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„Adidas“: Keine Empathie – keine „cojones“

© Anton Pinchuk

(causasportnews / red. / 7. April 2020) Im Zeitalter der über die Welt hereingebrochenen Pandemie wird das wahre Gesicht des Menschen sichtbar. Es gibt viele, die sich selbstlos in den Dienst der nun beschworenen Gemeinschaft stellen; und es gibt andere, deren Anlagen im Elend schonungslos transparent werden. Zu letzterer Gattung gehört offensichtlich der allmächtige Herrscher des Sportartikelkonzerns „Adidas“. Der 58jährige Däne Kasper Rorsted ist seit 1. Oktober 2016 Vorstandsvorsitzender des Sportartikelkonzerns Adidas AG. Er hat seinen Job angetreten, um alles der Unternehmens-Gewinnmaximierung unterzuordnen; das ist ihm auch einigermassen gelungen. „Adidas“ boomt und wächst seit der Kommandoübernahme des Dänen an (fast) allen Fronten. Nicht ganz überraschend hat der Top-Manager, der sich vorher beim Henkel-Konzern im wahrsten Sinne des Wortes einen Persilschein für unternehmerisches Können im Sinne des „Shareholder value“ und anderer ökonomischer Glanzleistungen erworben hat, im Zuge der „Corona“-Krise angeordnet, dass „Adidas“ für den April keine Mietzinse mehr für Läden, deren Schliessung wegen der „Corona“-Krise verfügt wurde, bezahlen würde (causasportnews vom 30. März 2020). Nach dieser Ankündigung und der damit verbundenen „Bestrafung“ Unschuldiger ging über dem Superstar mit dem Sensorium ähnlich des dänischen Kochs in der Muppet Show ein Shitstorm nieder; eigentlich war es nur ein „Stürmchen“, denn „Adidas“ wird als guter Werbekunde in den Medien pfleglich behandelt. Bereits die Ankündigung von Kasper Rorsted, keine Mietzinse mehr zu bezahlen, fand in der konventionellen Presse nur ein bescheidenes Echo. Umso mehr gerieten die neuen Medien in Wallung. Nun krebste der Top-Shot aus Herzogenaurach unter diesem Druck zurück und liess (!) kleinlaut verkünden, „Adidas“ würde die April-Mietzinsen jetzt doch bezahlen. Das alles wurde vom „Adidas Team“ letzte Woche kommuniziert; der Manager versteckte sich plötzlich in der Anonymität der „Mannschaft“ – was an sich verwunderlich ist. Und es bleibt die unbeantwortete Frage im Raum stehen, weshalb „Adidas“ und der empathielose Vorstandsvorsitzende sich nicht eines im Sport gebräuchlich gewordenen Ausdrucks erinnerten: cojones!

„Corona“- eine Krisen-Zwischen-Bilanz: „Dat ham wer uns so nich vorjestellt“

(causasportnews / red. / 3. April 2020) Im ersten Quartal 2020 im Allgemeinen und seit Mitte März im Besonderen hat „Corona“ das Leben der Menschen auf der ganzen Welt rigoros verändert; und wird nachhaltig Spuren hinterlassen. Teils Wahnsinns-Entwicklungen und Exzesse in allen Bereichen, in der Gesellschaft, im Staat, in der Politik und auch im Sport, hat die Natur gleich selber „reguliert“, d.h. gestoppt. Die Welt wird nach dieser Katastrophe nicht mehr dieselbe sein. Die flächendeckende Pandemie zeitigt auch verheerende Wirkungen auf den organisierten Sport, die globale Event- und Geldmaschinerie. Das Virus hat ihn gleich lahmgelegt wie weitgehend das Wirtschaftsleben. Ein Ende dieses Krieges gegen einen unbekannten Gegner ist nicht abzusehen. Nach Abschluss des ersten Quartals dieses Jahres, das wir als Freizeit- Spass- und Lifestyle-Gesellschaft noch vor etwas mehr als drei Monaten mit Hurra, Champagner und natürlich mit Party erwartungsvoll begrüsst haben, verlangt nach einer Bilanz per dato, die mit den Worten des ersten Deutschen Bundeskanzlers nach dem 2. Weltkrieg, Konrad Adenauer, so zusammengefasst werden könnte: „Dat ham wer uns so nich vorjestellt“. Drei Monate haben genügt, um wissenschaftliche Analysen, nicht nur im Bereich der Zukunftsforschung, zur Makulatur werden zu lassen. Das wissenschaftliche „Sezieren“ des (Zusammen-)Lebens und der Lebensbedingungen wird weitergehen, wenn auch auf aufgrund anderer Voraussetzungen. Insbesondere Soziologen sind im Moment gefragt wie schon lange nicht mehr. Die Formen des (künftigen) menschlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten sollten, ja müssten, neu festgelegt werden. Negativ-Prognosen zu stellen ist derzeit jedoch so verpönt wie das Witze-Erzählen am Grab. Es liesse sich nun situations-adäquat Karl Marx bemühen, der sich auch in dieser Zeit seiner Worte an die Adresse von Ludwig Feuerbach erinnern würde: Es komme darauf an, die Welt zu verändern, und sie nicht nur verschieden zu interpretieren.- Die Veränderungen im Zuge von „Corona“ sind einschneidend und ohne menschliches Dazutun eingetreten. Was danach, nach Eintritt der Normalität, sein wird, steht in den Sternen und wird den Menschen fordern. Deshalb mit Blick in die Zukunft nachfolgend eine (unvollständige) Krisen-Zwischen-Bilanz in Stichworten, mit Bezug zum Sport und in alphabetischer Reihenfolge:

  • Applaus: Der Applaus ist das Lebenselixier insbesondere der Künstler und Sportler. Der Applaus ist auf Bühnen und in Sportstadien verebbt. Applaus ertönt nun anderweitig – grundsätzlich berechtigterweise: Es werden die Menschen in den Medizinalberufen beklatscht, Verkäufer, Chauffeure, Polizisten, usw. (es wird der Einfachheit halber hier die männliche Schreibweise verwendet; sie gilt auch für Frauen). Eigentlich beschämend: Diese Personengruppen machen Zeit ihres Lebens einen hervorragenden, soliden Job – meist zu schlechten, finanziellen Konditionen; nur in der Krise haben wir gemerkt, dass dies nicht selbstverständlich ist. Deshalb die momentane Dankbarkeit, die schon immer gerechtfertigt gewesen wäre. Noch vor wenigen Wochen waren Angriffe auf Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Polizeikräfte seitens des Party-Volkes in den Grossstädten an der Tagesordnung. Und diese Menschen beklatschen wir heute. Besonders peinlich berührt die derzeitige Medienkampagne eines Grossverteilers, der sich in TV-Spots lauthals individuell beim Personal für die geleisteten Einsätze bedankt. Heuchlerischer geht es fast nicht mehr: Dieses Personal muss sich permanent Minimal-Lohnbedingungen erkämpfen und wird auch sonst prestigemässig regelrecht vorgeführt. Und nun wird es vom eigenen Arbeitgeber abgefeiert für etwas, was diese Menschen tagtäglich leisten, für das sie jedoch geringgeschätzt werden und für das wir einfach undankbar sind;
  • Armee: Die „Corona“-Krise ist ein eigentlicher Krieg, und zwar ein „Bürgerkrieg“. Das unsichtbare Virus führt dazu, dass, ausgedrückt im Gebot des „Distanzhaltens“ der Mit-Bürger und Mitmensch zum „Feind“ mutierte. Ein solcher Krieg gegen einen nicht-wahrnehmbarem Feind im Umfeld des Menschen kann nicht durch politische Behörden effizient und zielsicher geführt werden. Dazu benötigt es eben militärisches „Knwo-how“. Nicht ganz zufällig ist in der Schweiz für den Schutz der Bürgerinnen und Bürger das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) zuständig. Militär und Sport stehen also mit Blick auf den Bevölkerungsschutz in Einklang. Zwischenzeitlich hat die Schweiz zur Bekämpfung der aktuellen Pandemie Teile der Armee aufgeboten. Diese unterstützt die zivilen Kräfte im Bereich der medizinischen Versorgung und leistet diverse weitere Assistenzdienste. Allerdings ist bei dieser Konstellation der Negativ-Umstand auffällig, dass in der Schweiz vor allem von Links, von „Grünen“ und von Kommunisten die Armee mit allen Mitteln, durchwegs sekundiert vom Schweizer Staatsfernsehen, bekämpft worden ist (Lieblingsstar dieser TV-Veranstaltungen war bis zum Ausbruch der Pandemie in Europa der Zuger Politiker Josef Lang, ein Gründungsmitglied der „Gruppe für eine Schweiz ohne Armee“). So leistet eine massiv „zahnlos“ gewordene oder gemachte Armee, die beschränkt einsatztauglich ist, nun Dienst wie noch nie seit dem Ende des zweiten Weltkrieges. Und alle sind deswegen froh;
  • Brot und Spiele: In Krisenzeiten, wie jetzt, steht als erstes Element das Überleben im Vordergrund. Der Mensch will auch im Katastrophenfall verpflegt sein. Gute Verpflegung ist der Indikator für Lebensstandard. Einstweilen zu kurz kommt das zweite, wichtige Element, welches das menschliche Leben lebenswert macht und zur Sicherung der Lebensqualität unabdingbar ist: Spiele, oder heute: Vor allem der Sport. Dieser wird im Moment zur „Auszeit“ gezwungen;
  • Europa: Die „Corona“-Krise ist zwar ein globales, weltumspannendes Phänomen. Deren Bekämpfung erfolgt jedoch mit politischen, nationalen Mitteln. Es kann dieses Fazit gezogen werden: Die derzeitige Krise ist national – jedenfalls wird sie rein national bekämpft. Nicht in Erscheinung tritt die „Europäische Union“ mit ihrer vielbeschworenen Solidarität, bzw. manifestiert sie nun ihre Bedeutungslosigkeit in Krisenzeiten. Noch schlimmer: Derzeit zoffen sich zum Thema „Eurobonds“ das bankrotte Italien und die europäische Leadernation, Deutschland. Ob die „Schönwetter“-Vereinigung EU“ nach der Krise noch Sinn macht, wird sich weisen. Grenzüberschreitend funktioniert hingegen der Sport – oder was von ihm übriggeblieben ist, insbesondere die Sportpolitik. Sogar das nicht gerade für Empathie bekannte Internationale Olympische Komitee (IOK) hat sich vor ein paar Tagen dem Internationalen Druck beugen müssen und die in Tokio vorgesehenen Olympischen Sommerspiele 2020 um ein Jahr verschoben. Das Unausweichliche im Auge haltend hat die Europäischen Fussballkonföderation UEFA dazu bewogen, die ebenfalls in diesem Jahr vorgesehene Fussball-Europameisterschaft an zwölf Standorten in Europa ebenfalls zu verschieben. PS: Die Schweiz ist bekanntlich nicht Mitglied der EU. Deshalb ist der kürzlich entbrannte Streit um die Einfuhr von Schutzmasken aus Deutschland in die Schweiz auch kein europarechtlich relevanter Tatbestand, sondern lediglich eine kleine Disharmonie unter Nachbarn;
  • Führung: Die Welt und die gegen das „Corona“-Virus ankämpfenden Länder (US-Präsident Donald Trump spricht richtigerweise ungeschminkt von einem „Krieg“ („war“; „the fight against the coronavirus“) können diesen Kampf effizient nur mit militärischen Mitteln gewinnen. Die politischen Leader sind ungeeignet, diesen Krieg zielgerichtet und adäquat zu führen, weil sie stets im Spannungsfeld zwischen (medizinischer) Notwendigkeit und wirtschaftlichem Opportunismus reagieren statt agieren (müssen). Ansatzweise kann Österreichs Bundeskanzler als positives Beispiel hervorgehoben werden. Das politische Naturtalent nutzt alle politischen Spielräume aus und beschwört als begnadeter Motivator den „Teamgedanken“ wie bei einer Sportveranstaltung („Team Österreich“). Welch‘ jämmerliches Bild geben da andere Regierungen ab! – Die Resultate sprechen für sich. Die Regierungen und Regierungschefs der Länder wollen für ihr Volk (und natürlich für sich) nur das Beste – und erreichen nicht selten das Gegenteil;
  • Krieg: Die Menschen auch in Europa befinden sich im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der „Corona“-Virus heisst. Weil der Gegner nicht sichtbar ist, ist es schwer, wie sich der Mensch ihm gegenüber verhalten soll. In Anlehnung wohl an Bertold Brechts „Stell Dir vor, es sei Krieg, und keiner geht hin“, könnte die aktuelle Situation so auf den Punkt gebracht werden: „Stell Dir vor, es sei Krieg, und keiner sieht hin“ – vor allem deshalb, weil keiner den Feind sehen kann…;
  • Politik: Die Führung („Lead“) in der jetzigen Krise liegt bei der Politik, was äusserst problematisch ist. Die Entscheide der führenden Politikerinnen und Politiker bei der ideologisierten Krisenbekämpfung orientieren sich stets an politischen Zielen und wirtschaftlichen Wünschen. Statt effiziente, medizinisch gebotene Massnahmen gegen die Verbreitung der Pandemie anzuordnen und umzusetzen, hat sich die Schweizerische Regierung in einen Infight mit den Kantonen (vor allem Uri und Tessin) begeben. Föderalistisch Grundprinzipien aufrecht zu erhalten sind wichtiger als die Bekämpfung der Seuche. Apropos Tessin: Aus wirtschaftlichen Gründen hat es die Schweizer Regierung unterlassen, rechtzeitig die Grenze zwischen der Schweiz und Italien dichtzumachen – mit verheerenden Folgen. Im Übrigen vgl. „Wirtschaft“;
  • Solidarität: In Krisenzeiten, wie jetzt, wird SOLIDARITÄT grossgeschrieben. Das an sich hehre Prinzip funktioniert aber (oft vermeintlich) nur in Ausnahmesituationen. Der moderne Mensch ist individualistisch, egoistisch und eigennützig strukturiert und verhält sich auch so. In der Krise wird aus Not zusammengerückt und die Gemeinsamkeit, um die Katastrophe zu meistern, beschworen (das wird auch als „Ingerenzprinzip“ verstanden [letztlich ist bis anhin unbekannt, wie das Virus losgetreten worden ist; es gibt im Moment keine Schuldigen, was für eine Krise relativ selten ist]). Solidarität im Sport-Business besagt etwa folgendes: Vier Top-Klubs der Deutschen Bundesliga helfen in der Not den serbelnden Vereinen. Sie wollen aktuell 20 Millionen Euro in einen „Solidartopf“ einschiessen. Eine löbliche Geste, allerdings nicht ganz uneigennützig. Die Top-Klubs wissen, dass sie ohne die restlichen Klubs keine Meisterschaft mehr werden spielen können. Sie sind auf diese schlicht angewiesen;
  • Sport: Das „Corona“-Virus hat den Sport innerhalb weniger Wochen vollständig zum Erliegen gebracht. Der organisierte Sport „n’existe plus“. Umso mehr boomt der Freizeit-Sport: Es wird gewandert, teils allerdings ohne die „Abstands-Regeln“ einzuhalten, und gejoggt, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In der Not besinnt sich der Mensch auf Traditionelles;
  • SportBusiness: Durch das „Corona“-Virus ist der organisierte, kommerzielle Sport vollständig zum Erliegen gekommen. Er wird, wie die Wirtschaft, nach ausgestandener Krise am Boden liegen. Nicht nur der Sport an sich hat aufgehört zu funktionieren. Auch die damit zusammenhängende Industrie (TV-Vermarktung, Sponsoring, Werbung, Event-Organisation, usw.) ist zusammengebrochen. Nach der Krise wird es diesbezüglich vor allem viel „Juristenfutter“ abgeben;
  • SportMedien: In einer Krise kommt den Medien besondere Bedeutung zu; aber lediglich den unabhängigen, von denen es kaum mehr welche gibt. „Fake-News“ können nicht mehr nur mit einem Hirngespinst des US-Präsidenten abgetan werden. Wer den heutigen Zustand der Medien mitverfolgt, muss ernüchternd feststellen, dass die Medienlandschaft ebenfalls zum Trümmerfeld geworden ist, wobei die Dekadenzerscheinungen längst vor „Corona“ sichtbar wurden. Ausser über das „Corona“-Virus gibt es auch kaum mehr etwas zu berichten. „Corona“ dominiert auch die Medien. Immer stärker wird abgebildet, wie sich die Journalisten die Welt wünschen und nicht, wie sie tatsächlich ist. In den elektronischen Medien findet der Sport nicht mehr statt – es sei denn, ein wenig Sport-Politik wäre opportun (insbesondere die Begründung von Veranstaltungs-Absagen). Tristesse herrscht ebenfalls bei den Print-Medien. Kaum ein Unternehmen inseriert mehr, und sogar bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ grassiert das „Corona“-Virus durch die ganze, zwischenzeitlich durcheinandergeratene Bund-Systematik, an der sonst im selbsternannten „Intelligenzblatt“ sklavisch-stur festgehalten wird. Sogar der von mehr als zehn Redaktoren(!) produzierte Sport-Teil, der seit Tagen meistens lediglich eine Druckseite umfasst, wurde während Tagen nicht mehr mit „Sport“, sondern mit „CORONAVIRUS“ überschrieben;
  • Sport-Veranstaltungen: Alle grossen Sport-Veranstaltungen 2020 sind abgesagt; soeben haben die Veranstalter des legendären Tennis-Turniers in Wimbledon für dieses Jahr „forfait“ erklärt. Nur die „Deutsche Fussball-Liga“ (DFL) ist wild entschlossen, in der Bundesliga die Spielsaison 2019/2020 bis am 30. Juni 2020 zu beenden. Wenn schon „COVID-19“ nicht planbar ist, soll wenigstens den Klubs „Planungssicherheit“ garantiert werden, so die DFL dazu;
  • Staat: Siehe „Super-Staat“;
  • Statistik: In der „Corona“-Krise ist statistisches Material von vordergründiger Bedeutung und bildet zudem die Grundlage für die Entscheidungen der politischen Führung, welche den Kampf gegen das Virus führen müssen. Nicht wie im Sport, bei dem Statistiken und Resultate untrüglich sind, muss man allerdings hinter den Wert und die Authentizität des nun permanent veröffentlichten Zahlenmaterials zu den „Corona“-Fällen ein zumindest kleines Fragezeichen setzen. Oder ist es wirklich eine reelle statistische Höchstleistung, dass uns China jeden Morgen kommunizieren kann, dass es im 1,4 Milliarden-Volk zu keiner, zu zwei oder zu mehr Ansteckungen gekommen ist?;
  • SuperStaat: Der Staat unternimmt alles für seine Bürger, um ihnen ein schönes Leben, Wohlergehen, Sicherheit und ein wirtschaftliches Auskommen zu garantieren. Noch nie war der Wohlfahrtsstaat derart „en vogue“ wie vor dem Ausbruch der Krise. Derzeit holen der Deutsche und der Schweizer Staat im Ausland festgesetzte Touristinnen und Touristen mit Sondermaschinen in ihre Länder zurück. Das gehört zum Grundrecht auf Feriengenuss, den letztlich der Sozial- und Lifestyle-Staat zu gewährleisten hat. Eigenverantwortung wird im „Super-Staat“ zum geschichtsträchtigen Fremdwort. Dass die Individualität bei diesem System des Neo-Kommunismus auf der Strecke bleiben wird und den Kollektivismus prävalieren lässt, ist folgerichtig, wird aber offenbar gewünscht;
  • Team: Dieser Begriff aus dem Sport wird komplementär im Zusammenhang mit dem derzeitigen Modewort „Solidarität“ verwendet. Mit sportlichen Maximen die Krise zu meistern ist etwa das sicher nicht unzutreffende Credo des Österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Ob es ihm letztlich gelingt, Österreich wie eine Sport-Mannschaft erfolgreich durch die Krise zu führen, wird sich zeigen;
  • Wirtschaft: Eine florierende Wirtschaft bildet das Rückgrat eines gesunden Staates. Seit knapp drei Wochen liegt sie in Trümmern, und zwar so, wie es nie hätte erwartet werden können. Offenbar trifft die bisher suggerierte Annahme nicht zu, dass wir, wie etwa in der Schweiz immer hochgehalten, in einem florierenden, wirtschaftlichen Umfeld leben. Das Gegenteil dürfte zutreffen: Wenn der Staat nach einem Stillstand der Wirtschaft nach wenigen Tagen gleich Dutzende von Milliarden zur Rettung von abgebrannten Unternehmen zur Verfügung stellen muss und das Füllhorn permanent über diesem Pleite-Segment ausschütten muss, war wohl alles eher ein Potemkinsches Dorf denn ein Wirtschaftsmärchen, bezüglich dem das Gefühl vorherrschte, es sei wahr. Letztlich basierte die Wirtschaft auf dem System „Leben auf Pump“ (die Bürger verhalten sich so, wie es der Staat vorlebt), das die Grundlage für noch mehr Umverteilung bildet. Diese Mentalität wird mit dem „Giesskannen-Prinzip“ fortgeführt. Letztlich ist auch Friedrich Schiller („Der kluge Mann baut vor“ – er meinte damit wohl auch die Frauen) längst Geschichte. Der „Super-Staat“ richtet es, dass noch der grösste wirtschaftliche Versager oder jeder arbeits-immune Mensch zu seinem Geld kommt. Das Geld über die Bürger regnen zu lassen und dieses so umzuverteilen bringt den Trend-Politikerinnen und Politikern selbstverständlich Goodwill und Wählerstimmen. Die „Giesskanne“, die im Moment permanent geleert und wieder und wieder und immer mehr nachgefüllt und letztlich über (fast) alle ausgeschüttet wird, dürfte von nachhaltigem Charakter sein; und eignet sich zur Umsetzung von entsprechenden Ideologien bestens. Wetten, dass nach ausgestandener Krise, wenn die Wirtschaft in Trümmern liegt, der „Super-Staat“ umgehend ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle bereit hält? Dass sich dieses System (auch) für die Lenker und Leiter des Staates lohnt, hat der Weltfussballverband mit Sitz in Zürich vorexerziert, und daran orientiert sich z.B. die Schweizerische Regierung: Jeder Geldregen bringt Wählerstimmen. Politik findet eben auch in Krisenzeiten statt. Ein Positivum ist an der ganzen Geschichte zu vermerken: Die unsägliche „Compliance“, mit der vor allem Bürgerinnen und Bürger in den letzten Jahren insbesondere durch Banken und Versicherungen genervt und schikaniert wurden, ist nur noch ein Fremdwort (vgl. dazu für den Sport: „Compliance: Auch ein Thema für Sportverbände und andere Vereine? – Das Beispiel FIFA“, in: Causa Sport, 3/2017, 208 ff.);
  • Zukunft: Auch diese aktuelle Krise, der Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, wir dereinst beendet sein. Was wird bleiben und was wird aus dem Trümmerhaufen, den das „Corona“-Virus verursachen wird, spriessen? Vielleicht eine (erneute) Umwertung der Werte. Sicher wird eine Folge der Krise ein neu aufgelegter Klassenkampf sein, welcher der Freizeit- und Lifestyle-Gesellschaft ein bedingungsloses Grundeinkommen bescheren dürfte. Die im Gange befindliche und durch „Corona“ befeuerte Umverteilung wird durch die Krise weitere Ausmasse annehmen. Aus den Tendenzen, die sich in der aktuellen Situation ausmachen lassen und die an sich einen ausserordentlichen Zustand in einer Krisenzeit darstellen, lässt sich das Fazit ziehen, dass dieses aktuelle Faktum zur Normalität wird. Das Modell des „Super-Staates“ wird realisiert werden im Sinne eines Neo-Kommunismus, der allen Bürgern weiterhin wirtschaftliche Sicherheit, aber auch Einschränkungen der individuellen Bewegungsfreiheit bringen wird. Noch nicht ganz klar ist, wie ein solches Modell finanziert werden soll. Aber das sollte für einen „Super-Staat“ auch kein Problem sein. Auch der organisierte Sport wird sich nach der Krise neu positionieren und dem Trümmerfeld nach „Corona“ wie Phönix aus der Asche entsteigen.

(Autor: Prof. Dr. iur. Urs Scherrer)

„Causa Sport“ 1/2020: Die juristischen Folgen von „COVID-19“ und mehr

(causasportnews / red. / 31. März 2020) Die grassierende „Coronavirus“-Seuche hat auch Auswirkungen insbesondere auf den organisierten Sport. Dieser ist derzeit weltweit lahmgelegt. Dafür sind die Sportpolitiker/innen aktiver denn je. Nachdem als letzter Grossanlass dieses Jahres die Olympischen Sommerspiele in Tokio abgesagt worden sind (vgl. auch causasportnews vom 26. März 2020), beginnt an vielen Fronten bereits das juristische Gemetzel um die Folgen von „COVID-19“ auf den Sport. Auch die heute erscheinende Ausgabe des Printmediums „Causa Sport“ („Causa Sport“ 1/2020; www.causasport.org“) kann sich dieser Thematik nicht ganz entziehen. Chefredaktor Prof. Dr. Urs Scherrer befasst sich mit einem brennenden Thema, mit dem sich Vereine und Verbände nach schweizerischem Recht derzeit konfrontiert sehen: Mit der Rechtskonformität von Absagen und Verschiebungen von Vereinsversammlungen, die jetzt oder demnächst statutengemäss durchgeführt werden müss(t)en („lex corona“ derogat „lex scripta“). So hat auch der Weltfussballverband FIFA, ein Verein mit Sitz in Zürich, die jährliche, ordentliche Vereinsversammlung auf den Herbst dieses Jahres verschoben.

Daneben werden, wie gewohnt in „Causa Sport“, insbesondere Gerichts-Entscheide vor allem aus Deutschland, aus der Schweiz und aus Österreich mit Bezug zum Sport wiedergegeben. Das erfolglose, juristische „Nachspiel“ des ehemaligen Fussballfunktionärs Michel Platini am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (mit einer Kommentierung von Prof. Dr. Ulrich Haas) wird ebenso thematisiert wie etwa die Rechtsfolgen eines tragischen Motocross-Unfalls in Österreich („Fall Hannes Kinigadner“ – war es ein Arbeitsunfall?). Mit der unsäglichen Stadionhistorie in Zürich befasst sich ein Beitrag des Publizisten und ehemaligen Zürcher Stadt-Politikers Robert Schönbächler. Ein Sportwettenfall, der vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg in Deutschland beurteilt werden musste, ist ebenfalls von allgemeinem Interesse.

„Adidas“ im Klassenkampf

© Ged Carroll

(causasportnews / red. / 30. März 2019) Manchmal wünschte man, die Neuigkeiten zum „Corona“-Virus wären nur böse Träume. Es existieren aber auch Meldungen, von denen man sagen möchte, sie würden einem Irrtum entspringen. Als eine Information mit dem Inhalt „Adidas setzt Mietzahlungen aus“ die Runde machte, hätte man diese gerne als „Fake News“ abgetan. Dem ist leider nicht so. Der deutsche Sportartikel-Multi macht auf besondere Art und Weise Schlagzeilen und öffnet ein Fass, das zweifellos Nachahmer finden wird. Und gerade „Adidas“! Die Top-Unternehmung aus dem deutschen Herzogenaurach ist eine „Cashcow“ und gehört zu den etablierten Sportartikelkonzernen. Und nun das: Das fränkische Unternehmen hat bestätigt, Mietzinszahlungen für seine Verkaufsläden in aller Welt „aussetzen“ zu wollen. Wegen geschlossener Shops und eingebrochener Verkäufe. Also keine (geschuldeten!) Gelder mehr für Vermieter von Ladenlokalitäten, welche letztlich an der Schliessung der Einzelhandelsgeschäfte wegen „Corona“ sowenig Schuld tragen wie „Adidas“. Der Schritt der Deutschen wird Nachahmer finden. Und früher oder später dürfte ein juristisches, mietrechtliches „Hauen und Stechen“ einsetzen – eine Disziplin, für die „Adidas“ mit unbestrittenem Innovations-Flair wohl auch noch das geeignete Wettkampf-Outfit kreieren wird. Das Verhalten des Sportartikelkonzerns ist, gewollt oder ungewollt, ein Mittel des „Klassenkampfes“, der in der „Corona“-Krise anders als üblich ausgefochten wird. Zum Beispiel eben im Mietrecht (die weitere juristische Stammdisziplin im modernen „Klassenkampf“ bildet bekanntlich das Arbeitsrecht). Weshalb aber gerade „Adidas“ – die Unternehmung, die eher der kapitalistischen denn der proletarischen Seite zuzurechnen ist? Wahrscheinlich haben zwischenzeitlich zu viele Repräsentanten des Salon-Kommunismus in der Konzernspitze im idyllischen Herzogenaurach Einsitz genommen. Oder sind es nur pure Egoisten? Oder die Mietzins-Weigerung basiert auf einem verquerten Rechtsverständnis. Auch die Liegenschaften-Vermieter tragen schliesslich keine Schuld an der Verbreitung des „Virus“. An sich bekämpfen mit dieser Massnahme Unternehmens- die Wohn- und Geschäftsraum-Kapitalisten. Auch diese Krise frisst ihre Kinder. Degoutant ist die Massnahme alleweil. Vermieter haben ebenfalls ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen. Sie sitzen aber wohl, nach Auffassung des auch nicht gerade „armen“ „Adidas“-Konzerns, auf prall gefüllten Kassen und können sich die Ertragsausfälle leisten. Was „Adidas“ nun vorlebt, nennt sich letztlich offenbar gegenseitige Solidarität, die in dieser Krisenzeit rundherum allgemein beschworen wird. Die sportlichen Unternehmer aus Bayern haben aber gleichzeitig bekanntgegeben, dass das Management des Konzerns (teils) auf Gehaltszahlungen verzichtet; den Ideen, um das offensichtlich egoistische Gewissen zu beruhigen, scheinen in dieser Krisenzeit kaum Grenzen gesetzt. „Schaun mer mal“, würde Franz Beckenbauer, seit Jahren ein bekennender „Adidas“-Freund und zwischenzeitlich aus bekannten Gründen abgetaucht, sagen („Adidas“ ist zudem u.a. mit dem FC Bayern München stark verbandelt, getreu dem Solidaritäts-Motto: „Mia san mia“). Das Positive an dieser Geschichte: Zum Glück kann das Publikum auch auf andere Marken im hart umkämpften Sportartikel-Markt ausweichen, wenn die „Corona“-Krise dereinst überstanden sein wird.

„Olympischer Friede“ einmal anders

(causasportnews / red. / 26. März 2020) Weit vor Christi Geburt schlossen im alten Griechenland die permanent verfeindeten Stämme den „Olympischen Frieden“, um die ungestörte Durchführung der Olympischen Spiele zu sichern. Das wird von Historikern angenommen; die nicht vollends gesicherte Überlieferung besagt dies jedenfalls (vgl. dazu Horst Hilpert, Die Olympische Bewegung und der Friede, Die Olympischen Spiele der Antike und Moderne im Rechtsvergleich, Schriftenreihe Causa Sport, Bd. 9, 2014, 131 ff.). Heute ist es umgekehrt. Finden einschneidende Kriege statt, ruht Olympia, wie etwa in der Moderne fünf Mal während der beiden Weltkriege. Nun fallen wegen der weltweiten „Corona“-Pandemie die Olympischen Spiele in Tokio, die am 24. Juli hätten beginnen sollen, aus. Das hat das Internationale Olympische Komitee in Lausanne (IOK) (endlich) entschieden. Die Entscheidung musste jetzt überstürzt und unter Druck gefällt werden, nachdem sich das IOK, das wichtigste Gremium des Weltsports, lange Zeit zierte, das Unausweichliche noch zu formalisieren und zu Ende zu bringen (vgl. auch causaportnews vom 22. März 2020). Noch vor zwei Wochen wurde das Olympische Feuer im Heiligen Hain zu Olympia in Griechenland mit etwas weniger Getöse als sonst entzündet. Das IOK zierte sich noch am vergangenen Wochenende und stellte einen Entscheid betreffend Tokio für in etwa vier Wochen in Aussicht. Unter dem Druck insbesondere von Athletinnen und Athleten, von politischen Organisationen, Regierungen und der Medien rund um den Erdball und nachdem Kanada und Australien mitgeteilt hatten, in Tokio nicht teilzunehmen zu wollen, wurde für tot erklärt, was sich längst in einem Todeskampf befunden hatte: „Corona“ hat auch den grössten Sportanlass der Welt in die Knie gezwungen. Aus wirtschaftlichen Gründen verschob das IOK, ein Gremium von weitgehend älteren Herren, das in Anlehnung an ein amerikanisches Filmdrama („Der Club der toten Dichter“) auch der „Club der schein-toten Funktionäre“ genannt wird, den Giga-Sportanlass mit 33 Disziplinen (einstweilen) um ein Jahr. Eine Absage hätte für den Verein Internationales Olympisches Komitee wohl den Todesstoss bedeutet. Zu gigantisch wurde „Tokio 2020“ in jeder Hinsicht aufgezogen, weshalb eine Absagte im Moment verhindert werden muss(te). Bei Verschiebungen solcher Grossanlässe stirbt die Hoffnung zuletzt. Für die bejahrten Männer um den IOK-Präsidenten, den Deutschen Dr. Thomas Bach, wurde die Luft immer dünner und der Entscheidungsdruck immer grösser. Der Präsident, ein Sport-Funktionär ältester Schule und mit dem Charisma einer Tontaube ausgestattet, fürchtet nichts mehr als den Verlust des höchsten Amtes im Weltsport. Deshalb wird ausgesessen, was ausgesessen werden kann, und eine Scheinwelt in Schwung gehalten, an die er als einziger selber glaubt. In der Regel will er in seinem Parallel-Universum nur das Beste, vor allem für sich und seine Machtposition, und erreicht meistens das Gegenteil, nicht zuletzt deshalb, weil für ihn Begriffe wie „Sensorium“ oder „Empathie“ Fremdwörter sind. Mit dem unabwendbaren Verschiebungs-Entscheid rettete sich Thomas Bach und den organisierten Weltsport ins kommende Jahr – einstweilen wenigstens. Um in der Sprache der Fechter, zu deren Aktiven der 66jährige Jurist und Olympiasieger von 1976 aus der Fecht-Hochburg Tauberbischofsheim gehört, zu sprechen: Thomas Bach, der Herr über die fünf olympischen Ringe, geht in die Verlängerung und hofft, nun im kommenden Jahr den entscheidenden Treffer zu setzen, das heisst, Tokio zu revitalisieren. Noch nie erhielt das „Prinzip Hoffnung“ im organisierten Weltsport derart zentrale Bedeutung.

Nicht nur wegen „Corona“ steht auch der höchste Funktionär der Disziplin „Fussball“ unter Druck. Gianni Infantino, seit Anfang dieses Jahres nach der Eliminierung aller Widerstände gegen seine Person ebenfalls IOK-Mitglied, der eine Ausdehnung und Neupositionierung der Klub-Weltmeisterschaft für das kommende Jahr angekündigt hatte, zeigt sich im Moment demütig. Weniger Spiele und weniger Turniere soll es künftig geben, erklärte er soeben, nachdem er das Teilnehmerfeld für Fussball-WM-Endrunden erweitert und die an sich ungeliebte Klub-Weltmeisterschaft aufgebläht hatte. Letztere wird nun im kommenden Jahr gar nicht gespielt. Und das Schlimmste an der Sache: Die Sponsoren- und TV-Gelder werden künftig auch im Fussball spärlicher fliessen. Blöd, wenn man seinem Wahlgremium mehr Geld versprochen hat.

Fazit für den Weltsport: Vor „Corona“ kapitulieren im Moment auch die Mächtigsten.

Fussball-Prozess in Bellinzona: Schuld ist nur die Fledermaus

(causasportnews / red. / 25. März 2020) In gut einem Monat, am 27. April 2020, wird es formell besiegelt sein, doch bereits jetzt wird klar: Der Prozess um eine dubiose Zahlung rund um das „Sommermärchen“ 2006 in Deutschland ist faktisch so gut wie geplatzt. Will heissen: Die zur Anklage gegen die ehemaligen Funktionäre Dr. Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach (beide ehemalige DFB-Präsidenten), Horst R. Schmidt (WM-OK-Mitarbeiter 2006) und Dr. Urs Linsi (ehemaliger FIFA-Generalsekretär) gebrachten Vorhalte wegen Betrugs werden verjähren. Derzeit ist der Prozess am Bundessstrafgericht unterbrochen, doch niemand rechnet ernsthaft damit, dass das Verfahren gegen die vier vom „Corona“-Virus bedrohten, angeklagten Rentner, welche der „Corona“-Risikogruppe angehören, im arg verseuchten Tessin, wie vorgesehen, ab 20. April weitergeführt und bis Ende April mit Schuldsprüchen beendet werden kann. „Corona“ wirkt in diesen Tagen und für alle Verfahrensbeteiligte wie ein „deus ex machina“; damit können alle leben und teils ihre Haut retten: Die Anklageschrift ist von der Anklagebehörde derart katastrophal verfasst worden, dass nach Auffassung von Prozessbeobachtern nach einer gerichtlichen Beurteilung glatte Freisprüche die Folge gewesen wären. Der Volkszorn hätte die umstrittenen Bundesanwaltschaft mit voller Wucht getroffen. Hätte das Gericht die Angeklagten freigesprochen, wäre diesem Spott und Häme sicher gewesen; nicht die Bundesanwaltschaft, diese hat bekanntlich die Anklage gegen die vier ehemaligen Fussball-Funktionäre nach jahrelangen Irrungen und Wirrungen im Sinne der Weitergabe der „heissen Kartoffel“ noch vor Ablauf der Verjährung am Gericht eingebracht. Natürlich ist die Verjährung auch für die Angeklagten ein schöner Erfolg, auch wenn Freisprüche auf der Hand lagen. Bei der Schluder-Arbeit der Bundesanwaltschaft war es allerdings auch ein Leichtes, die Vorhalte in die Verjährung zu „schaukeln“. Franz Beckenbauer hat sich bereits früher aus dem Verfahren verabschiedet (vgl. dazu auch causasportnews vom 29. Januar 2020)

Ende gut – alles gut also für alle Beteiligte, und wichtig: Es sind dafür keine konkreten Verantwortlichen auszumachen. Das Desaster um diese Fussballprozesse, welche den Schweizer Steuerzahler Millionen kosten und der Schweizer Justiz einen veritablen Reputationsschaden bescheren, sind auch nicht die Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier, welche den an sich untragbaren Bundesanwalt Michael Lauber im letzten Herbst wieder gewählt haben (vgl. dazu etwa causasportnews vom 25. September 2019); er hat schliesslich rechtzeitig anklagen lassen (in den Verfahren selbst ist er in den Ausstand gedrängt worden). Schuld an der ganzen Verfahrensentwicklung und an allen eingetretenen Umständen ist letztlich das „Corona“-Virus, das die Welt derzeit lähmt. Und schliesslich ist auch nicht klar, wer die Schuld am „Corona“-Virus trägt. Offenbar sollen die Erreger von Fledermäusen übertragen worden sein, wie chinesische Virologen glauben. Schuld am Prozessverlauf in Bellinzona ist sicher nicht der Champagner, der von Johann Strauss in der „Fledermaus“ als Teufelsgebräu entlarvt wird, sondern die Fledermaus gleich selber. Und weil sich die Ursachen der Epidemie, und wer für deren Verbreitung verantwortlich ist, nicht eruieren lassen, bleibt die Schuldfrage auch hier im Dunkeln.

Wenn in diesem Fussball-Prozess, der für alle Beteiligten ein ideales Ende nimmt, schon kein Schuldiger auszumachen ist (in der Schweiz ist diese Reihenfolge einzuhalten: Zuerst Schuldige feststellen, dann allenfalls, wenn es unbedingt sein muss, Lösungen anstreben) lässt es sich in helvetischen Gefilden wenigstens trefflich über Kompetenzen, wie derzeit bei der Bekämpfung des „Corona“-Virus, streiten: Statt mit gebündelten Kräften die Krise zu meistern, streiten sich Bund und einige Kantone um Führungsansprüche und –kompetenzen. Der längst überholte Föderalismus feiert in diesen schwierigen Tagen und auf Kosten der Volksgesundheit wieder einmal Orgien. Hier allerdings mit verheerenden Auswirkungen. Die Schweiz ist vom „Corona“-Virus verhältnismässig sehr stark betroffen – vor allem der opportunistischen, führungsschwachen Schweizer Regierung sei Dank.- Um das zu verstehen und zu verkraften hilft wirklich nur noch Champagner in ausreichender Menge. Schuld ist er aber für diese Misere nicht, sondern ein alternativloses Heilmittel.

„Corona“-Krise: Und nun das „Prinzip FIFA“

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(causasportnews / red. / 22. März 2020) Die Situation in der „Corona“-Krise spitzt sich weiter dramatisch zu. Über die Art von Massnahmen ist jedoch ein Meinungsdissens zwischen spezialisierten Medizinern und Politikern entbrannt. Noch immer lassen sich die Regierungen primär von wirtschaftlichen Interessen leiten – wie zu Beginn der Krise. Statt vor einem Monat die Grenze zu Italien abzuriegeln, wird bis heute in der Schweiz am Grenzverkehr mit Italien festgehalten. Es zeigt sich, dass mit Politikerinnen und Politikern, welche in Krisen- und Katastrophenfällen höchstens reagieren und selten agieren, keiner Katastrophe beizukommen ist – vor allem kann so der Kampf gegen das unsichtbare Virus nicht gewonnen werden. Insbesondere in der Schweiz mit erschreckenden Zahlen betreffend infizierten und verstorbenen Personen müsste die Führung in dieser Katastrophe längst der Armeespitze übertragen werden. Das wäre in der Schweiz möglich, etwa im Gegensatz zu Deutschland und Österreich (in Österreich ist Bundeskanzler Sebastian Kurz dem Land weiterhin ein souveräner Krisen-Manager, vgl. dazu auch causasportnews vom 15. März 2020).

Doch was macht die Schweizer Landesregierung, statt primär den Kampf gegen das verheerende Virus kompromisslos, effizient und ohne Rücksicht auf Partikularinteressen zu führen? Sie sorgt sich um die wirtschaftlichen Folgen der jetzigen Situation und schüttet schon einmal das Füllhorn über der Nation aus. Es könnte einem ob dieses angekündigten Milliarden-Geldsegens beinahe schwindlig werden. So stellt sich nun bereits die konkrete Frage, wer aus welchem Grund wann wieviel bekommen soll…Eigenartig ist nur, dass eine bis anhin derart hochgejubelte Wirtschaft nicht in der Lage sein soll, schon nach kurzer Zeit der Krise ohne Dritthilfe auszukommen. Die vielgepriesenen Unternehmens-Reserven scheinen plötzlich zur Makulatur geworden zu sein. Die deutsche Luftfahrt-Gesellschaft „Swiss“ wird diese Situation auszunützen wissen. Sie ist bereits an die Regierung in Bern gelangt.

Selbstverständlich soll bei der angekündigten Verteilung pekuniärer Mittel auch der organisierte Sport nicht zu kurz kommen: 100 Millionen Schweizer Franken sind ihm jetzt schon einmal versprochen worden. Der Bund übernimmt also zumindest teilweise schon einmal eine Ausfallgarantie für die TV-Rechteverwertungsgelder, die nun zweifelsfrei nicht mehr so exzessiv sprudeln werden wie in der Vergangenheit. Dass auch der Sport beglückt werden soll, ist nachvollziehbar: Der Sport verkörpert eine (auch politisch) potente Community, die es von Seite der Politik zu hegen und zu pflegen gilt. Es ist an sich das „Prinzip FIFA“: Wer den Mitgliedsverbänden des Weltfussballverbandes genügend Mittel verspricht, kann mit deren Unterstützung rechnen. So haben es die FIFA-Präsidenten in den letzten Jahren gehalten. Das Vorgehen im berühmtesten (und für viele berüchtigtesten) Sportverband der Welt erlebt in der helvetischen Politik eine Perpetuierung: Wer den Wählerinnen und Wählern am meisten verspricht, hält sich am erfolgreichsten an der Macht. „Brot und Spiele“ prävalieren also nach wie vor. „Panem et circenses“ (Brot und Spiele) – Brot haben wir aktuell (noch), Spiele wird es wieder geben (zur Situation bezüglich der geplanten und noch nicht abgesagten Olympischen Spiele in Tokio in diesem Sommer vgl. causasportnews vom 22. März 2020). Banale Mechanismen also im organisierten Sport und in der Politik. Wie sonst im Leben.

Nur dass sich in der aktuellen Krise verheerend auswirkt, dass die politische Führung der Schweiz nicht die kompromisslose Bekämpfung der Krise im Vordergrund sieht, sondern bei allen Massnahmen wirtschaftliche Aspekte stark mitgewichtet. Wieder einmal sei es mit Bertold Brecht gesagt: „Erst das Fressen – dann die Moral“. Wirtschaftliche Interessen sind offensichtlich immer noch wichtiger als die Bekämpfung des todbringenden Virus. Sonderbar mutet es auf jeden Fall an, dass in der Schweizer Landesregierung, einer vielgepriesenen Kollegialbehörde, der einzige Arzt im Gremium völlig inexistent zu sein scheint; klar, er ist ja auch „nur“ Aussenminister. In Krisenmanagement übt sich hingegen an vorderster Front eine ehemalige Klavierlehrerin: Das alles wird permanent von den Medien beklatscht. So (einmal mehr) nach dem Motto: „Lob der Schuldigen, Tadel der Unschuldigen“.