Ein Sieg zur Stärkung des «Wir-Gefühls»

causasportnews / Nr. 1058 /09/2023, 13. September 2023

Photo by Pixabay on Pexels.com

(causasportnews / red. / 13. September 2023) Für viele Personengruppen ist das «Wir-Gefühl» derart wichtig, dass das Leben ohne diese Empfindung zwar möglich, aber weitgehend sinnlos wäre; so würde es wohl Loriot, mit bürgerlichem Namen Viktor von Bülow, interpretieren. Das alles erleben wir nun ausgeprägt bei unseren Deutschen Freundinnen und Freunden. Es ist fast legendär: Sogar die oft und immer wieder gescholtene katholische Kirche dient der Stärkung des «Wir-Gefühls»; so etwa, wenn ein Deutscher zum Papst gewählt wird. Das geschah zuletzt und erstmals am 19. April 2005, als Kardinal Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde und die BILD-Zeitung am Folgetag titelte: «Wir sind Papst!» (gendergerecht würde es heute wohl heissen: «Wir sind Papst/Päpstin»).

Identifikation mit Siegern stärken das Wir-Gefühl. Der Beweis hierfür lieferte Deutschland am vergangenen Wochenende, an einem strahlend schönen Sonntag, als Hansi Flick als Bundestrainer der Fussballspieler von seinem Amt entbunden und die germanischen Basketballer Weltmeister wurden. Der historische, erste WM-Titel, der gegen Serbien erspielt wurde, war präjudiziell für die Abfolge der ARD-«Tagesschau» am Sonntagabend, die seit Jahrzehnten jeweils um 20 Uhr den Tages-Höhepunkt bildet. «The winner takes it all» – so wurde der Basketball-WM-Titel in epischer Breite in der knapp 15 Minuten dauernden «Tagesschau» an erster Stelle abgearbeitet und abgefeiert. Basketball – kaum jemanden interessiert diese Sportart und kaum jemand in Deutschland ist in der Lage, aktuell auch nur zwei Spieler der siegreichen Korbwerfer zu nennen. Aber ein WM-Titel auch in einer Randsportart ist trotz allem dazu angetan, das nationale «Wir-Gefühl» zu stärken. Basketball wie Fussball also, der Deutschen, im Land der Dichter, Denker und Biathletinnen sowie Biathleten, liebstes Kind? Natürlich nicht. Aber immerhin, das «Strohhalm-Prinzip» weist Aufbau-Potential auf. Erst an zweiter Stelle folgte in der «Tagesschau» am letzten Sonntagabend in der gebotenen Kürze die Meldung zur Absetzung von Bundestrainer Hansi Flick. Die Reihenfolge der Meldungen war an diesem Sonntagabend vorgegeben, nachdem die BILD-Zeitung, das Zentralorgan aller Menschen mit unverrückbar hochstehender moralischer Einstellung in Deutschland, am Morgen bezüglich des Bundestrainers den Daumen nach unten gerichtet hatte – das Ende für Hansi Flick. Fussball-Deutschland, die Nation mit geschätzten und gefühlten mehr als 80 Millionen Fussball-Sachverständigen nun also ohne Bundestrainer und gemäss Selbstreflexionen nicht nur im Sport am Boden; wahrlich kein Kick für das germanische «Wir-Gefühl». Aber immerhin ein Sieg danach gegen Frankreich. Es geht sogar ohne Bundestrainer.

Apropos Papst und Sport: Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche verfügt trotz aller Unkenrufe über einen Beachtungsgrad, wie ein Pop- oder eben ein Sport-Star. Entsprechend funktioniert der moderne Journalismus. Gibt es keine Gründe, gegen den Weltfussball vom Leder zu ziehen, gibt es die Kirche, welche immer für eine Schlagzeile gut, bzw. schlecht ist. Gegen die FIFA oder die Kirche zu wettern garantiert Schlagzeilen zuhauf. Nachdem die FIFA zum Verwaltungs-Apparat verkommen ist und seit geraumer Zeit skandalfrei und eh ohne Glamour daherkommt, bewegt nun die Kirche, wie aktuell wieder, mit neu aufgebrachten Missbrauchsfällen, Zölibats-Diskussionen und Kirchen-Austritten. Alles, was den menschlichen Körper vom Bauchnabel abwärts betrifft, ist von besonderem Interesse.

In dieser Situation täte, nicht nur zur Stärkung des «Wir-Gefühls», erneut ein Deutscher Papst (Päpstin) unseren nördlichen Nachbarn und der Welt gut. Geht aber wohl nicht in absehbarer Zeit. Aber immerhin: «Wir waren Papst» – auch darauf lässt sich aufbauen mit Blick zumindest auf die Sicherung des «Wir-Gefühls».