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Caster Semenya bringt die Schweizer Justiz in die Bredouille

causasportnews / Nr. 1038/07/2023, 20. Juli 2023

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(causasportnews / red. / 20. Juli 2023) Der Fall der Leichtathletin Caster Semenya beschäftigt u.a. auch die (Sport-)Justiz seit Jahren. Die 32jährige Südafrikanerin ist sportlich herausragend, eine Frau, die biologisch ein Mann ist und über deren Testosteronwerte (Testosteron leitet sich ab aus den Worten «testis», Hoden, und «Steroid», Grundgerüst verschiedener Hormone) seit ihren Erfolgen, vor allem als Olympiasiegerin und Weltmeisterin über die Mittelstrecke (800 Meter), diskutiert wird. Mehr als zu Diskussionen veranlasst sieht sich der vom ehemaligen Briten Sebastian Coe präsidierte Leichtathletik-Dachverband World Athletics, der das Thema «Intersexualität» in der Leichtathletik regeln muss und dies auf verschiedene Weise versucht hat. So hat der Verband Testosteron-Regeln erlassen, nach denen Caster Semenya ihr Testosteron-Niveau hätte senken müssen, um weiter bei den Frauen starten zu können. Die Thematik ist eingestandenermassen derart, dass eine diesbezügliche Verbandsregelung nur falsch sein konnte; eine ungemütliche Situation also für den Weltverband. Gegen die Testosteron-Regelung 2018 klagte die Südafrikanerin am Internationalen Sportschiedsgericht TAS (Tribunal Arbitral du Sport) in Lausanne. Das Gericht, dafür bekannt, dass bei Klagen von Athletinnen und Athleten beklagte Verbände selten ins Unrecht versetzt werden, betrachtete die World Athletics-Regelung zwar als diskriminierend, sie sei jedoch im Interesse der Chancengleichheit unter den Athletinnen und Athleten gerechtfertigt. Caster Semenya gelangte an das Schweizerische Bundesgericht (vgl. causasportnews vom 4. Juni 2019), welches den Entscheid des TAS erwartungsgemäss bestätigte. Wenn immer irgendwie möglich, schützt das Bundesgericht die Verbände und hält u.a. konsequent an der Irrmeinung fest, das TAS sei, wie ein ordentliches staatliches Gericht, als unabhängig zu qualifizieren. Die Athletin rügte im bundesgerichtlichen Verfahren bezüglich der Verbandsregelung u.a. vergeblich verschiedene Verstösse gegen die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) bei der Beurteilung der Verbands-Testosteronordnung durch das TAS.

Caster Semenya zog ihren Fall nach der Niederlage am Schweizerischen Bundesgericht an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der nun kürzlich die Schweiz ins Unrecht versetzte. So wurde etwa erkannt, dass es in der Schweiz keinen ausreichenden Rechtsbehelf geben würde, mit welchem gravierende Verletzungen der EMRK gerügt und überprüft werden könnten; die Feststellung, die Athletin sei von den Schweizerischen Gerichten unzureichend angehört worden, bedeutet einen sport-juristischen Knalleffekt, der nichts anderes besagt, als dass der Instanzenzug in der Schweiz mit Blick auf die Überprüfungsmöglichkeiten (konkret der EMRK-Garantien) durch helvetische Gerichte ungenügend und mangelhaft sei. Die Schweiz also eine «Bananenrepublik» in punkto Justiz also, wie es der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger im Zuge der Fussball-Verfahren in der Schweiz immer wieder zu sagen pflegte (vgl. etwa causasportnews vom 12. Juni 2022)? Nicht ganz so schlimm, aber doch mehr als ein bemerkenswerter Fingerzeig aus Strassburg, der die Schweiz in die juristische Bredouille bringt. Es verwundert allerdings nicht, dass dieser Schock-Entscheid in der Schweiz vor allem medial unter dem Deckel gehalten wurde und wird. Das Strassburger Gericht konnte das Urteil des Schweizer Bundesgerichts zwar nicht ändern, jedoch die Schweiz wegen des ungenügenden Rechtsbehelfssystems rügen. Es ist mehr als peinlich für die Schweiz, wenn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Land, das auf sein Rechts(behelfs)system besonders stolz ist, derart rügt, ins Unrecht versetzt und gravierende Lücken in dieser Rechtsordnung geisselt.

Die Schweiz wird versuchen, die der Leichtathletin verwehrten EMRK-Rechtsschutzgarantien als Einzelfall abzutun. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass künftig weitere Sportler/innen Caster Semenya nachahmen werden und die Schweiz ein echtes Rechtsschutzproblem, vor allem im internationalen Kontext, bekommen wird.

Der Fall manifestiert ein grundlegendes Problem im Schweizerischen Rechtswesen: Zwar ist es nicht zu beanstanden, dass der Rechtsprechungs-Instanzenweg bis zum Bundesgericht immer steiniger wird. Die Überprüfungsbefugnisse der Instanzen nach oben werden immer enger, oder man könnte bilanzieren: Je höher die juristische Instanz, desto dünner die Luft für Rechtssuchende. Wer nicht schon in unteren Gerichtsinstanzen die Weichen auf Sieg stellen kann, wird im Rahmen der Instanzenzüge regelmässig abgewatscht, und letztlich wimmelt auch das Bundesgericht Rechtssuchende nach Möglichkeit oft mit allerlei Formalien ab. Vor allem die Rechtsprechung des obersten Schweizer Gerichts bezüglich zu überprüfender TAS-Entscheide ist durchwegs befremdlich bis krude. Aufgrund beschränkter Kognitionen (Überprüfungsbefugnisse) gelingt es dem Bundesgericht immer wieder, nach TAS-Urteilen vor allem Sportverbände und das Internationale Olympische Komitee (IOK) bei Beschwerden von Sportlerinnen und Sportlern juristisch schadlos zu halten. Insbesondere der Umstand, dass die TAS-Schiedsgerichtsbarkeit von den monopolistischen Sportverbänden dem organisierten Sport in mehr als unanständiger Art und Weise aufgenötigt wird, perlt an den Richterinnen und Richter im «Mon-Repos» in Lausanne konstant ab.

Mit Blick auf Olympia 2024: Eruptionen im globalen Sport?

causasportnews / Nr. 1029/06/2023, 22. Juni 2023

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(causasportnews / red. / 22. Juni 2023) Kaum jemand glaubt derzeit daran, dass der Krieg, den Russland gegen die Ukraine direkt und mittelbar gegen die Welt angezettelt hat, in absehbarer Zeit beendet werden könnte. Diese Einschätzung entspricht der allgemeinen, aktuellen politischen und militärischen Lagebeurteilung und den Erfahrungen, welche aus der Weltgeschichte, einer eigentlichen Unfallchronik der Menschheit, gezogen werden muss. So heterogen, wie weltweit die Reaktionen der Politik auf die krass völkerrechtswidrige Aggression Russlands sind, so labil und inkonsequent reagiert der globale Sport gegenüber dieser russischen Barbarei und gegenüber den Steigbügelhaltern und Sympathisanten der verbrecherischen Taten, die fortlaufend und weiterhin begangen werden.

Fairness, Frieden, und gegenseitiger Respekt sind die Maximen, welche die Basis des Sportes bilden. Diese Prinzipien, welche die Teilnehmer am Sportgeschehen auch ausserhalb des Sportes hochhalten sollen, werden von Russland sowie vom russischen Volk und somit auch von den Sportlerinnen und Sportlern dieses Landes mit Füssen getreten. Die völkerverbindende Kraft des Sportes ist wie die Völkerrechtslage mit Blick auf die Schandtaten Russlands gegenüber der Ukraine regelrecht zum traurigen Scherz verkommen. Die Weltpolitik fragt sich seit dem 24. Februar 2022, wie sie sich gegenüber Russland und allen Missetätern dieser beispiellosen Aggression verhalten soll, um dem Genozid und der Zerstörung der Ukraine Einhalt zu gebieten. Eine konsequente Line fehlt in der Politik ebenso wie im Sport. Dieser fragt sich seit dem Beginn dieser verbrecherischen Handlung, wie man sich gegenüber Russland und den russischen Athletinnen und Athleten verhalten soll. Zu Beginn des Krieges stemmte sich der Sport ziemlich geeint gegen Russland und seine Vertreterinnen und Vertretern; jetzt, nach eineinhalb Jahren Krieg, bröckelt die Einheit. Erschwerend kommt in dieser Situation dazu, dass den Russen das Verhalten der Sportwelt ihnen gegenüber relativ gleichgültig ist. Sie agieren im Sport so unberührt und verantwortungslos wie im Krieg, den sie in Verletzung des «ius ad bellum» (das Recht zum Krieg; die Verletzung des «ius in bello», das Recht im Krieg, ist sowieso reine Theorie geworden) und weiterer internationalen Kodifikationen führen. Als fatal erweist sich der Umstand, dass russische Funktionäre den globalen Sport nach wie vor gleichsam mitprägen und nicht nur etwa in den Disziplinen Boxen und Schach regelrecht beherrschen und beeinflussen.

Zwar ist ein Jahr, vor allem im Krieg, eine lange Zeitperiode. Doch im organisierten Sport präsentiert sich die Lage mit Blick auf die in etwas mehr als einem Jahr beginnenden Olympischen Sommerspiele vom 26. Juli bis zum 11. August 2024 als delikat. Was wird in Paris geschehen? Wie wird mit Russland und den russischen Athletinnen und Athleten umzugehen sein, wenn der Krieg bis dann, wenn kein Wunder geschieht, andauert? Russland (und auch Weissrussland und allenfalls weitere Länder) ausschliessen und den Sportlerinnen und Sportlern einen neutralen Status verleihen – ein Taschenspielertrick, den das Internationale Olympische Komitee (IOK) immer wieder anwendet, wenn es sich vor davor drückt, Flagge zu zeigen und das Heil im sport-politischen Opportunismus sucht? Wie das Gezerre und Gezänke mit Blick auf die Teilnahme Russlands in Paris 2024 ausgehen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Russland nimmt rücksichtlos auch eine Spaltung des globalen Sportes und ein entsprechendes Chaos in Kauf. Das auf Gewinnmaximierung getrimmte IOK, primär dem Mammon und weniger der (Sport-)Ethik verpflichtet, versucht, es allen Protagonisten im Weltsport Recht zu machen und sich dabei in keiner Weise zu exponieren. Aber es arbeitet derzeit auf die Wiederzulassung der Russinnen und Russen im Sport hin. Wie sich der Sport gegenüber Russland letztlich positionieren wird, ist jedenfalls für die russische Propaganda irrelevant. Zwar zeigt sich Frankreich im Moment noch entschlossen, im kommenden Jahr keine Russinnen und Russen an der Seine antreten zu lassen. Es würde allerdings nicht überraschend, wenn das opportunistische IOK mit einem noch opportunistischeren Präsidenten an der Spitze Paris derart unter Druck setzen und Frankreich nötigen würde, Russen, in neutraler Camouflage natürlich, an den Wettkämpfen teilnehmen zu lassen.- On verra, würde der Franzose, wohl bald leicht resignierend, wohl sagen. Doch das würde im globalen Sport zu gewaltigen Eruption mit entsprechenden Folgen führen.

Königliches Spiel ohne den König: Magnus Carlsen räumt den Thron

causasportnews, Nr. 1005/04/2023, 10. April 2023

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(causasportnews / red. / 10. April 2023) Das war alles kein Zufall, sondern eiskaltes Kalkül. Kurz, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOK) den internationalen Sportverbänden die Entscheidung überlassen hat, ob russische Sportlerinnen und Sportler als «neutrale» Aktive in den jeweiligen Sportarten zuzulassen seien (causasportnews vom 2. April 2023) hat sich im Schach das ereignet, was so oder so nicht mehr abzuwenden war, nachdem diese «heisse Kartoffel» vom Lausanner Olymp den Verbänden weitergereicht wurde: In der nun bis zum 1. Mai 2023 dauernden Schach-WM wird sich wohl ein Russe die Krone im königlichen Spiel auf den 64 Feldern aufsetzen – und so den Kriegstreibern im Kreml nach über einem Jahr des Mordens und Zerstörens in der Ukraine eine mehr als willkommene Propaganda-Plattform gewähren. Denn es ist voraussehbar, dass der Russe Jan Nepomnjaschtschi den Titel von Magnus Carlsen, der auf die Titelverteidigung verzichtet, erben wird. In Astana (Kasachstan) misst sich der 33jährige Russe mit dem 30jährigen Chinesen Ding Liren, den man in der Boxersprache vielleicht sogar als «Fallobst» bezeichnen würde; in maximal 14 Partien soll der neue Schach-Champion ermittelt werden. Es wären die Folgen (fast) nicht auszumalen, wenn Jan Nepomnjaschtschi dem Chinesen unterliegen würde. Der Russe macht aus seiner Sympathie für das russische Regime kein Geheimnis, und hinter dem Krieg Russlands steht er mit der Mehrheit seiner Landsleute, auch wenn er sich in einem offenen Brief schon einmal gegen den Krieg ausgesprochen hat. Das nennt das IOK sport-politische Neutralität. Der Anwärter auf den WM-Titel bedauert, dass er in Astana gleichsam als «Neutraler» antreten muss; konkret heisst das unter der Flagge des Schach-Weltverbandes. «Leider kann ich nicht unter der russischen Flagge spielen», lässt sich der haushohe Favorit auf den WM-Titel in den Medien zitieren. Das zum Thema «Neutralität» von Aktiven aus Russland. Dass das alles in der Sportart «Schach» geschieht, ist allerdings kein Wunder. Diese Sportart ist in Russland etwa so beliebt wie das Rodeln oder der Biathlonsport in Deutschland, das Schwingen in der Schweiz oder das Skifahren oder der Fussball in Österreich. Von Russland durchsetzt ist auch der Internationale Schachverband (FIDE, mit Sitz in Lausanne), in dem, wen wundert’s, ein Russe sogar als Präsident amtet! Die allgemein wirksame Öffnungsanordnung des IOK für russische Sportlerinnen und Sportler dürfte Russland als Geschenk des Himmels erscheinen. Diese Durchsetzung des internationalen Schach-Sports durch Russland und der Umstand, dass nun ein Russe wohl das bevorstehende WM-Schach-Duell gewinnen wird, bedeutet gleichzeitig die Kapitulation des Weltsports vor den hehren Werten des Sportes im Allgemeinen. Diese Sportart wird nun wohl als Missbrauchsdisziplin für die Kriegstreiber-Nation Russland in die Sport-Geschichte eingehen und erinnern zumindest im Ansatz etwa an die Propaganda-Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und in Berlin. Das alles hat aktuell mit dem Umstand zu tun, dass der beste Schachspieler der Welt, der Norweger Magnus Carlsen, keine Lust mehr verspürt, den Titel erneut zu verteidigen. Wäre es anders, würde Jan Nepomnjaschtschi die Schach-Arena nun in Astana, wie schon vor zwei Jahren in Dubai, mit grosser Wahrscheinlichkeit als Verlierer verlassen (causasportnews vom 14. Dezember 2021). Das königliche Spiel findet demnach ohne den unbestrittenen König in dieser Disziplin statt. Doch was soll’s: Ein Titel ist ein Titel – und die Abwesenden haben immer Unrecht… Alles spielt Russland in die Hände. Sollte dennoch, was eine Weltsensation wäre, der Chinese obenaus schwingen, würde immerhin ein Angehöriger aus China, dem Lande der Russen-Freunde, reüssieren.

Der «Sündenfall» des IOK vor der russischen Aggression ist im Moment aber (noch) nicht vollständig bis zu allen internationalen Sportverbänden durchgedrungen. So hat der Internationale Pferdesportverband (FEI, mit Sitz in Lausanne), trotz der IOK-Empfehlung soeben entschieden, Aktive aus Russland und Weissrussland weiterhin vom internationalen Sport auszuschliessen. Dem Verband ist es nicht möglich, die Neutralität dieser Sportlerinnen und Sportler mit Blick auf die Aggression Russlands begrifflich und thematisch zufriedenstellend zu realisieren. Wie sich Russinnen und Russen sowie Weissrussinnen und Weissrussen, die kraft ihrer Staatsbürgerschaften Staatsangehörige einer kriegsführenden Nation (Russland) neutral auf den Sportarenen dieser Welt sollen bewegen können, bleibt für die FEI schlicht ein Rätsel, wie aus der FEI-Zentrale in Lausanne verlautete. Dem ist an sich nichts beizufügen.

Was nach dem IOK-Opportunismus zu Gunsten Russlands noch alles auf die Sportwelt kommen soll, bildet ein Mysterium dieser Chaos-Zeit, vor der eben der internationale Sport nicht gefeit ist.

Die Folgen des IOK-Schmusekurses gegenüber Russland auf den Sport

causasportnews, Nr. 1003/04/2023, 2. April 2023

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(causasportnews / red. / 2. April 2023) Nach über einem Jahr Krieg ist es nachvollziehbar, dass das Interesse an den Folgen der russischen Aggression gegenüber der Ukraine erlahmt und sich die Welt – horribile est dictu – sogar an diesen Zustand gewöhnt hat. Die Schlagzeilen zum brutalen, völkerrechtswidrigen Überfall eines Landes auf ein anderes Land sind spärlicher geworden und in den Hintergrund gerückt. Man mag die Schreckensmeldungen aus den umkämpften Regionen der Ukraine schon gar nicht mehr hören, die schrecklichen Bilder des Mordens und Zerstörens nicht mehr sehen! Diese Umstände hat das Internationale Olympische Komitee (IOK) genutzt, um weltweit so etwas wie sportliche Normalisierung einzuläuten; die Empfehlung des Schweizerischen Vereins mit Sitz in Lausanne gegenüber dem internationalen Sport, russische und weissrussische Athletinnen und Athleten am globalen Wettkampfgeschehen wieder teilnehmen zu lassen (soweit diese überhaupt ausgeschlossen waren oder sind), hat die generelle Front gegen den russischen Kriegstreiber-Staat aufgeweicht und die jede konsequente Linie zum Ausschluss Russlands aus dem internationalen Sportgeschehen zunichte gemacht. Das kommt nicht von ungefähr, befindet sich doch etwa der IOK-Präsident, der Deutsche ehemalige Fecht-Olympiasieger und -Weltmeister Thomas Bach, seit seinem Amtsantritt als höchster Sportfunktionär vor bald zehn Jahren, regelmässig auf Schmusekurs mit dem Russischen Präsidenten und seinen Vasallen im Kreml. Die Rolle des höchsten Olympioniken war mit Blick auf die Olympischen Spiele in Sotschi (2014) undurchsichtig; ebenso der milde Umgang des IOK unter Führung des ehemaligen Fechters nach dem Eklat im Zuge des russischen Staatsdopings nach Sotschi. Wahrscheinlich ist in diesen bald zehn Jahren der «Ära Thomas Bach» im IOK soviel (und wohl zuviel) geschehen, als dass der Deutsche nun plötzlich von seiner pro-russischen Linie abweichen würde und könnte (vgl. auch causasportnews vom 30. März 2023). Immer wieder wird kolportiert, dass etwa (auch) die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Thomas Bach und Russland zumindest bestehen sollen. Dieser Grundzustand wird sich wohl bis zum Abgang des amtierenden IOK-Präsidenten in etwas mehr als zwei Jahren nicht ändern. Dass das IOK derzeit alles daran setzt, um den Sport trotz der Kriegstreiberei Russlands zu «normalisieren», hängt insbesondere mit den Olympischen Spielen, die im kommenden Jahr in Paris stattfinden sollen, zusammen. Die Spiele sind die «cash cow» des IOK («cash cow with cash flow»), und es soll natürlich alles vermieden werden, um die Wettkämpfe an der Seine mit den dunklen Flecken des Krieges zu bekleckern. So hat das IOK schon einmal angedacht, die Ukraine zu sanktionieren, falls Sportlerinnen und Sportler aus dem vom Krieg malträtierten Land bei einer Teilnahme von russischen Athletinnen und Athleten in Paris boykottieren würden!

Trotz aller Kritik an der Öffnung des IOK und die eingeläutete internationale Lockerung gegenüber Russland und Weissrussland wird sich der organisierte Welt-Sport immer mehr für Russen und Weissrussen öffnen, ungeachtet des Umstandes, dass die Machthaber in Moskau und in Minsk derzeit intensiver und unverhohlen die Atomkeule schwingen; auch der Umstand, dass die Mehrheit der Russinnen und Russen den Krieg befürwortet, spielt für das IOK keine Rolle, wenn die Aktiven aus diesem Land «neutral» antreten und dem Krieg widersagen. Wenn selbst die sonst sehr eigenständigen Wimbledon-Organisatoren vor der IOK-«Empfehlung» bezüglich Sportlerinnen und Sportlern aus den genannten Ländern kapitulieren, wird der russische Sport allgemein bald wieder flächendeckend salonfähig werden. Löblich, aber wohl ohne Folge, dürfte etwa die Verlautbarung des Schweizerischen Sport-Dachverbandes «Swiss Olympic» sein, der trotz der IOK-Öffnungs-Empfehlung für Aktive aus Russland und aus dem Satellitenstaat Weissrussland an der gegenteiligen Meinung festhält und die IOK-Position nicht unterstützt. Ignoriert hat das IOK auch die Forderung von «Swiss Olympic», dass Funktionärinnen und Funktionäre aus den beiden Ländern nicht in Gremien internationaler Sport-Verbände und -Organisationen (wie dem IOK) sitzen dürfen. Vor allem die über 100 Mitglieder des IOK würde diese Forderung hart treffen, denn Mitglieder des Vereins «IOK» sind einzig natürliche Personen, und auch im IOK sind selbstverständlich Russen vertreten. Bereits einmal hat die Schweizerische Sport-Ministerin Viola Amherd vom IOK in dieser Sache konsequente(re)s Handeln verlangt (causasportnews vom 24. April 2022). Auf einen entsprechenden Brief der Bundesrätin im vergangenen Jahr hat das IOK nicht einmal geantwortet…

Nach dem Banken- das Sport-Chaos

causasportnews, Nr. 1002/03/2023, 30. März 2023

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(causasportnews / red. / 30. März 2023) Noch sitzt der Schock nach dem Desaster um die Schweizer Grossbank «Credit Suisse» vor rund zehn Tagen tief, und allmählich wird klar, dass der Kollaps des ehemals renommierten Geldhauses eine regelrechte Bankenkrise ausgelöst hat. Die Schweizer können offenbar nicht mehr «Banking», und die Hilflosigkeit, die den Finanzplatz Schweiz erfasst hat und offenkundig flächendeckend prägt, hat mit der Revitalisierung des ehemaligen UBS-Managers Sergio Ermotti, der nun nach der (vom Staat erzwungenen) Übernahme der «Credit Suisse» durch die UBS diese Bank, die vor 15 Jahren selber «pleite» war, leiten soll, den Gipfel der Hilflosigkeit in dieser Branche erreicht. Chaos pur also im «Banking».

Chaos pur aber auch im organisierten Sport, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOK) in Lausanne soeben entschieden hat, allen Sportverbänden zu empfehlen, Sportlerinnen und Sportler aus Russland und Weissrussland wieder an internationalen Wettbewerben zuzulassen. Die heuchlerische Begründung: Die Aktiven, welche zwar den Kriegstreiber-Nationen angehören, könnten schliesslich für das Geschehen nichts. Vor genau einem Jahr ist das Altfrauen- und Altherren-Gremium in der Westschweiz dafür eingetreten, Athletinnen und Athleten der beiden Schurken-Staaten nicht mehr am organisierten, globalen Sport teilnehmen zu lassen. Die damals vorgegebene, relativ stringente Linie hat in den letzten Monaten immer mehr Wirrungen und Irrungen erfahren. Der Verein IOK mit dem Deutschen Präsidenten Thomas Bach an der Spitze, der nicht gerade als Russen-Feind bekannt ist und dem persönliche Interessen bezüglich Russland nachgesagt werden, beugt sich jetzt den Gegebenheiten und den Sachzwängen nach über einem Jahr Ukraine-Krieg und verschreibt sich der beliebtesten, nicht-sportlichen Disziplin im Rahmen des Komitees und des organisierten Weltsportes, nämlich dem Sport-Opportunismus. Dabei prävaliert das Motto: Kommerz über alles, organisiert von Funktionären, meist mit Eigeninteressen, ohne «Cojones» (Eier), wie es vor allem auf den Sportplätzen jeweils so schön heisst (das gilt versinnbildlicht selbstverständlich auch für die Sport-Funktionärinnen aus aller Welt, welche ebenfalls im internationalen Sport mitmischen).

Das IOK wäre allerdings nicht das IOK, wenn die Verantwortung für die realen Entscheide nun nicht an die internationalen Sportfachverbände delegiert würde. Das IOK bestimmt, ausbaden müssen das Problem bezüglich der Zulassung russischer und weissrussischer Athletinnen und Athleten ab sofort die Fachverbände, von denen es, auch in den obersten Chargen, von Russinnen und Russen wimmelt. Die internationalen Fachverbände im Boxen und im Schach werden sogar von dubiosen Russen und sog. «Freunden» des Haupt-Kriegstreibers im Kreml präsidiert! Die «heisse Kartoffel» bezüglich der Entscheidungen mit Blick auf die Zulassungen von Aktiven aus den beiden Ländern an die Fachverbände weiterzureichen, ist also ein geschickter Schachzug des IOK, um sich von Verantwortung und Konsequenzen zu entlasten – oder sich davor zu drücken. Im Moment noch gradlinig zeigt sich der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Sebastian Coe, der erklärt hat, sich in der global einzuordnenden bedeutungsvollen Leichtathletik dafür einsetzen zu wollen, dass auch künftig im internationalen Sport russische und weissrussische Aktive ausgeschlossen werden und bleiben. Bis zu den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Paris wird noch einiges an Wasser die «Seine» herunterfliessen. Vor kurzer Zeit haben die Fechter, wen wundert’s, entschieden, dass Vertreterinnen und Vertreter der beiden Kriegstreibers-Staaten im internationalen Sport wieder mittun dürfen. Es ist selbstverständlich nur Zufall, dass der IOK-Präsident einmal selber Olympiasieger und Weltmeister im Fechten war…

Der Entscheid des IOK ist bei Menschen, die guten Willens sind und sich auch noch den wichtigsten, ethischen Grundsätzen verpflichtet fühlen, schlecht angekommen und hat teils eine Schockwirkung gezeitigt. Aus der Ukraine sind zwischenzeitlich Boykott-Bekräftigungen bekannt geworden. Dafür sollte die organisierte Sportwelt an sich Verständnis haben. Sollen sich ernsthaft Sportlerinnen und Sportler der drei Länder auf dem Sportfeld messen, bei den Siegerehrungen auf dem selben Podest stehen und sich am Schluss gemeinsam brüderlich und schwesterlich unter die Duschen stellen?

Der Krieg Russlands vor der nächsten Eskalationsstufe

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(causasportnews / red. / 22. September 2022) Die Kriegstreiber im Kreml haben mit der soeben angeordneten Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte die nächste Eskalationsstufe im Krieg gegen die Ukraine eingeläutet. Je länger desto mehr wird nun manifest, dass sich diese von Russland angezettelte Auseinandersetzung zu einem globalen Flächenbrand entwickeln könnte. Die Wahnsinnigen an den Schalthebeln der Macht in Moskau scheuen weder gegnerische noch eigene Verluste, um die Vernichtung der Ukraine und der dort lebenden Menschen zu einem Ende zu führen. Es wird nun auch der Einsatz von Atomwaffen nicht mehr ausgeschlossen – eine Folge der Misserfolge der russischen «Steinzeit-Armee», deren Befehlshaber deshalb unberechenbarer denn je geworden sind. Auch der «Wirtschaftskrieg» gegen den Westen bringt nicht den erwarteten Erfolg. Dass sich wenigstens Teile des russischen Volkes gegen den Wahnsinn auflehnen, ist ein gutes Zeichen, obwohl nur ein Ausschalten der Diktatoren im Kreml ein Ende der unsinnigen Gewalt und Vernichtung in der Ukraine bringen würde. Russland ist mit seiner Aggression, die auch im eigenen Land kaum mehr jemand als «Spezialoperation» bezeichnet, diversen Fehleinschätzungen erlegen. Vor allem das entschlossene Verhalten der westlichen Welt gegen diese Barbarei war nicht abzusehen. Ausgenommen von ein paar Schurkenstaaten ausserhalb Russlands stösst das totalitäre Regime in Russland auf strikte Ablehnung. Der Krieg gegen die Ukraine ist zur «Schlacht» gegen die westliche Weltordnung geworden. Die Ukraine führt gegen die russische Aggressoren einen klassischen Stellvertreterkrieg.

Die von Russland nicht zu erwartende Front der zivilisierten Länder gegen die Aggressoren wird auch vom organisierten Sport breitflächig mitgetragen, was im Zuge des Kriegsbeginns am 24. Februar 2022 nicht unbedingt zu erwarten war. Der Sport setzt mit der Fernhaltung russischer Sportverbände und -organisationen, von Klubs sowie Sportlerinnen und Sportlern ein starkes Zeichen. Heterogen präsentiert sich die Lage bei den Funktionären, welche, wie die Oligarchen ausserhalb Russlands in der Wirtschaft, weiterhin mehr oder weniger ungestört im globalen Sport ihr Unwesen treiben. Eine ganz üble Rolle spielt dabei das Internationale Olympische Komitee (IOK), ein Verein nach schweizerischem Recht mit Sitz in Lausanne. Unter einem opportunistischen Präsidenten werden nach wie vor russische Funktionäre im Weltsport protegiert (dies nicht nur im Schachsport, in dem kürzlich ein Russe zum Präsidenten des Welt-Schachverbandes, FIDE, gewählt wurde! Vgl. dazu auch causasportnews vom 19. August 2022 sowie der Beitrag «Die Welt und der Sport im Krisenmodus» im neusten Heft «Causa Sport», 2/2022).

Seit dem Ausbruch des Krieges vor rund sieben Monaten ist vor allem die Europäische Fussball-Konföderation (UEFA) durch Konsequenz gegenüber dem russischen Sport aufgefallen. Vom Sponsor «Gazprom» hat man sich trotz Millionen-Einbussen umgehend getrennt. Nun ist bekannt geworden, dass der russische Fussballverband (RFS) nicht an der Auslosung der Qualifikation zur Fussball-Europameisterschaft 2024 teilnehmen kann. Dabei ist natürlich der definitive Ausschluss Russlands von der in Deutschland ausgetragenen Kontinental-Europameisterschaft noch nicht besiegelt. Es könnte auch sein, dass der von Russland angezettelte Krieg bis dann beendet sein wird und eine neue Lagebeurteilung der Fussball-Strategen im UEFA-Hauptquartier in Nyon vorgenommen werden muss…

Und immer wieder: «The show must go on”

Photp by Allie_Caulfield

(causasportnews / red. / 7. September 2022) Seit jeher ist der Sport von Polit-Ganoven und -Verbrechern für dunkle und abscheuliche Ziele missbraucht worden. Die «Plattform Sport» eignet sich bestens dafür, um sich zu inszenieren und zu profilieren sowie Stärke z.B. mittels «Kraft durch Freude» (nationalsozialistische Gemeinschaft) zu manifestieren. So nutzten Adolf Hitler und seine Schergen die Olympischen Spiele in Garmisch-Partenkirchen und in Berlin (1936) zur Machtdemonstration der Nationalsozialisten; 1939 überfiel dann Deutschland Polen, und es wurde ein blutiger und schrecklicher Weltkrieg entfesselt. 2014, gleich nach den Olympischen Spielen in Sotschi, überfiel Russland die Halbinsel Krim und annektierten diese. Die Spiele am schwarzen Meer dienten der russischen Propaganda, entpuppten sich letztlich aber als «Doping-Spiele», weil sich Russland eines rigorosen Staatsdopings schuldig gemacht hatte; in der Folge wurde das Land, das seit über einem halben Jahr wieder Krieg führt, weitgehend vom Weltsport ausgeschlossen. Dennoch fand die WM-Endrunde im Fussball 2018 in Russland statt. Die Welt und der Weltfussballverband FIFA krochen mit der Durchführung dieser Spiele der russischen Propaganda einmal mehr auf den Leim. Unter Wahrung des «olympischen Friedens» wartete Russland das Ende der Olympischen Winterspiel in Peking 2022 ab, bevor am 4. Februar 2022 der grauenhafte Ukraine-Krieg begonnen wurde; letztlich wird bis heute auch die ganze Welt terrorisiert.

Dieser Tag jährt sich ein Ereignis, das der Inbegriff des Missbrauchs des Sportes durch üble Gesellen darstellt, zum 50. Mal. Ausgerechnet in Deutschland schlug eine palästinensische Terrorgruppe («Schwarzer September») anlässlich der Olympischen Sommerspiel vom 26. August – 11. September 1972 zu und verursachte im Olympischen Dorf in München und ausserhalb des Olympia-Geländes den Tod von elf Mitgliedern der israelischen Olympiamannschaft. Die Welt verharrte in Schockstarre, und man konnte es einfach nicht glauben, dass das palästinensische Terrorkommando auf der Olympia-Weltbühne in München Sportler und Betreuer der israelischen Mannschaft angriff. Während der Attacke im Olympischen Dorf kamen zwei Israeli zu Tode, danach bei einer total missglückten Geiselbefreiungsaktion auf dem Flughafen «Fürstenfeldbruck» neun weitere Mitglieder des Israelischen Olympia-Teams. Der Sport wurde von den Palästinensischen Terroristen aufs schändlichste für politische und kriegerische Zwecke missbraucht.

Nach einer Trauerfeier nach dem Attentat während der Spiele tat der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), Avery Brundage, einen folgenschweren, heuchlerischen Ausspruch, der einzig dazu diente, die «Geldmaschine Olympia» am Leben zu erhalten, mit dem er aber untauglicherweise ein Zeichen gegen den Terror setzen wollte. «The games must go on», erklärt der Olympia-Greis als Vorsitzender des Greisen-Zirkels IOK. «Die Spiele müssen weitergehen», das gilt nun auch für die Fussball-WM-Endrunde in Katar Ende dieses Jahres. Katar hat zwischenzeitlich bekanntlich viel an Goodwill gewonnen. Immerhin erwartet der Westen nun einiges vom Wüstenstaat, nachdem Russland einen Teil der westlichen Welt nun durch Lieferstopps von Gas und Öl diesen Winter wohl etwas frieren lässt. Jetzt Katar durch Kritik an was auch immer zusätzlich zu brüskieren und missmutig zu stimmen, geht natürlich gar nicht. So lautet die Devise betreffend der Fussball-WM-Endrunde 2022 nun generell: «The show must go on”.

Die hehre Parallelwelt des Internationalen Olympischen Komitees (IOK)

(causasportnews / red. / 24. April 2022) Es war schon lange so und hat sich jetzt wegen des von Russland losgetretenen Zerstörungs- und Vernichtungskrieges, der nun seit genau zwei Monaten tobt, akzentuiert: Das Internationale Olympische Komitee (IOK), ein Verein nach schweizerischem Recht (Art. 60 ff. des Zivilgesetzbuches, ZGB) und mit weitgehend im Greisenalter befindlichen natürlichen Personen als Mitglieder, pocht auf seine Vollautonomie. So hat sich das IOK zu Beginn des russischen Gemetzels in der Ukraine noch dafür ausgesprochen, russische und weissrussische Sportlerinnen weltweit vom organisierten Sport auszuschliessen. Aber Konsequenz im eigenen Haus ist nicht die Stärke des derzeit etwas mehr als 100 Personen zählenden Gremiums, das aus Männern und Frauen besteht, über deren vor allem geistige Fitness immer wieder räsoniert wird. Es ist eine Funktionärskaste, die sich an den Honigtöpfen des organisierten Sportes gütlich tut und für den Sport und seine Ideale mehr Fluch als Segen ist. Die wackeren Frauen und Männer leben ein Funktionärsleben, wie es für den Sport schlechter nicht sein könnte; jedoch ist das IOK eine Gruppierung, die sich unantastbar und über allem erhaben in der Welt des Sportes bewegt und vor allem davon profitiert. Nirgends im Sport sind die Abhängigkeiten und Verfilzungen derart, wie im Verein IOK, der sich grundsätzlich in einer Parallelwelt bewegt. Vor allem die Politik soll sich aus den IOK-Belangen heraushalten, sobald der absolute Machtanspruch und die Autonomie im Allgemeinen negativ tangiert werden könnte.

Für die Schweiz ist es eine immer wieder erklärte Ehre, dem IOK einen feudalen (Vereins-)Sitz im beschaulichen Lausanne zu gewähren. 2015 erklärte der damalige Sportminister Ueli Maurer anlässlich der 100 Jahr-Feier seit der Sitznahme des IOK in der Schweiz: «Ich danke Thomas Bach für alles, was er für den Sport tut».- Weder dieses Statement des immer noch in der Landesregierung dahinvegetierenden, im IOK-Mitglieds-Alter stehenden Ministers an sich noch dessen Inhalt nahm irgendein vernünftiger Mensch ernst. Seit langem ist bekannt, dass der Deutsche Thomas Bach und seine Gefolgsleute vor allem ihr persönliches Wohl im Auge haben. Vom Filz in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft profitieren, sich jedoch sonst in der selbsterbauten Parallelwelt nicht behelligen lassen – das ist die Philosophie des IOK in Lausanne. Dieses hält zusammen wie Pech und Schwefel, und ein derartiger «Korpsgeist» wie in der Lausanner Gruppierung findet sich nicht einmal bei amerikanischen Feuerwehrleuten. Nun hat sich die aktuelle Schweizer Sportministerin erlaubt, das Sport-Komitee aufzufordern, Funktionäre aus Russland und aus Weissrussland aus dem organisierten Sport fernzuhalten. Da das Begehren seitens der Schweizer Regierung von über 30 weiteren Sportministerinnen und -ministern unterstützt wurde, musste das IOK Farbe bekennen und tat dies so, wie erwartet. Natürlich, so IOK-Präsident und Putin-Versteher Thomas Bach, werde das IOK keine Funktionäre aus Russland und Weissrussland ausschliessen (vgl. auch causasportnews vom 19. April 2022). Die IOK-Funktionäre seien keine Vertreter eines Landes, sondern würden ihre Funktion im IOK unabhängig, eben als natürliche Personen, wahrnehmen. So brüskierte das IOK nicht nur die Schweiz und unmittelbar die unbedarfte Sportministerin Viola Amherd, die seit der Abfuhr aus Lausanne vor Schreck verstummt ist. Zwischenzeitlich machen sich Politikerinnen und Politiker Sorgen um den Reputationsschaden, welcher der Schweiz aktuell vom IOK in dieser «Causa» in einer Brutalität, die zur Kriegsführung Russlands passt, zugefügt worden ist. Die Reaktion von Thomas Bach und seinem Clan ist weit mehr als eine monierte Einmischung der Politik in die Belange des Sportes und des IOK. Am liebsten würde man in der Schweiz jetzt das IOK in ein anderes Land wünschen, zumindest ins Pfefferland. Doch, das ist nicht so einfach. Einen privaten Verein wird man auch in der Schweiz nicht so leicht los, und das IOK hat es sich in der Schweiz auch wohlig eingerichtet. Die Parallelwelt in Lausanne ist stringenter als jedes Dogma der katholischen Kirche und in allen Belangen von Staat, Gesellschaft, und Wirtschaft und überdies ideologisch breit abgestützt. Dazu gehört auch die Justiz. So konnte sich der Weltsport, dirigiert durch das IOK, in der Schweiz eine relativ autonome, weltweit geltende und respektierte Gerichtsbarkeit einrichten. Durch die Schaffung des vom IOK mittelbar finanzierten Internationalen Sport-Schiedsgerichts (Tribunal Arbitral du Sport, TAS), zufälligerweise auch in Lausanne domiziliert, verfügt der Weltsport über eine quasi-eigene Gerichtsbarkeit, weitgehend unbehelligt von staatlichen Gerichten (so auch vom Bundesgericht, das TAS-Urteile im Extremfall aufheben kann, aber in seinen Opportunitäts-Entscheiden im Zusammenhang mit dem TAS immer wieder die Unabhängigkeit des Schiedsgerichts unterstreicht). Zufälligerweise hat auch das Schweizerische Bundesgericht seinen Sitz in … Lausanne. Ein Schelm, der Böses denkt!

IOK windet sich mit Formalien aus der Kriegs-Verantwortung

(causasportnews / red. / 19. April 2022) Die(se) Reaktion war zu erwarten, doch dass sie so schnell kommen würde, verwunderte doch. Kurz vor dem Osterwochenende wurde bekannt, dass die Schweizer Sportministerin Viola Amherd auch im Namen von mehr als 30 Sportministerinnen und -minister vom Internationalen Olympischen Komitee (IOK) verlangte, die weltumspannende Sportorganisation möge sich nun doch von Funktionären des Sports aus Russland und Weissrussland trennen, bzw. diese aus dem globalen Funktionärssport ausschliessen (causasportnews vom 18. April 2022). Das IOK kam offensichtlich unter Druck und konnte das Problem völlig ungewohnt für einmal nicht aussitzen. Aus der IOK-Zentrale in Lausanne verlautete umgehend offiziell, dass russische und weissrussische Sport-Funktionäre weiterhin im Weltsport mittun dürfen. Ganz im Gegensatz zu den Sportlerinnen und Sportlern, die grundsätzlich vom internationalen Sport über die entsprechenden Verbände ausgeschlossen sind. Was die Mitglieder des Vereins IOK mit Sitz in Lausanne betrifft, kommt dem Präsidenten der Organisation, dem Deutschen Thomas Bach, die Vereinsstruktur des IOK entgegen. Mitglieder dieser Organisation sind 148 natürliche Personen, davon 103 stimmberechtigte Mitglieder. Deshalb, so der mit allen Wassern gewaschene IOK-Präsident und Jurist, bestehe kein Grund, sich von russischen und weissrussischen Funktionären zu trennen oder diese auszuschliessen, da sie als natürliche Personen nicht ihr Land vertreten würden. Recht hat natürlich der 68-jährige Deutsche, dem u.a. eine Nähe zum russischen Führer Wladimir Putin nachgesagt wird, in formaler Hinsicht. Thomas Bach kann etwa als Frank-Walter Steinmeier des Sports bezeichnet werden; beide Deutschen spielen mit Blick auf den Angriffskrieg Russlands eine etwa gleich opportunistische, dubiose Rolle. Die für die Sportministerinnen und -minister geradezu brüskierende Antwort aus der IOK-Zentrale in Lausanne passt zum ehemaligen Fechtsportler Thomas Bach, der sich den Funktionärs-, Polit- und Wirtschafts-Filz immer wieder zu Nutzen macht. Die Stellungnahme des IOK trägt die Handschrift des Juristen Thomas Bach, der sich aus dieser heiklen «Causa» mit Struktur-Formalien bezüglich des IOK herauswindet. Wie wenn die Sportlerinnen und Sportler aus den beiden genannten Ländern, die derzeit vom aktiven Sport ausgeschlossen sind, ihr Land vertreten würden…

Etwas anders sieht die (Rechts-)Lage bei den Funktionären der internationalen Sportverbände aus. Diese müssten von den jeweiligen Verbänden ausgeschlossen werden, was selbstverständlich möglich wäre. Gemäss Schweizerischem Vereinsrecht können Funktionäre als Verbandsorgane jederzeit abberufen werden. Wenn ein sog. «wichtiger Grund» gegeben ist, besteht das Abberufungsrecht von Gesetzes wegen und ist somit zwingend (Art. 65 Abs. 2 des Zivilgesetzbuches, ZGB). Dass die Sportverbände nicht gewillt sind, Organe abzuberufen oder Verbandsmitglieder auszuschliessen, hat der FIFA-Kongress Ende März in Katar gezeigt: Weder war die Abberufung eines russischen oder weissrussischen Vereinsorgans ein Thema, noch hatte sich die Vereinsversammlung des Weltfussballverbandes mit irgendwelchen Ausschliessungsanträgen gegen Russland oder Weissrussland zu befassen (Mitglieder der FIFA sind die Fussball-Landesverbände).

Mit dieser Verlautbarung des IOK wird manifest, dass im Weltsport die Athletinnen und Athleten weitgehend von ihren sportlichen Aktivitäten ausgeschlossen sind, die Sport-Funktionäre aus Russland und Weissrussland jedoch weiterhin ihr Unwesen treiben können – ähnlich wie die russischen (und auch ukrainischen) Oligarchen ausserhalb des kriegsführenden Russlands.

Den «sauberen» Sport weiterhin «clean» halten!

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(causasportnews / red. / 18. April 2022) Seit bald zwei Monaten tobt der russische Zerstörungs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Facetten dieses Krieges sind vielfältig und scheusslich. Das geschundene Land verhält sich so, wie es die Menschheit im Kampf von David gegen Goliath am liebsten sieht. Wenn die Ukraine, in welchen Belangen auch immer, punktet, nimmt dies die westliche Welt mit Genugtuung zur Kenntnis. So etwa aktuell in der Disziplin «Schiffchen versenken». Seit die Ukrainer das Flaggschiff der Russen, die «Moskau», auf den Meeresboden geschickt haben, hat dieser Coup zumindest die Moral des sich mit allen Mitteln wehrenden Volkes gestärkt. Der Krieg verläuft sonst «sauber», wie es die russische Propaganda die Welt glauben lassen will: Alles andere ist nur ukrainische und westliche Propaganda, verlautet es regelmässig aus dem Kreml.

Für den Sport ist das Wort «sauber» von geradezu magischer und existentieller Bedeutung. «Sauber» ist nicht nur der Lieblingsbegriff der Dopingbekämpfer. Der Sport hat immer und überall «sauber» zu sein! Fair, makellos rein, wie eine keusche Braut, an die zwar niemand mehr so richtig glaubt. So verhält es sich mit Russland. Es ist eine Nation, die hinter dem Krieg und seinem obersten Kriegstreiber steht. Was die «Sauberkeit» des Sportes in zweierlei Hinsicht bedroht. Da sind auf der einen Seite die Sporttreibenden, die man einigermassen umfassend aus der Sportwelt verbannt hat. Wer sonst, wie Schweinefleisch für Muslime, «unsauber» ist, hat im organisierten, aktiven Sport nichts verloren. Durch die Teilnahme von Russinnen und Russen am Sportbetrieb verliert der Sport seine Unschuld, er riskiert seine stets beschworene, zentrale ethische Maxime. Im Umgehungsfall treten diese Sporttreibenden aus dem Aggressionsland nicht mehr als Vertreterinnen und Vertreter Russlands auf, sondern sie verstecken sich allenfalls hinter der quasi-neutralen, olympischen Flagge des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), oder sie formieren sich als Team des Russischen Olympischen Komitee (ROC); wie unlängst an den Olympischen Spielen in Peking im russischen Freundesland China (es war natürlich alles nur Zufall, dass der Krieg gegen die Ukraine nur vier Tage nach Beendigung der Spiele in Peking losgetreten wurde; wie damals, 2014, als die Annexion der Krim erfolgte, die drei Tage vor Abschluss der Olympischen Spiele im Russischen Sotschi ihren Anfang nahm). Der Monat Februar hat es offenbar in sich: Am 23. Februar 2014 begann die Annexion der Krim, am 24. Februar 2022 der Angriff auf die Ukraine…

Der aktive Sport ist also zu einem grossen Teil von russischen Athletinnen und Athleten gesäubert worden, was rechtlich absolut zulässig ist. Schwieriger verhält es sich mit den russischen Sportfunktionären, die weltweit (weiterhin) im organisierten Sport aktiv sind. Zwar hat das IOK nach Kriegsbeginn dazu aufgerufen, russische und auch weissrussische Funktionäre aus dem Sport zu verbannen. Geschehen ist allerdings bisher nichts. Die Verflechtungen und der üble «Filz» sowie die flächendeckende Korruption sind im organisierten Sport so schwierig auszumerzen wie in den Staaten vorwiegend in Europa. Der oberste Olympionike, der Deutsche Thomas Bach, wird sich – trotz gegenteiliger Beteuerungen – davor hüten, den Krebs des «Unsauberen» im Sport auf dieser Ebene zu zerschlagen. Das hat nun die Schweizerische Sport- und Verteidigungsministerin (!), Viola Amherd, dazu bewogen, einen Brief an den IOK-Präsidenten zu verfassen und ihn energisch (sic!) aufzufordern, die von mehr als 30 europäischen Sportministerinnen und -ministern mitgetragene Deklaration zum Ausschluss von russischen und weissrussischen Funktionären im Sport voranzutreiben. Thomas Bach, selber als nicht gerade interessenkonfliktsfrei bekannt, wird sich hüten, die im Sport tätigen Funktionäre aus Russland und Belarus nur schon zur Demission aufzufordern. Zu stark reichen deren Verbindungen zum Kreml. Dabei wäre alles doch so einfach: Da die meisten und wichtigsten internationalen Sportverbände und das IOK als Vereine nach schweizerischem Recht, ihre Sitze in der Schweiz haben, würde ein Blick in das Zivilgesetzbuch (ZGB) zur Wahrung des «sauberen» Sportes auch auf der Funktionärsebene genügen. So heisst es in Art. 65 ZGB, dass die Vereinsversammlung (das oberstes Organ im Verein) die Aufsicht über die Tätigkeit der Organe (wichtige Funktionäre, etc.) hat «und kann sie jederzeit abberufen». Beispiel Alexander Djukow: Der Gazprom-Russe sitzt frisch und fröhlich weiterhin in der UEFA-Exekutive. Gazprom ist zwar aus dem europäischen Fussball eliminiert worden, der Putin-Anhänger in der Regierung des Europäischen Verbandes dirigiert aber weiterhin den europäischen Fussball von Nyon aus mit. Der Verein IOK und die Verbände müssten also nur wollen und der Sport wäre von Funktionärinnen und Funktionären russischer Nationalität gesäubert. Das ist natürlich alles eine schöne (Rechts-)Theorie. Mit den Sportfunktionären verhält es sich nämlich wie mit den Oligarchen, welche die Vorzüge der westlichen Welt geniessen und so vor allem sich selber nur Gutes tun.