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Umfrage- und Prognosen-Kultur sowie Vergangenheitsbewältigungen

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(causasportnews / red. / 9. Februar 2021) Das Hauptproblem in der «Corona»-Zeit besteht für viele Menschen darin, die viele, freie Zeit irgendwie totzuschlagen. Für im Homeoffice tätige Menschen ist dies eine besonders schwierige Zeit. Oft wissen sie nicht, was sie den ganzen Tag mit der zur Verfügung stehenden Zeit anstellen sollen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass im Moment Umfragen, Analysen, Studien, Erhebungen, Gutachten, Prognosen, usw. wie Kraut aus dem Boden schiessen. In diesen Segmenten wird zwar auch ausserhalb von «Corona» eine regelrechte «Studien-Industrie» nicht nur am Leben erhalten, sondern geradezu gefördert; das hat sich in der aktuellen Pandemie-Zeit noch akzentuiert. Glücklicherweise feiern wir im Moment in der Schweiz ein spezielles Jubiläum: 50 Jahre Frauenstimmrecht. Das wird derzeit ungefähr so zelebriert, als wäre 1971 ein blutiger Weltkrieg glücklich zu Ende gebracht worden. Das Thema bietet natürlich Stoff für Umfragen aller Art. Dabei ist selbstverständlich nur die Rede von den Rechten, die den Frauen auch heute noch umfassend vorenthalten werden. Die Pflichten bleiben ausgeblendet. Auch dieses «Jubiläum» bietet jedenfalls Stoff für eine durchwegs staatlich finanzierte, meist links beeinflusste Umfrage- und Prognosen-Kultur. Das zur Aktualität.

In dieser Hinsicht kann Vergangenheitsbewältigungen aller Art noch Potential eingeräumt werden. Schon längst vor «Corona» werden Skandale in Organisationen, Unternehmungen, Sportvereinen- und -verbänden aufgearbeitet. Dies, um den Verantwortlichen, welche Missstände nie erkannt oder auch nur ignoriert haben, Satisfaktion zu erteilen – oder sie an den Pranger zu stellen. Es ist dies seit Jahren ein einträgliches Geschäft für Anwaltskanzleien geworden, die beauftragt werden, Licht in nebulöse Vergangenheiten zu bringen. Wie etwa eine grosse Anwaltsfirma in Deutschland, welche vom Deutschen Fussball-Bund (DFB) beauftragt wurde, eine «unabhängige Untersuchung» (sic!) von Vorgängen im Zusammenhang mit der Fussball-WM-Endrunde 2006 in Deutschland durchzuführen und Bericht zu erstatten. Das wurde mit Inbrunst von mehr als 40 Anwälten an die Hand genommen. Millionen von Euro wurden der beauftragten Kanzlei bezahlt. Ergebnis: Ausser (happigen) «Spesen» nichts (Konkretes) gewesen. Fazit: Der DFB hat wenigstens alles getan, um Licht ins Dunkel zu tragen – seither ist auch diese Vergangenheit bewältigt. Das neuste Beispiel aus dem Sport, mit der Absicht, Transparenz zu schaffen, kommt aus der Schweiz: Im Schweizerischen Turnverein (STV) sollen junge Turnerinnen jahrelang gequält, geschlagen, erniedrigt und psychisch terrorisiert worden sein. Wenigstens standen keine Missbrauchs-Vorwürfe im Vordergrund. Von diesen skandalösen Vorgängen à la «DDR-Sport» hatten Eltern, Erzieher, das private Umfeld der Turnerinnen, Verbandsfunktionäre und Aufsichtsgremien aller Art nichts bemerkt. Deshalb wurde eine Zürcher Anwaltskanzlei gegen teures Geld beauftragt, auch hier «dahinter» zu blicken, also Transparenz zu schaffen. Der Bericht ist da, der STV reingewaschen, weil nichts vertuscht wird und sich eigentlich nur ein paar Einzelpersonen im Verband derart daneben benommen hatten. Ab sofort wird alles gut. Ein «Kulturwandel» im STV ist angesagt. Falls es künftig doch noch zu individuellen Entgleisungen kommen sollte, sorgt eine soeben ins Leben gerufene «Ethik-Kommission» für die entsprechenden Sanktionsgrundlagen. Apropos Ethik-Kommissionen: Eine solche wurde nach den Skandalen um Fussball-Funktionäre auch im Weltfussball installiert. Seither herrscht im globalen, organisierten Sport Zucht und Ordnung; die ewigen Kritiker, welche bezüglich der Ethik-Kommission nur von einem «Feigenblatt» für die Mächtigen und Reichen im Fussball sprachen, wurden längst ins sport-politische Abseits gestellt. Um happige Vorkommnisse kümmern sich bekanntlich sogar die Strafverfolgungsbehörden.

Wie hiess es noch vor Jahren so schön: Wer journalistisch beachtet werden will, muss die FIFA oder die katholische Kirche unter medialen Beschuss nehmen. Die FIFA interessiert kaum mehr jemanden – nicht nur wegen «Corona». Und der katholischen Kirche laufen so oder so die Mitglieder davon. Sie hat aber auch nichts gelernt aus der Vergangenheit, als es um pädosexuelle Geistliche, Missbräuche aller Art und um Unappetitliches im Rahmen dieses Machtkartells ging. So hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki gegen happige Honorare Anwälte beauftragt, die Vergangenheit bezüglich angeblicher Missbräuche in der Kölner Diözese zu durchleuchten. Da kam dann wohl zuviel Licht in diese klerikalen Dunkelkammern, so dass sich der Kardinal dazu entschloss, den von den Anwälten erstellten Bericht nicht zu veröffentlichen. Ein Schelm, der Böses denkt. Jedenfalls schwörte der Kirchenmann dem rettenden Gebot der Transparenz ab. Und beauftragte gleich andere, teure Juristen damit, nun abzuklären, ob es gute und vor allem juristische Gründe geben würde, den Anwalts-Befund nicht veröffentlichen zu müssen. Seither wird am Stuhl des Kardinals, dem Vertuschung der Vertuschung vorgeworfen wird, gesägt. Vom Sport könnte die katholische Kirche lernen. Jedenfalls, wie man aus unangenehmen Schlagzeilen kommt.

Von der Wiege bis zur Urne – Turne!

Magglingen / Macolin by Jean-Daniel Echenard

(causasportnews / red. / 18. November 2020) Es mag daran liegen, dass der (aktive) Sport derzeit kaum mehr stattfindet, und falls dennoch, unter wenig freudvollen Rahmenbedingungen und oft unter teilweisem oder ganzem Ausschluss der Öffentlichkeit. Vielleicht auch deshalb steht bezüglich des Sportes nicht die Aktivbetätigung der Sportheroen und -protagonisten im Vordergrund, sondern Geschichten und Vorkommnisse rund um den Sport.

Beispiel Turnen: Ist derzeit vom Schweizerischen Turnverband (STV), einer der grössten Sportorganisationen des Landes, mit gegen 400’000 Mitgliedern, die Rede, denkt kaum jemand an die hehren Worte des Schriftstellers, Malers und Kabarettisten Joachim Ringelnatz (eigentlich Hans Gustav Bötticher), der die Bedeutung des Turnens motivierend und auffordernd so umschrieb: «Von der Wiege bis zur Urne – turne, turne, turne!». Es ist in der Realität alles viel schlimmer. In Verruf geraten ist in den letzten Wochen der STV wegen jahrelanger, unakzeptabler, ja sogar brutaler Trainingsmethoden, an der in der Vergangenheit vor allem Turnerinnen zu leiden hatten. Die Vorgehensweisen sollen teils im Schweizerischen Sport-Leistungszentrum Magglingen, das sich im Bundesbesitz befindet, Usus gewesen sein. Nun sind erste Köpfe von offenbar Verantwortlichen gerollt, und auch die helvetische Sportministerin (welche zugleich auch Verteidigungsministerin ist), Bundesrätin Viola Amherd, sieht sich einem Scherbenhaufen gegenüber; die Eidgenossenschaft hat wegen der Verhältnisse in Magglingen mehr als nur ein Glaubwürdigkeitsproblem. Es werden Verhältnisse manifest, die an den ehemaligen DDR-Sport erinnern. Da hilft als Erklärung für das Desaster auch nicht, dass in der Schweiz traditionell die Armee und der Sport unter einem Dach organisiert sind. Zwischen Sport und Militär existieren seit jeher Parallelitäten und Synergien; auch heute noch. Flugs ist nach dem Bekanntwerden des Skandals im Turnen eine Untersuchungskommission eingesetzt worden, um die Missstände zu durchleuchten und den Weg für Konsequenzen zu ebnen. Die Einsetzung von Kommissionen und Arbeitsgruppen bedeutet in der Regel Hilflosigkeit und Kapitulation vor den Gegebenheiten. Auch eine «Ethikkommission» soll es ab sofort im organisierten Turnsport geben. Nicht gedacht als «Feigenblatt» wie etwa im Weltfussball nach den Korruptionsskandalen. Unschön ist bei der ganzen Sache, dass jahrelange Missstände erst jetzt ans Licht gezerrt werden – etwa so, wie in der Katholischen Kirche: Viele Missbrauchsopfer melde(te)n sich nach behaupteten Missbräuchen erst nach Jahrzehnten. Der jetzige «Knall» im Turnsport ist vielleicht in der Tat hauptsächlich auf «Corona» und das dadurch veränderte Leben der Menschen zurückzuführen. Und weil der organisiert Turnsport ebenfalls praktisch lahmgelegt ist. Die Anschuldigungen der Sportlerinnen sind durchaus glaubwürdig, vor allem auch deshalb, weil sich Vertreter des Männerturnens derzeit, wohl nicht ganz freiwillig, nicht müde werden zu betonen, dass bei ihnen immer alles bestens (gewesen) sei.

Beispiel Frauenboxen: Seit Jahren soll es im Deutschen Frauenboxen, nicht gerade eine der femininsten, sportlichen Betätigungsmöglichkeiten, zu sexueller Gewalt gekommen. Im Zuge der Kampagne «Couch, don’t touch me», wurde eine Lawine losgetreten, die dokumentieren soll, welche unglaubliche Verhältnisse hinter den Kulissen des Frauenboxsportes offenbar herrschen. Die Rede ist von gravierenden Missbräuchen junger Athletinnen durch Trainer und Hilfspersonen, die unter der Ägide des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) wirkten und teils immer noch wirken. Von einem «System des sexuellen Missbrauchs» ist die Rede und sogar davon, dass Opfer selber noch Zeugen von Vergewaltigungen geworden seien (vgl. «Der Spiegel», 47/2020, 100 f.). Auch hier wird breitgefächert untersucht, und in Baden-Württemberg ermittelt die Staatsanwaltschaft. Wie die Verfahren ausgehen werden, ist grundsätzlich leicht abzuschätzen: Boxerinnen werden behaupten, dass es zu Vergewaltigungen gekommen sei, Beschuldigte dürften einwenden, dass die Geschlechtsakte einvernehmlich erfolgt seien; wie sonst im Leben. Rechtsfolge: Freispruch. Es sei denn aktuell, dass eben Zeugen glaubwürdig Wahrgenommenes bestätigen.

Aktuell also Unappetitliches in Individualsportarten, in denen die starke Physis ein Kernelement dieser Betätigungen ist und die oft nicht so robuste Psyche der Sportlerinnen massivst verletzt worden ist – alles aufgedeckt in der Zeit von «COVID-19».