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Wieder einmal „Sonderfall Schweiz“ – liberal und unter Alkoholeinfluss

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(causasportnews / red. / 3. September 2020) Das Land unternimmt, trotz permanenten Anbiederungen in Europa durch die Politik, ziemlich viel, um den „Sonderfall Schweiz“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu perpetuieren. So verhält es sich auch in der „Corona“-Krise. Permanent steigt in der Schweiz die Zahl der Neuinfektionen; sie ist im internationalen Vergleich sehr hoch. Und wenn ab 1. Oktober die Zuschauerrestriktionen in Sportstätten gelockert werden sollen (für mehr als 1000 Zuschauerinnen und Zuschauer ist eine kantonale Bewilligung notwendig), wie die Landesregierung erklärt hat, werden sich die Grippe-Kranken zu den COVID-19-Infizierten gesellen. Die liberale Öffnung im Rahmen der Bespassungsindustrie ist mit Blick auf das Ausland zumindest speziell: Deutschland und Österreich verhalten sich mit Bezug auf allfällige Lockerungen zurückhaltender; auch Italien hat aus dem anfänglichen „Corona“-Chaos gelernt. In der Schweiz ist eben doch alles anders. Die Landesregierung hat mit der angeordneten Öffnung auch für den Sport dem Druck der Wirtschaft und Interessenvertretungen nachgegeben; die Argumente der medizinischen Wissenschaften wurden durchwegs ignoriert. Der Bundesrat scheint sich bei seiner Lockerungspolitik an Loriot zu orientieren: Ein Sportanlass ohne Publikum vor Ort ist möglich aber sinnlos.

Sportstätten können nun also zu zwei Dritteln gefüllt werden. Es dürfen nur Sitzplätze angeboten werden, und das Publikum trifft eine Maskentragpflicht. Die Veranstalter müssen für die Events mit mehr als 1000 Personen Schutzkonzepte unterbreiten, welche von den Kantonen zu genehmigen sind, ebenso sind Risikoanalysen vorzunehmen. So hat die Landesregierung die Bewilligungspflicht, sprich: Die „heisse Kartoffel“, den Kantonen weitergereicht. Im Sinne der hehren Werte der menschlichen Bespassung hat die Landesregierung zudem davon abgesehen, Alkoholika an Sportanlässen zu verbieten, was auf der politischen Linie der Regierung liegt: Auch die entsprechende Getränkeindustrie ist schliesslich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, und dass sich in einer von Alkohol-, Drogen- und Medikamenten-Konsum (mit-)geprägten Gesellschaft dieser Industriezweig nicht talis qualis ausschalten lässt, scheint evident zu sein. Zu ergänzen ist allerdings, dass der Bundesrat in diesem Punkt doch noch ein wenig in realen Philanthropismus gemacht hat: Der Alkohol in Sportstätten darf Schutzkonzepte nicht gefährden. Eine wirklich glasklare Ausgangslage, und man darf gespannt sein, wie eine solche Vorgabe umgesetzt werden soll. Das ist etwa so, wie wenn für die Jagd eine Einschränkung angeordnet würde: Wild darf nur geschossen werden, wenn der Fortbestand der betroffenen Tiergattung durch Abschüsse nicht nachhaltig gefährdet wird.

Aber vielleicht werden die ganzen Anordnungen und Konzeptionen eh obsolet, sollten sich die Auswirkungen der Pandemie wieder verschärfen – was zwar niemand hofft, aber dennoch Tatsache werden kann.

Fussball im „Corona“-Zeitalter: Eine andere Form der Relativität

(causasportnews / red. / 29. August 2020). Dass die „Corona“-Pandemie und deren Bekämpfung nationale Phänomene sind, liegt auf der Hand. Noch nie ist den Befürwortern grenzüberschreitender Lösungen und Massnahmen aller Art derart drastisch vor Augen geführt worden, dass die Bedeutung der Nationalstaaten trotz flächendeckender Europa-Euphorie alles andere als marginal geworden ist. So wird der Kampf gegen die unberechenbare Seuche national geführt, das wurde offenkundig, als die einzelnen Ländern anfingen, vor allem Schutzmasken nur noch für sich selber zu beschaffen. Die Bekämpfung von COVID-19 erfolgt rund um den Globus national. Diese Situation hat auch Auswirkungen auf den Sport. Beispielsweise auf den organisierten, professionellen Fussball. Soeben ist bekannt geworden, dass eine der besten Fussball-Ligen der Welt, die Deutsche Fussball-Bundesliga, ihre Spiele bis Ende Oktober grundsätzlich ohne Zuschauer/innen austragen wird (das gilt auch für die 2. Bundesliga). Anders die Schweiz: Es kann gemäss behördlichen Ankündigungen gemutmasst werden, dass die Stadien bereits ab 1. Oktober bis zu zwei Dritteln gefüllt werden dürfen. Eine verkehre Welt ohne jegliche internationale Harmonisierung also? Dieser Schluss liesse sich aufdrängen, wenn die Fallzahlen in Deutschland und in der Schweiz betrachtet und verglichen werden. Diese liegen im Durchschnitt in der Schweiz weit höher als in Deutschland. Doch die Deutsche Bundesliga weist einen ganz anderen Stellenwert auf als der Fussball in der Schweiz; immerhin sind doch einige, wichtige Schweizer Fussballspieler bei deutschen Klubs unter Vertrag. Viele Rückschlüsse lassen die Zuschauerzahlen zu. Die Öffnung dieser Sportveranstaltungen für das Publikum dürfte jedenfalls unter dem Damoklesschwert von COVID-19 relativiert zu betrachten sein. Immerhin leben 83 Millionen Menschen in Deutschland, in der Schweiz sind es lediglich 8,5 Millionen, davon rund eine Million eingewanderte und eingebürgerte Deutsche. Die „Allianz-Arena“ in München mit rund 75 000 Zuschauern wäre bei einer 2/3-Auslastung immer noch eine gewaltige Massenveranstaltung mit 50 000 Besuchern. Von solchen Zahlen kann in der Schweiz (im Rahmen ordentlicher Verhältnisse) generell nur geträumt werden. Im Stadion des Meisters BSC Young Boys Bern kann etwas mehr als 30 000 Zuschauern Einlass geboten werden. Bei einer Stadion-Frequentierung von zwei Dritteln sind dies erst 20 000 Zuschauer. Die Verhältnisse und die Dimensionen in den beiden Ländern sind schlicht nicht vergleichbar. Deshalb entspricht es einer gewissen Logik, dass in Deutschland aufgrund der Pandemie-Lage die Stadien erst Ende Oktober wieder grosszügiger geöffnet werden sollen. Der Vergleich zwischen den beiden Ländern manifestiert eine andere Form der Relativität.

Aufarbeitung der Geschichte des FC Bayern München

(causasportnews / red. / pd. / 27. August 2019) Die Zeitschrift gehört zu den „Bijous“ der Fach-Publizistik und wartet aktuell nach einer dreijährigen Pause mit einer bemerkenswerten Nummer auf: Die Zeitschrift „STADION“, herausgegeben vom „Academia Verlag“, einer Unternehmenseinheit des zur Beck-Verlagsgruppe gehörenden, renommierten Wissenschaftsverlags „Nomos“ in Baden-Baden. In der neuen Ausgabe sticht ein sport-historischer Beitrag des Mit-Herausgebers Dr. Markwart Herzog heraus. Der Wissenschafter befasst sich in seinem Aufsatz „Der FC Bayern München im ‚Dritten Reich‘. Ein Beitrag zur Geschichtspolitik des deutschen Rekordmeisters“ mit der Grundthematik der Stellung des deutschen Rekordmeisters im „Dritten Reich“. Hinterfragt wird dabei die bis anhin herrschende Meinung zum FC Bayern München, der Verein sei ein „Opfer“ des Nationalsozialismus gewesen und habe eine entsprechende „Heldengeschichte“ geschrieben – nicht nur sporthistorisch, sondern auch medien- gesellschaftlich und kulturhistorisch eine „interessante“ Betrachtungsweise. Die bisherige Geschichte des Vereins in der Zeit des Nationalsozialismus habe sich bisher auf Chroniken, Festschriften und Zeitzeugen gestützt; Archivrecherchen seien jedoch bis dato unterblieben, kommt der Autor zum Schluss. Der über Jahrzehnte hinweg festgeschriebene Mythos habe vereinsintern jedenfalls eine starke gemeinschaftsbildende und sinnstiftende Kraft entfaltet. In der Realität sei die Rolle des Vereins als „Opfer“ des Nationalsozialismus zu relativieren. Tatsache ist etwa, dass der damalige Präsident jüdischer Herkunft, Kurt Landauer, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zurückgetreten und schliesslich im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen sei. Von dort floh der Ex-Präsident in die Schweiz. Von 1938 bis 1942 war ein Nationalsozialist Präsident des Klubs: Josef Kellner, eingeschriebenes Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der unter anderem im besetzten Sudetenland als Landrat tätig war. Über die sportliche und politische Rolle dieses Vereins-Präsidenten berichtete kürzlich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (34/2019, 17. August 2019, 122 f.). Der Beitrag basiert auf dem Aufsatz von Markwart Herzog in „STADION“. Das Forschungsresultat aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift trägt dank präsentierter Faktenlage einiges zu einem authentischen, realen Geschichtsverständnis rund um den FC Bayern München bei. Dazu vermeldet der „Spiegel“ in der genannten Nummer unter dem Titel „Penibler Tyrann“ genüsslich: „Der FC Bayern München sieht sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus. Neue Dokumente belegen nun, dass ein früherer Präsident ein einflussreicher Nazi war.“. Im Auftrag des Vereins arbeitet derzeit das Institut für Zeitgeschichte in München die Geschichte des Klubs im Nationalsozialismus auf.