Schlagwort-Archive: FIS

Schön „aufgelegt“ für die Schweizer Sportministerin

Bundesrätin Viola Amherd (© www.parlament.ch)

(causasportnews / red. / 29. Mai 2020) Es kam so, wie es „causasportnews“ bereits skizziert hatte: Im Kampf um Moneten, Macht und Mythen rund um das legendäre „Lauberhorn“-Rennen erfolgte gestern eine Einigung im Vermarktungsstreit (causasportnews vom 26. Mai 2020). Seit langer Zeit bekämpfen sich die Organisatoren des Skisport-Klassikers im Berner Oberland und der Fachverband „Swiss Ski“– es ging vor allem um viel Geld. Der Zwist ist von den Wengnener Organisatoren sogar vor den Internationalen Sport-Schiedsgerichtshof „Tribunal Arbitral du Sport“ (TAS) getragen worden. Nun herrscht Einigkeit, alle Streitigkeiten sind vergessen, und alle, die Vertreter von „Swiss Ski“ und die Protagonisten des Wengnener Organisationskomitees, haben sich wieder lieb. Möglich gemacht hat es letztlich die Schweizer Sport- und Verteidigungsministerin Viola Amherd, die zum „Krisengipfel“ nach Bern geladen hatte. Dass der „Friedenspfeife“ weisser Rauch entsteigen würde, war vorauszusehen. Oder wie es die Fussballer sagen würden: „Schön aufgelegt für Viola Amherd“ (jemandem, dem man den Ball „auflegt“, braucht diesen nur noch zu verwerten). Das wurde entsprechend zwecks Gesichtswahrung von den Interessengruppen aus Sport, Sportpolitik, aus der Wirtschaft und anderen Menschen guten Willens vorbereitet, doch die Sportministerin aus dem Kanton Wallis hatte dennoch ihr als Juristin angeeignetes Mediationsgeschick einzubringen. Aber immerhin das. Was genau am „Krisengipfel“ beschlossen worden ist, wurde bis jetzt der Öffentlichkeit vorenthalten; sicher ist, dass die Klage des Organisationskomitees gegen „Swiss Ski“ am TAS zurückgezogen wird. Vermutet wird, dass zwecks „Terrainbereinigung“ auch Mittel der öffentlichen Hand zugesichert worden sind. Getreu der von Joseph Blatter gepflegten Philosophie: „Was man mit Geld regeln kann, soll man so regeln“. Nachdem der Staat im Zuge von „Corona“ kaum mehr Segmente ausmachen kann, über die das Füllhorn sonst noch ausgeschüttet werden könnte, kam die entsprechende Regelung des „Lauberhorn“-Vermarktungszwistes gerade zur richtigen Zeit. Die Einigung von Bern hat unter anderem manifest werden lassen, dass das „Lauberhorn“-Rennen nicht nur ein Sportanlass, sondern ein Kulturgut von helvetischer Bedeutung mit internationaler Ausstrahlung ist.

Matterhorn statt Lauberhorn – oder beides?

© chriscom

(causasportnews / red. / 26. Mai 2020) Es ist, wie es oft im organisierten Sport ist, der weltweit im Fokus steht: Es geht um viel Geld, um Eitelkeiten und um Gesichtsverluste; und frei nach dem Motto: Wenn Du mir meine Sandburg zerstörst, zerstöre ich Deine!

Seit einigen Wochen hält eine Sport-Polit-Groteske nicht nur am (Ski-)Sport Interessierte in Atem. Es geht um das legendäre „Lauberhorn“-Rennen, neben der „Streif“-Abfahrt in Kitzbühel der Höhepunkt eines jeden Ski-Winters. Das Organisationskomitee in Wengen fordert von Swiss-Ski, dem Schweizerischen Dachverband für den Skisport, mehr Geld für die Durchführung der Rennen in Sichtweite der berühmten Eiger-Nordwand. Eine Million Schweizer Franken mehr sollen die Verbandsoberen nach Wengen zahlen, fordern die wackeren Berner am Internationalen Sport-Schiedsgericht (TAS) in Lausanne von Swiss-Ski; der Verband hält die Rechte an den grossen Sponsoring-Paketen und generiert viel Geld für die Verwertung der Medienrechte. Swiss-Ski wirft den Wengener Organisatoren vor, das Marketingpotential rund um die „Lauberhorn“-Rennen nicht optimal auszunützen. Seit langer Zeit wird am TAS um Geld gestritten. Um den Druck auf die Wengener zu erhöhen, haben die Verantwortlichen von Swiss-Ski beim Internationalen Ski-Verband (FIS) beantragt, den Abfahrts-Klassiker aus dem Weltcup-Programm zu kippen. Wintersport ohne das „Lauberhorn“ wäre so etwas wie Angela Merkel mit guter Laune – undenkbar. Zwischenzeitlich ist auch Zermatt in die sich (vermeintlich) abzeichnende Organisations-Lücke gesprungen und hat angekündigt, ein Abfahrtsrennen vom Fusse des Matterhorns bis ins Aostatal zu organisieren und dieses im Weltcup-Kalender etablieren zu wollen. Matterhorn statt Lauberhorn also. Nun bahnt sich im Konflikt eine Lösung an. Auf kommenden Donnerstag hat die Schweizer Sportministerin Viola Amherd die Streitparteien zu einem „Friedensgipfel“ geladen. Doch bereits heute ist nicht mehr daran zu zweifeln, dass es eine Lösung in dieser prestigeträchtigen Angelegenheit geben und das „Lauberhorn“-Rennen weiter im Weltcup-Kalender der FIS figurieren wird. Zum Befreiungsschlag hat eine zugesagte Spende von 300 000 Schweizer Franken einer Privatperson beigetragen. So wird die helvetische Sportministerin aus dem Wallis am Donnerstag die politisch (für sie) nicht unwichtige Wende stolz verkünden können, nämlich, dass das „Lauberhorn“-Rennen gerettet sei. Als Walliserin wird sie sich dann vornehm mit der realistischen Einschätzung zurückhalten, dass bald einmal auch zu einem spektakulären Abfahrtsrennen in ihrem Heimat-Kanton, vor der Matterhorn-Kulisse, gestartet werden dürfte. Lauberhorn und Matterhorn, das wird künftig die Devise sein.

Ein Nadelstich mehr gegen den Skirennsport

(causasportnews / red. / 19. März 2019) Die alpine Ski-Weltcupsaison 2018/19 ist seit einigen Tagen beendet, und just zu diesem Saisonende wurde die Meldung verbreitet, dass der Internationale Sport-Schiedsgerichtshof (TAS) in Lausanne die Disqualifikation des Deutschen Riesenslalom-Spezialisten Stefan Luitz nach dem Rennen vom 2. Dezember 2018 aufgehoben habe. Die Kunde aus Lausanne wurde von der Sport-Öffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen. Dies vor allem auch deshalb, weil sich kaum mehr jemand unmittelbar für den alpinen Skizirkus interessiert und Rennen seit Jahren meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden; sogar die berühmten Schulklassen, die anlässlich von Skirennen während langer Zeit zur Belebung von Skihängen und Zielräumen organisiert wurden, sind Geschichte. Wäre dem nicht so, hätte das TAS-Urteil wohl ein kleines Erdbeben ausgelöst. So bedeutet es aber höchstens eine weitere Attacke gegen den Skirennsport. Weshalb?

Es gibt nichts schlimmeres für den Sport, als wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer nach Abschluss einer Sportveranstaltung nicht wissen, wer die Siegerin oder der Sieger ist. Fehlen die Zuschauer, ist dies allerdings ein sekundäres Problem. Der Fernseh-Konsument ist in dieser Hinsicht zweifellos entspannter. Im Zuge der sog. „Sauerstoff-Affäre“ um den 27jährigen Deutschen ist der Schnellste im Riesenslalom anfangs Dezember 2018 disqualifiziert worden. Ein klassischer Sportregel-Entscheid also. Seit Jahrzehnten ist sich die Rechtslehre an sich einig, dass solche Entscheide, welche sich auf Sportresultate beziehen, unumstösslich und endgültig sein müssen – im Sinne der Glaubwürdigkeit des Sportes vor allem. Es ist wahrscheinlich nicht einmal böser Wille, dass diese für den Sport grundlegende Maxime im „Fall Luitz“ erschüttert worden ist. Dafür verantwortlich sind die betroffenen Sportverbände (hier vor allem der Internationale Skiverband, FIS) und das TAS, welches in Anfechtungsfällen an Stelle an sich zuständiger staatlicher Gerichte tätig wird – als ordentliches, institutionalisiertes, privates Schiedsgericht. Die Regularien der FIS sehen nun vor, dass auch solche Disqualifikationsfälle vor Gericht, konkret das TAS, getragen werden können. Das Gericht ist aber auch grundsätzlich dafür bekannt, sich mit allen möglichen und unmöglichen Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Sport auseinander zu setzen und materiell zu entscheiden. Ein staatliches Gericht hätte sich mit diesem Vorgang zweifellos nicht befasst; es wäre auf die Anfechtungsklage im Rahmen einer derartigen Disqualifikation gar nicht eingetreten. Anders das TAS: Es hat die Disqualifikation von Stefan Luitz nach weit über drei Monaten (!) seit dem Rennen aufgehoben und ein entsprechendes Urteil erlassen. Dem Skifahrer kann selbstverständlich kein Vorwurf gemacht werden, dass die Rangliste von Beaver Creek auf sein Bestreben hin nach etlichen Monaten wieder geändert werden musste. Die Verbands-Regularien gewährten ihm diese Möglichkeit, die Disqualifikation trotz des Sportregelcharakters dieser rein auf das Rennen bezogenen Sanktion zu bekämpfen. Nur am Rande sei erwähnt, dass eine Rechtsprechungsinstanz wie das TAS als ordentliches Schiedsgericht trotz anderslautender Verbands-Regularien nicht unbedingt auf die Klage des Rennfahrers hätte eintreten müssen. Die an sich klare Dogmatik („Spiel- und Sportregeln sind einer gerichtlichen Überprüfung nicht zugänglich“), die 1973 vom längst verstorbenen Berner Rechtsprofessor Max Kummer begründet und z.B. vom Schweizerischen Bundesgericht immer noch hochgehalten wird, war wohl im TAS-Verfahren kein Thema, bzw. muss davon ausgegangen werden, dass der geschlossene Zirkel der TAS-Richter, über deren juristische Qualitäten unterschiedliche Meinungen kursieren, diese Zusammenhängte kaum realisiert haben.

So wird das TAS-Urteil i.S. Stefan Luitz kaum grosse Wellen werfen, es sei denn, dass gegen die Entscheidung des TAS doch noch das Bundesgericht angerufen wird (was aber eher zu bezweifeln ist). Das TAS-Urteil dürfte in der Tat nur einen (weiteren) Nadelstich gegen den alpinen Skirennsport, der sich so etwas wie in einer Agonie befindet, bilden.