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Gewalt im Amateurfussball – die Reaktionen der Bestürzungs- und Empörungsgesellschaft

causasportnews / Nr. 1031/06/2023, 27. Juni 2023

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(causasportnews / red. / 27. Juni 2023) Gewalt rundherum, nicht nur in den Kriegsgebieten und auf den Schlachtfeldern dieser Welt. In der modernen Spass-, Bespassungs- und Freizeitgesellschaft bildet Gewalt auch ein Unterhaltungsfaktor. Ein Beispiel: An Sonntagabenden, an denen es an sich flächendeckend friedlich zu und hergehen sollte, ergötzt sich die TV-Konsumgesellschaft mit steigendem Aggressionspotential an immer neuen Folgen des «Tatort»-Krimis. Mord, Totschlag, Gewalt, rüde und menschenverachtende Umgangsformen erleichtern offensichtlich den Start in die neue Arbeitswoche – nicht nur bei «Tatort». Apropos Wochenende: Spätestens ab Montagmorgen lesen sich in den Städten die Medienberichte der Polizei vom zurückliegenden Wochenende wie Kriegsberichte. Die Gesellschaft im Aggressionsmodus und ohne Orientierungspotential scheint ausser Rand und Band geraten zu sein. Das Dramatische an der Sache: Es wird immer schlimmer.

Wen wundert’s da, dass Horror-Ereignisse etwa im Amateurfussball zwar im Moment bestürzen und empören; aber (auch) der Sport-Konsument vergisst rasch und geht zur Tagesordnung über. Erst ein guter Monat ist vergangenen, seit ein Vorkommnis im Jugendfussball für Bestürzung und Empörung sorgte. Auf einem Fussballplatz im Stadtteil Eckenheim in Frankfurt a.M. ereignete sich im Rahmen eines Jugendturniers am Pfingstwochenende (!) nach wechselseitigen Gewalttätigkeiten unter Jugendlichen eine Tragödie – besser gesagt: Eine Straftat. Regelrecht zu Tode geprügelt wurde ein 15jähriger Amateur von einem 16jährigen Gegner. Das Opfer erlag im Spital den schweren Kopfverletzungen, welche ihm vom Kontrahenten zugefügt wurden. Reaktionen der üblichen Art wurden, wie stets nach solchen Vorkommnissen, umgehend nach dem Bekanntwerden der Tat manifest. Doch die Folge dieser Gewaltorgie wurde von Fachleuten umgehend in den nachvollziehbar realen Fokus gerückt: «Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand zu Tode kommt», liess sich eine Kriminologin in den Medien nach der Straftat auf dem Sportplatz zitieren. Die Rede war sodann von unzähligen Gewalttätigkeiten im Sport, die mit dem Vorfall von Frankfurt eine «fussballtypische Eskalationsstufe» erreichte. Gemäss einer Statistik des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) mussten in der Saison 2021/2022 exakt 911 Fussballspiele in Deutschland wegen Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen abgebrochen werden. Seit zehn Jahren steigt die Zahl der Gewaltakte im und um den Fussball kontinuierlich. Der Verband schaut hilflos hin und beobachtet (nur noch), wie er eingesteht. Er sieht sich ausser Stande, der Gewalt im Fussballsport als Perpetuierung der menschlichen Gewaltbereitschaft Einhalt zu gebieten. Physische und psychische Gewalt findet dabei nicht nur zwischen Spielern statt, sondern auch Zuschauer werden immer gewaltbereiter, auch etwa gegenüber Schiedsrichtern. Was tun gegenüber dieser Entwicklung? Von Verbandsseite her wird gefordert, dass die Menschen auf und um den Fussballplatz wieder anständig(er) und gewaltfreier miteinander umgehen. Wahrscheinlich ein frommer Wunsch in einer von Gewalt durchsetzten Gesellschaft, die den Unterhaltungsfaktor «Gewalt» akzeptiert. Der Sport ist schliesslich das Abbild der unserer sonstigen Welt. Die Sportverbände sind zudem keine Nacherziehungsanstalten einer degenerierten Gesellschaft.

Bezüglich des Vorfalls von Frankfurt laufen die Untersuchungen, obwohl die Tat nach einem Monat durchwegs vergessen ist. Das Opfer aus Berlin spendete seine Organe. Der festgenommene Täter des FC Metz (Frankreich) beteuert inzwischen, nicht absichtlich gehandelt zu haben. Todschlag durch Zufall also. Oder dumm gelaufen. So wie in der Regel im sonstigen Leben. Und in den «Tatort»-Krimis.

Parallelwelten (auch) im nationalen Sport

(causasportnews / red. / 3. März 2020) In welcher Welt der Parallel-Welten wir leben, belegten die Informationssendungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in der Schweiz und in Deutschland am vergangenen Sonntagabend. Zuerst die „Tagesschau“ des Schweizer Fernsehens: Das „Coronavirus“ war das dominierende Thema dieser Ausgabe. Nicht, wie sonst üblich, fehlte in der stark beachteten Informationssendung der „Sportblock“ zum Sonntagabend. Kein Wunder, zum Wochenende hatte die Schweizer Regierung die Durchführung grösserer Sportveranstaltungen, insbesondere in den Disziplinen Fussball und Eishockey, zur Vermeidung von Ansteckungen verboten (vgl. auch causasportnews vom 28. Februar 2020)  – die Eishockeyaner trugen „Geisterspiele“ aus, also Matches ohne Zuschauer (faktisch entspricht das vor allem in der serbelnden Challenge League der Swiss Football League der dort herrschenden Usanz, weil die Spiele durchwegs so oder so unter Zuschauerschwund leiden). Dann kurz darauf die „ARD“: Für die „Tagesschau“ im „Ersten“ war das Virus schlicht kein Thema. Umsomehr aber der Sport, vor allem die „Bundesliga“, die ausgetragen wurde, wie wenn es das „Coronavirus“ nicht geben würde. Der Fernsehkonsument rieb sich verwundert die Augen: Ist das global wütende Virus in der Schweiz wirklich weit gefährlicher als in Deutschland? Und sind Zehntausende in den Stadien in Deutschland weniger der Ansteckungsgefahr ausgesetzt als die wenigen tausend Zuschauer auf helvetischen Fussballplätzen? Offenbar spielte der sonst vor allem von der Schweizer Regierung in allen Fragen des täglichen Lebens geförderte internationale Austausch in dieser Situation überhaupt nicht. Vielleicht entspricht er auch nicht der Notwendigkeit. Es sind wohl einfach Parallelwelten in einer Welt der Parallelwelten im Allgemeinen.

Aus einem anderen Grund hätte man sich allerdings gewünscht, die „Bundesliga“ hätte am vergangenen Wochenende ebenfalls Pause gemacht. In mehreren Stadien wurde das Feindbild des kommerziellen Fussballs in Deutschland ins Visier genommen: Dietmar Hopp, der Mäzen des TSG Hoffenheim. Konsterniert musste zur Kenntnis genommen werden, dass der seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit angefeindete Milliardär gleichsam zum Abschuss freigegeben worden ist. Todesdrohungen und Aufforderungen zur Gewalt gegen den bald 80jährigen Unternehmer kamen vor allem in einer bisher nicht erlebten Form von „Fan“-Seiten. Dabei hat der Mann nichts gemacht, ausser seit Jahren den Sport grosszügig finanziert; und er versteckt sich nicht. „Kreuzigt ihn“, hätte es vor rund zweitausend Jahren wohl geheissen. Dietmar Hopp gilt als Inbegriff des kapitalistischen Sportes, weshalb ihm auch Neid und Missgunst entgegen schlagen. Doch was in den Stadien seitens der „Fans“ aufgeführt wurde, geht überhaupt nicht. Da nützen auch Solidaritätsbezeugungen seitens verschiedener Fussballspieler (etwa von Bayern-München) und des Fussball-Managements in Deutschland wenig. Man lässt die kriminellen Elemente in den Fussballstadien in dieser Art wüten und gewähren. Das Virus „Bundesliga“ ist offenbar stärker als das „Coronavirus“ und andere negativen Phänomene. Es hat sich nach dem entladenen Hass gegen Dietmar Hopp offenbar auch kein Politiker (weshalb eigentlich nicht?) hierzu in diesem Sinne geäussert, dass diese menschenverachtende und kriminelle Eskalation die Auswirkungen von was auch immer sei. Ein adäquater Kausalzusammenhang mit den Aktivitäten der Alternative für Deutschland (AfD) war jedenfalls nicht auszumachen. Das Land hat offensichtlich gegen diese Form von Gewalt und misanthropischem Verhalten kapituliert. Deutschland einmal mehr in der „Nacht“ – so würde das wohl Heinrich Heine bei Betrachtung dieses Stellvertreter-Bürgerkrieges und dieser widerlichen Form des Klassenkampfes in den Stadien sehen. Es gibt nur ein Mittel, um solche Exzesse im (Fussball-)Sport, die offenbar zur mehr oder weniger geduldeten Gewohnheit werden, zu bekämpfen: Spielabbruch, sobald „Fans“ in dieser Weise agitieren (wie etwa bei Rassismus), oder Spiele unter Ausschluss von Publikum, oder überhaupt Spielverbote zwecks „Entgleisungs“-Prophylaxe.