causasportnews.com – 114/2025, 13. Dezember 2025

(causasportnews / red. / 13. Dezember 2025) Aufsehen erregende Erstbesteigungen in den Bergen gehören der Vergangenheit an. Die berühmtesten Gipfel sind durchwegs nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals bezwungen worden. Seit einiger Zeit hat sich nun eine Bergsport-Disziplin etabliert, bei der nicht das Erklimmen von Bergen im Vordergrund steht, sondern es geht um das «Citius» am Berg: Wer besteigt einen Berg oder durchsteigt eine Wand am schnellsten? In dieser Disziplin lassen sich dann auch flankierende Varianten ausmachen: Wer besteigt einen Berg am schnellsten ohne Seil-Hilfe oder ohne Sicherung? Wer ist alleine oder zu zweit unterwegs? Wer steigt am schnellsten auf in einer Zweier-Gruppe, gleichgeschlechtliche Bergsportler(innen) oder gemischte Gruppen? Bei diesem «Speed»-Bergsteigen ist unbestrittenermassen eine objektive Grösse auszumachen: Die Zeit. Wie diese Zeit erreicht wird, ist eine andere Sache. Es hat sich nun ergeben, dass in dieser Disziplin offenkundig geworden ist, dass eine «Speed»-Leistung am Berg nicht nur auf dem messbaren und immer gleichbleibenden Faktor «Zeit» beruht. Es kann also bekanntlich nur Gleiches mit Gleichem und Ungleiches mit Ungleichem gemessen werden. Beispielsweise lässt sich eine «Speed»-Leistung am Berg korrekterweise nur bei Begehung einer gleichen Route vergleichen. Wer die Zeit für die Durchsteigung der Eigen-Nordwand unterbieten will, kann dies vergleichsweise nur bei genau gleicher Routenwahl und unter Verwendung gleicher (Hilfs-)Mittel realisieren. «Speed»-Aktivitäten am Berg lassen sich demnach nur vergleichen, wenn alle Neben-Faktoren klar, transparent und nachweislich vergleichbar sind.
Seit Monaten schwelt in der Schweizer Extrem-Bergsteiger-Szene ein Streit über die Begehung der drei Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau («Nordwand-Trilogie») im Berner Oberland. Der 2017 in Nepal tödlich verunfallte Professional-Bergsteiger Ueli Steck schaffte vor mehr als 20 Jahren die Durchsteigung dieser drei Nordwände, zusammen mit seinem Kletter-Partner Stephan Siegrist, in knapp 25 Stunden. Die Leistung der beiden Extrem-Alpinisten wurde in den Folgejahren von niemandem mehr erreicht. Bis es in diesem Jahr dem Berner Professional-Bergsteiger Nicolas Hojac mit seinem Österreichischen Kletterpartner Philipp Brugger gelang, diese drei Nordwände im Berner Oberland in einer Rekordzeit von 15,5 Stunden zu bezwingen. Seither ist im Extrem-Bergsteiger-Milieu Feuer im Dach. Der 33jährige Berner Nicolas Hojac ist mit happigen Vorwürfen an die Adresse von Ueli Steck und Stephan Siegrist an die Öffentlichkeit getreten. Die Rede ist von unkorrekten Vorgehensweisen, von Intransparenz, von Manipulation, ja sogar von Betrug. Steck / Siegrist hätten es bezüglich ihrer Nordwand-Durchsteigungen im Jahr 2004 an der erforderlichen Transparenz fehlen lassen und etwa nie erwähnt, dass sie an der Jungfrau-Nordwand auf den letzten 50 Metern ein Fixseil benutzt hätten – ein krasser Vorteil am Berg. Nicolas Hojac ist zu diesem Thema mit einer Dokumentation an die Öffentlichkeit getreten, mit einem Ingress, der es in sich hat: «In dieser Dokumentation geht es um die Beweislage der Begehung der drei Nordwände von Eiger, Mönch und Jungfrau durch Stephan Siegrist und Ueli Steck im Jahr 2004, den damaligen Betrug und die anschliessenden Manipulationen durch Stephan Siegrist im Jahr 2025.» – Eine wahrlich unrühmliche Angelegenheit mit Anschuldigungen, mit Ärger und Streit, die an sich gar nicht zu den Schönheiten der Bergwelten und der Bergsport-Aktivitäten passen. Aber eben: Soll Gleiches mit Gleichem verglichen werden, was an sich oft schon schwierig anmutet, ist zumindest Transparenz das Mass aller Dinge.
(Quelle: «Tages-Anzeiger», Zürich)
