Der Absturz des Schalke-Präsidenten: Die Moral als Fallbeil

(causasportnews / red. / 6. Juli 2020) Brot und Spiele braucht der Mensch. Er will ernährt sein und bespasst werden. Woher das Brot kommt und wer die Spiele ermöglicht, ist meistens sekundär. Wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Doch irgendwann geht auch das nicht mehr. Wie der Absturz des langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden des Bundesligisten Schalke 04 zeigt. Clemens Tönnies brachte alle Voraussetzungen mit, um an die Spitze des organisierten Fussballs zu gelangen: Geld, Macht, Einfluss, Können. Alles hatte er sich durch harte Arbeit und cleveres Unternehmertum erarbeitet. Und dies in einer Branche, die nicht jedermanns und jedefraus Sache ist. Das Geschäft mit dem Billig- und Mengenfleisch wurde geduldet, zumindest irgnoriert – bis „Corona“ auch die Geschäftswelt des Clemens Tönnies an die Öffentlichkeit zerrte. Man darf sich bei Betrachtung der Bilder aus der Fleischproduktion in der Tat die Frage gar nicht stellen, wie dieses Business den 64jährigen Fleischfabrikanten zum Milliardär machen konnte. Schliesslich hatte er grundsätzlich alle Gesetze eingehalten; der deutsche Staat liess das Geschäft mit der Tier-Schlachterei und -Zerlegerei in dieser Form und mit diesen in dieser Branche tätigen Menschen zu. Bis „Corona“ kam und die öffentliche Moral anstelle des staatlichen Normengefüges trat. Die Pandemie legte nicht nur die Aktivitäten von Clemens Tönnies aus virologischer Sicht lahm, sondern liess ein spezielles Geschäft transparent werden. Das Geschäft, in dem wirtschaftlich klein gehaltene Arbeitende im Eilzugstempo die Kreatur Tier zur Billigware machten. Alles in Einklang mit Art. 1 des Deutschen Grundgesetzes selbstverständlich, in dem es um die Würde des Menschen geht – nicht etwa um diejenige des Tieres (vgl. auch causasportnews vom 25. Juni 2020). Weil der Mensch nicht nur von Wurst alleine leben kann, hatte sich Clemens Tönnies eine Lieblings-Nebenbeschäftigung zugelegt. Den Fussball, der ihn fast während seines ganzen Lebens begleitete. Der Fussball ganz oben macht Menschen aus historischer Sicht mitunter zu Personen der Zeitgeschichte – und oft noch mehr. In den Sportmedien zu erscheinen ist weit attraktiver als allenfalls in den Langeweile-Spalten der Wirtschaftspresse unterzugehen. Der Sport bietet die Plattform schlechthin. Die grosse Liebe des Clemens Tönnies im Fussball galt dem Traditionsverein Schalke 04, dem er während Jahren, zuletzt fast 20 Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender, die Treue hielt. Bis jetzt im Detail klar wurde, wie der gelernte Fleischer zu Reichtum gekommen ist. Der nachhaltige „Corona“-Einbruch in seine Betriebe befeuerte Fragen der Moral. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei an dieser Stelle offen gelassen. Je länger Clemens Tönnies mit seinen kontaminierten Betrieben in den Schlagzeilen stand, kippte die öffentliche Meinung zusehends, die weitgehend von denen gemacht wird, welche dem Billigfleischkonsum huldigen oder ihn zumindest akzeptieren. So rasch, dass der Druck auf den Fleischfabrikanten zu gross wurde und er letztlich vor der von der Moral aufgeladenen öffentlichen Meinung kapitulierte. Eine Belastung für den Verein sei er, kommentierten die Medien signifikant. Nur ein guter und integrer Mensch ist dafür prädestiniert, Brot und Spiele zu ermöglichen. Wenn man etwas besser machen kann und es nicht tut, obwohl man es besser machen könnte, verdient keinen moralischen Schutz.

Es ist halt nicht mehr wie früher, als es relativ irrelevant war, wer für panem et circenses verantwortlich zeichnete, wer für Brot sorgte und Zirkusspiele veranstaltete. Heute hängt die Latte höher. Wie hoch sie liegen muss, bestimmt die Moral – und diese kennt keine Normen-Massstäbe. Nur die flottante öffentliche Meinung. Diese wurde dem Billigfleischproduzenten, der Fleisch mit Billigst-Entlöhnten produzierte, zum Verhängnis. So kam es, dass Clemens Tönnies den moralischen Vorstellungen nicht mehr genügte, um den Leuten Brot zu geben und Spiele zu ermöglichen. Mit (Billig-)Fleisch alleine geht es jedenfalls nicht mehr. Auch wenn es keine Thema ist, für Fleisch mehr zu bezahlen, um die Arbeitenden in der Fleischverarbeitungsbranche menschenwürdig zu entlöhnen, um auch ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen – Art. 1 des Grundgesetzes ist oft weit weg.

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