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Kein „Nulltoleranz“-Entscheid nach Rassismus-Ausfällen

(causasportnews / red. / 31. Oktober) Es waren schlimme Szenen, die sich anlässlich des Fussball-Europameisterschafts-Qualifikationspartie in Sofia am 14. Oktober abspielten. Nicht auf dem Rasen, als das englische Nationalteam gegen Bulgarien mit 6:0 alles klar machte; ausser Rand und Band geriet das Publikum bzw. Teile davon. Affenlaute gegen dunkelhäutige Akteure und der allgegenwärtige Hitlergruss schockierten. Rassistischer ging es kaum mehr. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und FIFA-Präsident Gianni Infantino zeigten sich „entsetzt“ und beschworen die „Nulltoleranz“-Haltung der Verbände i.S. „Rassismus“. Nach rund zwei Wochen, als die Fussball-Karawane in einer schnelllebigen Zeit längst weiter gezogen war und fast täglich eine andere Sau durchs (mediale) Dorf getrieben wird, hat das Entsetzen nach den Vorfällen von Sofia der Vergesslichkeit Platz gemacht. Was „Nulltoleranz“ bedeutet, zeigen die kürzlich bekannt gewordenen Sanktionsentscheide gegen den Verband Bulgariens: Zwei „Geisterspiele“ und eine „Busse“ von 85 000 Euro lautet das Verdikt aus der UEFA-Zentrale in Nyon am beschaulichen Genfersee. Höhepunkt dieser vom Sanktionsgremium der UEFA umgesetzten „Nulltoleranz“-Strategie: Das zweite „Geisterspiel“ wurde zur Bewährung ausgesetzt. Gingen die Wogen unmittelbar nach den Vorfällen am 14. Oktober noch hoch, erinnert sich jetzt schon kaum mehr an die Schande von Sofia. Sie ist den Medien nur noch eine Randnotiz wert. Die nächsten Rassismus-Ausfälle kommen bestimmt.

Wetten, dass solche Urteile weder general- noch spezialpräventive Wirkung zeitigen? Soll mit der Rassismus-Bekämpfung wirklich ernst gemacht werden, dürfen solche Urteile nicht gesprochen werden. Dann lieber nichts. Da nützte es relativ wenig, dass im Zuge der Ereignisse von Sofia sowohl der Verbandspräsident als auch der Trainer von ihren Ämtern zurücktraten. Die insbesondere (verbands-)politisch motivierten Entscheide der UEFA sind eher ein Scherz denn eine Umsetzung der von den Verbandspolitikern schwatzhaft propagierten „Nulltoleranz“-Strategie, die sich auch in diesem Fall als Lippenbekenntnisse erweist. Betrüblich bei der ganzen Angelegenheit für die Präsidenten von UEFA und FIFA: So wird es auch nächstes Jahr nichts mit dem Friedens-Nobelpreis…

Und schliesslich noch eine Randbemerkung: Keine verbandsrechtlichen Folgen hatten bisher die Sympathie-Kundgebungen der beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, Ilkay Gündogan und Emre Can, für die Offensive der türkischen Armee in Syrien ebenfalls vor zwei Wochen. Seitens der FIFA und des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) wird dieser eklatante Missbrauch des Sports wohl ausgesessen. Immerhin leben in Deutschland mehrere Millionen Türkinnen und Türken. Überdies werden regelmässig nicht nur Fussballer eingebürgert.

„Fall Tönnies“: Nach den Moralisten die Juristen

(causasportnews / red. / 2. September 2019) Es war sicher kein kluger Einfall, als sich der Präsident des derzeit zehntplatzierten Bundesliga-Vereins FC Schalke 04, Clemens Tönnies, zu Afrika und den Afrikanern äusserte (vgl. auch causasportnews vom 13. August 2019). Zumindest war die Äusserung ungeschickt und geht natürlich gar nicht. Doch gesagt war gesagt. Und so fegte umgehend ein Shitstorm über den Präsidenten des Klubs aus Gelsenkirchen. Die Medien schossen während Tagen auf den 63jährigen Unternehmer in der Lebensmittelbranche. Prominente und weniger Prominente feuerten mit der gesamten Digitalisierungs-Maschinerie auf den nebenamtlichen Sportfunktionär. So verlangte Ex-Fussballprofessional-Spieler Hans Sarpei Abbitte, und Schauspieler („Der Alte“) und Ex-Politiker Charles Muhamed Huber trat unter Protest aus der CDU aus, weil diese die Worte von Clemens Tönnies zu stark relativiert habe. Der Schalke-Präsident kündigte nach einer Sitzung des Ehrenrates des Klubs an, sein Amt für drei Monate ruhen zu lassen. Mehr passierte nicht, weil immerhin ein ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof in einer Analyse zum Schluss kam, die Äusserungen von Clemens Tönnies seien nicht rassistisch. Mit diesem Schritt überstand der Unternehmer und Sportfunktionär zumindest den ethisch motivierten Shitstorm einigermassen unbeschadet. Die „heisse, juristische Kartoffel“ wurde danach der Ethikkommission des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) weitergereicht. Dieses Sanktionsorgan des grössten Sportverbandes der Welt hatte zu entscheiden, ob Clemens Tönnies‘ Äusserungen als rassistisch zu qualifizieren seien. Das waren sie offensichtlich nicht, und die DFB-Sanktionsbehörde konnte und wollte wohl kaum einer Richter-Expertise entgegentreten. So kam es im privatrechtlich motivierten Verfahren so, wie es zu erwarten war: Das DFB-Sanktionsorgan verzichtet auf ein Verfahren gegen den Schalke-Präsidenten. In einer Anhörung habe dieser überzeugend dargetan, dass er kein Rassist sei…Das alles war dann für die Medien kaum mehr als eine dürre Meldung wert. Die Lehre aus der Geschichte: Ethik und Recht bilden zwei verschiedene Ebenen. Und: Die juristische Welt sieht oft anders aus als die moralische. Übrigens: Clemens Tönnies will seine „Auszeit“ als Vereins-Funktionär aufgrund der rechtlichen Sachlage nicht abkürzen.

Was nicht zum Sport gehört

(causasportnews / red. / 13. August 2019) Früher war der Sport eine autonome Insel von Spiel und Spass, doch das hat sich zwischenzeitlich weitgehend geändert. Er ist omnipräsent und berührt alle Facetten des gesellschaftlichen Lebens. Die Verzahnungen des Sportes mit der Wirtschaft sind etwa ebenso signifikant wie die Wechselwirkungen zwischen Sport und Politik. Was letzterer Aspekt anbelangt: Die meisten Sportverbände und -organisationen gehen in ihren Regelwerken u.a. davon aus, dass der Sport apolitisch und areligiös zu sein hat. So steht es bspw. in Art. 4 Abs. 2 der FIFA-Statuten. Apropos FIFA: In Art. 3 der Statuten werden seit geraumer Zeit die Menschenrechte beschworen; allerdings weiss kein Mensch, für was und für wen diese Bestimmung eine Anspruchsgrundlag abgeben soll. Es ist wohl eher so, dass sich eine derartige Norm schlicht „gut macht“ im Regelwerk eines Sportverbandes. Wäre es mehr, dürften Iranerinnen heute wohl diskussionslos ein Fussballspiel besuchen; der Verband Irans ist immerhin Mitglied des Weltfussballverbandes. Art. 3 der FIFA-Statuten ist konkret wohl als Verpflichtung des Verbandes von Iran zu verstehen. Bis jetzt hat die Norm in den Statuten diesbezüglich nichts bewirkt. Gar nicht gehen im Sport Diskriminierung, Rassismus, usw. Wie schwierig sich dieses Thema in der Praxis allerdings präsentiert, zeigt derzeit ein Vorgang aus dem deutschen Fussball: Seit seinen Äusserungen zu Afrika steht der Präsident von Schalke 04, Clemens Tönnies, im Fokus der Kritik. Sein Aussagen seien rassistisch, wird einerseits kritisiert. Dem sei nicht so, wird anderseits argumentiert. Ein juristisches Gutachten negiert den rassistischen Gehalt der Aussagen – aber grundsätzlich sind sich die mediale Welt und die Öffentlichkeit einig, dass solche diskriminierenden Wertungen (vgl. dazu Art. 4 der FIFA-Statuten) unopportun sind. Obwohl der Präsident des Bundesligisten aus Gelsenkirchen deswegen gleichsam zwecks selbstauferlegter Sanktion sein Amt für drei Monate ruhen lässt, dominiert das Thema die Diskussionen – trotz Entschuldigung von Clemens Tönnies. Der kaum abflauende Protest-Sturm um die Äusserungen ist nicht nur dem medialen Sommerloch zuzuschreiben. Das Thema berührt und belegt insbesondere, dass öffentlich geäusserte Wertungen von Sportfunktionären ohne Bezug zum Sport besser unterlassen werden.- Und wie verhält es sich mit der Politik? Die kürzlich erfolgte Suspension des FC Chemnitz-Stürmers, Daniel Frahn, warf jedenfalls keine hohen Wellen. Dem Spieler werden Sympathien zu rechtsradikalen Kreisen vorgeworfen. Die vom Klub gezogenen Konsequenzen dem Spieler gegenüber wurden allseits begrüsst. Auch Sport und Politik vertragen sich gar nicht. Recht so selbstverständlich. Es bleibt die Forderung, dass auch Politiker/innen den Sport nicht für ihre Zwecke nutzen. Derartige Missbräuche bilden allerdings auch heute keine Ausnahmen.