Archiv der Kategorie: Allgemein

Ein neuer Trend im Alpinismus: FKT

causasportnews / 1214/12/2024, 26. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 26. Dezember 2024) «Citius, altius, fortius» (schneller, höher, stärker) ist ein hehres Motto im Rahmen der olympischen Ideen; seit 2021 haben diese drei Schlagworte eine Erweiterung erfahren: «communiter» (gemeinsam) ist die vierte Losung im Olympionismus’ (vgl. auch causasportnews vom 13. August 2024). An dieser Stelle geht es um einen neuen Trend im Alpinismus; dabei steht das «citius» (schneller) im Fokus: FKT (fastest known time) genannt. Was gleichbedeutend ist mit der ambitionierten Ausgangslage: «Wer erreicht einen Berggipfel am schnellsten»? Nicht mehr der Gipfelerfolg oder eine neue, noch nie benutzte Route zählt, sondern die möglichst kurze Zeit, die benötigt wird, um den höchsten Punkt eines Berges zu erreichen.

Für die Disziplin FKT steht federführend der Amerikaner Tyler Andrews, der vor ein paar Wochen am achthöchsten Berg der Welt, am 8163 Meter hohen Manaslu in Nepal, einen geradezu wahnwitzigen Speed-Rekord aufstellte und eine Alpinismus-Schallmauer durchbrach. Den Berg vom Basislager auf 4750 Metern bis zum Gipfel in weniger als zehn Stunden zu erlaufen, galt bis vor Kurzem als unmöglich. Der 34jährige Tyler Andrews hat es dennoch geschafft. Vom Basislager aus erspurtete er den Manaslu in 9 Stunden und 52 Minuten. Der Amerikaner hält heute mehr als 70 FKT-Marken. Vor zwei Monaten folgte der letzte, bekannt gewordene Weltrekord (es werden wohl im kommenden Jahr noch einige Weitere dazukommen): In weniger als vier Stunden lief der Ausnahme-Athlet auf den Ama Dablam, auch das «Matterhorn Nepals» genannt, vom Basislager zum 6814 Meter hohen Berggipfel.

Tyler Andrews versteht sich eher nicht als Bergsteiger, denn als Leichtathlet. Seine Speed-Läufe unter Extrem-Bergbedingungen absolviert er in leichter Kleidung. Drei Kleiderschichten am Oberkörper und eine leichte Schneehose schützten ihn angemessen vor der Kälte. Sich immer möglichst rasch bewegen, ist die Devise des Speed-Läufers, der sich auch der Risiken dieser sportlichen Betätigung bewusst ist. Er räumt ein, dass es im Speed-Laufen in den Bergen durchaus Situationen geben würde, die schwierig einzuschätzen seien. Er nennt etwa die Traversierung eines Eiskanals bei seinem Rekordlauf am Manaslu. Das sei schon sehr herausfordernd gewesen. Er sei dann einfach schneller (citius) gelaufen, um die gefährliche Passage rascher hinter sich zu bringen. Die Sinnesfragen seines Tuns in extremen Berglagen stelle er nicht, unterstreicht Tyler Andrews. Weshalb auch? Speed-Laufen in den Bergen sei ja Sport, und dieser müsse ja nicht unbedingt Sinn machen oder hinterfragt werden. Das gelte auch für diese und andere Sportarten. Er fühle sich letztlich einfach dem sportlichen «citius» verpflichtet. Das treibe ihn an, um noch schneller zu laufen.

(Quelle, insbes. Neue Zürcher Zeitung vom 20. November 2024)

Rad-WM in Zürich ist längst Geschichte – die Trauer um Muriel Furrer bleibt

causasportnews / 1213/12/2024, 24. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 24. Dezember 2024) Die Rad-Weltmeisterschaft (WM) 2024 in Zürich vom 21. bis 29. September 2024 ist längst Geschichte, auch wenn drei Monate in unserer schnelllebigen Zeit fast wie eine Ewigkeit anmuten. Nach wie vor bewegt der Unfall-Tod der Schweizerin Muriel Furrer, die am 27. September 2024 im Universitätsspital in Zürich verstarb, die Menschen nicht nur in der Schweiz. Die Trauer um die Sportlerin, die nur etwas mehr als 18 Jahre alt wurde, droht vor allem in der Weihnachtszeit die Familie der allseits beliebten Athletin zu erdrücken. Es ist sicher kein Zufall, dass sich derzeit die Eltern zum Tode ihrer Tochter in den Medien äussern. Die Mutter erwähnt in ihrem Schmerz und in ihrer Trauer, dass sie alltägliche Dinge vermisse, so etwa die Back-Künste ihrer Tochter um die Festtagszeiten. «Sie war eine hervorragende Bäckerin. Es hat in unserem Haus in dieser Zeit wunderbar gerochen». Der Schmerz der Eltern sowie der engsten Familienangehörigen sind wohl noch schwerer zu ertragen, weil zwei Aspekte des Unfall-Todes nach wie vor nicht geklärt sind: Wie kam die junge Athletin im verregneten Junioren-Rennen zu Tode und weshalb blieb sie nach dem Vorfall im verregneten Juniorinnen-Rennen in einem Waldstück oberhalb von Küsnacht ZH eineinhalb Stunden unentdeckt?

Als der Vater der Athletin während des WM-Rennens bald einmal von einem unguten Gefühl sprach, als während einiger Zeit niemand, auch keine Funktionäre und Offizielle (so auch nicht die U-19-Nationaltrainerin Kathrin Stirnemann), etwas über den Verbleib von Tochter Muriel in Erfahrung bringen konnte, begann er auf eigene Faust zu recherchieren. Mehr als eineinhalb Stunden nach dem Unfall wurde Muriel Furrer von einem Streckenposten im Wald ob Küsnacht gefunden und dann umgehend ins Spital überführt. Der Vater sagt heute, dass es für ihn zu lange gedauert habe, bis die Tochter gefunden wurde; und das in einem WM-Rennen! Offensichtlich hat das Ordnungssystem («Tracker») in diesem Rennen und bezüglich der verunglückten Fahrerin nicht oder nicht richtig funktioniert. Bezüglich der Todesursache dauern die Untersuchungen an oder sind noch nicht bekannt gegeben worden. Auch die strafrechtlichen Ermittlungen sind noch immer nicht abgeschlossen. Dass diese Ungewissheiten und Belastungen für die Familie schmerzvoll und, vor allem in dieser Zeit, kaum zu ertragen sind, versteht sich; es werden aber (derzeit) aus diesem Umfeld in keiner Hinsicht Vorwürfe erhoben.

Die Rad-WM in Zürich hinterliess in vielerlei Hinsicht einen heterogenen Eindruck. Der Unfalltod von Muriel Furrer warf nachvollziehbar einen dunklen Schatten über die letzten drei WM-Tage. Ungeachtet dessen ergab es sich, dass sich eine derartige Mammut-Veranstaltung im Ballungsgebiet um Zürich und in der Stadt Zürich selber kaum sinnvoll austragen lässt. Die Organisatoren und das Organisations-Komitee gebärdeten sich weitgehend hilflos. Dass auch die Finanzen aus dem Ruder laufen, zeigt sich jetzt wieder. Die Gemeinden im Bezirk Meilen mussten sich in jeder Hinsicht dem Diktat der Organisatoren und dem Verbandsdiktat beugen. Von den Kommunen, welche vom Anlass betroffen waren, wurden nicht nur finanzielle Opfer verlangt. Sie hatten auch die Strassen renn-adäquat herzurichten und mussten hierfür gewaltige Mittel aufwenden. Nun ist bekannt geworden, dass die von der WM betroffenen Gemeinden Mehrkosten, die angefallen sind, jedoch nie budgetiert wurden, dem Organisationskomitee, das eher undurchsichtig ist, belasten wollen. Hier bahnt sich eine Auseinandersetzung um finanzielle Aufwendungen, die offenbar nicht berücksichtigt wurden, an. Diese bei den Gemeinden angefallenen Mehrkosten müssen in Anbetracht des wirtschaftlichen Chaos’ im Zusammenhang mit der Rad-WM irgendwie abgedeckt werden. Das Fazit nach dieser Geschichte: Die seriöse Organisation und Finanzierung von Sportanlässen, ob bedeutend oder unbedeutend, wird offenbar immer mehr zur Glückssache; vgl. dazu auch das Beispiel der Kletter-WM in Bern (causasportnews vom 19. Dezember 2024).

Verantwortlichkeits-«Chrüsimüsi» nach der Berner Kletter-WM

causasportnews / 1212/12/2024, 19. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 19. Dezember 2024) Vor allem im Kanton und in der Region Bern spricht man von einem «Chrüsimüsi», wenn ein heilloses Durcheinander gemeint ist. Das Idiotikon, das Verzeichnis erklärungsbedürftiger Ausdrücke, erwähnt in diesem Zusammenhang die Wortbildung «Krusimusi» und setzt den Ausdruck mit «allerlei krausem Zeug» gleich. Zentral ist an diesem Mundart-Begriff jedenfalls die Stossrichtung; «Chrüsimüsi» wird eben gleichgesetzt mit einem heillosen Durcheinander.

Ein «Chrüsimüsi» mit vereinsrechtlicher-sportlicher Gewichtung gibt derzeit eine Diskussion in Bern ab. Es geht dabei um die Kletter-Weltmeisterschaft, die 2023 in der Schweizer Hauptstadt stattfand. Die vor allem wirtschaftlichen Folgen dieses Anlasses belegen, dass insbesondere in dieser Sparte nicht nur an der Kletterwand ein Durcheinander entstehen kann, jedoch auch im organisatorischen Rahmen eines solchen Anlasses. Die Weltmeisterschaft wurde sportlich als hervorragend qualifiziert. Jedoch scheinen die organisatorischen Belange und insbesondere die wirtschaftlichen Belange des Anlasses krass aus dem Ruder gelaufen zu sein. Für die Organisation dieses internationalen Wettbewerbs zeichnete nicht etwa ein Freizeit-Komitee von verklärten Idealisten verantwortlich, sondern immerhin der Leader-Verband für Bergsport in der Schweiz, der Schweizer Alpen-Club, ein Verein gemäss Art. 60 ff. des schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB). Unter dem SAC-Dach und in einer Vielzahl von Vereinen, Unter-Vereinen und Sektionen frönen in der Schweiz gegen 180’000 Menschen dem Berg- und Klettersport. Der SAC ist auch wirtschaftlich äusserst engagiert. Über ein Netz mit 110 Sektionen betreibt der Verein 153 Berghütten in den Schweizer Bergen. Der Club gilt als etablierte, bestens strukturierte und gut aufgestellte sowie solide kapitalisierte Organisation, die immerhin seit 1863 existiert (der Verein ist also nach «altem Recht» lange vor dem Inkrafttreten des ZGB im Jahre 1912, gegründet worden). Deshalb erstaunte die Meldung, dass die Kletter-WM in Bern vom letzten Jahr mit einem Verlust von 1,7 Millionen Franken endete. Dass eine solche Meisterschaft, insbesondere in einer Randsportart, mit einem finanziellen Negativ-Ergebnis abgeschlossen werden muss, ist an sich nichts Aussergewöhnliches. Dass dies bei einem Top-Verband, wie es der SAC zweifelsfrei ist, geschehen kann, erstaunt allerdings schon eher. Offensichtlich sind bereits Fehler bei der Planung des WM-Anlasses vorgekommen. Die Budgetierungen haben sich zudem als nicht sehr realitätsbezogen herauskristallisiert. Die Budget- und Finanzkontrollen seien nicht sehr professionell gewesen, verlautete seitens des SAC. In personeller Hinsicht sei das für die Durchführung dieser Weltmeisterschaft gebildete OK des SAC zudem überfordert gewesen.- Die Gründe des Finanz-Debakels sind vielfältig und vielschichtig. Zur Aufarbeitung dieser unschönen Seite des WM-Projektes – es wird in Bern von einem «Chrüsimüsi» gesprochen – ist eine externe Anwaltskanzlei beigezogen worden. Ohne allen Ergebnissen vorgreifen zu wollen, scheinen eine Vielzahl von Einzelfaktoren und vor allem menschliches Fehlverhalten zu diesem tristen Ende der Kletter-WM 2023 geführt zu haben. Es scheint evident zu sein, dass nicht die oft hinterfragte und kritisierte Rechtsform des Vereins, die im SAC bestens funktioniert, dazu geführt hat, dass das WM-Projekt finanziell aus dem Ruder lief. Vielmehr kann «es» auch in bestens organisierten Vereinen und Verbänden geschehen, dass nicht alles wie gewünscht verläuft, vor allem, wenn der «Unsicherheits-Faktor Mensch» ins Spiel kommt.

Konkret hat durch den Verlust einzig die SAC-Kasse gelitten. Gemäss dem Verband ist das Defizit aber vollständig vom Verein übernommen worden. Der SAC hat letztlich im Rahmen des Vereins die (finanzielle) Verantwortung übernommen. Im kommenden Sommer soll in Bern ein weiterer, internationaler Kletter-Anlass (Weltcup) durchgeführt werden. Zumindest im Moment will der SAC die Finger davon lassen, obwohl er offenbar nicht ganz abgeneigt ist, an diesem Anlass mitzuwirken. Merke: Ein Fehler ist erst dann ein Fehler, wenn man ihn zweimal macht.

(Vgl. zu diesen und ähnlichen Themenbereichen: Urs Scherrer, Was ist los mit unseren Vereinen und Verbänden?, in: Schweizerische Juristen-Zeitung (SJZ), Schulthess Juristische Medien AG Zürich, 21/2024, 1. November 2024, 955 ff.)

WM-«Vergabe» 2034 an Saudi-Arabien auch «dank» einer Verletzung des vereinsrechtlichen Gewaltenteilungs-Grundsatzes

causasportnews / 1211/12/2024, 15. Dezember 2024

Die Garanten für Ethik im Weltsport, aufgenommen anlässlich der WM-Endrunde 2028 in Russland,
von links: Kronprinz Mohammed bin Salman (Saudi Arabien), Gianni Infantino ( FIFA-Präsident) und
Wladimir Putin (Russland). (aus dem „Tages-Anzeiger“ vom 12. Dezember 2024 /AFP).

(causasportnews / red. / 15. Dezember 2024) Der Internationale Fussball-Verband (FIFA), ein Verein nach Schweizer Recht (Art. 60 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches) mit Sitz in Zürich, ist immer für Überraschungen gut. Wichtig ist ihm jedoch vor allem ein durchwegs einwandfreies ethisches Verhalten, das sich in verschiedenster Weise manifestiert. Dabei zeigt es sich am Beispiel der FIFA, dass die Moral Werte und Regeln verkörpert, die von Personen oder Personengruppen als anerkannt gelten. Es geht also nicht um Rechtsnormen oder vorgegebene, objektive Massstäbe, an denen ein Verhalten in ethischer Hinsicht gemessen werden kann. Verstösse gegen anerkannte Werte und Regeln können allenfalls als verpönt gelten. In Vereinen und Verbänden lassen sich sowohl die Tatbestände unethischen Verhaltens und die Folgen von Ethikverstössen im Rahmen von Vereins- und Verbandsordnungen normieren und auch vereinsrechtlich sanktionieren.

Das war die Ausgangslage für die Behandlung der generellen Ethikthematik im internationalen Fussball, die noch in der «Ära Sepp Blatter» Fahrt aufnahm. Es ging nicht mehr anders. Innerhalb und ausserhalb der FIFA reihte sich Skandal an Skandal, es wurde Nepotismus betrieben und auch das hässliche Wort «Bestechung» grassierte immer mehr (wie sagte es jener Fussball-Funktionär so schön, als er anlässlich einer Befragung mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert, wurde: «Bestechung», welch’ hässliches Wort. Haben wir doch einfach ein wenig Geld genommen». Kodifizierte Moral war das «Credo» nicht nur bei der Schaffung einer Ethiknormierung im Weltfussball; entscheidend war auch die Regelung der Rechtsfolgen bei Ethikverstössen durch Vereins-Sanktionen. Auch in der FIFA ist die einschneidendste Folge bei nachgewiesenem, unethischem Verhalten z.B. eines Fussball-Funktionärs, der Ausschluss (Art. 72 ZGB). Das Gesetz und konkret insbesondere das Vereinsrecht bilden Grundlagen für ethisches Verhalten für die Protagonisten des Fussballs. Ethisch motiviertes Verhalten gibt teils die Verbandsordnung selber vor. Im Rahmen der FIFA geschah dies so:

Die Vergabe des «Filetstücks» der FIFA, die WM-Endrunde der Männer (sorry, liebe Frauen, es interessieren sich noch immer mehr Menschen für den Männer- als den Frauenfussball) erfolgte über Jahre im Rahmen der Verbandsorganisation der FIFA durch die Exekutive (damals das Exekutivkomitee). Dadurch, dass ca. 20 Personen das wichtigste Turnier der Welt vergaben, wurde dieses übersichtliche Gremium immer manipulations- oder, um das unschöne Wort zu gebrauchen: korruptions-anfälliger. Mit den FIFA-Reformen, welche das ethisch einwandfreie Verhalten aller Protagonisten auch in WM-Endrunden-Vergaben garantieren sollten, wurde das Vergabe-Prozedere «moral»-sicher gemacht. So kam es, dass die Mitglieder der FIFA, die nationalen Verbände (derzeit 211) zum Vergabe-Körper mutierten. Seit kurzer Zeit erfolgen die WM-Vergaben durch das FIFA-Parlament «Kongress» (Legislative). Die Grund-Idee war: 211 nationale Verbände (zudem juristische Personen) sind schwieriger zu beeinflussen oder zu bestechen als 20 Exekutivkomitee-Mitglieder. Lief deshalb die Vergabe der WM-Endrunde 2034 an Saudi-Arabien derart glatt durch, obwohl eigentlich kaum ein rational denkender Mensch dies gut und moralisch (!) vertretbar qualifizieren kann? Es waren selbstverständlich verschiedene Faktoren, welche zu diesem Rückschritt ins unmoralische Vergabe-Zeitalter der FIFA ermöglichten. Der FIFA-Präsident, der höchste Exekutiv-Repräsentant der FIFA, ist ein gewaltiger Strippenzieher und im Rahmen des trägen, unengagierten Weltverbandes so etwas wie der Einäugige unter Blinden. Die Vergabe an Saudi-Arabien wurde behutsam und kontinuierlich vorbereitet und nicht nur ein Terrain hierfür geglättet. Selbstverständlich gab letztlich das Geld den Ausschlag für dieses Vergabe-Resultat. Davon gibt es in Saudi-Arabien bekanntlich nicht zu wenig. Für die Nationalverbände ist es entscheidend, dass sie mit den generierten WM-Geldern die Taschen immer praller füllen können. Sollen sich die Schweiz (SFV) oder Deutschland (DFB) also aus moralischen Gründen in die Opposition begeben und zumindest ihren Goodwill, der – menschlich fast verständlich – auch pekuniär-negative Folgen zeitigen könnte, beim Verband-Präsidenten verspielen? Hinzu kam, dass es der FIFA-Präsident durchdrückte, den FIFA-Kongress vom 11. Dezember 2024 online abzuhalten (so wurden auch Überraschungen verhindert, anders, wenn eine Vereinsversammlung mit physischer Präsenz der Versammlungs-Teilnehmer abgehalten worden wäre.

Als Saudi-Arabien in einer online-Abstimmung also den WM-Endrunden-Zuschlag für 2034 erhielt, war dies kein «Putsch» gegen die FIFA-Ordnung; am 11. Dezember 2024 wurde lediglich die normierte «Gewaltenteilung» (mit WM-Vergabeordnung) im Verband faktisch ausser Kraft gesetzt, im konkreten Fall der Kongress als Entscheidungs-Instanz ausgebootet und der Zustand vor den FIFA-Reformen wiederhergestellt. Wenn das Faktum die Norm ausser Kraft setzt, ist dies in der Regel allerdings moralisch höchst bedenklich. Der virtuelle FIFA-Kongress (Vereinsversammlung) vom 11. Dezember 2024 bestätigt allerdings wieder einmal den legendären Bertold Brecht (1898 – 1956): «Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral».

Ding Liren patzert und ebnet Dommaraju Gukesh den Weg in die Schach-Unsterblichkeit

causasportnews / 1210/12/2024, 13. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 13. Dezember 2024) Die letzte Schach-Partie der Weltmeisterschaft in Singapur hatte es in sich: Der amtierende Weltmeister, der Chinese Ding Liren, und sein indischer Herausforderer, der erst 18jährige Dommaraju Gukesh, gingen mit Punktegleichstand (6,5 : 6,5) in die finale und alles entscheidende, 14. Partie. Der 32jährige Chinese zeigte Nerven, patzerte und ebnete seinem indischen Antipoden den Weg in die Schach-Unsterblichkeit. Der am 29. Mai 2006 geborene Dommaraju Gukesh ist der jüngste Schach-Weltmeister aller Zeiten und gewann das Championat, das in Singapur ausgetragen wurde (vgl. auch causasportnews vom 5. Dezember 2024) gekonnt und glücklich. Seine 1,5 Milliarden Landsleute versetzte er mit seiner ausserordentlichen Denksport-Leistung in einen Ausnahmezustand, derweil China mit knapp weniger Bewohnerinnen und Bewohner als Indien nach dem Untergang des geschockten Ding Liren in kollektive Trauer taumelte. Fast müssig zu sagen, dass sich Indiens Staatspräsident, der Regierungschef sowie Würdeträger aus den verschieden staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen umgehend nach Beendigung des WM-Turniers beim neuen Weltmeister meldeten, der von den Medien nun in der ganzen Welt als «Wunder-Inder» gefeiert wird. Dommaraju Gukesh wird mit seinem Erfolg das Schach-Spiel in Indien noch populärer als zuvor machen. Die ersten Schuljahre genügten dem jungen Champion bereits; dann konnte ihm die Lehr- und Lernanstalt nicht mehr viel bieten, hingegen schon die «Schach-AG», die er besuchte. Bereits mit 13 Jahren wurde Dommaraju Gukesh Schach-Grossmeister, nun, nur fünf Jahre später, ist er der jüngste Schach-Weltmeister aller Zeiten. Der legendäre Amerikaner Bobby Fischer musste 29 Jahre alt werden, um 1972 gegen den Russen Boris Spasski nach einer der intensivsten Denk-Schlachten im Banne der 64 Felder am Schach-Tisch, die je im Schach geschlagen wurden, den WM-Titel zu holen. Das Schachspiel, bzw. der Schach-Sport wird nach dieser WM in Indien und in China weiter boomen. Was allgemein nicht als schlechte Entwicklung zu qualifizieren ist…

Bringt der Weihnachtsmann der FIS 400 Vermarktungs-Millionen in Euro?

causasportnews / 1209/12/2024, 9. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 9. Dezember 2024) Seit einigen Tagen brennt Feuer im Dach des Hauptquartiers des Internationalen Skiverbandes (FIS) im beschaulichen Oberhofen am Thunersee. Der Grund ist, wen wundert’s: Geld! Die sog. «Ski-Familie» tut sich schwer damit, umgehend ein Angebot des Luxemburgers Finanzunternehmens CVC Capital Partners (kurz CVC), das 400 Millionen Euro in die Vermarktung der FIS einspeisen will, talis qualis anzunehmen. Nach Angaben des Unternehmens werden im Rahmen von CVC 186 Milliarden Euro verwaltet. Im Verhältnis sind 400 Millionen Euro, die man in den Skisport investieren will, ein Klacks. Das sieht der umstrittene FIS-Präsident Johan Eliasch differenziert. Seit ruchbar wurde, dass der schwedisch-britische Geschäftsmann in der Milliardenliga dem CVC-Angebot kritisch gegenübersteht (der Fluch des René Benko ist omnipräsent), ist die Ski-Welt in Bewegung. Eine absolute «Null-Nummer» kann Johan Eliasch also nicht sein, und er dürfte einige Gründe haben, den CVC-Protagonisten nicht nur den roten Teppich auszurollen. Ein Angebot ist oder war da, nur weiss offenbar niemand, welches die markantesten Vertrags-Punkte, die Juristen reden von «essentialia negotii» (notwendiger Inhalt eines Vertrages), sind. Das stört die Skifahrerinnen und Skifahrer allerdings nicht gross. Ihnen ist die Vermehrung der Aktiven wichtiger als die Verminderung der Passiven. Sie wollen also einfach mehr Geld, was selbstverständlich nicht a priori verwerflich ist. Die FIS, so präsentiert sich derzeit die Vermarktungs-Ausgangslage, ist bestrebt, im Bereich der Zentralvermarktung des Verbandes einige Pflöcke einzuschlagen. Derzeit ist offenbar der Zuger Vermarkter «Infront» daran, das Ei des Columbus in der Ski-Vermarktung zu legen, im Auftrag der FIS. «Infront» ist ein bewährter Player, aber immer wieder sind Vorbehalte gegenüber dem Sport-Vermarktungskonzern spürbar. Jedenfalls scheint die FIS-Führung bestrebt zu sein, die alten Sport-Vermarktungs-Seilschaften mit und um «Infront» zu revitalisieren. Das passt den Fahrerinnen und Fahrern des alpinen Ski-Zirkus’ gar nicht. Sie möchten lieber hic et nunc die in Aussicht gestellten 400 Millionen Euro. Die Hoffnung stirbt zuletzt, vor allem kurz vor dem Eintreffen des Weihnachtsmannes. Dass sich die FIS mit Präsident Johan Eliasch für den Vermarktungs-Deal nicht einfach so begeistern kann, wird nicht verstanden. «Die spinnen, die FIS-Funktionäre, dass sie dieses Angebot und die 400 Millionen Euro nicht einfach (an)nehmen», tönt es seitens der Aktiven. Es ist allerdings nicht nur das lockende Geld, das zählt; es sind vielmehr auch die Rahmenbedingungen in der konzentrierten Vermarktung des Skisports. Der Vorschlag von CVC scheint in der Tat weder griffig noch nachvollziehbar zu sein. Das spricht gegen einen Abschluss mit CVC. Johan Eliasch ist nicht nur ein gradliniger Sport-Funktionär, sondern er wäre auch in der Lage, im gravierendsten Fall ein paar Millionen oder mehr aus seiner Privat-Schatulle in den Skisport zu werfen. Immerhin beherrscht er als CEO und Vorstandsvorsitzender der renommierten Skimarke «Head» einen bedeutenden Teil der Ski-Vermarktungsindustrie.

Sicher ist, dass der Skisport mit seinen prävalierenden, regionalen Schwerpunkten nicht mit dem globalen Fussball oder der Formel 1 verglichen werden kann. In diesen beiden Disziplinen war und ist dieser Vermarktungs-Typus ein wesentliches Element in der gebündelten Sport-Vermarktung.

Kein Schachsport-Glamour der Superhirne, aber dennoch WM-Spannung

causasportnews / 1208/12/2024, 5. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 5. Dezember 2024) Seit dem 25. November 2024 duellieren sich die aktuellen Superhirne im Rahmen der Schach-Weltmeisterschaft 2024 auf der zu Singapur gehörenden Insel Sentosa. Spätestens am 13. Dezember sollte klar sein, wer sich als alter oder neuer Schach-Weltmeister inthronisieren lassen kann: Der Titelverteidiger Ding Liren aus China oder der Newcomer in der Szene, der Inder Dommaraju Gukesh. Soeben wurde die Turnierhalbzeit erreicht, und der Ausgang dieses WM-Kampfes ist absolut offen. Beide Kontrahenten errangen bis jetzt je einen Sieg und totalisieren gleich viele Punkte (4). Der Schach-Weltmeister wird heuer nach dem «Best of 14»-Austragungsmodus erkoren. Der Kampf um die Schach-Krone ist auch ein Aufeinandertreffen der Generationen, verkörpert durch das 18jährige, indische Schach-Wunderkind Dommaraju Gukesh und durch den 32 Jahre alten Titelträger Ding Liren. Bis jetzt wurde in Singapur ein ansprechender, teils auch spannender Denksport gezeigt, doch fehlt bei diesem Aufeinandertreffen der Repräsentanten aus China und Indien zweifelsfrei die Extravaganz mit Blick auf die Spieler-Persönlichkeiten, die sich im Banne der 64 Felder einen intensiven, spektakulären Schach-Kampf liefern würden. Ding Liren ist natürlich beispielsweise nicht mit dem exzentrischen Magnus Carlsen zu vergleichen, Bobby Fischer agierte am Brett (auch) engagiert politisch und bewegte sich nicht nur im Schach-Leben zwischen Genie und Wahnsinn. Spektakulär in Erinnerung blieben die Auseinandersetzungen zwischen Gut und Böse, bzw. zwischen West (Amerika) und Ost (Russland): Die Kämpfe am Brett zwischen Boris Spaski (Sowjetunion) und Bobby Fischer (USA) zogen die Menschen auf dem ganzen Planeten in den Bann; es ging mehr als nur um das Spiel. Die derzeitige Schach-WM auf Sentosa findet zwar statt und verläuft spannend, aber Denksport-Glamour versprühen die beiden Akteure am Brett kaum. Wer letztlich Schachweltmeister wird (Dommaraju Gukesh) oder bleibt (Ding Liren) ist kaum abzuschätzen. Die Vorteile der Jugend sprechen für den Inder, Titelverteidiger Ding Liren könnten die nach dem Gewinn des WM-Titels (2023) durchlebten psychischen Instabilitäten einen Strich durch die Erfolgsrechnung machen, auch wenn im Schach der Erfahrung grosse Bedeutung zukommt.

Ikonischer Ort Zermatt mit seinem «Horu» bald wieder im Weltcup-Kalender?

causasportnews / 1207/12/2024, 3. Dezember 2024

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(causasportnews / red. / 3. Dezember 2024) Aktuell hat der alpine Ski-Weltcup Fahrt aufgenommen; imposant unterwegs sind auch die Schweizer Rennfahrerinnen und – fahrer, die derzeit mit Top-Resultaten aufwarten, so im Moment die 25jährige Walliserin Camille Rast, die in der technisch anspruchsvollsten Disziplin «Slalom» zur Gradmesserin avancierte. Im Rennen von Killington (USA) fuhr sie soeben die Konkurrenz in Grund und Boden. Wendy Holdener sicherte den ersten Schweizer Slalom-Doppelerfolg seit 28 Jahren; mit einem fünften Platz komplettierte Mélanie Meillard den helvetischen Triumph in dieser Disziplin, in der sich Schweizerinnen und Schweizer grundsätzlich eher schwertun.

Das Wallis steht jedoch nicht nur mit Camille Rast im Fokus des Interesses. In den letzten Tagen verdichten sich die Gerüchte und Anzeichen, dass im nächsten oder übernächsten Jahr die Speed-Fahrerinnen und -Fahrer vor einem der berühmtesten Berge der Welt, dem Matterhorn, in Richtung Italien starten werden. Die «Zwei-Länder-Abfahrt», von der Schweiz nach Italien ins Aostatal, wurde im Frühjahr aus dem Weltcup-Kalender gekippt, weil die Schnee- und Witterungs-Verhältnisse derart waren, dass an geordnete Rennbetriebe nicht zu denken war. Jetzt scheinen sich das Blatt und die Stimmung in Richtung «pro Zermatt» und «pro Horu», wie das Matterhorn von den Wallisern liebe- und zugleich respektvoll genannt wird, zu wenden. Der ehemalige Ski-Abfahrtweltmeister und aktuelle Skiverbands-Präsident Urs Lehmann unterstreicht, dass der ikonische Ort Zermatt mit dem Berg der Berge, dem Matterhorn, in den Weltcup-Kalender zurückkehren müsse. Diese Entwicklung und der Sinneswandel scheinen das Resultat von Annäherungen zwischen dem Weltmeister von Morioka (1993), Urs Lehmann, und dem allmächtigen FIS-Präsidenten, Johan Eliasch, zu sein. Die beiden Funktionäre waren selten einer Meinung, und beim Renn-Thema «Abfahrten vor der Kulisse des Matterhorns» lagen der nationale und der internationale Präsident voluntativ weit auseinander. Nun scheint Johan Eliasch die weltweite Bedeutung der Matterhorn-Abfahrten für den internationalen Skisport erkannt zu haben. Er signalisierte jedenfalls Einigungsbereitschaft in der «Causa Matterhorn-Abfahrten». Es ist durchaus möglich, dass die Frauen bereits in der kommenden Saison auf die Rennstrecke «Gran Becca» (grosser Gipfel) geschickt werden. Die Männer könnten auf der Gornergrat-Piste 2026/2027 oder 2027/2028 folgen.

Künftige Ski-Weltcup-Rennen vor der Kulisse des «Horu» werden immer wahrscheinlicher.

Forderungen nach Muriel Furrers Tod

causasportnews / 1206/11/2024, 29. November 2024

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(causasportnews / red. / 29. November 2024) Über zwei Monate sind vergangen, seit die junge Schweizer Radsportlerin Muriel Furrer anlässlich der Rad-Weltmeisterschaften in Zürich ums Leben gekommen ist. Als ob der Vorfall nicht schon an sich tragisch wäre, belastet die immer noch unbekannte Unfallursache vor allem die Familie und die Radsport-Szene: Was geschah am 26. September auf der Abfahrt auf nasser Strasse vom Pfannenstiel in Richtung Küsnacht ZH? Seit Wochen wird untersucht, ermittelt und spekuliert, wie die 18jährige Nachwuchshoffnung zu Tode gekommen sein könnte. Geradezu mysteriös mutet der Umstand an, dass Muriel Furrer von der Strecke abgekommen ist und dann im Wald verschwand. Sie blieb während eineinhalb Stunden unentdeckt. Ihr Verschwinden ist unerklärlich. Vor allem befeuert dieses Faktum die Spekulationen, dass das Leben der hoffnungsvollen Athletin vielleicht hätte gerettet werden können, wenn der Unfall sofort bekannt und die verunfallte Sportlerin hätte geborgen und allenfalls umgehend medizinisch versorgt werden können. In der Tat ist es unglaublich und unverständlich, dass die Menschen zum Mond fliegen können, Drohnen erfolgreich für alle möglichen Belange einsetzen und die Menschheit aktuell das Heil in der sog. «Künstlichen Intelligenz» sucht und offenbar findet, eine Sportlerin in einem WM-Rennen aber während eineinhalb Stunden in einem Wald verschwindet und dieses Verschwinden von niemandem bemerkt wird. Diesen Umstand möchten die Verantwortlichen der Rad-WM bestmöglichst ausblenden, denn auch ihnen ist der tragische Vorfall im Küsnachter Wald nicht mehr geheuer, zumal sich hier durchaus auch Fragen der zivil- und strafrechtlichen Verantwortlichkeit stellen könnten. Jedenfalls präsentieren sich die Verhältnisse derzeit wie in der Politik, wenn bei Missständen und tragischen Impakten Forderungen an wen auch immer gestellt werden. Das ist im Rahmen des Internationalen Radsport-Verbandes (UCI) mit Sitz in Aigle im Wallis nicht anders. Einer der Hauptverantwortlichen der WM-Rennen in und um Zürich, der Schweizer Oliver Senn, fordert zur Überwachung und Kontrolle der Fahrerinnen und Fahrer während der Radrennen ein GPS-Tracking. Dadurch soll verhindert werden, dass Akteure, wie Muriel Furrer, während eines Strassenrennens lange Zeit wie vom Erdboden verschluckt bleiben. Vielleicht hat die «Forderung» von Oliver Senn, der u.a. auch als Direktor der Tour de Suisse tätig ist, etwas für sich. Ein Thema wird den Strassen-Radsport jedenfalls in Zukunft beschäftigen, nämlich, wie dem Umstand abgeholfen werden kann, dass die Rennen immer schneller und gefährlicher werden. Da nützen auch die Strassenhindernisse, die nach der WM in Zürich wieder flächendeckend und geradezu ideologisch getrieben aufgebaut werden, nichts – im Gegenteil. Diese Gefahrenquellen werden kaum zu neutralisieren sein, und auch die staatlich verordnete Unsitte, dass öffentliche Strassen immer mehr zu Parkplätzen «umgenutzt» werden, fördert die Sicherheit im Radsport nicht.

FIFA wird nach dem «Diarra»-Urteil durchgeschüttelt

causasportnews / 1205/11/2024, 27. November 2024

(causasportnews / red. / 27. November 2024) Der Weltfussballverband FIFA tut viel Gutes. Er ist aber auch auf vielen Ebenen unbelehrbar, und die weltumspannende Fussball-Organisation mit Monopolcharakter wird oft erst dann einsichtig, wenn ihr das Messer an den Hals gesetzt wird. Es kann aber auch eine Gerichtsinstanz sein, welche die FIFA zu rechtskonformen Verhalten zwingt. Aktuell ist es der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxembourg, der im Fall des französischen Fussballspielers Lassana Diarra schlicht und ergreifend geurteilt hat, dass das Übertrittssystem der FIFA im Fussball in vielerlei Hinsicht nicht europarechts-konform sei (vgl. auch causasportnews vom 15. Oktober 2024). Seit dem Bekanntwerden dieser Entscheidung ist die FIFA-Zentrale in Zürich aufgescheucht. Der Grund ist nachvollziehbar einfach: Jede Verantwortlichkeit eines Vereins entfällt, wenn dieser wegen eines (vermeintlichen oder festgestellten) Vertragsbruchs eines Spielers, den er nach dem Vertragsbruch unter Vertrag genommen hat, diesen Verein dafür mithaften lässt oder deswegen sanktioniert. Das ist eine sanktionsrechtlich gängige Praxis der FIFA, doch derartige Fälle sind ebenso krass wie rechtswidrig. Dies besagt in aller Kürze das «Diarra»-Urteil des EuGH. Diese Rechtslage bezüglich Europarechts-Konformität beurteilen Experten für den Verein FIFA mit Sitz in Zürich als ebenfalls verbindlich. Auch nach Schweizer Recht ist die entsprechende FIFA-Praxis also nachvollziehbar rechtswidrig. Nach dem EuGH-Urteil wird der Weltverband nun also regelrecht durchgeschüttelt. Es stehen auch Schadenersatzbegehren gegenüber der FIFA im Raum. Ob es zu einer eigentlichen Klagewelle gegen den Weltverband kommen wird, ist im Moment nicht abzuschätzen.

Zahlreiche Entscheide des monopolistischen Weltverbandes zu dieser Praxis existieren und sind teils noch nicht endgültig verbindlich. Auch ein Schweizer Verein, der in der 1. Liga spielt, ist betroffen. Dieser Verein nahm einen Spieler unter Vertrag, der aus der Sicht der FIFA gegenüber seinem ehemaligen Klub vertragsbrüchig geworden war. Der Spieler, dann in der 1. Liga (!) in der Schweiz tätig, wurde mit einer Sperre, die er zwischenzeitlich abgesessen hat, bestraft und verpflichtet, dem ehemaligen Verein mehr als ein halbe Million US-Dollar wegen des Vertragsbruchs zu bezahlen. Der 1. Liga-Verein wurde, obwohl er am Vertragsverhältnis, das angeblich zuvor durch eine nicht gerechtfertigte, ausserordentliche Vertragsauflösung beendet wurde, nicht beteiligt war, mit einer Transfersperre belegt und verpflichtet, zusammen (solidarisch) mit dem Spieler (der neu übernommen wurde) für die Busse einzustehen, bzw. würde er zur Kasse gebeten, falls der Betrag vom Spieler nicht aufgebracht und bezahlt werden könnte. Diese sog. Arbeitsvertrags-Schutzbestimmung der FIFA mit disziplinarrechtlichem Charakter qualifizierte der EuGH im «Diarra»-Urteil als rechtswidrig. Die gleiche Rechtslage gilt auch nach Schweizer Recht. Im konkreten Fall heisst das, dass allenfalls, und falls die Voraussetzungen gegeben sind, der Spieler, der aktuell bereits wieder bei einem neuen Klub tätig ist, sich mit dem Klub, der ihn bei der FIFA des Vertragsbruchs bezichtigt hat, auseinandersetzen muss.

Die entsprechenden Übertrittsregeln des Weltverbandes sind aufgrund des «Diarra»-Urteils des EuGH als nicht EU-rechtskonform zu qualifizieren. Die gleiche Rechtslage ergibt sich aufgrund des Schweizer Rechts, nicht nur deshalb, weil die FIFA der Schweizer Rechtsordnung, insbesondere durch den Sitz in Zürich, unterstellt ist. Einigermassen einsichtig zeigt sich nun der Weltverband, der, unter gewaltigen, juristischen Druck geraten ist, aus Miami (!) kommuniziert hat, alle pendenten Fälle, welche von dieser Thematik betroffen seien, würden derzeit nicht weitergeführt und weiterbehandelt. Doch auch in dieser Hinsicht gilt: Affaire à suivre…