein Match der Deutschen gegen die Schweizer immer etwas Besonderes. Der Hintergrund ist trotz der Apolitizität des (Fussball-)Sportes ein politischer. Die Schweiz und Deutschland sind Nachbarn, und immerhin leben und arbeiten geschätzte eine Million Deutsche, teils in den letzten Jahren eingebürgert, in der Schweiz. Von den Deutschen lassen sich die Schweizer je länger desto mehr die Welt erklären; die «Neue Zürcher Zeitung» hat sich zwischenzeitlich zum Publikationsorgan der Deutschen in der Schweiz gemausert. Selbstverständlich leben Schweizer und Deutsche in der Schweiz friedlich zusammen – und mögen sich recht gut, auch wenn der Schweizer seine Komplexe gegenüber dem Deutschen noch immer nicht vollständig abgelegt hat. In fussballerisch-politischer Hinsicht ist es als speziell zu werten, dass nach dem 2. Weltkrieg die Schweiz 1950 als erstes Land auf der Welt den deutschen Fussballern die Hand zur Versöhnung gereicht hat, was im ersten Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und der Schweiz in Stuttgart sportlich besiegelt wurde. Auch wenn jenes Fussballspiel für die Schweiz verloren ging (1:0), bleibt diese Geste des Friedens seitens der Schweiz fünf Jahre nach Kriegsende offenbar für immer präsent. Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hat jenes Freundschaftsspiel bis heute nicht vergessen. Eine schöne Erinnerungen an die Schweiz bildet aber auch der Weltmeistertitel, den sich die Deutschen in der Schweizer Bundeshauptstadt 1954 überraschend und sensationell erspielt hatten – neun Jahre nach dem Ende des Krieges, der für Deutschland desaströs und mit einer Total-Niederlage geendet hatte. Somit war das gestrige Spiel in Köln, das 3:3 ausging, eben mehr als nur ein Freundschaftsspiel. Trotz zweimaligem Rückstand erkämpfte sich die Mannschaft von WM-Trainer Joachim Löw einen für Deutschland wichtigen Punkt in der Gruppe mit den weiteren Mannschaften Spaniens und der Ukraine. Weil Spanien in der Ukraine patzte, könnte Deutschland noch den Gruppensieg schaffen; für die Schweiz folgt auf dieses Ergebnis gegen Deutschland nun wohl der Abstieg. Evident war es allerdings, dass die deutsche National-Elf weiterhin nicht auf Touren kommt. Und das Unentschieden gegen die Schweiz bildet Munition für die Kritiker von Bundestrainer Joachim Löw. Diese werfen ein, der «wahre» Bundestrainer sei so oder so Hansi Flick gewesen, und ohne den jetzigen Bayern-Trainer als «Assistent» und eigentlicher «Schattentrainer» sei Joachim Löw auch das Glück abhanden gekommen. Wie dem auch sei: Mit dem gewaltigen Reservoir an Top-Spielern wird nun von der Deutschen Mannschaft eine gewaltige Steigerung erwartet. Oder die Tage von Joachim Löw als DFB-Bundestrainer könnten bald gezählt sein. Das gestrige Spiel der hochkotierten Deutschen gegen die klar schwächeren Schweizer lässt Raum für Interpretationen und Spekulationen. Auch in einem Freundschaftsspiel geht es heute eben um mehr als noch vor wenigen Jahren.

Ein Denkmal für Köbi Kuhn?

Jakob Kuhn; © R. Niemeyer

(causasportnews / red. / 28. Juli 2020) „Corona“ hat eine Umwertung gewisser Werte gebracht und tangiert in einer ethisch hoch-aufgeladenen Welt auch das Geschichtsbewusstsein. Man weiss es ja genau: Die Geschichte ist wohl eine der nutzlosesten Forschungs-Disziplinen. Denn es entspricht der Notorietät: Der Mensch lehrt nie aus der Geschichte, deshalb ist sie so wichtig wie ein Fahrrad, das im Zweirad-verrückten China umfällt. Mit „Corona“ verhält es sich bekanntlich so, dass für diese Pandemie niemand eine „Schuld“ trägt und auch niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann – die Nation der Fahrradfahrer aus dem fernen Osten wird zwar wegen „Corona“ verdächtigt, aber erhärtet ist bis anhin nichts, geschweige denn, dass den Chinesen eine „Schuld“ an der derzeitigen, mundialen Katastrophe nachgewiesen werden könnte. Für den Menschen ist es wohl am schlimmsten, nicht zu wissen, wer für ein Unglück verantwortlich ist oder wer dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Unglücke oder auch unglückliche Konstellationen gibt es auf unserem Planeten zuhauf. Irgendwie werden nun „Schuldige“ intensiv für alles gesucht. Kein Wunder, dass nun überall auf der Welt Menschen, die durch ihre frühere Anwesenheit auf der Welt oder irgendwelche Aktivitäten in einem gewissen Sinne nachhaltig geworden sind, der Kampf angesagt wird. Die Versinnbildlichungen des markant Vergangenen bilden Denkmäler, die vor allem wichtigen Männern eine post-vitale Präsenz in der nach-Welt garantieren. Ab und zu werden auch Frauen in den Stand der Säulenheiligen befördert. Doch dieser Status bröckelt allgemein. Überall werden Berühmtheiten aller Art von den Sockeln geholt. Irgendwie haben sich schliesslich auch diese Berühmtheiten Fehltritte erlaubt – sei es als Eroberer, Unterdrücker oder Menschenschinder. Vor ein paar Tagen hat es Christoph Kolumbus erwischt: Die Staute des italienischen Entdeckers wurde im US-Bundesstaat Minnesota demontiert. Auslöser waren Kundgebungen gegen Polizeigewalt und Rassismus. Sogar in der friedfertigen Schweiz geht es Denkmälern an den Kragen. Am Zürcher Bahnhofplatz steht ein solches von Alfred Escher, einem gewieften Unternehmer (u.a. Gründer der Credit Suisse und „Vater“ des Gotthard-Tunnels), dessen Erinnerungsstück nun bestenfalls ins Museum abtransportiert werden soll. Die Familie habe einen Teil ihres Reichtums schuftenden Sklaven in Kaffee-Plantagen zu verdanken; wer seinen Reichtum so aufgehäuft hat, gehört vor allem in der tief-roten Stadt Zürich aus der Erinnerung und von öffentlichem Grund verbannt.

Und in Zürich wird derzeit über ein Denkmal, das einem der bekanntesten Fussballspieler der Zwinglistadt gewidmet sein soll, lebhaft diskutiert. Mehr wird daraus aber wohl nichts, denn Denkmäler sind in dieser Stadt, welche alles auf die Karte „Fahrrad“ setzt, nicht mehrheitsfähig. Das geht auch nicht, wenn sich der Betroffene von ganz unten hochgearbeitet hat, immer bescheiden und nahbar geblieben ist und Jakob („Köbi“) Kuhn hiess. Der im letzten Jahr verstorbene, langjährige Mittelfeldstratege des FC Zürich, der versierte Nationalspieler und zuletzt Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft wäre für ein Denkmal prädestiniert; zumal er in Repräsentant des apolitischen Sports war. Das meint vor allem auch seine Witwe, die findet, Köbi Kuhn solle in Bronze weiterhin durch entsprechende Präsenz seinen positiven Geist und seine Philanthropie von einem Sockel in Zürich-Wiedikon aus über die Menschen verbreiten. Das sieht der Zürcher Stadtrat ziemlich anders und bekämpft dieses bourgeoise Projekt, auch wenn Köbi Kuhn als Prototyp des Emporkömmlings aus der Unterschicht gilt. Klar, ein Denkmal hat mit der sozialistisch-kommunistischen Denke von Gleichheit und Gleichmacherei nichts zu tun. Deshalb wird einer der genialsten, ehemaligen Fussballspieler, den die Schweiz je hatte, seinen letzten Platz wohl lediglich in der Sport-Historie finden. Velo-Ausflüge von Schulklassen zum angedachten Denkmal von Köbi Kuhn auf der „Fritschiwiese“ in Zürich werden Träume bleiben.

Vom Stellenwert des Nationalmannschafts- und Klub-Fussballs

(causasportnews / red. / 6. September 2019) Es kommt immer wieder vor, dass ein Fussballspiel im Vorfeld mehr zu reden gibt als dann das Spiel selbst. So war es etwa vor dem gestrigen EM-Qualifikationsspiel Irland – Schweiz, das 1:1 endete. Es war ein freudloses Spiel, „zum vergessen“, würde der Stammtisch zusammen fassen. Nicht aber das, was zuvor geschah. Da hat sich doch ein Mannschaftsträger des Schweizer Teams, Xherdan Shaqiri vom FC Liverpool, aus dem National-Team verabschiedet. Weshalb genau weiss eigentlich niemand. Deshalb belässt der Vorgang Raum für Spekulationen. Die Absage des Spielers an die Adresse der Nationalmannschaft könnte aber durchaus als Fingerzeig gedeutet werden. Dafür, dass das Thema „Nationalmannschaft“ für Fussballspieler an Bedeutung verliert – sowohl weltweit als auch in Europa (Spiele, wie gestern das 0:6 ausgegangene EM-Qualifikationsspiel Gibraltar gegen Dänemark sind letztlich nur noch Folklore und interessieren kaum, höchstens mit Blick auf die Qualifikations-Tabellen). Was durchaus dem Trend der Zeit entspricht. Die Akteure sind mit ihren Klubs arbeitsvertraglich verbunden und sehen dort mehr Chancen, mit ihren Arbeitgebern Titel zu gewinnen oder generell Erfolge zu erzielen. Im konkreten Fall kommt hinzu, dass Xherdan Shaqiri in der erfolgreichen Klopp-Truppe hart um einen Stammplatz kämpfen muss. Dass die Klubs ihre Spieler für Nationalmannsschafts-Einsätze ungern abstellen, ist seit Jahren bekannt. Da meinte doch kürzlich der Fussball- und Gourmet-Experte Reiner Calmund in diesem Zusammenhang: „Mit der Nationalmannschaft habe ich als Spieler nur alle vier Jahre die Chance, Weltmeister zu werden. Die Champions League kann ich jedes Jahr gewinnen.“. Mit andern Worten: Der Klub ist den Spielern näher am Herzen als die Nationalmannschaft. Unter dieser Prämisse könnte mit dem Verhalten des Liverpool-Akteurs vor dem Irland-Spiel der Schweizer durchaus ein signifikanter Trend eingeläutet worden sein. Das würde auch den heutigen, gesellschaftlichen Tendenzen entsprechen, sich vom Länderdenken abzuwenden und global zu denken und zu handeln. Was national (geprägt) ist, wird auch im Sport immer mehr an Bedeutung verlieren. Das gilt für die Weltmeisterschaften der FIFA wohl ebenso wie für die Europameisterschaften der UEFA. Zweifelsfrei auch aufgrund der heutigen Völkermobilität. Deshalb ist es keine graue Theorie (mehr), dass in der nächsten Ausgabe von „Causa Sport“ (Heft 3/2019 erscheint am 30. September 2019: http://www.causasport.org) ein Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union wiedergegeben und von der Sportrechtsspezialistin und Leichtathletin Dr. Caroline Bechtel, Deutsche Sporthochschule Köln, kommentiert wird unter dem vielsagenden Titel: „Kann ein Italiener Deutscher Meister werden?“.