Vom «Schiedsrichter-Jäger» – zum Fussball-Präsidenten

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(causasportnews / red. / 24. November 2020) Zumindest den älteren Sport-Interessierten sind die Szenen, die sich am 7. Oktober 1989 im Fussball-Stadion «Tourbillon» in Sion ereignet haben, noch in Erinnerung. Es waren regelrechte Jagd-Szenen, welche vor allem die TV-Zuschauer schockierten. Die Hatz, eine eigentliche «Hexen- bzw. Schiedsrichter-Jagd», auf den bemitleidenswerten Schiedsrichter Bruno Klötzli war rund um den Erdball nicht nur in den Nachrichten zu sehen. Der «Fall» manifestierte auch ein offensichtliches, gesellschaftliches Problem, etwa den aufgeklärten Umgang mit Autoritäten. Bis anhin galt für einen Schiedsrichter das «noli me tangere» (berühre mich nicht!). Schiedsrichter Bruno Klötzli pfiff auf dem (permanent) «heissen» Terrain des «Tourbillon» just in jenem Sekundenbruchteil das Spiel zwischen dem FC Sion und dem FC Wettingen ab, als der Ball über die Torlinie flog. Kein Tor, entschied er, was den FC Sion und seine fanatischen Anhänger beglückte, den FC Wettingen jedoch in Rage brachte. Das Tor hätte in der Nachspielzeit den Ausgleich für den FC Wettingen bedeutet, der bis zu jener Szene 0:1 im Rückstand lag. Spiel verloren, Frustbewältigung war angesagt. Vor allem vier Spieler verfolgten und attackierten den flüchtenden Schiedsrichter, dessen verängstigter Gesichtsausdruck von den TV-Kameras in brutaler Realität eingefangen wurde. Einer dieser Akteure war der heute 53jährig Reto Baumgartner, der damals für die zwischenzeitlich in der Fussball-Anonymität verschwundenen Aargauer kickte (der FC Wettingen spielte in jenem Jahr im UEFA-Cup u.a. gegen die SSC Napoli – mit Diego Maradona im Kader). Reto Baumgartner und die Mannschaftskollegen Roger Kundert, Alex Germann und Martin Frei wurden für die gravierende Verletzung der Schiedsrichter-Integrität mit harten Sanktionen belegt – Reto Baumgartner mit einem zehnmonatigen Berufsverbot. Später wechselte der Heisssporn zum FC Basel. Seither lebt und arbeitet Reto Baumgartner (als Leiter Berufsbildung des Gewerbeverbandes) in der Region Basel. Der ehemalige Spieler ist natürlich längst geläutert, sogar so, dass ihn kürzlich die Mitglieder des Vereins FC Basel zum Vereinspräsidenten wählten (die Professional-Abteilung des FC Basel, die FC Basel 1893 Aktiengesellschaft, ist mit dem Verein FC Basel nicht identisch; neu ist bei diesem gesellschaftsrechtlichen Konstrukt seit der Wahl von Reto Baumgartner zum Vereins-Präsidenten, dass die Präsidien des Vereins und der Aktiengesellschaft nicht mehr in Personalunion versehen werden).  In der FC Basel 1893 AG wirkt nach wie vor Bernhard Burgener als Präsident. Dieser ist seit geraumer Zeit in der Entertainment-Branche und im TV- und Film-Business tätig. Die damalige Jagd auf Schiedsrichter Bruno Klötzli mit Reto Baumgartner als einer der Hauptdarsteller dürfte trotz der neuen Rolle von Reto Baumgartner im FC Basel kein Verfilmungsthema für Bernhard Burgener werden. Die Hauptdarsteller von damals würden aber zweifellos Stoff für eine Filmgeschichte abgeben. Der attackierte Bruno Klötzli geriet nach dem Skandal in Sion auf die schiefe Bahn, verfiel der Spielsucht, unterschlug Geld und fing sich erst nach Jahren wieder auf. Heute führt er in der Westschweiz ein Restaurant.

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