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München: Bestandener «Stresstest» für das erstmals im Spitzensport angewendete Anti-Doping-Gesetz

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(causasportnews / red. / 16. Januar 2021) Es war erwartet worden, dass der als «Doping-Arzt» bekannt gewordene Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt, der über Jahre Winter- und Rad-Sportler insbesondere mit Blut-Doping behandelt hatte, aufgrund des am 10. Dezember 2015 in Deutschland eingeführten Anti-Doping-Gesetzes verurteilt würde (vgl. dazu auch causasportnews vom 18. September 2020). Die zentrale Frage war eher die, ob im ersten, bedeutenden Verfahren in Anwendung dieser Doping-Strafnormen bezüglich des Strafmasses ein Exempel an den Angeklagten Mark Schmidt und weiteren vier Mit-Angeklagten statuiert würde. Das war offensichtlich nicht so. Die soeben vom Landgericht München II verkündeten Urteile sowie die ausgefällten Strafen hielten sich im erwarteten Rahmen. Im ersten Prozess im Bereich des Spitzensportes bestand das Anti-Doping-Gesetz den juristischen «Stresstest»; dieses Fazit lässt sich nach Abschluss des Verfahrens ziehen.

Der Prozess in München war fast in jeder Hinsicht speziell. Gleichenorts wurde schon ein anderes Verfahren, ebenfalls mit Sportbezug, geführt und schliesslich der Fussball-Manager Uli Hoeness wegen Steuerhinterziehung in den Strafvollzug geschickt. Wenig zu tun mit dem Sport hatte der in den selben Gerichts-Räumlichkeiten geführte Prozess gegen die schliesslich verurteilte NSU-Aktivistin Beate Zschäpe. Aber Aufsehen erregte dieser Polit-Prozess dennoch. Nun waren Mark Schmidt und vier seiner Helfer an der Reihe. Alle Angeklagten waren weitgehend geständig, die Beweislage erwies sich nach den Ermittlungen und Razzien (u.a. im Rahmen der «Operation Aderlass) bei den Nordischen Ski-WM 2018 in Seefeld und danach als relativ klar. Nachdem der österreichische Ski-Langläufer Johannes Dürr ausgepackt und die ARD investigative Doping-Aufklärung betrieben hatte, flog das Doping-Netzwerk von Mark Schmidt mit Getöse auf. Eine Spezialität des Erfurter Mediziners bildeten die sog. «Eigenblut-Transfusionen» bei Athleten zur Optimierung der Sauerstoffversorgung. Aber auch sonst war Mark Schmidt erfinderisch: Einer österreichischen Mountainbikerin verabreichte er ein Präparat, das nicht zur Verwendung an Menschen zugelassen war. Diese Vorgehensweise hatte eine Verurteilung des Arztes wegen gefährlicher Körperverletzung zur Folge. Die Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten gegen den Hauptangeklagten Mark Schmidt kann für den systematischen Betrug als adäquat bezeichnet werden. Das Gericht sah es als erstellt an, dass der Erfurter in 24 Fällen Dopingmethoden angewendet und in zwei Fällen unerlaubterweise Arzneimittel in Verkehr gebracht hatte. Der Mediziner wurde neben der Haftstrafe mit einem Berufsverbot von drei Jahren belegt. Überdies ist er mit 158 000 Euro gebüsst worden. Verurteilt und bestraft wurden nebst zwei anderen Beschuldigten eine Krankenschwester und der Vater von Mark Schmidt.

Ob von den in München gefällten, noch nicht rechtskräftigen Urteilen eine abschreckende Wirkung ausgehen wird, dürfte sich künftig weisen. Auch wenn dieser erste, umfassende Prozess im Dunstkreis des Sport-Dopings und gestützt auf das Anti-Doping-Gesetz wohl eine Signalwirkung haben und von einer gewissen, general-präventiven Bedeutung sein wird, ist davor zu warnen, dass mit der Ende 2015 in Kraft gesetzten Normierung entsprechende Betrügereien im Sport mit einem Schlag ein Ende nehmen würden.

Doping-Skandal zieht weitere Kreise

(causasportnews / ds. / 21. März 2019) Gemäss Mitteilung der Münchner Staatsanwaltschaft anlässlich einer Pressekonferenz haben die Ermittler in der Blutdopingaffäre um den deutschen Arzt Dr. Mark Schmidt (vgl. auch causasportnews vom 6. März 2019) neue Erkenntnisse gewonnen. Ein fünfter Verdächtiger wurde in Erfurt festgenommen. Nach Bekunden des ermittelnden Staatsanwaltes Kai Gräber, Leiter der Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping, sollen gemäss dem aktuellen Stand der Ermittlungen 21 Sportler aus acht Ländern von Mark Schmidt und seinen Gehilfen zwischen 2011 und 2019 mit Eigenblutdoping versorgt worden sein. Es gehe um eine dreistellige Zahl von Fällen, in denen Blut entnommen und zurückgeführt worden sei („Blutdoping“). Insgesamt seien fünf Sportarten betroffen, drei davon seien Wintersportdisziplinen. Die Behandlung dürfte für die Missetäter einträglich gewesen sein, wurden doch gemäss Angaben der Staatsanwaltschaft pro Athlet und Saison etwa 4’000 bis 12’000 Euro bezahlt. Die Bluttransfusionen erfolgten weltweit, unter anderem in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in Südkorea und auf Hawaii. Das ganze Ausmass dieses Doping-Skandals scheint derzeit noch nicht absehbar. Es dürfte zu weiteren Enthüllungen kommen; affaire à suivre also.

Nachdem die Zahl der Dopingverfahren in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen und es seit 2018 etwa zu 1’200 Verurteilungen wegen Doping-Vergehens gekommen ist, zeigt sich deutlich, dass das nationale Anti-Doping-Gesetz Deutschlands zwar Wirkungen zeitigt, aber durchaus noch Verbesserungsmöglichkeiten bestehen, um das Betrugspotential im Sport möglichst eliminieren und dadurch die Chancengleichheit unter den Athletinnen und Athleten optimieren zu können.