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Sportler in der Realwelt und im Parallel-Dasein

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(causasportnews / red / 29. September 2021) Kein Zweifel: Sportlerinnen und Sportler leben durchwegs in zwei Welten. In der realen Welt, von der zu sprechen ist, wenn etwa Fussballspieler in den Stadien gegen Bälle treten. Sie lassen uns Normal-Sterbliche direkt an dieser Real-Welt teilhaben. Aber auch an der Welt in «Blasen», in der sie oft leben. Früher über die klassischen, heute über die neuen Medien. Insbesondere im Fussball manifestiert sich die Entwicklung in der schönen, digitalen Welt; im Parallel-Dasein. Das Beispiel der sog. «Spielerfrauen» etwa ist bekannt. Die begehrten Schönen und Reichen vom Fussballplatz umgaben sich früher insbesondere mit Friseurinnen und Kellnerinnen, jedenfalls mit den Attraktivsten. Der Begriff «Spielerfrauen» war immer heterogen besetzt und bilden seit jeher nicht nur positive «Assets» bekannter und berühmter Fussballspieler (vgl. dazu auch causasportnews vom 5. Januar 2018). Heute finden sich vor allem Models und Influencerinnen an den Seiten der Wohlstandskicker; Friseurinnen und Kellnerinnen haben in diesen Funktionen weitgehend ausgedient. Diese nutzen ihre Positionen und den Bekanntheitsgrad, den sie dank ihrer Verbindung, oft soll es Freundschaft oder sogar Liebe sein, mit Sportlern erreichen, für ihre digitalen Aktivitäten. So bleibt wenig Raum für Privates oder sogar Intimes. Doch auch diesbezüglich verschiebt sich die Grenze immer mehr in Richtung Öffentlichkeit. Je mehr Intimes und Privates letztlich, desto höher der Bekanntheitsgrad der Betroffenen in der Öffentlichkeit. Die Hemmschwellen sinken ständig, und wer meint, diese Grenze nach unten sei nun erreicht, wird etwa durch die alternde Heidi Klum eines Besseren, bzw. eines Schlechteren belehrt. Quotenmache durch Peinlichkeiten nennt sich dann dieser Vorgang. Von den weitgehend in Blasen lebenden Sportlerinnen und Sportler wird auch vieles bekannt (etwa, wenn die grosse oder vermeintliche Liebe zu Ende geht), was vorzugsweise unter Verschluss geblieben wäre. So etwa in der «Causa Jérôme Boateng». Der soeben 33 Jahre alt gewordene Star-Kicker Jérôme Boateng, welcher derzeit bei Olympique Lyon (vorher zehn Jahre beim FC Bayern München) unter Vertrag steht, ist soeben vom Amtsgericht München u.a. wegen Körperverletzung an einer früheren Freundin mit 1,8 Millionen Euro bestraft worden. Der zweifelsfrei begnadete Spieler hat sein polysportives Talent offensichtlich zu exzessiv zur Entfaltung bringen wollen. Der Fall geht in die Berufung; für den Spieler gilt die Unschuldsvermutung. Im Vorfeld des Prozesses in München verbreitete das Magazin «Der Spiegel» (21. August 2021) eine Story, in welcher der Star als Mensch schlecht wegkommt. Es wird dargestellt, welche indifferente Persönlichkeit dieser Fussballspieler sei, und wie es irgendwie um die offenbare Mitschuld des Kickers an der Selbsttötung des Models Kasia Lenhardt bestellt sei. Die Mutter der tragisch verstorbenen jungen Frau hat sich dem «Spiegel» geöffnet und sucht auf diese Weise nach Schuldigen nach dem tragischen Ende der offenbar toxischen Beziehung des berühmten Fussballers mit dem Model. Die Geschichte im Magazin zeigt eine Parallel-Welt der Prominenten auf, die mit den Medien hochfahren und von diesen auch wieder in den Abgrund geschickt werden. Konkret an der alles andere als klaren Geschichte (der «Spiegel» scheint aus dem «Fall Claas Relotius» nicht viel gelernt zu haben) geht es auch um ein Sittenbild des modernen Journalismus’, der letztlich vom Konkurrenz- und Wirtschaftsdenken geprägt wird (in der «Causa Boateng / Lenhardt» bildet der Prestige-Kampf zwischen dem «Spiegel» und der «BILD»-Zeitung ein Hintergrund). In das selbe Kapitel gehört die Story ohne Sportbezug im neusten «Spiegel» (25.9.2021). Da malt die Podcasterin Ines Anioli ein düsteres Bild vom Comedian Luke Mockridge. Vergewaltigungsvorwürfe und andere unglaublichen Dinge stehen im Raum. Für den Comedian gilt die Unschuldsvermutung. Dieser neuste Fall aus der Entertainment-Szene manifestiert, dass sich die Beteiligten auch nach dem Ende von Promi-Beziehungen durchaus in den Medien halten können. «Schlammschlachten» interessieren immer, je widerlicher desto verwertbarer. Diesem wirtschaftlichen Diktat hat sich auch der «Spiegel», der sonst stets die Moralkeule zu schwingen pflegt, unterworfen.

Glücklicherweise gibt es noch Ereignisse aus der «Promi-Welt», die an althergebrachte, mediale Gepflogenheiten anknüpfen. Die klassische «Regenbogen-Presse» gab sich kürzlich im Berner Oberland ein Stelldichein, als Alana Netzer, die Tochter der Fussball-Legende Günter Netzer, mit dem Sänger Sebastian Bürgin, mit Künstlernamen «Baschi», in Lauenen vor den Traualtar trat. Danach wurde im Hotel «Palace» in Gstaad gefeiert. Tausende von Fotos, für die Ewigkeit gedacht und veröffentlicht in den einschlägigen Magazinen, belegen, was wahre Liebe und Eheglück bedeuten…

Brig und Visp: Positiv Trennendes und negativ Gemeinschaftliches

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(causasportnews / red. / 4. März 2021) Als der derzeitige Präsident des Weltfussballverbandes FIFA, Gianni Infantino, vor ziemlich genau fünf Jahren eher überraschend an die FIFA-Spitze geschwemmt worden war (der Vorgänger Joseph Blatter wurde sanktionsrechtlich aus dem Präsidentschafts-Rennen genommen, und der heisseste Anwärter auf den Thron im Weltfussball, Michel Platini, stolperte im letzten Moment über andere Hindernisse), machte bald einmal folgende Denksportfrage die Runde: «Was unterscheidet den neuen FIFA-Präsidenten vom abgetretenen Joseph Blatter?»- Antwort: Gianni Infantino stammt aus Brig, Joseph Blatter aus Visp. Die beiden Dörfer im Kanton Wallis, unweit des Matterhorns, liegen ca. zehn Kilometer auseinander. Wie hat es der Sohn italienischer Einwanderer geschafft, sich innert kürzester Zeit ein derartiges, alles andere als positives Image zuzulegen, dass eben zwischen den beiden Wallisern offenbar nur dieser Unterschied signifikant scheint?

Joseph Blatter hat zweifelsfrei während seiner 18 Präsidialjahre nicht alles richtig gemacht; er hat aber auch nicht nur falsch agiert. Gianni Infantino aus Brig trat in die Fussstapfen seines Nachbarn aus Visp und handelte sich seit Beginn der Präsidentschaft Negativ-Reaktionen zuhauf ein, obwohl er bestrebt war, alles besser zu machen als sein Vorgänger an der FIFA-Spitze. 2016, nach dem abrupten, erzwungenen Abgang von Joseph Blatter ins Amt gehievt, agierte er zu Beginn derart unglücklich, dass die (öffentliche) Meinung über ihn rasch gemacht war. Seine Äusserungen und das Lamentieren über den mikrigen Lohn von zwei Millionen Schweizer Franken im Jahr brachen ihm imagemässig das Genick; ein Genickbruch ist in der Regel irreparabel.

In der Tat haben die beiden «Alpha-Tiere» mehr gemeinsam als sie Unterschiede aufweisen; der Unterschied zwischen Brig und Visp ist relativiert zu betrachten. Wie Joseph Blatter ist Gianni Infantino beseelt, im Fussball eine Mission zu erfüllen. Er ist im Stile der 13 Apostel (Joseph Blatter inbegriffen) unterwegs. Nicht auszuschliessen ist, dass Gianni Infantino mit seinen 51 Jahren schon in Richtung Friedens-Nobelpreis schielt; ein Ziel, das Joseph Blatter beinahe erreicht hätte. Weil derzeit an eine intensive Reisetätigkeit zu den Fussball-Schäfchen, wie sie etwa auch Papst Johannes Paul I. in seinem Segment geradezu zelebrierte, nicht zu denken ist (vielsagendes Motto: «Die FIFA zurück zum Fussball, der Fussball zurück zur FIFA»), hat der aktuelle FIFA-Präsident Zeit, etwas gegen das schlechte Image zu tun. So empfängt er in dieser entschleunigten «Corona»-Zeit selektiv Journalisten, die den «wahren FIFA-Präsidenten» kennen lernen sollen. Auch sind sie gehalten, der Welt mitzuteilen, dass dem Walliser aus Brig das gelungen ist, was der andere Walliser aus Visp offenbar nicht geschafft haben soll: Nämlich mit Korruption, Nepotismus und Verschwendung im Fussball aufzuräumen. Einigermassen erstaunlich ist, dass gerade das sonst FIFA-kritische deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in der aktuellen Nummer (9/2021 vom 27. Februar 2021) den besseren Walliser aus Brig porträtieren darf – selbstverständlich unter Ausklammerung heikler Themenbereiche, wie Fragen von Entschädigungen und Aufwendungen für die permanenten Reisetätigkeiten von Gianni Infantino mit Cortège. Und dabei wird manifest, dass es zwischen den beiden Fussball-Freaks mit einem Hang zum Idealismus doch mehr positiv Trennendes als negativ Gemeinschaftliches gibt. So isst der aktuelle FIFA-Präsident am Morgen im Büro ein ausgiebiges Frühstücks-Birchermüesli und am Mittag etwas Währschaftes in einer nahen Pizzeria. Das wird dann als volksnahes Präsidentenleben dargestellt. Bei Joseph Blatter begann der Tag offenbar jeweils mit einem Champagner-Frühstück. Welch’ vorbildliche Wendung auf dem «Zürichberg»: Dort, wo im Home of FIFA unter Joseph Blatter teure Weine lagerten, trainiert Gianni Infantino heute auf einem «Stepper». Lebte der 85jährige Joseph Blatter während seiner Zeit als FIFA-Präsident tendenziell in der Gegenwart und in der Zukunft, umgibt sich Romantiker Gianni Infantino mit Fussball-Legenden und zieht mit diesen um die Welt. Es wird nun alles gut, und die Bedeutung des Frauenfussballs wird dank den bilateralen Kontakten von Gianni Infantino + Legenden Überhand nehmen, was die Fussballwelt gut zu finden hat. Wenn nur die Schwierigkeiten mit den Schweizer Strafverfolgungsbehörden nicht wären. Diese stehen der Verleihung des Friedens-Nobelpreises an den Doppelbürger aus Brig einstweilen noch im Wege. Gianni Infantino wird auch das schaffen und so für einen weiteren, markanten Unterschied zu Vorgänger Joseph Blatter sorgen. Auf dass Brig und Visp definitiv nicht mehr die relevantesten Abgrenzungskriterien bezüglich der beiden Präsidentschaften bilden werden.

Eine «Sportvermarktungs-Scheidung» mit Fragezeichen

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(causasportnews / red. / 28. Dezember 2020) Es war so wie in unzähligen Ehen. Jahrelang praktizierten der grösste Sportverband der Welt, der Deutsche Fussball-Bund (DFB), und die Schweizer Rechte-Vermarktungsgesellschaft Infront Sports & Media AG (Infront) mit Sitz in der Schweizer Steueroase Zug, die grosse Liebe und arbeiteten intensivst im Fussball-Vermarktungsbusiness zusammen. Doch plötzlich verdüsterten sich die Wolken am «Ehe»-Himmel. Grund der Dissonanz, die kürzlich zur Scheidung und zur Regelung der Nebenfolgen führte, war ein Werbekunden-Deal, bei dem einem einzelnen Mitarbeiter von Infront die Schuld zugeschoben wurde: Er soll der Urheber dafür gewesen sein, dass bei Bandenwerbungen Kunden z.B. 30 Sekunden Werbung verkauft wurde, jedoch nur während 29 Sekunden eine Gegenleistung erbracht wurde. Gewinn: Auf einen 30 Sekunden-Vorgang eine teure Werbesekunde. Als der Vorgang bekannt wurde, errechneten Vermarktungs-Spezialisten einen Schaden zu Lasten des DFB in Millionenhöhe – die Schummeleien, die als «Sekundenklau» bekannt wurden, sollen mehr als 40 Millionen an Schäden verursacht haben (wobei in diesem Betrag offenbar noch andere Unsauberkeiten seitens Infront hochgerechnet worden sein sollen). Die Rede ist von mehreren Vorgängen, bei denen der DFB über Jahre um teils happige Vermarktungserlöse gebracht worden sein soll. Zwischenzeitlich ist die «Scheidung» zwischen dem DFB und Infront vollzogen worden; überdie  ökonomischen Folgen dieser Trennung sind abschliessende Regelungen erzielt worden. Nun meldet das Deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» Zweifel an der Einzeltäter-Theorie bei Infront an. Der Sekundenklau sei auch nach dem Abgang des offiziell Allein-Verantwortlichen weitergegangen, was Fragen aufwerfe, schreibt das Magazin (Nr. 51/2020, 98). «Der Spiegel» vermutet, «dass Infront dem DFB nur einen scheinbar saftigen Bissen hingeworfen hat, damit der Verband sich zufrieden gibt und nicht auf heiklere Dingte stösst.». Eigenartig mute es auch an, dass Infront gar nicht versucht habe, die Ansprüche des DFB juristisch abzuwehren; das sei rechtlich durchaus möglich gewesen. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang zudem (weitere) Beispiele, gemäss denen der Verband durch um Verkaufserlöse gebracht worden sein soll. In den Fokus von Vermutungen geraten jetzt auch die Infront-Vorgängerunternehmen CWL (Cesar W. Lüthi) und Kirch Sport – allerdings geht es dabei gemäss «Spiegel» insbesondere um die nicht abwegige Theorie, dass offenbar mit «schmierigen Methoden» im Juli 2000, also vor 20 Jahren, die Fussball-WM-Endrunde 2006 nach Deutschland geholt worden sei (damit hatte die Gesellschaft Infront allerdings nichts zu tun). Wie meistens bei Scheidungen nach jahrelanger Ehe, muten die nun erzielte Einigung bezüglich der Nebenfolgen zwischen dem DFB und Infront einigermassen speziell an. Wie dem auch sei: Die Parteien haben sich jedenfalls als auseinandergesetzt erklärt – ob «per Saldo aller Ansprüche» ist nicht bekannt geworden. Die investigativen Journalisten werden in diesem Komplex auch nach der vollzogenen Trennung «am Ball» bleiben…