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Der Deutschen liebste Kinder

© Daniel Timm

(causasportnews / red. / 10. Mai 2020) Nein, eine Hungersnot brachte uns „Corona“ nicht, die Hamsterkäufe zu Beginn der Pandemie erwiesen sich als überflüssig, und nun herrscht, beim angesagten Abflauen der Krise und mit der Lockerung des „Shutdown“, Aufbruchstimmung. Wenn es um die Bespassung der Menschheit geht, die getreu dem zweiten Teil des Mottos „panem et circenses“ (Brot und Spiele) nun wieder im Vordergrund steht, erträgt es keine Kompromisse. Deshalb ist nun auch der Druck gegenüber dem Staat, der das Leben der Menschen aus purer Lust am Quälen unverschämterweise eingeschränkt hat, für diesen unerträglich geworden: Der Staat kapituliert vor dem Volkswillen und dem Volkszorn. Zum Beispiel, was des Deutschen liebstes Kind Nummer 1 anbelangt: Die Fussball-Bundesliga, die es ab dem nächsten Wochenende den kickenden Millionären in kurzen Hosen wieder ermöglicht, ranzugehen; wenn auch in absentia von Zuschauern. Wichtig ist, dass die Show im Kleinformat weitergehen kann. Die Deutsche Fussball-Liga (DFL) will das so – es geht schliesslich um hunderte von Millionen Euro. Nur das zählt. Und wer sich dem Willen der DFL-Macher widersetzt, der weiss um die Konsequenzen. Wie etwa der deutsche Innen- und Sportminister aus Bayern, Horst Seehofer, der vor wenigen Tagen eingeknickt ist und sich für die umgehende Weiterführung der Bundesliga ausgesprochen hat. Kaum wegen des FC Bayern München, der die Meisterschale 2019/20 so oder so holen wird. Vielmehr aus politisch-opportunistischen Gründen: Gegen den Fussball zu sein bringt keine Wählerstimmen. Da wird ein bisschen Körperkontakt auf dem grünen Rasen auch in Kauf genommen – ungeachtet der Patentrezepte, wie „Corona“ beizukommen ist: Hygiene und „Distancing“. Das letzte Gebot tönt natürlich wenig bayrisch; schliesslich heisst es in München und Umgebung ja auch nur „mia san eben mia“. Deshalb hat der Angehörige der bedeutendsten Risikogruppe, der 70jährige Horst Seehofer wohl auch nicht verinnerlicht, dass Fussball alles andere als distanziert abläuft, sondern eine Kampfsportart mit Voll-Kontakt ist. Kritiker der „Öffnung“ in der Bundesliga finden natürlich kaum Gehör oder werden mundtot gemacht, und der warnende Philosoph Gunter Gebauer, der so die Vorbildfunktion des Fussballs ins Zentrum seiner Antithese zur aktiven Bundesliga setzt, wird (diesmal) mit seinen 76 Jahren als nicht zu hörender Parteivertreter der entsprechenden Risikogruppe abqualifiziert. Vollkontakt im Sport also „Ja“, „Distancing“ im Fussball „Nein“. Und die Spieler? Diese halten sich mit Äusserungen zur Aufnahme des Spielbetriebs kluger- oder gezwungenermassen zurück. In der Schweiz wurden Spieler befragt, ob sie unter den vorgegebenen Bedingungen gerne wieder wettkampfmässig kicken würden. Die Mehrheit sei dagegen, verlautet aus Kreisen der Spielergewerkschaft. Dem sei nicht so, kontert unvermittelt die Vereinigung der Spieleragenten. In der Schweiz stehen die Sterne eher auf Nicht-Wiederaufnahme des Professional-Spielbetriebs. In keinem Fall wird die Fussball-Meisterschaft bis zum 30. Juni 2020 beendet werden können, was mit Blick auf eine zeitliche Meisterschaftsverlängerung zusätzlich zumindest arbeitsvertragliche und transferrechtliche Konsequenzen hätte. Verschiedene Länder – verschiedene Usanzen. „Corona“ hat nicht nur das Leben im Allgemeinen entschleunigt, sondern den Fussball entglobalisiert. Die „Champions League“ (CL) ist zum historischen Relikt geworden – im Fernsehen werden die besten CL-Spiele von früher als historische Konserven präsentiert.

Die Entglobalisierung gefährdet hingegen akut das zweite, wichtige Bespassungs-Segment der Deutschen: Der jährliche Urlaub in Italien, Spanien, in der Türkei oder noch weiter weg dürfte in diesem Jahr schlicht ausfallen. „Costa Corona“ also auf Rügen statt Küsten im Süden. Selbstverständlich „würden“ die Deutschen wollen, doch die Disposition des Urlaubs ausserhalb Deutschlands liegt nicht alleine in der Entscheidungssphäre der Deutschen. Das ist evidentermassen eine Folg der Entglobalisierung des Lebens zufolge der „Krise“. Im Moment wird national über die Öffnung der Grenzen entschieden. Wie sich diese Einschränkung der persönlichen Freiheiten und Bedürfnisse auswirken werden, dürfte schon bald zu spüren sein. Gebeutelt sind in dieser Hinsicht übrigens auch die Schweizer, welche von der Regierung angehalten werden, den Sommerurlaub – horribile est dictu et auditu – im eigenen Land zu verbringen. Der entsprechende Aufruf: „Machen Sie Ferien im eigenen Land“ wird aber dennoch als Anordnung zur kollektiven Reiseverweigerung und natürlich als rechtswidrig qualifiziert. Allerdings gibt es vielleicht doch Schlimmeres auf der Welt, als Urlaub im eigenen Land verbringen zu müssen

«Die rechtlichen Probleme sind nicht absehbar»

(causasportnews / red. / 6. Mai 2020 / Schweizerische Depeschenagentur, sda.) Nimmt man den Fussball, könnte auf die Sportgerichte, aber auch auf zivile Gerichte viel Arbeit zukommen. Ein Interview mit dem Zürcher Sportrechtsspezialisten und Wirtschaftsprofessor Urs Scherrer.

Urs Scherrer, welche rechtlichen Folgen wird die Pandemie für den Sport haben, speziell für den Schweizer Profifussball?

Urs Scherrer: «Die Auswirkungen auf rechtlich relevante Vorgänge kann man heute noch zu wenig abschätzen. Ich nenne ein Beispiel: die Stadionmiete. Der FC Zürich und GC sind Mieter im Letzigrund. Die Stadt ist die Vermieterin. Die Klubs können nicht spielen, aber der Mietzins läuft weiter. Auf wessen Seite liegt hier das Recht? Es gibt in meinen Augen keine nachvollziehbare rechtliche Grundlage für diesen Fall. Und es wird eine Fülle von ähnlichen rechtlichen Konstellationen geben. Die Pandemie hat allgemein Auswirkungen auf juristische Vorgänge, deren Folgen im Moment nicht absehbar sind. Am Schluss kann es viele sich widersprechende Entscheide geben. Also könnte es sein, dass Klubs die Miete weiterzahlen müssen, während sie anderen Klubs teils oder ganz erlassen wird.»

Da wohl noch länger nicht normal Fussball gespielt werden kann, ist es absehbar, dass es in der nächsten Saison unmöglich werden wird, alle nationalen und internationalen Wettbewerbe unter einen Hut zu bringen. Kann die UEFA der Swiss Football League ihren Terminplan diktieren, oder darf der Schweizer Fussball nach seinen Vorstellungen handeln?

«In der Krise dominiert das nationale Element in der Politik und im Sport. Für die internationalen Verbände, wie die UEFA, sind die Möglichkeiten, in das nationale Geschehen einzugreifen und darauf Einfluss zu nehmen, sehr bescheiden. Die UEFA muss sich mit ihren Wettbewerben nach dem richten, was in den nationalen Wettbewerben passiert.»

Es geht aktuell darum, ob die Schweizer Meisterschaft bis im August mit Geisterspielen fertig gespielt wird oder nicht. Die Klubs sind nicht alle der gleichen Meinung. Was passiert rechtlich, wenn schon nur ein Klub nicht mitmachen will?

«Fussball ist ein Spiel, aber auch eine Kampfsportart. Die Vorgaben, die der Bundesrat per Notrecht ausgegeben hat, würden ein Fussballspiel eigentlich verunmöglichen. Ginge es nicht um vorwiegend wirtschaftliche Interessen, wäre kein Klub dafür, die Meisterschaft fortzusetzen. Jeder Klub, der nicht mitmacht, kann ganz sicher nicht sanktioniert werden. Jeder Klub hat das Recht, sein Personal und auch den Gegner zu schützen. Der Klub muss in Eigenverantwortung entscheiden, ob er an einer solchen Meisterschaft teilnimmt.»

Zu den TV-Geldern. Kann die Swiss Football League gegenüber dem Rechteinhaber geltend machen, dass wegen höherer Gewalt nur 23 statt 36 Runden gespielt werden konnten? Oder kann der Rechteinhaber geltend machen, dass er nicht das ganze Produkt von 36 Runden geliefert bekam?

«Aus juristischer Sicht ist es klar. Wenn der Rechteinhaber nicht das ganze Produkt bekommt, fallen die Zahlungen für die fehlenden Runden weg. Es gilt Geld gegen vereinbarte Leistung.»

Ein Produkt kauft auch der Saisonkarteninhaber. Die Young Boys haben fast 20’000 Saisonkarten für die Meisterschaft verkauft. Die Karten sind bezahlt. Wie sieht es hier aus?

«Es gibt die rechtliche Plattform und die vernunftmässige Ebene. Rechtlich gesehen, muss den Kartenbesitzern das Geld für die Spiele, die sie nicht sehen können, zurückerstattet werden. Aber die Klubs haben natürlich die Möglichkeit, an den Goodwill ihrer Fans zu appellieren, damit diese verzichten.»

Ein abzusehender Streitpunkt sind die Arbeitsverträge der Spieler. Der Stichtag ist immer der 30. Juni. In allen Klubs der Super League laufen etliche Verträge aus. Können die Verträge ausnahmsweise in den August erstreckt werden, wenn bis dorthin die Meisterschaft fertig gespielt werden soll?

«Nein. Gemäss Arbeitsrecht kann man bei diesen befristeten Arbeitsverträgen an dem 30. Juni nicht rütteln, wenn es so vereinbart ist, auch wenn die internationalen Verbände schon etwas anderes verlauten liessen. Es ist auch nicht möglich, dass ein Spieler ab dem 1. Juli für einen anderen Klub in der gleichen Liga spielen würde. Das wäre eine unzulässige Wettbewerbsverfälschung.»

Wie schätzen Sie die Position unseres Spitzenfussballs in den Zeiten der Krise ein?

«Längst nicht alle Fussballprofis in der Schweiz sind Millionäre, ganz und gar nicht. Dennoch werden hohe Saläre gezahlt. Dann fragen sich viele Leute, ob es wirklich eine Staatsaufgabe sein könne, den Klubs zu helfen. In einem Teil der Volksmeinung würde man nicht verstehen, wenn die Profiklubs mit Steuergeldern unterstützt würden. Viele machen den Fussball auf diese Weise zum Klassenkampf-Objekt. Wenn der Bund die Profiklubs unterstützt, sind Darlehen, wie sie jetzt für den Notfall vorgesehen wären, etwas anderes als A-fonds-perdu-Zahlungen. Der Bundesrat hat die Rückzahlungsfrist auf acht Jahre festgelegt. Ehrlicher wäre es, wenn der Bund die finanzielle Hilfe abschreiben würde. Letztlich stellt sich die Frage, was es dem Parlament wert ist, den Sport in der Krise zu unterstützen, in welcher Form auch immer.»

Und bezogen auf den Profifussball?

«Der Profifussball ist ein Spezialfall, auch mit der Art, wie er sich bisher finanziert hat. Eben nicht wie ein normales Wirtschaftsunternehmen, sondern zur Hauptsache mit Geldern von Investoren, die grossenteils Gönner und Mäzene waren und sind. Deshalb treten die Probleme in der Krise recht schnell zutage. Der Fussball ist nicht überlebensnotwendig. Man spricht von Brot und Spielen. Zuerst geht es darum, das Brot zu sichern. Das gelingt, wir überleben. Aber wie wichtig sind nun unserer Gesellschaft die Spiele, die Bespassung?»

Bundesanwalt Michael Lauber vor der Kreuzigung

© Trending Topics 2019

(causasportnews / red. / 4. Mai 2020) „Sagen, was ist“ – das war der grosse Slogan des Gründers des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Wenn sich der Journalismus in der Zeit von „Corona“ an diese zur Grundweisheit des publizistischen Schaffens gewordene, jedoch kaum mehr beachtete Maxime halten würde, blieben TV-Schirme derzeit dunkel, und Print-Medien hätten kaum mehr Stoff.

Was ist: „Corona“ und alles drum herum; kaum jemand mag es mehr sehen, lesen oder hören.

Was man möchte: Dass der Spuk bald ein Ende haben würde. So befassen sich die Medien hauptsächlich mit der Welt nach „Corona“ – und wie sie denn sein müsste. Und sie beginnen die Folgen der Pandemie, deren Ende nicht abzusehen ist, zu sezieren. „Corona“ dient auch als Alibi, etwa für Maturanden, denen die Unmenschlichkeit von Abschlussprüfungen nun erspart werden soll. Allmählich denken einige Menschen zumindest an, wie es mit der Wirtschaft weitergehen soll, die sich bei Ausbruch der Krise als potemkinsches Dort entpuppt hat; bereits nach zehn Tagen „Lockdown“ wurde sie mit Milliardenbeträgen in schwindelerregender Höhe gestützt  – eine gesunde, solide Wirtschaft mit den üblichen Reserven sieht in der Tat anders aus. Oder war der Geldsegen, der seit März auf die Menschen niederprasselt und als Basis für ein bedingungsloses Grundeinkommen dienen wird, nur politisches Kalkül, so etwa nach dem „FIFA-Prinzip“: „Freunde macht man sich durch (Geld-)Geschenke“. Politiker halten das Volk ebenso bei Laune und werden deshalb auch wieder gewählt, wenn sie ihm primär „Brot“ geben – „Brot und Spiele der Neuzeit“ heisst dieses Game. Jetzt befinden wir uns in der Phase der Bespassung (Spiele), nachdem die Komponente „Brot“ wenigstens in unseren Breitengraden unproblematisch ist. Da kann man beim Volk sehr viel Goodwill verlieren, wenn die Spass-Komponente des Lebens verhindert oder nicht (mehr) gewährt wird. In Deutschland muss Fussball um jeden Preis her – „Corona“ hin oder her; wer sich dafür einsetzt, ist sich der Gunst des Volkes sicher (wie jetzt etwa, nicht überraschend, Horst Seehofer). In der Schweiz muss seit ein paar Tagen an erster Stelle die Lifestyle-Branche wieder ran. Jetzt wissen wir wenigstens, dass Friseusen und Friseure das Rückgrat der Wirtschaft bilden – neben den Betreibern von Tattoo-Studios. Und die Tourismus- und Reisebranche wird selbstverständlich auch gestützt, vor allem die Airlines, die, real gesehen, so notwendig sind wie getunte Fahrzeuge. Der Staat soll auch hier helfen, denn schliesslich geht es darum, „staatlich verordnete Reisebeschränkungen“ auszugleichen, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ wörtlich schreibt („NZZ“ vom 2. Mai 2020). Genau, nicht das Virus ist schuld an der Misere, in der wir im Moment stecken, sondern der Staat, der uns deswegen die Bespassung vermiest. Ja, „sagen, was ist“ – das ist es dann wohl.

„Corona“ muss sich aber dennoch einiges entgegen halten lassen. So ist das Virus schuld daran, dass der Prozess um Geldflüsse im Zusammenhang mit dem „Sommermärchen“ der Fussball-WM-Endrunde 2006 letzte Woche am Bundesstrafgericht in Bellinzona zufolge Verjährung geplatzt ist. Die Richter an diesem Gericht, vom Schweizerischen Parlament gewählt (!), waren in letzter Zeit allerdings vor allem mit sich selber beschäftigt (causasportnews vom 22. April 2020). Verfahren waren da nur ungebetene Störfaktoren. Aber klar, das alles passierte nur im Zuge von „Corona“. Wegen der Pandemie tritt das eidgenössisch Parlament in den nächsten Tagen ausserhalb des Bundeshauses in Bern zusammen. Was sind schon Infrastrukturkosten von drei Millionen Schweizer Franken für ein solches Auswärtsspiel im Rahmen des veranlassten Geldregens? Dabei geht es natürlich auch um „Corona“, ein Thema, das geeignet ist, von Politikern zerredet zu werden, aber auch um die Person des Bundesanwaltes Michael Lauber, der in den „Sommermärchen“-Ermittlungen fast alles getan hat, nur den Job nicht so, wie er ihn hätte machen müssen. Ihm als Ankläger in Bellinzona wird eine grosse Mit-Schuld dafür in die Schuhe geschoben, dass der Prozess im Umfeld des Weltfussballverbandes letztlich geplatzt ist. In der Tat ist der Mann seit geraumer Zeit völlig unhaltbar und soll nun vom Parlament, das ihn im September des vergangenen Jahres für eine weitere Amtsdauer gewählt hat, abgesetzt werden. Bereits damals waren die Verfehlungen des Bundesanwaltes allerdings bestens bekannt. Sinnigerweise setzten sich vor allem bürgerliche Parlamentarierinnen und Parlamentarier dafür ein, dass Michael Lauber, obwohl knapp, aber immerhin, wieder gewählt wurde (causasportnews vom 28. September 2019)! Als Wortführer, der im September 2019 mit einer Brandrede den umstrittenen Bundesanwalt zur Wiederwahl vorschlug, betätigte sich ein schillernder freisinniger Genfer Nationalrat (FDP) und Rechtsanwalt. Jetzt fordert sogar das Parteiblatt der FDP, die „NZZ“, dass Michael Lauber abgewählt gehöre. „Ein unwürdiges Schauspiel“, schreibt die „NZZ“ am 2. Mai 2020 in fetten Lettern auf der Frontseite und manifestiert damit wohl den selbsternannten Qualitätsjournalismus, der in einem ganzseitigen Selbstinserat in derselben „NZZ“-Ausgabe beschworen wird („Weil Qualität keine Ausgangssperre kennt“). In einem Super-Staat muss die Bespassung der Staatsbürgerinnen und Bürger zumindest nach Meinung des Blattes im Umbruch (vgl. dazu etwa Friedemann Bart, Umbruch, Die Neue Zürcher Zeitung, Ein kritisches Porträt, Zürich, 2020) würdig ablaufen – sekundiert selbstverständlich von selbsternannten Qualitätsmedien, die sich ebenso selbstverständlich durchaus auch widersprüchlich verhalten dürfen. Zu „sagen, wie es ist“, wäre zumindest ehrlicher: Aktuelles Pharisäertum kurz nach Ostern also. In jener Zeit vor rund 2000 Jahren hiess es: „Kreuzigt ihn“ – heute: Dem unwürdigen Schauspiel, das man selber sekundiert hat, ein Ende setzen und so der (dieser) Bespassung des Volkes Grenzen setzen!

PS 1: Wetten, dass Bundesanwalt Michael Lauber seiner Absetzung durch Rücktritt zuvorkommen wird? Das Parlament wird dies hinter den Kulissen mit Geld (des Volkes) zu regeln versuchen. Wie soll es der ehemalige FIFA-Präsident Joseph Blatter einmal gesagt haben (und meinte und wollte damit selbstverständlich nichts Unlauteres): „Was man mit Geld regeln kann, muss man mit Geld regeln“.

PS 2: Niemand stört sich übrigens daran, dass Bundesanwalt Michael Lauber vom selben Rechtsanwalt vertreten wird wie Joseph Blatter. Das alles läuft dann wohl unter dem Label: Es darf auch in der Justiz gelacht werden…Ja, wenn es nur nicht derart traurig wäre.

Chancenlose Rechtsausleger am Landgericht Köln in der „Causa Sturm“

© WorldSeriesBoxing

(causasportnews / red. / 2. Mai 2020) Das war die wohl schmerzhafteste Niederlage, die der 41jährige Boxer Adnan Catic, alias „Felix Sturm“, in seinem Leben einstecken musste. Sinnigerweise nicht im Ring, in dem er meist eine gute Figur machte und sich bis zum Weltmeister hochboxte. Es war das Landgericht Köln, das eine der Kultfiguren des Deutschen Boxsports auf die Bretter schickte: Für drei Jahre soll der Top-Sportler, der sich einen Deutschen Aliasnamen zugelegt hat, wahrscheinlich um die Akzeptanz bei den box-verrückten Deutschen zu erhöhen, ins Gefängnis, falls das am letzten Apriltag dieses Jahres vom Kölner Landgericht gefällte Urteil rechtskräftig wird. Mit Bewährungsanträgen kamen die Rechtsausleger (Anwälte) des Boxers in Köln nicht durch. Es kam auch einiges zusammen, was Felix Sturm zur Last gelegt wurde und wofür er nun verurteilt worden ist. Es ging um massive Steuerhinterziehungen, einen Verstoss gegen das Anti-Doping-Gesetz von 2015 und um vorsätzliche Körperverletzung. Letztere hatte Felix Sturm nach Überzeugung des Gerichts in einem WM-Kampf 2016 begangen. Boxer nehmen es zumindest in Kauf, dass sie ihre Gegner (schwer) verletzen. Diese Handlungen erfüllen zwar die entsprechenden Tatbestände, jedoch gelten sie als gerechtfertigt und somit nicht als widerrechtlich, weil Boxer, die sich verprügeln und verletzen, grundsätzlich in diese Tathandlungen einwilligen (dabei wird von der sog. „Einwilligung des Verletzten in die schädigende Handlung“ gesprochen). Nun gab der ehemalige Weltmeister jedoch nach seinem WM-Kampf im Februar 2016 eine positive Dopingprobe ab (vgl. auch causasportnews vom 14. Dezember 2018 und vom 14. April 2019). Das Gericht vertrat gemäss erster Urteilsbegründung die Auffassung, dass der Gegner eines gedopten Boxers nicht in schädigende Handlungen einwilligen würde, falls der dopende Athlet unfair die eigene Leistungsfähigkeit manipuliert habe. Die schädigende Handlung sei also als rechtswidrig zu qualifizieren. Dieser Punkt der gerichtlichen Entscheidung ist mit Spannung erwartet worden. Die nun entsprechend dargelegte, richterliche Ansicht war indessen alles andere als eine Überraschung.

Versammlungen im „Lockdown“: Was Vereine und Verbände dürfen

© adfc.sachsen

(causasportnews / red. / 30. April 2020) Die Verlautbarungen der Schweizerischen Regierungen mit Blick auf die Lockerungen der restriktiven Massnahmen im Zusammenhang mit der momentanen Pandemie sind meistens klar – jedoch nicht immer. Letztere Feststellung betrifft etwa die Detaillierungen des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes (EJPD) mit Blick auf Vereinsversammlungen. Vereine und Verbände gemäss Art. 60 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) geben den meisten Sportorganisationen mit Sitz in der Schweiz (dazu gehören auch zahlreiche, internationale Verbände) den rechtlichen, organisatorischen Rahmen. Vereine und Verbände regeln durchwegs in den Statuten ihr Vereins- und Verbandsleben. Hierzu gehören etwa auch die Bestimmungen mit Blick auf das höchste Organ dieser Körperschaften, die Vereinsversammlungen (Art. 64 ff. ZGB). Auch wenn in den Statuten vorgesehen ist, dass ordentliche Vereinsversammlungen jedes Jahr im ersten Halbjahr durchzuführen sind, dürfen oder müssen solche Versammlungen gemäss Anordnungen der Regierung aufgrund der aktuellen Krise abgesagt oder verschoben werden. Das ist, weil solche statutarischen Vorgaben ordnungsrechtlich motiviert sind, zulässig. Das EJPD stellt nun Vergleiche mit dem Recht der Aktiengesellschaften an (Art. 620 ff. des Obligationenrechts, OR). Hierzu gilt es klarzustellen: In Vereinen ist beispielsweise eine physische Vertretung in der Generalversammlung grundsätzlich nicht möglich (zulässig ist selbstverständlich eine Organisation nach dem Recht für Delegiertenversammlungen, allenfalls sind auch andere Varianten der Willensbildung im Verein gemäss Statuten zu berücksichtigen); der Verein ist personenbezogen strukturiert, deshalb geht es nicht an, nun einfach etwa eine Vereinsversammlung mit (sogar externen) Stimmrechtsvertretern (wie bei der AG) durchzuführen. Und: Sollen Vereinsversammlungen mit modernen Kommunikationsmitteln durchgeführt werden, bedarf es hierzu einer statutarischen Grundlage. Oft missverstanden (offenbar auch vom EJPD) wird Art. 66 ZGB. Diese Bestimmung besagt lediglich, dass die schriftliche Zustimmung aller Mitglieder zu einem Antrag einem Beschluss der Vereinsversammlung gleichgestellt wird (Bedingung ist also eine Zustimmung aller Mitglieder zu einem Antrag). Etwas anderes wird unter „Urabstimmung“ verstanden: Im Rahmen einer solchen Beschlussfassung können auch Mehrheitsentscheidungen gefasst werden.

Fazit: Mit Notrecht kann nicht durchwegs in die Rechtsbeziehungen zwischen Mitglied und der juristischen Person „Verein“ (oder Verband) eingegriffen werden.

Auch der Sportwettenmarkt kollabiert

© Westend. Public Relations GmbH

(causasportnews / red. / 26. April 2020) Niemand weiss es genau, doch die Schätzungen decken sich in etwa: Mit Sportwetten werden im offiziellen, legalen oder „weissen“ Markt pro Jahr weltweit gegen 500 Millionen US-Dollars umgesetzt – Tendenz steigend. So war es jedenfalls bis jetzt, genauer vor „Corona“. Nun ist dem Markt, der vor allem online boomt, innert weniger Wochen die Grundlage entzogen worden. So gibt es kaum mehr Fussballspiele, auf die gewettet werden könnte, ausser etwa in wenigen autonom gewordenen Ländern der ehemaligen Sowjetrepublik. Fussballspiele machen den Hauptteil des Sportwettenmarktes aus. Aber weil auch sonst der Sport zur Passivität verurteilt ist, bleiben Wettfreudigen nur noch wenige Segmente. Aber auf Sieg oder Niederlagen von Schachweltmeister Magnus Carlsen zu setzen, ist auch nicht die Sache einer jeden Wetterin oder eines jeden Wetters. Das Deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat soeben kalkuliert, dass der Sportwettenmarkt in Deutschland regelrecht kollabiert ist: Nur noch 10% betragen derzeit die Wetteinsätze in Deutschland. Die Wetteinsätze beliefen sich 2019 immerhin auf 9,3 Milliarden Euro („Der Spiegel“, 18/25.4.2020). Auch im Schweizer Sportwettenmarkt wird von verhältnismässig ähnlichen Umsatzzahlen ausgegangen. Der „Sporttip“ verzeichnete vor „Corona“ Wetteinsätze von ungefähr einer Million Franken pro Wochenende; jetzt sind es kaum mehr 100 000 Schweizer Franken. Dank den Sportwettenerträgen flossen in der Schweiz 2019 134 Millionen Franken in den Sport.

Der Kollaps des Sportwettengeschäfts bzw. der Entzug der Geschäftsgrundlage dieses Wertschöpfungssegments begünstigen erwartungsgemäss auch kriminelle Elemente. So treiben derzeit Betrüger ihr Unwesen, denen es gelingt, unmittelbar oder mittelbar etwa Fussballspiele anzubieten, die gar nicht ausgetragen werden. Diese „ghost matches“ werden demnach entweder gar nicht gespielt, oder sie werden so angelegt, dass ein bestimmter Verlauf oder ein bestimmtes Ergebnis vorgegeben ist und die Drahtzieher diese Konstellation im Rahmen von Wetten ausnützen. Bei diesen manipulierten Sportwetten sind die Betrüger die pekuniären Sieger. Das alles hat in der Regel mit der Integrität des Sportes nichts zu tun, sondern es geht meistens um organisiert Banden-Kriminalität. Nur wenn Protagonisten des Sports bei Sportmanipulationen durch Beeinflussung z.B. eines Spiels aktiv werden, ist der Sport in seiner Integrität betroffen. Alle andern Aktivitäten gehören in den Ermittlungsbereich der staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Ein derartiges Verfahren läuft im Moment in Kiew. Geht es um den sportlichen Integritätsschutz, sind die Sportorganisationen und –verbände ebenfalls gefordert. Auch in Bezug auf den Sportwettenbereich. Nachdem Manipulationen des Sports durch Protagonisten aus dem Sport nicht mehr die gleiche Bedeutung und Brisanz aufweisen wie etwa der Fussball nach dem „Hoyzer-Skandal“ in Deutschland (2005), sind die Sportorganisatoren der Verbände in den letzten Jahren bezüglich des Sport-Integritätsschutzes nachlässiger geworden. Immer mehr bilden deren Aktivitäten zum Schutz des Sports lediglich „Feigenblätter“, so etwa dann, wenn im Auftrag von Sportverbänden Überwachungsgesellschaften auch als Datenlieferanten für die Wettindustrie tätig sind.

„Swiss Sport Forum“ und „NZZ“ im Medienknatsch

Foto: Mano Reichling
Paul Breitner am „Swiss Sport Forum“ vom 28. Februar 2019 im FIFA-Museum in Zürich; Foto: Mano Reichling

(causasportnews / red. / 23. April 2020) Im Nachgang zur Veranstaltung des „Swiss Sport Forums“ vom 28. Februar 2019 im FIFA-Museum in Zürich, an der u.a. aus Deutschland Paul Breitner, Reiner Calmund und Teresa Enke teilnahmen, wurde zwischen dem Veranstalter und der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) vereinbart, dass die Zeitung mit Fussball-Weltmeister Paul Breitner ein Exklusiv-Interview führen könne, jedoch darauf hinweisen würde, dass das Interview am 28. Februar 2019 anlässlich der Tagung im FIFA-Museum geführt worden sei. Die „NZZ“ unterliess jedoch bei der Publikation in der Print-Ausgabe vom 13. März 2019 den Hinweis darauf, wo das Interview geführt wurde. Auf Intervention des „Swiss Sport Forums“ brachte dann die „NZZ“ in der online-Ausgabe diesen Hinweis; „Swiss Sport Forum“ verlangte vergeblich vereinbarungsgemässe Erfüllung der getroffenen Abmachung und den Hinweis im Print-Medium.- Der Presserat, das selbsternannte Selbstregulierungsorgan für medienethische Fragen in der Schweiz, befand, dieses Verhalten der „NZZ“ sei fair (gewesen).

Das am 28. Februar 2019 geführte und am 13. März 2019 in der „NZZ“ veröffentlichte Interview begann mit dieser Frage: „Herr Breitner, freuen Sie sich auf das Spiel Bayern – Liverpool heute Abend?“. Es wurde somit suggeriert, das Interview habe aktuell, kurz vor diesem Spiel am 13. März 2019, stattgefunden.- Der Presserat befand, es sei korrekt und fair, dass die Leserschaft in den Glauben versetzt worden sei, das Interview zwischen Paul Breitner und der „NZZ“ sei kurz vor dem wichtigen Spiel in München geführt worden und nicht zwei Wochen zuvor im FIFA-Museum.

Moral nach der Stellungnahme des Presserates: Ethik kennt keine Verfahrensordnung. Und: Ein Schelm, der denkt und glaubt, die „NZZ“ habe den Hinweis auf den Interview-Ort (FIFA-Museum in Zürich) bewusst deshalb „vergessen“, weil der Weltfussballverband FIFA vom selbsternannten Qualitäts-Weltblatt, das vor allem in letzter Zeit immer wieder betont, dass sie zur medialen Liga des „Qualitätsjournalismus“ gehöre, in Zürich permanent unter Beschuss genommen wird.

Lehre aus der Geschichte: Das Pharisäertum weist zumindest auch eine ethische Komponente auf…

Mehr dazu (auch die Stellungnahme des Presserates im Wortlaut) auf der Homepage von „Swiss Sport Forum“ (www.swisssportforum.ch) und später in Heft 2/2020 von „Causa Sport“ (erscheint am 30. Juni 2020).

Justizpleite geht in der „Corona“-Krise auf

© Alexander Johmann

(causasportnews / red. / 22. April 2020) Am nächsten Montag wird die Schweizer Justiz eine der grössten Pleiten der Rechts-Geschichte erleben, wenn der am Bundesstrafgericht in Bellinzona liegende „Fall WM-Sommermärchen 2006“ in die Verjährung gleitet. Gott sei Dank erlebt die Welt derzeit die alles lähmende „Corona“-Krise. Das ist gut für vieles und viele, weil mit dieser Pandemie letztlich alles entschuldigt werden kann oder entschuldbar ist. So wird auch dieser Prozess im Tessin am 27. April 2020 in der „Corona“-Krise aufgehen – quasi als einmal etwas andere Rettung à la „Deus ex machina“. Dabei hätte die helvetische Justiz während Jahren Zeit gehabt, einen einfachen Sachverhalt im Umfeld der Fussball-WM-Endrunde 2006 in Deutschland zu klären und die juristischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Im Wesentlichen geht es um einen Geldmittelfluss von 6,7 Millionen Euro; die dubiose Zahlung ist vom Deutschen Fussball-Bund (DFB) ausgelöst und über ein Konto des Weltfussballverbandes FIFA in Zürich weiter geleitet worden – letztlich an wen und weshalb auch immer (causasportnews berichtete verschiedentlich darüber). Wegen Mittäterschaft oder Gehilfenschaft zu Betrug sollten sich die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach sowie der deutsche Spitzenfunktionär Horst R. Schmidt und der ehemalige FIFA-Generalsekretär Urs Linsi vor dem Bundesstrafgericht verantworten. Der ebenfalls beschuldigte deutsche Fussball-Kaiser Franz Beckenbauer hatte sich schon vor geraumer Zeit aus dem Verfahren verabschiedet. Das Bundesstrafgericht hat das Verfahren nun bis zum 27. April 2020 sistiert. Ein sehr nachvollziehbarer und empathischer Schachzug, denn genau an diesem Tag rutschen die den Angeklagten zur Last gelegten Taten in die Verjährung. Begründet wird dieser durchsichtige Schritt des Gerichts – natürlich mit der „Corona“-Pandemie…Seit dem vergangenen Jahr lag die Anklageschrift in Bellinzona; das Gericht hat es, weit vor „Corona“, nicht fertiggebracht, die Gerichtsverhandlungen ordentlich durchzuführen. Jedoch ist das grassierende Virus mit den vielfältigsten Auswirkungen wohl nur der eine Teil der Wahrheit. In den Medien werden derzeit auch die Verhältnisse um das Bundesstrafgericht in Bellinzona thematisiert: Ein regelrechtes, juristisches Sodom und Gomorra soll sich in diesen Amtsstuben abspielen. Faule und zoffende Richter, Sexismus, Mobbing, Spesenexzesse, Intrigen, Lügen, usw. sind nur einige Themenbereiche, die den teils frivolen Gerichtsalltag in der Schweizer Sonnenstuben transparent werden lassen. Im Moment steht die offenbar unfähige, amtierende Generalsekretärin vor dem Abschuss und soll entlassen werden. Nicht viel besser geht es bei der Anklagebehörde zu und her, wie schon hinlänglich berichtet worden ist. Die Bundesanwaltschaft ist seit Jahren mit sich selbst beschäftigt, führt schlampige Untersuchungen und mischelt und mauschelt vor sich her. Der Bundesanwalt als höchster Ermittler und Ankläger des Bundes ist gerade im FIFA-Komplex teils befangen und hat sich eine eigene, juristische Parallelwelt zurechtgezimmert. Vorwiegend ist er mit der Wahrung eigener Interessen beschäftigt, gegen pönale Lohn-Kürzungen zieht er derzeit vor Gericht. Obwohl das Malaise in der Bundesanwaltschaft längst bekannt ist, hat das Schweizerische Parlament den Bundesanwalt im letzten Herbst für eine weitere Amtsperiode wiedergewählt. Ein veritabler Polit-Skandal, der jedoch manifestiert, wie sehr die kleinmassstäblichen Verhältnisse in der Schweiz Kungeleien im Polit- und Justizbetrieb begünstigen. Aber nun hat „Corona“ dafür gesorgt, dass an der Misere kaum Schuldige ausgemacht werden müssen. Die Bundesanwaltschaft hat angeklagt, das Bundesstrafgericht konnte und kann wegen „Corona“ nicht verhandeln, und das Parlament als Wahlbehörde des Bundes-Justizbetriebs hat sich mit der Wiederwahl des Bundesanwaltes bewusst oder unbewusst in dessen Geiselhaft begeben. Von Glaubwürdigkeit der Justiz mag in Anbetracht dieser Skandale und Fehlleistungen schon gar niemand (mehr) reden. Und bei dem Geldsegen im Zuge von „Corona“, der sich, wohl ebenfalls Gott gewollt, momentan als Geldregen über Helvetien entlädt, interessiert es auch niemanden mehr, dass die Steuerzahler diesen juristischen Leerlauf auch noch teuer bezahlen müssen. Mit der Glaubwürdigkeit der Justiz sollen sich gefälligst Philosophen und Literaten befassen. Wenn das Friedrich Dürrenmatt („Justiz“, 1985) noch erlebt hätte! Stoff für einen Folgeroman wäre genügend vorhanden…Und auch Friedrich Dürrenmatts ebenfalls verstorbener Temporär-Kollege Max Frisch könnte hierzu natürlich einiges beisteuern und würde sich bestätigt sehen in seiner pathetisch gehaltenen Feststellung in „Andorra“: „Die Lüge ist ein Egel, sie hat die Wahrheit ausgesaugt“.

WM-Endrunde in Katar: FIFA-Kongress verfügt über Entscheidkompetenz

(causasportnews / red. / 20. April 2020) Die kürzlich bekanntgewordene Anklageschrift der US-Justiz im Zusammenhang mit den WM-Endrundenvergaben an Russland (2018) und an Katar (2022) wirft immer grössere Wellen (vgl. auch causasportnews vom 12. April 2020). Im Fokus stehen dabei drei Fussball-Funktionäre, denen im Zusammenhang mit den beiden Vergaben die Entgegennahm von Schmiergeldern vorgeworfen wird. Der Weltfussballverband (FIFA) mit Sitz in Zürich tritt im Verfahren als Geschädigter auf. Aktuell rückt die Frage in den Vordergrund, ob, je nach Verfahrensausgang, Katar das Austragungsrecht bezüglich der WM-Endrunde 2022 entzogen werden könnte; was Russland betrifft, ist dieser Entzug zufolge der Durchführung der Endrunde vor zwei Jahren kein Thema mehr, auch wenn der „Fall Russland“ offenbar gravierendere Dimensionen zeitigt als die Vergabe an Katar. Ein Entzug bezüglich Katar 2022 ist selbstverständlich juristisch möglich. Und nun melden sich in diesem Zusammenhang auch zwischenzeitlich aus dem Weltverband ausgeschiedene FIFA-Protagonisten zu Wort. Der ehemalig FIFA-Präsident Joseph Blatter, nicht gerade ein Freund von Katar als WM-Austragungsort, würde die WM-Endrunde am liebsten gleich den Amerikanern überlassen (diese werden jedoch 2026 die WM-Endrunde mit Mexiko und Kanada austragen). In einem Interview unterstreicht er, dass nur die FIFA Katar das Austragungsrecht entziehen könne. Recht hat er: Falls sich die Schmiergeldvorwürfe gegen Einzelpersonen des damaligen FIFA-Exekutivkomitees beweisen lassen sollten, wäre Katar 2022 wohl nicht mehr zu halten. Bezüglich einer Entscheidung zuständig ist (neu) der Kongress der FIFA, also die Vollversammlung aller Mitglieder des Weltverbandes. Dies sieht auch der ehemalige deutsche Richter Hans-Joachim Eckert so, der 2015 als Präsident der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission sowohl Joseph Blatter als auch Michel Platini aus dem Fussball verbannte. Indessen würde der Deutsche Jurist in diesem Fall gemäss Medienberichten immense Schadenersatzforderungen seitens des Verbands von Katar sehen, falls den Arabern das Austragungsrecht entzogen würde. Das scheint allerdings ein eher theoretisches Szenario zu sein. Sollte sich beweisen lassen, dass bei Schmiergeldzahlungen oder allgemein bei Unregelmässigkeiten Katar mit von der Partie oder irgendwie involviert gewesen ist, wäre ein Entzug des Austragungsrechts wohl ohne Kostenfolgen möglich.

Solidarität im Schwimmsport: Die Krise als Chance

Valeriya Samovalova

(causasportnews / red. / vs. / 15. April 2020) Solidarität wird in schwierigen Zeiten, wie jetzt während der „Corona“-Pandemie, zu einem wichtigen Faktor im Rahmen der Krisenbewältigung, wie ein Beispiel aus dem Schwimmsport zeigt. Die von Konstantin Gregorishin, einem ukrainischen Milliardär, gegründete und finanzierte „International Swimming League“ (ISL; ein Wettkampfformat, das Mannschaften in einem Turnier gegeneinander antreten lässt), kündigte anfangs April die Einführung eines Solidaritätsprogramms an. Dieses sollte die Athleten als wichtigstes “Asset” und Partner der Liga während der ausserordentlichen Lage unterstützen und ihnen als Vorbereitung auf die Grossveranstaltungen der Saison 2020/2021 dienen.

Bestandteil des Solidaritätsprogramms ist einerseits ein finanzieller Beitrag, der sich auf 1‘500 Euro pro Monat pro Athletin oder Athlet beläuft und ab 1. September 2020 bis 30. Juni 2021 ausbezahlt werden soll. Andererseits hat die ISL zugesichert, zwischen Mitte Oktober bis Mitte November 2020 ein vier- bis fünfwöchiges Trainings- bzw. Wettkampfprogramm für die Athleten in einer Top-Sportinfrastruktur zu organisieren. Dabei soll ein noch nie dagewesenes Wettkampfformat erprobt werden, welches den Schwimmsport revolutionieren und seinen Bekanntheitsgrad erhöhen soll. Das Solidaritätsprogramm wird dem Leitbild der Liga gerecht: Das Ziel der ISL ist es, das kommerzielle Potenzial des Schwimmsports auszunutzen, die Athleten als gleichberechtigte Partner in den Mittelpunkt zu rücken und sie am wirtschaftlichen Erfolg des Formats teilhaben zu lassen. Auch soziale Sicherheiten, Gleichberechtigung und eine Nulltoleranzpolitik gegenüber Doping gehören zu den tragenden Säulen der Liga-Philosophie. In Bezug auf letzteres geriet der Weltschwimmverband (FINA, Fédération Internationale de Natation) unter anderem unter Beschuss, nachdem sie den chinesischen Schwimmer Sun Yang anlässlich der Welttitelkämpfe 2015 als besten Athleten auszeichnete, obwohl er ein Jahr zuvor des Dopings überführt worden war.

Nicht verwunderlich war es, dass die FINA mit grobem Geschütze auffuhr, als bei der Gründung der ISL im Jahr 2019 der Finger auf die wunden Punkte des Schwimmsports gelegt wurde: Die ungenügende Entschädigung der Athleten und der lasche Umgang mit Dopingdelinquenten. Die FINA versuchte, die besten Athletinnen und Athleten einzugrenzen, wie den britischer Weltrekordhalter über 100m Brust, Adam Peaty, der die ISL öffentlich unterstütze; gedroht wurde den Athletinnen und Athleten seitens des Weltverbandes mit Sperren, falls sie an den Wettkämpfen der Liga teilnehmen würden. Die ISL nutzt jetzt mit den angekündigten, geplanten Bestrebungen eine Chance in der Krise. Ob mit Blick auf die derzeit noch immer krass wütende Seuche der vorgesehene Veranstaltungszeitraum im Herbst eingehalten werden kann und ob diese Aktivitäten Schwimmwettkämpfe auch bahnbrechend zu verändern im Stande sind, bleibt im Moment offen. Die ISL ist aber offenbar gewillt, den Ankündigungen Taten folgen zu lassen und das verabschiedete Leitbild umzusetzen – zum Wohle des Schwimmsports, der aus dieser schweren Zeit gestärkt herausgehen dürfte, was an sich schon als revolutionär zu qualifizieren wäre.

(Bericht: Valeriya Samovalova)