causasportnews.com – 53/2026, 9. Juni 2026
(causasportnews / red. / 9. Juni 2026) Dem Schweizer Urs Lehmann kann kaum entgegengehalten werden, er verfüge nicht über ausreichende Leistungsausweise. Der heute 57jährige Aargauer gewann 1993 den begehrtesten Titel in der Königsdisziplin des alpinen Skirennsports und krönte sich im Japanischen Morioka zum Abfahrtsweltmeister. Danach legte er eine eindrückliche, akademische Karriere hin. Auch als Sportfunktionär ist Urs Lehmann erprobt. Unter anderem amtete er von 2008 bis 2025 als Präsident des Schweizerischen Skiverbandes («Swiss Ski»). Seit neun Monaten war der Aargauer CEO des Internationalen Ski- und Snowboard-Verbandes (Fédération Internationale de Ski, FIS) mit Sitz in Oberhofen bei Thun; seit ein paar Tagen ist er dies nicht mehr. Seinen Vertrag mit der FIS hat er ausserordentlicherweise gekündigt – kurz vor dem diesjährigen FIS-Kongress am 10./11. Juni 2026 in Belgrad. Das herausragende Traktandum anlässlich der Vollversammlung der FIS ist die Wahl des Präsidenten des Internationalen Verbandes. Der aus vielerlei Gründen bei Verbänden, Funktionären sowie Sportlerinnen und Sportlern in Ungnade gefallene amtierende Präsident Johan Eliasch, ein schwedisch-britischer Doppelbürger, stellt sich für eine weitere Amtsdauer zur Wahl, doch dieses Unterfangen scheint auf tönernen Füssen zu stehen. Einmal wird der Milliardär und Unternehmer, dem unter anderem die Skimarke «Head» gehört, mit seiner aktuellen Präsidentschaftskandidatur weder vom Verband Grossbritanniens noch von demjenigen Schwedens unterstützt und nominiert, was selbstredend ist. Flugs liess sich Johan Eliasch in Georgien einbürgern und lässt ich nun für das Präsidentschafts-Wahlgeschäft am FIS-Kongress von diesem Nationalverband portieren. Das kommt in der FIS-Community schlecht an, und dem amtierenden Präsidenten schlägt Ablehnung entgegen. Neben seinem stark kritisierten, egozentrischen Führungsstil wiegt der Umstand schwer, dass das FIS-Verbandsvermögen in den letzten beiden Jahren wie Schnee an der Sonne geschmolzen sein soll und der Präsident die effektive Finanzlage beschönigt und in Finanzgebaren intransparent bleibt. Aber auch bei der FIS ist es so wie anderswo, nicht nur im Sport: Geht es um’s Geld, verträgt es keinen Spass. Gegen Johan Eliasch macht sich nicht nur Opposition etwa einer Splittergruppe breit. Für die «Schneesport-Familie» ist der 64jährige Top-Funktionär der FIS mit drei Staatsbürgerschaften untragbar geworden. Die anstehende Präsidenten-Neuwahl des Ski- und Snowboard-Weltverbandes wird somit zum Präsidenten-Poker. Als Favorit auf die Nachfolge des aktuellen FIS-Präsidenten gilt der Liechtensteiner Rechtsanwalt Alexander Ospelt, der offenbar in der FIS-Community über einen grossen Rückhalt verfügt.
Was hat dies nun alles mit Urs Lehmann zu tun, der den im letzten Jahr eigens für ihn geschaffenen CEO-Posten der FIS nach nur rund neun Monaten verlassen hat? Für den ehemaligen Abfahrts-Weltmeister gehört dies wohl zum Vabanquespiel im aktuellen FIS-Präsidentenpoker. Selber kommt der Schweizer als neuer Präsident des Weltverbandes aus statutarischen Gründen nicht (mehr) in Frage. Auch der Umstand, dass der ehemalige Spitzensportler dem aktuellen Präsidenten anlässlich der FIS-Präsidentenwahl 2021 deutlich unterlag, ist im Moment irrelevant. Die Karten um die Macht im Skisport werden in diesen Tagen und anlässlich der Wahl des Präsidenten neu gemischt. Es ist wohl auch nicht auszuschliessen, dass Urs Lehmann nach einem Wahlerfolg von Alexander Ospelt zum FIS-Präsidenten wieder als CEO des Weltverbandes auf diesen Posten, den er vor einigen Tagen verlassen hat, zurückkehrt. Mit Johan Eliasch konnte es Urs Lehmann aus verschiedenen Gründen, nicht nur wegen der Geldsorgen, welche die FIS belasten, nicht mehr. Wird der Präsidentenstuhl mit einer neuen Person besetzt, ist er mit grosser Wahrscheinlichkeit Mit-Gewinner im aktuellen Präsidentenpoker mit Nebenwirkung. Dank seiner vielseitigen Erfahrungen gilt der Abfahrtsweltmeister von Morioka bekannterweise als gewiefter Taktiker.

