Ein Kuss bestätigt die «Schmetterlingstheorie»

causasportnews / Nr. 1057/09/2023, 11. September 2023

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(causasportnews / red. / 11. September 2023) Kann ein Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen? Ja, so ist es, wenn man der berühmten «Schmetterlingstheorie» Glauben schenken will. Kann aber auch ein Kuss einen Glaubenskrieg entfesseln oder gängige Moralvorstellungen und Weltanschauungen in einem bedeutenden Fussball-Land zumindest ins Wanken bringen? Oder eine Nation sogar spalten? – Auch das ist wohl nach dieser Theorie möglich.

Er wird wohl zum «Kuss des Jahres», den der Präsident des Spanischen Fussballverbandes (RFEF) «seiner» siegreichen Spielern Jennifer Hermoso am 20. August 2023 nach dem Finalsieg der Spanierinnen zumindest ungestüm appliziert hat. Auf den Mund, ohne jegliches Einverständnis seitens der Spielerin und ohne jeglichen Rechtfertigungsgrund. Seither ist nicht nur die globale Fussballwelt aufgewühlt. Es ist klar, dass so etwas nicht geht. Doch ist, bzw. war der Vorgang dazu angetan, Luis Rubiales abzuschiessen? Es haben sich zwischenzeitlich zwei Lager formiert: Die Gegner der Aktion des Verbandspräsidenten, die seinen Kopf fordern; und die Verfechter der Verhältnismässigkeit, welche sich im für den Präsidenten schlechtesten Fall für eine angemessene, sprich milde Sanktionierung für die «Kuss-Attacke» stark mach(t)en. Praktisch die ganze Weltöffentlichkeit fühlt sich seit dem Spanierinnen-Sieg in Australien berufen, sich hier einzubringen. Der Welt-Fussballverband FIFA hat den 46jährigen Spanier auf Druck schon einmal von der Ausübung seiner Funktionärs-Aktivitäten suspendiert. Offenbar nicht ganz freiwillig hat die beküsste Spielerin kürzlich den in ihren Augen übergriffigen Funktionär angezeigt und damit die strafrechtliche Ebene beschritten. Video-Bilder zeigen allerdings, dass sich Jennifer Hermoso nach dem emotionalen Ausbruch von Luis Rubiales nach dem Finalspiel in Sydney nicht wahnsinnig über den präsidialen Kuss echauffiert hatte. Die zuständige oder nicht zuständige Staatsanwaltschaft in Spanien («Tatort» war Australien) ermittelt nun wegen des möglichen, teils behaupteten sexuellen Übergriffs. Die Kernfrage wird sein: War der Kuss sexuell und/oder macho-mässig und/oder rein emotional motiviert? Nun hat sich die Situation im Hauptpunkt geklärt. Verbandspräsident Luis Rubiales ist per sofort zurückgetreten, auch als Vize-Präsident des Kontinentalverbandes UEFA. Der Druck auf ihn, der sich auch starrsinnig und uneinsichtig zeigte, wurde zu gross. Die «Kuss-Attacke» von Sydney, die sich zum Tornado entwickelte, hat sich «Schmetterling-theoretisch» bestätigt.

Die «Causa Rubiales (Täter) / Hermoso (Opfer)» hatte die individuell-konkrete Sphäre des Geschehens längst verlassen. Der Vorgang wies immer mehr generell-abstrakte Züge auf. Je länger die Affäre andauerte, desto vordergründiger stand die Frage im Raum, ob Spanien grundsätzlich ein Macho-Land sei. Zudem, ob in der Fussball-Welt, in dem sich z.B. Funktionäre (vor allem gegenüber Frauen) offenbar alles (oder einiges) erlauben dürfen, die Machokultur gesellschaftlich prävaliert. Wie verhält es sich zudem mit dem Status der (vermeintlich?) emanzipierten, spanischen Gesellschaft? Die Grundsatzfrage, die auch nach dem Rücktritt des Verbandspräsidenten weiterhin im Raum stehen wird, lautet schlicht: Wie weit dürfen Spaniens Machos gehen? In dem erfolgsverwöhnten Fussball-Land werden die Verhaltens-Massstäbe in derartigen Dingen wohl immer noch etwas salopper angelegt als anderswo. Der «Fall Luis Rubiales» ist zwar nun in einer ersten Phase abgeschlossen. Der entfesselte Tornado hat dem Präsidenten keine andere Wahl mehr gelassen, als zurückzutreten. Von Tornados ereilt werden nicht immer die «Richtigen»; sie sind immer «ungerecht». Es wird sich weisen, ob es in dieser Angelegenheit zu einer strafrechtlichen Verurteilung kommen wird. Falls nicht, wird die Diskussion wohl endlos weitergeführt werden (müssen). Der Umstand, dass sich der Verbandspräsident anlässlich des Finalspiels in Sydney auch noch in den Schritt gegriffen hatte, dürfte bei der Beurteilung des Verschuldens, der Vorwerfbarkeit, nicht allzu schwer wiegen; so etwas (mit zusätzlicher «Geruchskontrolle») hatte der damalige Deutsche Bundestrainer Joachim Löw 2016 schliesslich auch unbeschadet überstanden (wenn auch die Intuitionen der beiden Funktionäre bei ihren Aktionen offensichtlich nicht dieselben waren).

Asienspiele ohne Russland und Weissrussland

causasportnews / Nr. 1056/09/2023, 7. September 2023

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(causasportnews / red. / 7. September 2023) Es entspricht einer notorischen Tatsache, dass sich das Internationale Olympische Komitee (IOK) schwer tut, Sportlerinnen und Sportler aus den Kriegstreiber-Ländern Russland und Weissrussland vom internationalen Sport fernzuhalten. Insbesondere der IOK-Präsident Thomas Bach (Deutschland) gilt als wankelmütiger Opportunist in der Frage, wie in sportlicher Hinsicht mit den Schurkenstaaten Russland und dem Russland-Steigbügelhalter Weissrussland umzugehen sei. Die Meldung, welche vor ein paar Tagen verbreitet wurde, erregte deshalb Aufsehen: Die Asienspiele, die vom 23. September 2023 bis zum 8. Oktober 2023 in der Chinesischen Stadt Hangzhou stattfinden werden, erfolgen ohne russische und weissrussisch Beteiligungen! Zuvor hatte der Olympische Rat Asiens (OCA) noch entschieden, Athletinnen und Athleten beider Länder als neutrale Teilnehmer des Multisport-Events antreten zu lassen. Nun verlautete aus Lausanne, dem Sitz des IOK, dass die Sportlerinnen und Sportler der beiden Länder in China nicht teilnehmen könnten. Wahrscheinlich fürchtet das IOK als oberster Schirmherr der Spiele, Nachteile, etwa mit Blick auf Sponsoringerträge und der Werbeindustrie. Viele Unternehmen und Weltkonzern wollen sich bei grossen Sportanlässen nicht in irgendeinem Zusammenhang mit Russland und Weissrussland positionieren. Zudem ist China als Austragungsort von Sportveranstaltungen alles andere als unproblematisch. Die Teilnahme-Entwicklung und der Ausschluss des russischen und des weissrussischen Sportes mit Bezug auf die diesjährigen Asienspiele lassen erahnen, in welche Zwickmühle das IOK etwa mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele im kommenden Jahr in Paris geraten könnte. Frankreich lehnt die Teilnahme russischer und weissrussischer Athletinnen und Athleten ab, das IOK gebärdet sich tendenziell wankelmütig und willfährig.

Nicht nur die ukrainische Propaganda befeuert die Bestrebungen mit Blick auf den Ausschluss Russlands und Weissrussland vom globalen Sport – aber auch. So sind Zahlen genannt worden, mit denen die Grausamkeit vor allem Russlands in diesem Krieg untermauert werden soll: Nicht zu erhärten ist selbstverständlich, wieviele Sportlerinnen und Sportler aus der Ukraine in dieser von den Russen angerichteten Tragödie bisher ums Leben gekommen sind. Im Frühjahr gab das Sportministerium der Ukraine bekannt, seit Beginn des Angriffskrieges seien 287 Sportlerinnen, Sportler und Trainer getötet worden. Viele von ihnen überlebten als Angehörige der ukrainischen Armee das Grauen nicht. Dass zudem gegen 350 Sportstätten in der Ukraine zerstört wurden, verschlimmert das Bild des Schreckens im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskriege noch mehr. Evident ist, dass diese Zahlen nicht dazu angetan sind, die Integration des russischen und des weissrussischen Sportes in den globalen Sport zu vereinfachen.

Credit Suisse – Werbung nach dem Untergang: Was soll denn das?

causasportnews / Nr. 1055/09/2023, 3. September 2023

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(causasportnews / red. / 3. September 2023) «Werbung muss man nicht verstehen, sie muss nur wirken». –  So lautet eine gängige Marketingphilosophie. Wirken meint, mit der beworbenen Dienstleistung oder mit dem Produkt ist eine Verkaufsoptimierung anzustreben. Nun ereignet sich im Schweizer Werbemarkt aktuell Sonder- und auch nicht Erklärbares.

Die soeben pleite gegangene Schweizer Grossbank Credit Suisse ist von der Grossbank UBS, welche 2008 in etwa das selbe Schicksal erlitten hatte, gerettet worden. Viel Ungereimtes rankt sich um diese Verzweiflungstat, so etwa, dass die Credit Suisse im März 2023 dank oder wegen einer Staatsintervention und Staatshilfe zu Gunsten der UBS «gerettet» wurde, sich die grösste Bank der Schweiz aber bereits fünf Monate später vom Staat emanzipierte mit der Begründung, sie sei wirtschaftlich doch so potent, dass sie auf Staatshilfe verzichten könne. Fürwahr, die letzten Quartalszahlen der UBS sind indiskutabel. Die Folge davon: Arbeitsplätze bei der Credit Suisse verschwinden en masse, und in zwei Jahren wird die Bank mit dem Segel-Logo untergegangen sein.

Im Zusammenhang mit dieser zumindest merkwürdigen Geschichte, die auf dem Rücken der Volkswirtschaft ausgetragen und dem UBS-Management eine tolle Entwicklung verheisst (die eigenen Taschen dürfen weiterhin gefüllt werden), fehlt es in vielerlei Hinsicht an Logik, nämlich etwa dergestalt:

Obwohl es die Credit Suisse bald nicht mehr gibt, wird das Bankhaus etwa von der höchsten Professional-Liga des Schweizerischen Fussballverbandes weiterhin beworben. Die Abteilung nennt sich unbeirrt, und als ob die Botschaft vom Untergang der Bank am Sitz der Fussballer in Bern noch nicht angekommen worden wäre, weiterhin und offiziell «Credit Suisse Super League». Noch skurriler mutet der Umstand an, dass das neue Fussballstadion in Zürich, das, so Gott und die Juristen jedwelcher Couleur wollen, ca. im Jahr 2030 die neue Fussball-Heimat für die Klubs FC Zürich und Grasshopper werden soll, «Credit Suisse Arena» heissen wird. Dieser «naming right»-Deal ist längst besiegelt, und aus der «Credit Suisse Arena» dürfte wohl nicht einfach eine «UBS-Arena» werden. Oder doch? Entsprechende Fragen bei beiden Banken blieben unbeantwortet. Relativ klar mutet die Sachlage bezüglich der Sponsoring-Vereinbarung zwischen der Pleite gegangenen zweitgrössten Bank der Schweiz und dem zurückgetretenen Tennis-Kaiser Roger Federer an: Von der «Credit Suisse», bzw. wohl nun von der UBS, werden weiterhin geschätzte Sponsoringbeträge von jährlich einer Million Schweizer Franken bezahlt werden. Der Tennis-Legende ist es selbstverständlich egal, ob das Geld weiterhin von der Credit Suisse oder von der UBS am Zürcher Paradeplatz aufwärts an den oberen Zürichsee nach Rapperswil-Jona fliesst. Hauptsache: Panta rhei – das gilt auch für den schnöden Mammon! Nur, was der Baselbieter nun bewerben soll, dürfte noch zu klären sein. Falls Roger Federer weiterhin als Markenbotschafter der Credit Suisse auftreten sollte, wäre die Frage wohl berechtigt, was das denn noch soll?

Werbung ist bunt, originell und verfängt bestenfalls – logisch muss sie natürlich auch nicht sein.

«Kuss-Skandal»: Nun das Schweigen der (Un-)Schulds-Lämmer

causasportnewes / Nr. 1054/08/2023, 31. August 2023

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(causasportnews / red. / 31. August 2023) Und plötzlich herrscht Schweigen im grossen «Kuss-Skandal», das einzige Thema, das nach und von der Frauen-Fussball-Weltmeisterschaft von diesem Turnier übrigblieb (vgl. zuletzt causasportnews vom 28. August 2023). Was ist geschehen? causasportnews zieht nach dem Vorfall anlässlich der Pokalübergabe in Sydney, als Spaniens Verbandspräsident Luis Rubiales am 20. August die Spielerin der Weltmeisterinnen-Equipe, Jennifer Hermoso, auf den Mund küsste, zum Monatsende eine Zwischenbilanz.

Dabei ist generell festzuhalten, dass das, was sich in der Öffentlichkeit oder auch nicht abspielt oder nicht, in der Regel unter ethischen oder juristischen Gesichtspunkten beurteilt wird, falls die Empörungs- und Betroffenheitsgesellschaft tangiert wird oder sich berühren lässt. Die Grenzen sind diesbezüglich fliessend. Die Moralkeule zu schwingen oder juristisch zu urteilen, auch über Sachverhalte, die nicht erstellt sind, ist en vogue; die konventionellen Medien, oder was von ihnen übriggeblieben ist, haben die Rolle des früheren Wirtshaus-Stammtisches übernommen. Dafür garantieren die sog. «neuen Medien» einen modernen und adäquaten Lebensstandrad und viel mehr Lebensqualität. Ein sich in der Öffentlichkeit bewegender Mensch zumindest ohne Handy am Ohr oder in der Hand ist ein Aussenseiter.

So kam es, dass die Kuss-Attacke des Verbandspräsidenten die Massen geradezu elektrisierte, und die Medien den Shitstorm, der sich über Luis Rubiales zu entladen begann, willfährig befeuerten. Der Mob rief zur Kreuzigung des Bösewichtes auf, und die verluderte Medienmeute hechelte im Gleichschritt hinterher. Diese Form von Sexismus geht nicht, befanden alle zur Meinungsäusserung berufenen Menschen guten Willens und Verfechter von Tugend und Moral: Das Publikum, die Medien, Sportfunktionäre, Interessenorganisationen aller Art, Regierungsmitglieder, die Vereinten Nationen, usw.; der Weltfussballverband FIFA als oberste moralische und juristische Instanz des globalen Fussballs machte, wie immer, wenn mit dem Strom geschwommen werden soll, gleich Nägel mit Köpfen und sperrte den obersten Missetäter des Spanischen Fussballs gleich für drei Monate. Dumm nur für (fast) alle, dass zwischenzeitlich sogar mit den Gralshütern der menschlichen Moral Zweifel am bereits final beurteilten Tatbestand aufgekommen sein mögen. Weshalb sonst herrscht in der «Causa Rubiales / Hermoso» plötzlich rundherum Schweigen? Dieses dürfte wohl nicht einfach die Folge des Hungerstreiks der Mutter von Luis Rubiales sein, die sich mit dieser Aktion gegen die globale Hetze gegen ihren Sohn protestiert hat und sich zwischenzeitlich in Spitalpflege befindet.

Dummerweise für die Treiberinnen und Treiber dieser aktuellen Hatz zirkuliert ein Video im Netzt, das den Vorwurf der sexistischen Handlung anlässlich der Kuss-Attacke in Sydney ins Wanken bringt. Obwohl sie permanent von allen Seiten bearbeitet wird, hat sich die Kuss-geschädigte Spielerin geweigert, den Verbandspräsidenten explizit des Sexismus zu bezichtigen. Vielleicht war die zweifelsfrei nicht zu beschönigende Kuss-Attacke eher emotional denn sexistisch motiviert? On verra. Ist ja auch nicht so schlimm, wenn sich dieser Skandal letztlich als Mini-Skandal erweisen sollte. Was kümmern die Meute und die Medien schliesslich Individual-Schicksale? Die gab es schliesslich nicht nur im digitalen Zeitalter. Unschuldige wurden immer wieder verurteilt und die Affaire Alfred Dreyfus wurde ebenso überstanden. Die Geschichte wiederholt sich stets, und nach wie vor lautetet eine Maxime auch unserer heutigen Gesellschaft: «Lob der Schuldigen, Tadel der Unschuldigen». Wie die der Vorgang um Luis Rubiales einmal in diesen Kontext einzuordnen sein wird, dürfte sich bald weisen.

Luis Rubiales: Ein «Vier-Augen-Delikt», begangen in der Öffentlichkeit

causasportnews / Nr. 1053/08/2023, 28. August 2023

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(causasportnews / red. / 28. August 2023) Vor rund einer Woche erspielten sich die Spanischen Frauen den Fussball-Weltmeistertitel. Statt der erfreulichen sportlichen Nachlese beherrscht im Nachgang zur Pokalübergabe an die Spanierinnen ein einziges Thema die globale Welt, nicht nur die Sport-Welt: Der Kuss des Verbandspräsidenten Luis Rubiales gegenüber der Spielerin Jennifer Hermoso (vgl. auch causasportnews vom 24. August 2023). Unbestritten ist es zu verurteilen, was der RFEF-Präsident mit seiner Lippen-Kuss-Attacke zum Nachteil von Jennifer Hermoso getan hat; so etwas geht selbstverständlich nicht. Doch die Moralkeulen aus allen Lagern und Ecken wurden nach der Pokalübergabe in Sydney immer heftiger geschwungen. Luis Rubiales muss weg; was ihm vorgeworfen wird, ähnelt Taten, die sonst als in der Regel im Verborgenen verübte «Vier-Augen-Delikte» (Vergewaltigungen, Missbräuche aller Art, sexualisierte Gewalt, usw.) qualifiziert werden. In der «Causa Rubiales / Hermoso» war die ganze TV-Welt Zeugin des Geschehens: Kein Zweifel, Luis Rubiales hat im sportlichen Freudentaumel «seine» Spielerin, wohl eher emotional statt sexistisch motiviert, auf den Mund geküsst. Wer sich die Mühe nimmt, die Szene genau anzuschauen, wird sehen, dass das Vorgefallene mit dem, was die Welt gemeinhin unter «Vier-Augen-Delikten» versteht, nicht zu vergleichen ist. Jennifer Hermoso äusserte sich später nach der Kuss-Attacke so, sie habe sich «verletzlich und als Opfer einer impulsiven, sexistischen und unangebrachten Handlung gefühlt, der sie nicht zugestimmt» habe. Das wird wohl durch die Bilder nicht ganz so bestätigt, weil die Spielerin anlässlich der Kuss-Szene immerhin den Verbandspräsidenten umarmt und mit Körper-Klapsen bedacht hatte. Bei der Beurteilung der Kuss-Attacke lassen sich eher keine Rückschlüsse auf eine Einwilligung der Spielerin in diese präsidiale Emotion, die im besagten Kuss gipfelten, schliessen, jedoch kann wohl offen gelassen werden, ob aufgrund der Umstände von einer konkludenten Einwilligung durch die geküsste Spielerin gesprochen werden kann. Das alles ist im Moment nicht unwichtig, da der Vorfall von Sydney nun die Juristen beschäftigen wird. Schon nach dem WM-Finalspiel und der Pokalübergabe an die Spanierinnen ging das Kesseltreiben gegen den Verbands-Präsidenten der los. Vor allem seitens der RFEF ertönten immer lauter Forderungen nach einem Rücktritt von Luis Rubiales. Dann mischte sich auch die Politik (in den wohlverstanden «apolitischen Sport») ein. Die Spanische Regierung erklärte, sich dafür einsetzen zu wollen, dass der Verbands-Präsident zügig seinen Posten zu räumen hätte. Auch Gewerkschaften mach(t) en Druck, Spielerinnen wollen den Präsidenten weg haben, und unter normalen Umständen wäre dies auch das Ende der Präsidialherrschaft von Luis Rubiales gewesen. Für Ende letzter Woche war eine Rücktrittserklärung des Küssers von Sydney erwartet worden, doch Luis Rubiales zeigte sich, obwohl dem Tod durch die Öffentlichkeit geweiht, störrisch wie ein Stier in einer spanischen Stierkampf-Arena.

Nun wurde der Weltfussball-Verband FIFA in Zürich aktiviert, um den «Schandfleck Luis Rubiales» aus dem Sport zu tilgen. Die Ethik-Kommission, die gemäss Ethik-Kodex unmoralisches Tun, Handeln und Unterlassen im Sinne von Vereinsstrafen (Art. 70 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, ZGB) zu sanktionieren hat, sperrte den Verbands-Präsidenten umgehend weltweit für drei Monate. Weil es schwer fällt, einen Ethik-Tatbestand im FIFA-Ethik-Kodex, der durch Luis Rubiales hätte verletzt werden können, zu eruieren, hat sich die Kommission mit generellen Vorwürfen und den unverbindlichen Generalklauseln beholfen. Dazu zwei Bemerkungen: Die FIFA betont bei jeder Gelegenheit das Apolitische im Sport, blendet aber die starke Einmischung der Spanischen Regierung in diesem Fall aus. Die einstweilige FIFA-Sanktion entspringt natürlich nicht einem Gerechtigkeitssinn in der Zentrale in Zürich, zumal sich in der Sache in Spanien zwei Lager gebildet haben. Das Kontra-Rubiales-Lager im Spanischen Verband kann auf die Lobby am Zürcher Sonnenberg setzen; diese ist mit Spanischen Funktionären, welche nicht gerade als Platzhirsche im Schweizerischen Recht gelten, durchsetzt, weshalb nun unter dem sport-juristischen FIFA-Mäntelchen Sportpolitik gegen Luis Rubiales und seine Gefolgsleute betrieben werden wird. Für den vorläufig für 90 Tagen suspendierten Präsidenten sieht es nicht gut aus, obwohl seine Chancen, gegen die verhängte Sanktion juristisch anzukämpfen, an sich gut wären, aber wohl Theorie bleiben werden. Die FIFA kann sich im Anfechtungsfall zuverlässig auf das verbandslastige Sport-Schiedsgericht Tribunal Arbitral du Sport (TAS) in Lausanne verlassen. Hier gegen die FIFA anzukämpfen ist etwa so nutzlos wie der Todeskampf des Stiers in einer Spanischen Arena…Fazit dieser Geschichte: O tempora, o mores!

Kreuzigungsbestrebungen nach Fussball-Funktionärs-Kuss

causasportnews / Nr. 1052/08/2023, 24. August 2023

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(causasportnews / red. / 24. August 2023) Noch ist keine Woche vergangen, seit die Fussballerinnen Spaniens erstmals den Weltmeistertitel errungen haben. Vom Sport spricht schon kaum mehr jemand, bewegender (i.S. «Der bewegte Mann») ist eine Drei-Sekunden-Szene anlässlich der Pokalübergabe in Sydney, als der Spanische Verbandspräsident im Freudentaumel offensichtlich über sich und seine Gefühle die Kontrolle verlor und etwas Unglaubliches tat: Luis Rubiales hatte Jennifer Hermoso auf den Mund geküsst! Seit dieser Entgleisung des Verbandspräsidenten bei der WM-Siegerehrung stehen nicht mehr die siegreichen Spielerinnen im Mittelpunkt des Interesses nach dem grandiosen Finalsieg gegen die Engländerinnen. Vielmehr Luis Rubiales, auf den nach seiner Missetat zum Halali geblasen wurde und nun immer mehr geblasen wird. Zu Recht muss der Präsident wegen seiner unkontrollierten Tat Kritik und Häme einstecken. Doch allmählich beherrscht der «Kuss von Sydney» die Schlagzeilen nicht nur in der nationalen Presse Spaniens, sondern in der ganzen Welt. Zwischenzeitlich haben sich Politikerinnen und Politiker sowie alle Menschen, die sich dem Bösen in der Welt entgegenstellen, zu Wort gemeldet. So wird auch die moderne Empörungsgesellschaft in Schwung gehalten, befeuert von Moralisten und Pharisäern, welche die ethischen Massstäbe auf diesem Planeten vorgeben. Die Wogen auf Luis Rubiales’ deplatziertes Verhalten schlagen immer höher, und nun dürfte er sich bald im Feld der Ex-Präsidenten dieser Welt wiedersehen. Das Vorkommnis in Australien, das grundsätzlich nicht zu rechtfertigen ist, erinnert an das, was vor rund 2000 Jahren geschah, als das Volk nach der Frage, was Jesus denn getan habe, seine Kreuzigung verlangte. Die moderne Kreuzigung im organisierten, globalen Sport ist gleichzusetzen mit dem Verlust von (Funktionärs-)Ämtern. Das ist nicht mehr so schlimm wie eine Kreuzigung, insbesondere der Verhältnismässigkeits-Grundsatz kann so hochgehalten werden. So wird jetzt, wie in der «Causa Luis Rubiales» ständig nachgelegt, bis der Angeschossene nicht mehr in Amt und Würde gehalten werden kann. Apropos Würde: Nach der Kuss-Attacke durch Luis Rubiales kommt nun weiteres Ungemach auf den 46jährigen ehemaligen Fussball-Spieler: Auf der Ehrentribüne soll er sich mit seinen Genitalien beschäftigt haben, und frühere Vorkommnisse in Spaniens Fussball, bei denen auch die Dienste von Escort-Damen thematisiert wurden, machen den angezählten Verbandspräsidenten nun noch verwundbarer.

Wenn ein derartiger Vorfall alles andere im Fussball Spaniens nach der für diesen Verband so erfolgreichen Weltmeisterschaft in den Hintergrund drückt, dürfte die Welt in der Tat nicht mehr so sein, wie sie einmal war (was grundsätzlich nicht zu bemängeln ist) – oder doch? Wie sieht es die von der Kuss-Attacke des Präsidenten direkt betroffene Jennifer Hermoso? «Es hat mir nicht gefallen», sagte sie in einer ersten Reaktion. «Aber was hätte ich tun sollen», fragte sie? Weiteres und Intimeres zum Thema war der erfolgreichen Spielerin bis jetzt nicht zu entlocken. Zu erwarten war, dass die Gerechten, Rechtsgelehrten und Politiker des Welt-Fussballverbandes FIFA auf den Empörungszug aufspringen würden. Der Weltverband ermittelt nun disziplinarisch. Dabei dürfte die Qualifikation des applizierten Kusses im Vordergrund stehen (der Kuss, ein mit dem Mund durchgeführter Körperkontakt, ähnlich, so wie es Luis Rubiales getan hat, eine Tätlichkeit im strafrechtlichen Sinne also). Gleichheit und Respekt zwischen Frauen und Männern gilt es im Weltfussball zu schützen. Der ehemalige Deutsche Komiker Viktor von Bülow, alias Loriot, hat das immer ein wenig pragmatisch, wenn auch resignierend gesehen, wenn es um die Belange zwischen den Geschlechtern ging: «Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen». So ist es offenbar.

Ein Hauen und Stechen für einmal unter Box-Funktionären

causasportnews / Nr. 1051/08/2023, 23. August 2023

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(causasportnews / red. / 23. August 2023) Der Boxsport ist bekanntlich nichts für zartbesaitete Naturen. In den Ringen dieser Welt wird oft wirksam und nachhaltig zugeschlagen. Dass es in dieser Sparte neben dem sportlichen Geschehen auch unter Funktionären zu heftigen Kontroversen kommen kann, zeigt sich aktuell im Schweizerischen Boxverband (SwissBoxing). Grund für das Hauen und Stechen unter helvetischen Box-Sportfunktionären ist ursprünglich der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Zufälligerweise – oder auch nicht ganz zufällig – wird die International Boxing Association (IBA) mit Sitz in Lausanne (!) von einem Russen und Putin-Freund geführt und von ihm und weiteren Putin-Claqueuren beherrscht. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) mit Sitz in…Lausanne (!) hat die IBA wegen des russischen Ukraine-Feldzuges suspendiert, was den Schweizerischen Verband (SwissBoxing, mit Sitz in Bern), bzw. den Verbandsrat dazu bewogen hat, den Austritt aus der IBA anzustreben. Die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Verbandes hat nun aber dem Verbandsrat von SwissBoxing einen vereinsrechtlichen KO-Schlag versetzt und den Verbandsrats-Beschluss betreffend Austritt aus der IBA für nicht haltbar erklärt; ebenso wurde für die Weiterführung der Mitgliedschaft von SwissBoxing in der IBA votiert. Der Hintergrund dieser Entwicklung dürfte sein, dass der Weltverband vom IOK nicht weiter alimentiert wird, jedoch der Internationale Verband der Faustkämpfer dennoch im Geld zu schwimmen scheint. Offenbar macht es die Putin-freundliche Bank «Gazprom» möglich; «pecunia non olet» (Geld stinkt nicht), lautet das Motto also (auch) in der IBA – und bei allen, die von diesem Geldsegen profitieren möchten.

Das alles ist nun zuviel geworden für den langjährigen, als sehr gradlinig bekannten Schweizer Verbandspräsidenten Andreas Anderegg, der nach der Delegiertenversammlung von SwissBoxing und in Anbetracht des finalen Bekenntnisses der Schweizer Funktionäre gegenüber der russischen Machtelite in der IBA nicht als Sympathisant und mittelbarer Unterstützer der russischen Kriegsmaschinerie im Ring bleiben wollte. Der 66jährige Thurgauer, vor Jahren selber äusserst erfolgreicher Professional-Boxer und danach Medien-Schaffender, wollte mit seinem Rücktritt vom Amt, das er seit 2006 innehatte, ein «Zeichen» gegen den von den Russen angezettelten Wahnsinn setzen und vom durch Russland verursachten Elend nicht noch profitieren, wie er sagte. Der Respekt ist dem ehemaligen Faustkämpfer mit dieser konsequenten Haltung sicher, der sich über das Präsidentenamt im Schweizer Verband nicht mit der Russen-Clique in der IBA verbandeln wollte. Zusammen mit Andreas Anderegg traten aus demselben Grund weitere Spitzenfunktionäre des Schweizerischen Verbandes zurück, so etwa die nicht immer unbestrittene Box-Funktionärs-Legende Peter Stucki (dieser führte für den Verband z.B. vor bald 30 Jahren den damals Aufsehen erregenden Prozess gegen den Boxer Enrico Scacchia, der trotz gesundheitlicher Bedenken seitens der Lizenzbehörde gerichtlich eine Boxlizenz erstreiten wollte: Urteil des Appellationshofes Bern vom 18. April 1995, 774/III/94). Nur der guten Ordnung halber ist an dieser Stelle nachzutragen, dass das Präsidentenamt im Schweizer Verband nach dem überraschenden Rücktritt von Andreas Anderegg nicht lange verwaist blieb. Auf den Thurgauer folgte umgehend der ehemalige Amateur-Boxer Amir Orfia.

Europa ist die Hochburg des Frauenfussballs

causasportnews / Nr. 1050/08/2023, 21. August 2023

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(causasportnews / red. / 21. August 2023) Die WM-Endrunde der Fussballerinnen ist zu Ende. Mit Spanien hat sich letztlich eine komplett besetzte und solid aufspielende Mannschaft, die sich im Turnierverlauf kontinuierlich gesteigert hatte, durchgesetzt. Die alles andere als Überraschungs-Weltmeisterinnen zu qualifizierenden Ibererinnen schafften mit dem Gewinn des WM-Titels das, was ihren männlichen Kollegen 2010 in Südafrika gelungen war: Den Weltpokal erstmals in ein Land mit grosser Fussballtradition und mit einer hochstehenden Fussball-Liga (der Männer) zu holen. Im WM-Finalspiel in Sydney vor 75 000 Zuschaurinnen und Zuschauern schickten die Spanierinnen mit 1:0 eine andere Grossmacht im Fussball, Europameister England, als Verliererinnen heim nach Europa. Damit lässt sich vorab dieses sportliche Fazit ziehen: Europa ist die Hochburg des Frauenfussballs. Im «kleinen Final» um Platz drei dieser WM-Endrunde in Neuseeland und Australien setzten sich die Schwedinnen gegen die weltweit beliebten «Matildas» aus Australien mit 2:0 durch. Die drei ersten Plätz nach einem Monat MW-Fussball besetzen also Europäerinnen.

Eine Detail-Bilanz nur Stunden nach dem WM-Finale lässt sich noch nicht ziehen. Sicher ist, dass diese WM-Endrunde das Ansehen des Frauenfussballs positiv beeinflusst hat. Die technischen Fortschritte bei den Frauen waren in Australien und in Neuseeland unverkennbar. Die Sportart ist auch athletischer geworden, und die internationale Spitze im Nationalmannschafts-Frauenfussball präsentiert sich breiter und ausgeglichener. «Steinzeitresultate» blieben im zu Ende gegangenen Turnier weitgehend aus. Dass die Attraktivität des Frauenfussballs auch von sportlichen Überraschungen lebt, ist unbestritten. Das Ausscheiden der – vor allem im eigenen Land als Favoritinnen auf den Titel gehandelten – Deutschen Kickerinnen bereits nach der Vorrunde verlieh dem gesamten Turnier auch Würze; obwohl sich das Scheitern der Deutschen massiv negativ auf das Interesse am Frauenfussball im eigenen Land niederschlug. Man darf gespannt auf die Einschaltzahlen im (Deutschen) Fernsehen, auch nach dem Ausscheiden Deutschlands, sein. Es ist jedoch davon auszugehen, dass in Deutschland das Interesse am Frauenfussball massiv nachliess, nachdem die Deutschen Kickerinnen schon früh die Heimreise antreten mussten. Die Einschaltquoten sind unbestechlich Indikatoren bezüglich des Interesses des (Fernseh-)Publikums an einem Turnier, wie an diesem, das nun am andern Ende der Welt zu Ende gegangen ist. Insbesondere sind Publikums-Erhebungs-Zahlen adäquat kausal für die kommerziellen Werte im Rahmen der TV-Vermarktung und betreffend des Werbewertes einer Sportart etwa in den neuen Medien.

Olympische Winterspiele 2030: In der Hitze geplant, in der Kälte gestorben?

causasportnews / Nr. 1049/08/2023, 20. August 2023

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(causasportnews / red. / 20. August 2023) In der aktuellen Hitzeperiode, die derzeit Europa fest im Griff hat, kommt es einem Anachronismus gleich, etwa an Olympische Winterspiele zu denken. Doch das geschieht derzeit in der Schweiz. In zeitlicher und thematischer Hinsicht ist dies allerdings kein Zufall. Dass im Moment Olympische Winterspiele in der Schweiz zum Thema werden, ist nachvollziehbar. Das Internationale Olympische Komitee (IOK), ein Verein nach Schweizerischem Recht mit Sitz in Lausanne am Genfersee, ist verzweifelt, und die Schweiz als IOK-Sitzstaatgeberin, ist bestrebt, den Olympioniken irgendwie aus der Patsche zu helfen. Die letzten drei Austragungsorte Olympischer Winterspiele waren Sotschi (Russland; 2014), Pyeongchang (Südkorea; 2018) und Peking (China; 2022), alles keine Wunsch-Austragungsorte – oder wenigstens zu zwei Dritteln Austragungsorte in Ländern, welche die sportlichen Ideale für ihre menschenverachtenden und kriegerischen Zwecke missbrauch(t)en. Die Spiele von 2014 bis 2022 wurden zwar abgearbeitet, jedoch waren die Ausrichter-Städte umstritten und bildeten geradezu Kick off-Veranstaltungen für Not, Elend und Kriege. Das IOK als Ausrichter der Olympischen Spiele ist sich bewusst, dass die Durchführung an derartigen, «speziellen» Destinationen den baldigen (wirtschaftlichen) Tod der Olympischen Winterspiel bedeuten können. Für 2026 wurde noch eine Doppel-Lösung zur Rettung der Wintersiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo gefunden: Gleich zwei Städte sollen Co-Austragsorte der Spiele werden. Doch was ist danach?

Nun sieht sich die Schweiz im Obligo oder seitens des IOK mit Sitz in der Schweiz unter Druck gesetzt. Nicht ganz unerwartet ist dieser Tage bekannt geworden, dass die Olympischen Winterspiele 2030 in … der Schweiz durchgeführt werden sollen! Bis jetzt hat das IOK noch keine genehme oder unumstrittene Ausrichter-Stadt für die Olympisch Winter-Wettbewerbe 2030 finden können. Städte aus Schurken- und Kriegstreiber-Staaten sollen jedenfalls künftig nicht mehr berücksichtigt werden. Vor allem der Schweizer Sport-Dachverband Swiss Olympic hängt sich derzeit in fast unschweizerisch-engagierter Art in das Projekt Olympische Winterspiele 2030 in der Schweiz rein. Die Schweiz ist offensichtlich ein passables Austragungsland, jedoch an sich zu klein zur Durchführung einer solchen Gross-Veranstaltung, weshalb das IOK offenbar Konzessionen an den Austragungsmodus in der Schweiz machen will und wohl auch muss. Über das ganze Land verteilt, von Lausanne (!), über Schaffhausen bis ins Bündnerland, sollen die Winterspiele 2030 in der Schweiz stattfinden. Das wäre ein Novum in der Geschichte dieser globalen Veranstaltung, weil diese seit jeher an Städte und nicht an Länder vergeben werden, die «Notlösung» mit Mailand und Cortina (2026) einmal ausgeklammert.

Spiele auszurichten ist eine Sache, die Finanzierung solcher Veranstaltungen eine andere. Die Treiber der Olympia-Idee 2030 sind sich bewusst, dass eine derartige Veranstaltung in der Schweiz nur rein privat, ohne staatlichen Finanz-Support, organisiert und durchgeführt werden kann. Gerade das IOK mit dem bald abtretenden opportunistischen Präsidenten Thomas Bach an der Spitze ist beim Volk längst in Ungnade gefallen; eine staatliche Mit-Finanzierung Olympischer Spiele ist undenkbar – auch in der Schweiz.

Das IOK muss im Moment recht verzweifelt sein, weil ihm die akzeptablen Austragungsorte für Olympische Winterspiele wegbrechen. Ob 2030 Olympische Winterspiel in der Schweiz (und nicht nur in einer Schweizer Stadt oder in zwei Schweizer Städten) durchgeführt werden können, wird sich bald weisen. Zuerst haben nun Arbeitsgruppen und Sport-Ausschüsse aller Art das Wort. Die Realisierung von (Machbarkeit-)Studien, Analysen und Beurteilungen sind angesagt. Vielleicht kehrt aber auch Vernunft ein und es wird die Erkenntnis zur wichtigsten Entscheidungsgrundlage, dass solche Spiele in der Schweiz, nur um dem IOK aus dem Elend zu helfen, eine Nummer zu gross und unnütz für das Land sind. Sobald die Hitzewelle über Europa abgeflacht ist, könnte also auch dieses Thema dem kühlen Realismus weichen.

Überraschende Verfahrenseinstellungen im FIFA-Komplex

causasportnews / Nr. 1048/08/2023, 17. August 2023

Home of FIFA, Zürich, © Ed Coyle

(causasportnews / red. / 17. August 2023) Die Sache ist wohl glasklar, zumindest in den Augen der ausserordentlichen Bundesanwälte Ulrich Weder und Hans Maurer. Sonst wäre es nicht zu einer Verfahrenseinstellung gekommen (nach dem Grundsatz: Im Zweifel ist anzuklagen), wie vor einigen Tagen bekannt wurde. Die beiden Zürcher Juristen, Ulrich Weder, ein deklarierter Sozialdemokrat, und Hans Maurer, der politisch und allgemein nicht so richtig einzuordnen ist und sich schwerpunktmässig im Umwelt-Segment bewegt, sind von Bundesbern beauftragt worden, bezüglich der Verdachtsmomente gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino und den ehemaligen Bundesanwalt Michael Lauber wegen Amtsmissbrauchs, Begünstigung und Amtsgeheimnisverletzung zu ermitteln. Dies als Folge und im Zusammenhang mit Verfahren gegen Fussball-Funktionäre von Übersee, die 2015 spektakulär im Nobel-Hotel «Baur au Lac» in Zürich verhaftet wurden: Die im Nachgang zu den unschönen Vorgängen im Fussball gegen den aktuellen FIFA-Präsidenten und den Ex-Bundesanwalt eröffneten Verfahren seitens der Schweizer Strafverfolgungsbehörden sollen nun eingestellt werden. Was doch einigermassen verwundert sowie überrascht und den ehemaligen Deutschen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wohl in seiner Meinung bestärken könnte, die Schweiz sei eine «Banenrepublik» (vgl. auch causasportnews vom 12. Juni 2022).

Der ganze Vorgang und nun die angekündigte Verfahrenseinstellungen in den Untersuchungen gegen Gianni Infantino und Michael Lauber muten etwa so eigenartig an wie die zur Diskussion stehenden Vorgänge selber, die offensichtlich nicht (mehr) abklärbar sind. FIFA-Präsident Gianni Infantino und der damals noch im Amt befindliche Michael Lauber haben sich, das ist erhärtet, mehrmals getroffen; ob formell oder informell, das bleibt im Dunkeln. Falls es formelle Gespräche zwischen den beiden gelernten Juristen waren, hätten diese (aus der Warte des damaligen Bundesanwalts) protokolliert werden müssen – wurden sie aber nicht. Ungeklärt bleibt vor allem auch der Inhalt der Besprechungen, an die sich, unglaublicherweise, die beiden Gesprächsteilnehmer nicht mehr erinnern können. Senilität oder Demenz der Gesprächsteilnehmer kann ausgeschlossen werden. Gianni Infantino ist erst 53 Jahre alt, Michael Lauber 57. Die beiden Strahlemänner der Schweizer High Society befinden sich also altersmässig noch weit weg von den Voraussetzungen, die gegeben sein können, um etwa zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt zu werden. Prozessual muss dran erinnert werden, dass es natürlich an den Ermittlern liegt, den Beschuldigten ein entsprechendes strafrechtliches Fehlverhalten nachzuweisen. Die Beschuldigten haben nicht nur ein Recht auf Vergessen, sondern ein ebensolches Recht auf Schweigen. Der Rechtsstaat macht’s möglich – und das hat nichts mit der «Bananenrepublik Schweiz» im Sinne von Theo Zwanziger kaum etwas zu tun.