causasportnews / Nr. 1027/06/2023, 16. Juni 2023

(causasportnews / red. / 16. Juni 2023) Der Radsport ist seit Jahren keine Paradedisziplin der organisierten, körperlichen Ertüchtigung mehr: Doping, Absprachen, Betrügereien, Mauscheleien, Ungereimtheiten, usw. prägen eine Sportart, die früher über eine grosse Akzeptanz und ebenso grosses Ansehen verfügte; und die Menschenmassen faszinierte und elektrisierte. So versetzten die zwischenzeitlich rar gewordenen Helden der Landstrasse das Publikum permanent in Ekstase. Landesrundfahrten, wie die Tour de Suisse, waren Sportanlässe, die von Hunderttausenden von Menschen an den Strassenrändern beachtet wurden. Die Massenaufläufe von damals hatten natürlich auch damit zu tun, dass sich das Freizeitverhalten in den letzten Jahrzehnten massiv verändert und geändert hat; die Freizeitgesellschaft versteht unter Lebensqualität etwas anderes, als den Leidenden auf den Rennsätteln zu applaudieren. Die Trilogie Sport, Padaleure im Leidensmodus und Volksfeststimmung boten das ideale Sport-Vermarktungspaket. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben. Die Landesrundfahrten sind nur noch Relikte vergangener Zeiten. Die Exponenten der Blech-Lawinen echauffieren sich eher an den Landesrundfahrten, weil sie als zusätzliche Behinderung des eh zähflüssigen Strassenverkehrs betrachtet werden, als dem Radsport gegenüber nur schon Verständnis aufzubringen.
Die derzeitige Tour de Suisse, die in acht Etappen ausgetragen wird und über 1300 Kilometer von Einsiedeln nach St. Gallen führt, wird dem Radsport weder Glamour zurückgeben noch in die Historie dieser Disziplin eingehen. Vielmehr hat die Schweizerische Landesrundfahrt durch den soeben bekannt gewordenen Tod des Schweizer Radprofessionals Gino Mäder einen traurigen Tiefpunkt erreicht. Der 26jährige, in Zürich wohnhafte Berner des Teams «Bahrain Victorious» wurde in einer waghalsigen Schlussabfahrt vom Albula-Pass das Opfer einer sinnlosen Raserei. Die Streckenführung war eine Hommage an das Spektakel. Die beim Horror-Sturz erlittenen, schweren Verletzungen überlebte Gino Mäder nicht.
Geradezu zynisch mutet der Umstand an, dass der Tour-Tross am letzten Sonntag im Klosterdorf Einsiedeln von Abt Urban Federer und mit dem Segen Gottes auf die über 1000 Kilometer lange Reise geschickt wurden, eine Reise, welche Gino Mäder nicht zu Ende führen durfte. Gleichsam mit Gottes Segen raste er in den Tod.
Wie in solchen Situationen üblich, herrscht Schock-Stimmung und legt sich unermessliche Trauer über die Veranstaltung. Wie weiter aber, wenn sich ein derartiges Drama während einer solchen Sportveranstaltung ereignet? – Schon bald wird dann klar: the show must go on. In Absprache mit den Angehörigen des verunglückten Sportlers haben sich die Veranstalter und Organisatoren entschieden, das Radrennen weiterzuführen. Was denn sonst? Eine Forderung der Angehörigen, nicht mehr weiterzufahren, wäre so oder so ungehört geblieben. Das Team von Gino Mäder wird allerdings nicht mehr dabei sein, und die verbleibenden Etappen werden zu quälend langen Durchhalteübungen für die im Feld verbliebenen Fahrer. Die Verantwortlichen des Spektakels legitimieren die Weiterführung der Rundfahrt damit, dass eine solche Entscheidung pro Radrennen, nota bene ohne weiteren, sportlichen Wert, im Sinne des Verstorbenen wäre. Wie wenn das selbstverständlich so anzunehmen wäre. Schliesslich ist bekannt, dass sich Radrennfahrer(innen) im Grenzbereich des Maximalrisikos bewegen. Die Todesfahrt von Gino Mäder wird, ein schwacher Trost, wohl strafrechtliche Folgen haben.
Pietät hat keine Priorität, wenn es um die Perpetuierung von Sport und Kommerz geht. Im Radsport sind unter den Menschen im Begleit-Tross und unter den Veranstaltern und Organisatoren eines Rennens nicht gerade die Aushängeschilder von Empathie und Mitgefühl auszumachen. Demnach bleibt in diesem tragischen Fall einzig das Fazit, dass Gino Mäder mit seiner Todesfahrt, auf die er zur Gewährleistung von Sport und Spektakel von verantwortungslosen Elementen wohl zumindest teilweise in den Tod geschickt worden ist, dieser längst stark umstrittenen Sportart unwissentlich und unwillentlich einen weiteren, gravierenden Akzeptanz-Schlag versetzt hat. Das hätte der 26jährige Berner zweifelsfrei nicht gewollt.









