Von Jestetten bis Kiel: Die Hoffnung stirbt zuletzt

fünf sterne

Auch Pflästerchen aus Jestetten halfen nicht, die WM-Pleite Deutschlands abzuwenden.

(causasportnews / red. / 16. Juli 2018) Der einzige und grösste Sportanlass der Welt, an dem Nationalismus grundsätzlich (immer noch) „salonfähig“ ist, hat mit dem Gewinn des Fussball-WM-Titels durch Frankreich einen positiven Abschluss erfahren. Die WM-Endrunde in Russland war im Vergleich etwa zu den letzten Austragungen in Südafrika (2010) oder in Brasilien (2014) in jeder Hinsicht besser. Sportlich hat auf diesem Niveau eine Nivellierung stattgefunden; der Fussball ist zum klassischen Kollektivspiel geworden, und es wundert nicht, dass dieser WM-Endrunde kein einziger Spieler den Stempel aufgedrückt hat. Dass der Kroate Luka Modric, zweifelsfrei ein genialer Akteur, als bester Mann des Turniers zu qualifizieren ist, spricht für sich. Fussball-technisch bewährt hat sich der sog. „Videobeweis“, genau genommen kein „Beweis“, sondern eine sinnvolle Schiedsrichter-Entscheidhilfe, die auch im Finalspiel für objektive Wahrheit sorgte (beim Handspiel von Ivan Perisic). Das im Vorfeld der WM-Endrunde harsch kritisierte Russland war ein Gastgeberland, das erstaunt, ja verblüfft und weltweit Sympathien gewonnen hat; die Welt erlebte eine neue Art von „Willkommens-Kultur“. Dank perfekter Organisation, totaler Sicherheit und offenem Auftritt verstummten die im Vorfeld des Turniers permanent vorgebrachten Kritiken vor allem betreffend die Doping-Praktiken in Russland schlagartig. Die gefürchteten Russen-Hooligans schienen während der WM-Endrunde im eigenen Land im Urlaub gewesen zu sein.

Die WM-Endrunde ist auch immer ein Turnier der Hoffnung. Letztere stirbt bekanntlich zuletzt, wie das Beispiel Deutschland zeigt. In kaum einem andern Land sind Sport, Gesellschaft und Politik so stark verflochten wie in Deutschland. Die Pleite des DFB-Teams in Russland wurde von den deutschen Medien als Anlass für einen flächendeckenden Katzengesang genommen: Schwächelt das Land (die Pleite der Politik der Bundeskanzlerin ist erkannt, es wird jedoch stur an ihr festgehalten), schlägt sich das im Sport nieder – und umgekehrt. Die Schicksale von Angela Merkel und Joachim Löw sind offensichtlich aufs engste miteinander verknüpft. So sah es das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, das nach dem letzten Platz Deutschlands in den Gruppenspieler nach zweiwöchigem, medialen Wundenlecken gar nicht mehr hinsehen bzw. die Pleite des Titelverteidigers nicht mehr thematisieren oder kommentieren mochte. In der aktuellen Nummer darf sich der Nationaltrainer Russlands, Stanislaw Tschertschessow über vier Seiten zu Russland, Wladimir Putin und zu Joachim Löw auslassen (Nr. 29 / 14. Juli 2018). Apropos Joachim Löw: Der Weltmeister-Trainer 2014 ist seinen Job zwar (noch) nicht los (dass eine Weiterarbeit im DFB praktisch unmöglich geworden ist, wird zwar im Moment verdrängt), hofft aber weiterhin, den notwendigen Neuaufbau des deutschen National-Teams leiten zu dürfen. Derweil ist die Schmach von Russland 2018 in Deutschland noch nicht verkraftet. Es fällt immer noch schwer zu erkennen, dass das, was sein muss oder nicht sein darf nicht immer Tatsache wird. Vor Beginn der WM-Endrunde in Russland war das Turnier für Deutschland nur eine Formsache. Der Wunsch war Vater aller entsprechender Gedanken. Schon vorab war das Leben in Deutschland geprägt durch den undiskutablen, neuerlichen WM-Erfolg, diesmal in Russland. Von Jestetten im Süden bis in den hohen Norden wurde der „fünfte WM-Stern“ als von Gott gewollt manifestiert. Aber eben: Die Hoffnung stirbt zuletzt – nur wann sie stirbt, bleibt oft die grosse Unbekannte.

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