Dichtung und Wahrheit – wenn Medienschaffende mit sich selbst beschäftigt sind

(causasportnews / red. / 31. Dezember 2018) Nichts deutete darauf hin, dass sich die mediale Landschaft zum Jahresende 2018 anders präsentieren könnte als die Jahre zuvor. Doch kurz vor Heiligabend platzte in Hamburg die publizistische Bombe dieses Jahrtausends: Ein Star-Reporter des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ist der Artikel-Fälschung überführt worden. Claas Relotius heisst der Vorzeige-Journalist des Magazins, der für seine Reportagen nicht nur permanent mit Lob von allen Seiten und mit Preisen aller Art überschüttet worden ist. Und nun das. Der Mann hat zwar geschrieben wie ein junger literarischer Gott, doch seine Geschichten sind zu einem schönen Teil erfunden worden. Die Magazin-Verantwortlichen versuchten zwar dem Skandal umgehend durch „mea culpa“-Bezeugungen die Spitze zu nehmen, doch da war der Super-GAU bereits nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. „Sagen was ist“, verlautete aus Hamburg auf dem Cover des Weihnachtshefts – doch auch diese Offensive in eigener Sache im medialen Schlamassel konnte peinlicher nicht sein. Zwar brüsteten sich die „Spiegel“-Macher damit, in diesem unsäglichen Desaster für volle Transparenz zu sorgen (hoffentlich auch!), doch etwas anderes hätte die Angelegenheit zweifellos nur noch verschlimmert. Die Fälschungen von Claas Relotius müssten zwar zu einem „Köpferollen“ in der Chef-Etage der „Spiegel“-Redaktion, die sich immer noch mit einem ausgeklügelten „Text-Controlling“ und nicht mehr zu überbietender Qualitäts-Kontrolle im Rahmen des Qualitäts-Journalismus brüstet, führen, doch nichts dergleichen geschah bis zum letzten Tag des zu Ende gehenden Jahres. Die Hilf- und Mutlosigkeit der Journalisten mit Links-Drall aus dem Norden Deutschlands, die immer wieder mit der Moral-Keule um sich zu schlagen pflegen, manifestierte sich darin, dass den Magazin-Machern klar werden musste, dass der vom „Spiegel“ gepflegte Journalismus abgedankt hat. „Geschichten-Journalismus“ ist pannenanfällig und gehört auf den Müllhaufen der Medien-Historie, wie der „Fall Relotius“ belegt. Vor allem, wenn die Geschichten geschliffen und perfekt geschrieben daher kommen, dass sie schlicht schöner als die Wahrheit sein müssen. „Sagen, was ist“, ist längst Geschichte geworden in Hamburg (und in anderen Medien, welche die Texte von Claas Relotius auch ausserhalb Deutschlands ebenfalls mit viel Brimborium immer wieder gebracht haben); von Reportagen wird erwartet, dass sie gleichsam Belletristik zugeordnet werden müssen – mit der Wahrheit höchstens noch als Nebenprodukt, so, wie es Claas Relotius offenbar verstanden hat? – Und inwieweit berührt dieses Vorkommnis, das vielleicht nur die Spitze eines journalistischen Eisbergs darstellt, den Sport? Insbesondere der „Spiegel“ hat sich seit Jahren dem Generalthema „Sport“ verschrieben, hat echte und vermeintliche Skandale thematisiert, Mutmassungen angestellt und mediale Attacken gegen den organisierten Sport und seine Protagonisten geritten – teils zu Recht, teils zu Unrecht. Die „Football-Leaks“-Berichterstattung in diesem Jahr war im „Spiegel“ ein Dauerbrenner, und immer wieder bildete das (gemäss „Spiegel“ gekaufte) Sommermärchen der Fussball-WM-Endrunde 2006 ein Thema, um gegen den organisierten Sport medial ins Feld zu ziehen. „Dank“ oder wegen Claas Relotius war es zu diesem Jahresende anders: Im letzten Heft des Jahres, in dem der „Spiegel“ mit sich selbst beschäftigt war, wurde nur die Welt-Anti-Doping-Agentur lau thematisiert („Ist die Welt-Anti-Doping-Agentur noch zu retten?“) – evidenter wäre im Anschluss an die Titelgeschichte „Sagen, was ist“ wohl eine Story gewesen: „Ist der ‚Spiegel‘ noch zu retten?“. Glück auch für die katholische Kirche, dass das Nachrichten-Magazin vor Weihnachten sich selbst zum Hauptthema gemacht hat (obwohl die gewählte Offensive letztlich einer Bankrotterklärung glich). Sonst wäre die Titelgeschichte zu Weihnachten wohl eine (übliche) Attacke gegen den Katholizismus geworden (so rückte diesmal „Die starke Maria“ in den hinteren Teil des Magazins). Über Jahre bestätigten die „Spiegel“-Macher, dass mit Artikeln gegen den organisierten Fussball (mit der FIFA im Fadenkreuz) und gegen die katholische Kirche die Leserschaft bei Laune gehalten werden kann. Die Lehre der Geschichte für den „Spiegel“ zum Jahresende 2018 wird sein, dass ein Nachrichten-Magazin getrennt Fakten sowie Wertungen und keine geschliffenen Reportagen mit divergierendem Wahrheitsgehalt zu präsentieren hat. Wer schöne Literatur unter Ausklammerung von Wahrheit und Fakten wünscht, greife derzeit mit Gewinn beispielsweise eher zu Nele NeuhausCharlotte LinkDonna Leon, Daniel Kehlmann oder Martin Suter – aber nicht (mehr) zum „Spiegel“ gemäss aktueller Konzeption.

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