Früher war mehr Nationalmannschaft

(causasportnews / red. / 9. Januar 2019) Früher war nicht alles besser, aber vieles anders. Das muss nicht a priori schlecht sein. Aber ab und zu ändern sich Gewohnheiten, die dennoch Fragen aufwerfen. Zum Beispiel Rücktritte aus einer Fussball-Nationalmannschaft. Früher wurden Spieler in ein National-Team berufen oder, aus welchen Gründen auch immer, nicht aufgeboten. Der National-Trainer schaltete und waltete dabei uneingeschränkt; seine Personal-Entscheide wurden zwar zu jeder Zeit ab und zu hinterfragt, aber an seiner Aufgebotskompetenz wurde durchwegs nicht gerüttelt. Im modernen Fussball läuft nun aber alles ein wenig anders ab. Über elektronische Medien kritisieren Fussballspieler Aufgebotsentscheide der Nationaltrainer oder melden sich erbost aus der Nationalmannschaft ab, wenn sie sich bspw. „auf den Schlips getreten“ fühlen. Besonders sensibel reagieren Spieler in denjenigen Fällen, in denen sie vom Nationaltrainer nicht ausführlich und in epischer Breite über (Negativ-)Entscheide jedwelcher Art orientiert worden sind. Auch Nationaltrainer sind selbstverständlich in der modernen Kommunikationswelt angelangt und verwenden, wie die Spieler, u.a. die SMS-Möglichkeiten oder „twittern“ wie Politiker in der Welt herum.

Kürzlich war es nur eine Randnotiz wert, dass der Stamm-Torhüter von Borussia Dortmund und Ersatz-Torwart des Schweizer National-Teams, Roman Bürki, erklärte, sich aus der Nationalmannschaft zurückziehen zu wollen. Er beabsichtige, den Fokus verstärkt auf seinen (erfolgreichen) Klub zu richten und vermehrt auf seine Gesundheit achten zu wollen. Soweit so gut. Dass Spieler selber entscheiden, wie sie das „Thema Nationalmannschaft“ behandeln wollen, entspricht dem Zeitgeist. Im konkreten Fall dürfte allerdings im Vordergrund stehen, dass in der Schweizer Nationalmannschaft die Torhüter-Position mit Yann Sommer (bei Borussia Mönchengladbach auch nicht gerade unterbeschäftigt und mit über 30 Jahren sogar noch älter als Roman Bürki) in absehbarer Zeit kaum Änderungen erwarten lässt. Das bedeutet, dass sich Roman Bürki weiter mit der Funktion als Ersatz-Torhüter der Nationalmannschaft begnügen müsste. Soweit so verständlich. Der Schritt des Borussia-Torhüters zielt allerdings auch in eine andere Richtung: Für Spieler, insbesondere in den europäischen Top-Ligen, stehen die Klub-Aktivitäten im Vordergrund, der Nationalmannschafts-Fussball erfährt eine kontinuierliche Abwertung. Nur alle vier Jahre eine Chance zu bekommen, Weltmeister zu werden, statt jedes Jahr um den Champions League-Sieg spielen zu können, führt zu einer eindeutigen Gewichtung der Interessen. Der Nationalmannschafts-Fussball scheint zum Unikum in einer globalisierten Welt zu werden. Das sind die Fakten. Und so ist auch der angekündigte Schritt von Roman Bürki im Kontext einer modernen, globalisierten Welt irgendwie verständlich. Oder man könnte die Situation frei nach Loriot etwa so zusammenfassen: Früher war mehr Nationalmannschaft… (Mehr dazu anlässlich der Veranstaltung des „Swiss Sport Forum“ vom 28. Februar 2019 im FIFA-Museum in Zürich: www.swisssportforum.ch)

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