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Wetten, dass der FIFA-Präsident im Verband unbehelligt bleibt?

Home of FIFA, Zürich, © Ed Coyle

(causasportnews / red. / 2. August 2020) Zwar ist seit einigen Tagen bekannt (causasportnews vom 30. Juli 2020), dass der ausserordentliche Staatsanwalt des Bundes, Stefan Keller, gegen den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino ein Strafverfahren einleiten wird, ebenso gegen den zwischenzeitlich zurückgetretenen Bundesanwalt Michael Lauber (für diese Strafverfolgung ist eine Ermächtigung der zuständigen Kommission des Bundes notwendig); auch gegen den Infantino-Freund, den Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold, wird ermittelt; er hatte offenbar die Treffen eingefädelt. Bei den Strafverfahren gegen Michael Lauber und Gianni Infantino geht es u.a. um Amtsmissbrauch (Michael Lauber) und um Anstiftung dazu (Gianni Infantino). Im Kern wird sich die Untersuchung auf die Treffen zwischen dem zurückgetretenen Bundesanwalt und dem FIFA-Präsidenten fokussieren, also auf die Meetings, an die sich die beiden Protagonisten nicht mehr oder kaum mehr erinnern können. Es ist davon auszugehen, dass im Zuge der Strafverfahren bald einmal Licht ins Dunkle dieser Angelegenheit kommen wird.

Nun müsste an sich die FIFA-Ethikkommission aufgrund des Anfangsverdachtes des Sonderstaatsanwaltes den FIFA-Präsidenten, für den natürlich ebenso wie für Michael Lauber und Rinaldo Arnold die Unschuldsvermutung gilt, umgehend suspendieren. Wird sie aber wohl nicht. Denn bereits ist die FIFA-PR-Maschinerie entsprechend in Gang gesetzt worden. Vom „Zürichberg“ in Zürich verlautete soeben, dass der FIFA-Präsident weder Schweizerisches Recht noch Satzungsrecht der FIFA verletzt habe. Eine Ideal-Konstellation also für Gianni Infantino, dass seine PR-Abteilung mehr weiss als er…Logisch, dass die FIFA-Ethikkommission, ein Organ des Verbandes, in der „Causa Infantino“ trotz des Anfangsverdachtes gegen ihn nicht aktiv wird. Zu sehr hängt die FIFA-Ethikkommission am Gängelband des Präsidenten und ist offensichtlich seit geraumer Zeit nur noch ein moralisches Feigenblatt des Weltverbandes. Dieser übt nun schon einmal heftige Kritik am ausserordentlichen Staatsanwalt des Bundes, der sich erlaubt hat, ein Strafverfahren gegen den FIFA-Präidenten zu eröffnen. Intern kann die FIFA als Verein nach schweizerischem Recht (Art. 60 ff. des Zivilgesetzbuches, ZGB) selber bestimmen, was sie will, jedoch wird sich der eingesetzte Staatsanwalt kaum davon abhalten lassen, falls notwendig, auch strafprozessuale Massnahmen gegen Gianni Infantino zu ergreifen. Da hilft auch die PR-Offensive des Weltfussballverbandes nichts. Beim derzeitigen Stand der Dinge können getrost Wetten abgeschlossen werden, dass die verbands-interne FIFA-Ethikkommission gegen den FIFA-Präsidenten nicht tätig werden wird. In strafprozessualer Hinsicht wird sich Gianni Infantino jedoch auf einiges gefasst machen müssen. Es würde nicht wundern, wenn es im Rahmen dieser Ermittlungen etwa zu Durchsuchungen im „Home of FIFA“ in Zürich und in den Privaträumen des FIFA-Präsidenten kommen würde. Eine Anordnung von Untersuchungshaft würde ebenfalls wenig überraschen. Gewettet werden darf auch darauf, dass der ausserordentliche Staatsanwalt bald aufdecken wird, wie es sich mit den Treffen zwischen Michael Lauber und Gianni Infantino verhalten hat – und was an diesen Treffen besprochen worden ist.

Affaire à suivre…

„Black Friday“ für den Schweizer Sport

In der Aufstellung unserer Grundsätze sind wir strenger als in ihrer Befolgung. (Theodor Fontane)

(causasportnews / red. / 23. November 2019) Das war in der Tat ein (etwas anderer) „Black Friday“ für den Schweizer Sport: Zuerst wurde gestern bekannt, dass der Springreiter Paul Estermann vom Bezirksgericht Willisau wegen mehrfacher, vorsätzlicher Tierquälerei verurteilt worden ist. Der Luzerner, einer der Cracks im Schweizer Pferdesport, hatte gegen einen Strafbefehl gerichtliche Beurteilung verlangt – und wurde nun noch härter bestraft als gemäss Strafbefehl (vgl. auch causasportnews vom 20. November 2019). Klar, der Sportler, der seine „Sportgeräte“ (Pferde) deliktisch behandelt haben soll, geht in die Berufung. Somit gilt, mangels rechtskräftigen Urteils, die Unschuldsvermutung für ihn. Was die verbandsrechtliche Ebene betrifft, sieht der Schweizerische Verband für Pferdesport (SVPS) selbstverständlich keinen Handlungsbedarf. Paul Estermann gilt bei den Springreitern als eine grosse Hoffnung mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Und solange kein rechtskräftiges Urteil gegen den Sportler vorliegt, will der SVPS am vom Bezirksgericht Willisau verurteilten Springreiter festhalten. Wetten, dass das Verfahren in der „Causa Estermann“ erst nach Beendigung der Olympischen Spiele im fernen Japan abgeschlossen sein wird?

Spezielles trug sich gleichentags im Rahmen der Professional-Abteilung des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) zu: Da wurde der bisherige Präsident der Swiss Football League, Heinrich Schifferle, gleich für zwei weitere Jahre als Präsident der SFL gewählt; vorher wurden die Funktionäre jeweils für ein Jahr bestätigt… Legitimiert wurde diese Wahl mit dem Argument, der vor rund einem Monat wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung vom Bezirksgericht Winterthur verurteilte, langjährige Sportfunktionär habe das Urteil weiter gezogen. Der Entscheid sei nicht rechtskräftig, deshalb gelte für Heinrich Schifferle die Unschuldsvermutung (vgl. auch causasportnews vom 26. Oktober 2019). Wetten, dass ein rechtskräftiges Urteil in der „Causa Schifferle“ weit nach dem Ablauf der aktuellen Amtszeit als Liga-Präsident ergehen wird?- Pikant: Gegen das Urteil des Bezirksgericht haben der mit Glanz gewählte Beschuldigte und die Privatklägerschaft (die angeblich geschädigte, frühere Arbeitgeberin des erstinstanzlich Verurteilten) Berufung erklärt, wie das Bezirksgericht Winterthur auf Anfrage von „causasportnews“ bestätigte.

Der gestrige Freitag war mit Bezug auf die beiden „Vorgänge“ (so werden die Fälle sowohl von SVPS und SFL eingeordnet) speziell und werfen Fragen auf. Der Sport ist stets darauf bedacht, starke Grenzlinien zwischen staatlichem Recht und Verbandsrecht zu ziehen. Das gilt nicht nur für das Spannungsfeld zwischen Kriminalstrafe (Strafrecht) und Verbandsrecht (etwa im Sanktionsbereich). Beide Verbände verschanzen sich nun aber bequem hinter dem Umstand, dass beide Urteile noch nicht rechtskräftig seien und die Unschuldsvermutungen gelten würden. Das ist an sich korrekt. Aber, Sportverbände haben in solchen Fällen aufgrund ihrer Warte eigenständig, eben aus verbandsrechtlicher Sicht unter Anwendung etwa des eigenen Sanktionsrechts, zu entscheiden. Wie war das schon mit den Ethikbestrebungen, einem hochgejubelten Mittel der Selbstregulierung der Verbände? Klar, das gilt dann doch letztlich nur für den Weltfussballverband FIFA…

PS Am gestrigen Freitag wurde zudem bekannt, dass sich ein Coach von Swiss Tennis am 9. Dezember 2019 vor dem Bezirksgericht Siders wird verantworten müssen. Eine Frau wirft dem Funktionär vor, er habe sie vor fünf Jahren anlässlich einer Tenniskonferenz in Tallinn sexuell genötigt und vergewaltigt. In diesem Fall gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Diese, dem Coach zur Last gelegten Verfehlungen sind auch nicht zu vergleichen mit Vermögensdelikten oder mit Tierquälerei.